The Irish Sky Garden

Die Lichtkunst James Turrells als Wahrnehmungsexperiment


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Zum Irish Sky Garden

3 Der andere Raum

4 Wahrnehmung im Zwischenraum

5 Das Sehen sehen

6 Inszenierung des Himmels

7 Ökologie des Geistes

8 Schlussbetrachtung

9 Literaturnachweis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[1]

1 Einleitung

„ Welcome to the Gardens of Liss Ard ” leuchtet mir im Blitzlicht meiner Kamera ein verrostetes Schild entgegen. Es ist 3:58 Uhr, die einsetzende Morgendämmerung versucht das Dunkel der Nacht zu verdrängen. Hier muss er nun sein, der Irish Sky Garden. Die lange Reise hierher vermittelte mir bereits genug Abstand, um die Erinnerung an die Stadt zu verdrängen. Jetzt bin ich hier, im Nirgendwo der südwest-irischen Landschaft. Ich stehe auf einer einsamen Landstraße vor dem geschlossenen Tor des Liss Ard Geländes. Es ist faszinierend still.

Ich klettereüber das Tor und folge einem dunklen Weg, begrenzt von schönem alten Baumbestand, durchsetzt mit Büschen und Sträuchern. Zwei Hasen kreuzen meinen Weg. Nach einer Weile wird mir bewusst, dass ich mich in einem riesigen, natürlich belassenen Garten befinde. Die Sicht auf den Himmel ist durch das Blattwerk der Bäume noch eingeschränkt. Dann plötzlich, auf einer winzigen Lichtung, wird der ganze Himmel sichtbar.

Um 4:20 Uhr empfängt mich der irische Himmel mit einer dichten grauweißen Wolkendecke[2]

Der Irish Sky Garden, konstruiert von dem amerikanischen Lichtkünstler James Turrell, hat diese Arbeit inspiriert und angestoßen. Der 1943 in Los Angeles geborene Künstler beschäftigt sich seit Mitte der sechziger Jahre intensiv mit Wahrnehmung. Für seine Arbeiten bedient sich James Turrell der Materialien Raum und Licht. Er thematisiert die grundlegenden Bedingungen des Raumes sowie menschlicher Wahrnehmung überhaupt. Grenzerfahrungen der Wahrnehmung sind das zentrale Thema seiner Arbeiten. Der wahrnehmende Betrachter spielt für die Kunst Turrells generell eine bedeutende Rolle. Denn erst im Prozess der Rezeption erschließt sich seine Kunst in ihrer Ambivalenz und Veränderlichkeit.

Die Installationen Turrells entstehen oftmals eingebettet in einen konventionellen Kunstkontext, dass heißt in Museen oder Galerien. Aber auch freiere, unabhängigere Arbeitsräume, bis hin zu Land-Art-Projekten riesigen Ausmaßes wie der Irish Sky Garden, hat sich der Künstler erschlossen. Seit 1975 entstehen Arbeiten, die sich mit der Öffnung des Innenraums zum Außenraum auseinandersetzen. Beispielsweise die Skyspaces, architektonisch von Turrell eingerichtete Räume, die sich nach oben zum Himmel öffnen und die das natürliche Himmelslicht thematisieren. Diese Werke haben Tages- und Nachtseiten und spezifische Erscheinungsweisen im Zwielicht.[3] Turrell empfiehlt für derartige Installationen eine Bleibedauer von mindestens vierundzwanzig Stunden, um eine Entfaltung der Wirkungen der Lichtverhältnisse auch über die Dauer eines Tagesrhythmus hinweg beobachten zu können.

Im Juli 2006 war es dann soweit. Inspiriert von dem Seminar Intermediale Passagen James Turrell und dem Besuch einer Turrell- Ausstellung in Valencia reiste ich nach Irland um den Irish Sky Garden des Künstlers aufzusuchen. Ich wusste nicht genau, was mich dort erwarten würde, da über dieses Land-Art-Projekt so gut wie keine Informationen vorhanden sind. Aber ich wusste, dass ich mich dem Kunstwerk, so es überhaupt vorhanden sei, in einem vierundzwanzig Stunden Wahrnehmungsexperiment aussetzen wollte.

Die Erfahrung dieses Besuches hat bei mir intensiver gewirkt als zuvor gelesene Theorien und betrachtete Photos. Meine subjektive Erfahrung soll die folgende Analyse von Turrells Werk nicht ersetzen, aber es ist sinnvoll, den starken Eindruck des besagten Werkes in dieser Arbeit wiederzugeben. Ich werde versuchen, meine Erfahrungen mit dem Irish Sky Garden in Worte zu fassen, damit sie eine distanziert theoretische Vorgehensweise ergänzen und zusätzlich eine praktische Reflexion mit dem Kunstwerk ermöglichen. In dieser Arbeit gehe ich davon aus, dass das Interesse an Turrells Kunst in erster Linie ein Interesse an den ungewohnten Möglichkeiten der eigenen Wahrnehmung ist. Zu Beginn möchte ich das Kunstwerk Irish Sky Garden beschreiben und analysieren. Davon ausgehend und mit Hilfe von dem mir Evozierten, werde ich mich auf die Suche nach den Räumen begeben, die Turrell im Irish Sky Garden mit Hilfe des Lichts schafft. Wie nimmt der Mensch in diesen Räumen wahr und wie wird sein Ich durch das Wahrgenommene beeinflusst? Letztlich, welche Bedeutung haben die Werke eines James Turrells in einer Zeit, in der man Lichtungen im Wahrnehmungsdunkel schon gar nicht mehr erkennen kann? Theaterwissenschaftliche Aspekte spiegeln sich zudem in der Inszenierung des Gartens wieder. Daher möchte ich auch die theatralen Elemente dieses Land-Art-Projekts aufspüren und auf die Beeinflussung der Wahrnehmung des Kunstwerkes hin untersuchen. In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich vor allem auf Schriften zum Thema von Hartmut Böhme, Georges Didi-Huberman und Eva Schürmann.

Um sich den Irish Sky Garden genauer vorzustellen, soll als erstes der Garten und seine Architektur beschrieben werden.

2 Zum Irish Sky Garden

5:00 Uhr. Das Tageslicht wird fühlbar. Links von mir befindet sich ein kleiner See, als ich vorbeigehe flattern im Halbdunkel mehrere Vögel gen Himmel. Die Tiergeräusche in der Umgebung verstärken sich. Ich steigeüber eine aus Felsen geschlagene Treppe durch eine Art Nadelöhr nach oben. Dann weiter einen dicht bewachsenen Weg bis zu einer hohen Mauer auf einem Hügelrücken. Die Mauer vermittelt mir das Gefühl plötzlicher Eingeschlossenheit. Nur noch der weite Himmel istüber der Mauer zu sehen. Dann gelange ich an ein kleines Portal, das sich in der Stirnwand der Mauer erschließt. Eine Treppe führt nach unten und es eröffnet sich mir ein grandioser Blicküber ein kleines Tal und die irische Landschaft mit ihren dichtbewachsenen Hügeln. Mein Blick schweiftüber eine sanft abfallende, seitlich von mächtigen Bäumen flankierte Wiese. Sie mündet in einen stillen, den unendlichen irischen Himmel wiederspiegelnden Teich. Ist das der Irish Sky Garden?

Der Irish Sky Garden befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Liss Ard Foundation südlich von Cork im Südwesten Irlands. Das umfassende Gelände befindet sich in Privatbesitz und ist nur teilweise der Öffentlichkeit zugänglich. In den benannten Gardens of Liss Ard sind mehrere Kunstwerke verschiedener Künstler angeordnet. 1989 besuchte James Turrell zum ersten Mal das Gelände der Liss Ard Foundation und in einem Zeitraum von zwei Jahren entwarf er dort ein Konzept für die Schaffung diverser Observationsräume in der Landschaft.

Turrells Pläne für den Irish Sky Garden berücksichtigen die Topologie des Liss, einem auffälligen Berg in der Umgebung, und die Höhenlinien des Geländes ebenso, wie die schnell wechselnden Witterungsverhältnisse und Himmelsphänomene, die für das Klima Irlands typisch sind.[4] Das Projekt wurde nicht als Eingriff konzipiert, das dem Land übergestülpt werden sollte. Es entstand aus dem Land und seiner Beziehung zum Himmel heraus. Der Irish Sky Garden wurde von Turrell als eine ausgedehnte faszinierende Anlage mit verschiedenen Stationen bzw. Wahrnehmungsräumen geplant: einem Krater, einem Hügel, einer Pyramide und umfriedeten Weiden und Wiesen, die sich in Teichen spiegeln. Der Garten wurde aber nie komplett fertiggestellt und man kann heute nur den Krater mit der umfriedeten Natur besichtigen.

Der bestehende Irish Sky Garden ist ein halb natürlicher, halb von Menschenhand geschaffener Himmelsgarten mit spezifischen Ausblicken bzw. Orten, die die vielschichtigen Phänomene von Licht und Natur sichtbar werden lassen. Im Garten kann man sich vorwiegend wirklich mit dem Himmel und seinen zahllosen atmosphärischen Veränderungen beschäftigen:

„The Irish Sky Garden is really dealing with the sky, with its many atmospheric changes.”[5]

Der Eintritt in die Lichträume des Gartens erfolgt über das kleine Portal an der beschriebenen Mauer. Einer der dichtbewachsenen Hügel beherbergt den von außen nicht erkennbaren Krater. Der Krater wird durch einen Gang außerhalb vorbereitet, der zwischen Außen und Innen vermittelt. Über eine Treppe gelangt man direkt in die Kratermulde, deren Innenseite mit Gras bepflanzt wurde. In der Mitte der Mulde befindet sich eine gewaltige Bank aus graudunklem Stein, groß genug, dass zwei Leute darauf liegen können, um von dort aus den Himmel wahrzunehmen. Der Krater ist oval geformt und hat einen ungefähren Durchmesser von zwanzig Metern und eine Höhe von zehn Metern.[6]

Der Erdwall des Kraters bestimmt die Form des Himmelsgewölbes. Denn der natürliche Rundraum des Kraters ermöglicht über die geebneten Ränder hinweg das Himmelsgewölbe wie eine Kuppel zu erleben. Tagsüber lässt sich so eine domartige Wölbung des Himmels erfahren und Nachts kann sich dieser Eindruck zu einer umfassenden sternenbesetzten Sphärenwirkung ausweiten. Am Übergang zwischen Tunnelgang und Krater befindet sich außerdem noch ein Skyspace, eine Öffnung des Raumes zum Himmel hin, die gleichzeitig als Durchgang zum Kraterinneren dient. Die Öffnung liegt vollständig über der Horizontlinie und wurde durch die Decke des Tunnels eingeschnitten. Innen- und Außenraum treffen hier zusammen, indem der Himmel in die Fläche der Deckenöffnung heruntergeholt wird. Es entsteht ein Raum, der, obwohl ganz zum Himmel geöffnet, ein Gefühl von Geschlossenheit vermittelt.

„They create a space that is completely open to the sky, yet seems enclosed.”[7]

Es handelt sich hier um eine räumliche Begrenzung, die entlang der Schnittkanten als gläserner Film wahrgenommen werden kann, der sich über die Öffnung zu spannen scheint. Jenseits dieser transparenten Schicht, die sich je nach Bedingungen von Tageslicht und Sonneneinfall verändert, erstreckt sich die unbestimmte Raumtiefe des Himmels. Die Beleuchtung des Innenraums wird bestimmt durch die jeweiligen äußeren Lichtverhältnisse; selbst wiederum ist sie konstitutiv für die Weise, wie der sich öffnende Ausschnitt des Himmels erscheint. Es bilden sich somit abhängig von äußeren, natürlichen Rhythmen verschiedene Erscheinungsweisen.

„The Skyspaces have both a day and a night aspect, and the greatest change over time is noticed at the juncture of day and night.”[8]

Die äußeren Lichtverhältnisse zeichnen sich auch im Inneren des Kraters ab und Farbe, Licht und Helligkeit werden als verschiedene Modalitäten erfahrbar. Die Räume im Irish Sky Garden scheinen dazu geschaffen zu sein, die unkontrollierbare Farbe des Himmels wie in einem Behältnis aufzunehmen. Aber was sieht man dann? Das Licht im Sky Garden ist jedenfalls keine Skulptur und auch keine Malerei, sondern eher die „architektonische Bedingung eines Experimentierens“.[9] Die Räume werden zu einem Ort für Experimente, in denen man die optische Umkehrung der Krümmungen der Erde, die Textur der Wolken oder die visuelle Kraft des Windes beobachten kann. Mehr noch, der Irish Sky Garden ist ein riesiger Wahrnehmungsapparat für die umgebenden landschaftlichen und atmosphärischen Phänomene. Für Hartmut Böhme ist das Licht in den Installationen Turrells der Raumbildner überhaupt.

Denn erst mit dem Licht fängt das Bewusstsein an, den Raum zu konstruieren. Böhme spricht hier von dem Licht als ein Medium der Wahrnehmung und erst in den Lichträumen wohne man den Prozessen der Raumwerdung bei. Raum ist für ihn zuerst Lichtung.[10] Die Lichtung ist ein Vorgang der Perzeption, worin man „die Taten des Lichtes“ bemerken, beobachten, spüren und lernen kann.[11] Im Irish Sky Garden werden die Räume durch das Licht des Himmels geschaffen. Das Licht an sich soll hier erfahrbar gemacht werden, in reiner Form, frei von aller Materie.

Oft ist Licht einfach nur da, man kann es nicht berühren und es hat kein Gewicht wie andere Materialien. Im Irish Sky Garden bekommt das Licht eine materielle Qualität. Diese Gegebenheit wird im Verlauf dieser Arbeit eingehender behandelt.

Zum Zeitpunkt meines Besuches war der Irish Sky Garden schon etwas in die Jahre gekommen. Wege, Tunnel und Krater präsentierten sich sehr heruntergekommen, ungepflegt und zum Teil zerfallen. Überhaupt scheint seit Jahren niemand mehr dort gewesen zu sein. Während meines Aufenthaltes im Sky Garden und auch auf dem riesigen Liss Ard Gelände habe ich weder Besucher, Gärtner oder sonstige Personen angetroffen. Das Alles schaffte eine ganz besondere Atmosphäre und trotz der teilweise ruinösen Bausubstanz konnte man den Zweck aller Räume wahrnehmen.

3 Der andere Raum

5:32 Uhr. Ich stehe vor dem Eingang zum Krater. Er wirkt wie der Eingang eines großen Hügelgrabes. Ein Urtier mit einem Fell aus Gras. Ein langer dunkler Gang führt ins Innere, am Ende fällt Licht ein. Das Licht leuchtet, zuerst nur als ein ferner, heller Punkt, dann immer gleißender und verlockender . Meine eigenen Schritte hallenüber den Boden und eine Gespenstische Atmosphäre kreist mich ein. Wo bin ich hier? Am Ende des Ganges steige ich eine Treppe nach oben, durch eine viereckige Ö ffnung gen Himmel hindurch und finde mich unerwartet im Inneren des Kraters wieder. In der Mitte steht eine wuchtige Steinbank, wie ein Altar. Ich erfahre hier eine unheimliche, ungewöhnliche Stille. Dieser Ort hat etwas Heiliges.

Ich lege mich auf den Altar und betrachte den bedeckten irischen Himmel. An diesem Ort fühle ich mich wie in einer anderen Welt.

Im Irish Sky Garden ist man allein. Damit meine ich nicht nur die bloße Abwesenheit von Personen, sondern auch die Architektur des Gartens ist völlig frei von umgebenden Gegenständen. Frei von einer Welt, die von zwischenmenschlichen Beziehungen geprägt ist. Die visuelle Reinheit des Kraters mit dem sich darüber ausbreitenden Himmel entzieht sich beispielsweise sehr eindrucksvoll meiner vertrauten Welt. Man ist allein mit den Lichtphänomenen, genauso allein wie angesichts der Unendlichkeit des Himmels. Das Licht, dass die Räume im Irish Sky Garden bestimmt, ist kein Licht des Alltäglichen, sondern eher ein Licht der Träume und der Phantasie. Turrell sucht das Licht, das uns in Träumen erscheint und die Räume, die aus diesen Träumen zu kommen scheinen:

„As a child, I wished to touch the light of dreams and bring it before the eyes of day. To build new worlds of light as powerful as the lucid dream.”[12]

Als ausgebildeter Pilot kennt Turrell das andersartige Licht und die Räume aus extremer Höhe. Irgendwann einmal hat jeder diese Art von intensiven Gefühlen erlebt. Zum Beispiel angesichts offener Weiten, des Himmels, oder bestimmter Meereslandschaften. Es sind die Augenblicke, wenn Licht und Leere einem andersartig und fremd vorkommen und ein starkes Gefühl von Präsenz vermitteln. Diese Erfahrungen gehen manchmal einher mit einem Gefühl der Unsicherheit über die eigene Existenz. Man ist im Traumraum der völligen Einsamkeit, an den man sich aber bald gewöhnt hat. Der bewusste Wachzustand ist irgendwie überlagert. Es ist, als ob man in der Nacht schläft, aufwacht und sich verwundert fragt: Wo bin ich? Turrell konstruiert mit wissenschaftlichen, rationellen Mitteln einen Himmelsgarten, in dem man etwas außergewöhnliches, etwas Unbekanntes wahrnehmen kann.[13] Die Räume im Irish Sky Garden wirken vage und mehrdeutig; ihre Abmessungen sind kaum in Metern abzuschätzen, da die Konturen der Wände, der Decke und des Bodens sich bei größerem Rezeptionsabstand immer wieder dem Blick entziehen. Es scheint, als ob die Frage nach Höhe, Breite oder Länge ohne jeden Sinn sei. In gewisser Weise geht es darum, den Betrachter von allem wegzuführen, was ihm die gewohnten Bedingungen liefert.[14] Zudem lässt sich in den Räumen des Irish Sky Gardens Neben den Wänden, Grünflächen und Böden etwas antreffen, dass ich als Beleuchtung bezeichnen möchte. Einen Schimmer oder eine Helligkeit. „I want to create atmospheres“ erläutert Turrell seine Absichten.[15] Licht aktiviert für Turrell den Raum, füllt ihn atmosphärisch aus. Das Licht erscheint als Volumen, mithin als das, was den Raum füllt. Der Raum ist nicht erfahrbar als dasjenige, welches Descartes dadurch definierte, dass es von Körpern einnehmbar sei[16], sondern vielmehr als eine unbestimmte Atmosphäre.[17] Der Lichtraum im Irish Sky Garden besitzt die Unwirklichkeit eines Traumes. Es ist ein Raum, der geistig, fiktiv, wahrnehmend betreten werden kann. Er gleicht den Räumen, in denen man sich aufhält, wenn man zum Beispiel ein Buch liest, das einen in seine Welt führt. Turrell dazu:

„You can inhabit a space with consciousness without physically entering it, as in a dream. Daydream spaces such as those generated by reading a good book, are often more commanding than physical space. While you read you don´t even notice people who walk through the room, because you are actually in the space that is generated by the author.”[18]

Am Beispiel des Skyspace im Irish Sky Garden wird das paradoxe Gefüge aus den erst durch Turrell geschaffenen Räumen und gleichzeitig nicht erfassbaren Traumräumen beispielhaft deutlich. Im Skyspace stehen Außen- und Innenraum in einer direkten Verbindung zueinander und die Wahrnehmung der Räume wird beeinflusst vom jeweiligen Tageszeitpunkt und Wetter. Die Betrachtung des Himmels geschieht durch die gerahmte Öffnung. Turrell bedient sich hier zweier Räume, dem Innenraum, umgeben von vier Wänden, und dem unendlichen Außenraum, angedeutet durch den Ausschnitt des Himmels, den der Betrachter erfassen kann. Im Skyspace findet sich der Besucher in einer räumlichen Gleichzeitigkeit wieder, man befindet sich gleichzeitig sowohl drinnen als auch draußen. Es existieren zwei Räume, beide beanspruchen den Aufenthalt des Subjektes und das Subjekt kann sich nicht zwischen beiden entscheiden.

[...]


[1] Blick aus dem Skyspace im Irish Sky Garden während der Morgendämmerung. Photographie, Irland 19. Juli 2006.

[2] Diese, sowie die anderen hervorgehobnen Passagen zu Beginn der Kapitel beinhalten komprimierte Originalauszüge aus meinen Aufzeichnungen vor Ort.

[3] Zwielicht bezeichnet für mich die von einer Mischung aus Licht und Dunkelheit produzierten Lichtverhältnisse in Lichtungen oder bei Tag- und Nachtwechsel.

[4] Vgl. James Turrell: The Other Horizon. Ausstellungskatalog herausgegeben vom Museum für angewandte Kunst. Wien 1998, S. 184.

[5] James Turrell in einem Gespräch mit Oliver Wick am 23.08. 1990. In: James Turrell: Long Green. Ausstellungskatalog. Zürich 1990, S. 117.

[6] Architektonische Zeichnung des Kraters Space 1 crater section von James Turrell. In: James Turrell: Long Green. Ausstellungskatalog. Zürich 1990, S. 103.

[7] James Turrell: The Other Horizon. Ausstellungskatalog herausgegeben vom Museum für angewandte Kunst. Wien 1998, S.96.

[8] Ebd. S. 97.

[9] Georges Didi-Huberman: Die Fabel des Ortes. In: James Turrell: The Other Horizon. Ausstellungskatalog herausgegeben vom Museum für angewandte Kunst. Wien 1998, S. 38.

[10] Vgl. Hartmut Böhme: Das Licht als Medium der Kunst. Ü ber Erfahrungsarmut undästhetisches Gegenlicht in der technischen Zivilisation. In: Michael Schwarz (Hg.): Licht, Farbe, Raum. Künstlerisch-wissenschaftliches Symposium. Braunschweig 1997, S. 4.

[11] Vgl. Ebd. S. 4f..

[12] James Turrell: Speaking for the Light. In: Yuji Akimoto (Hg.): The Chichu Art Museum. Tadao Ando builds for Walter de Maria, Claude Monet and James Turrell. Stuttgart 2005, S. 121.

[13] Vgl. Daniel Birnbaum: Augen und eine Anmerkung zur Sonne. In: James Turrell: The Other Horizon. Ausstellungskatalog herausgegeben vom Museum für angewandte Kunst. Wien 1998, S. 231f..

[14] Vgl. Georges Didi-Huberman: Die Fabel des Ortes. In: James Turrell: The Other Horizon. Ausstellungskatalog herausgegeben vom Museum für angewandte Kunst. Wien 1998, S. 32f..

[15] Julia Brown: Occluded front. Los Angeles 1985, S. 14. Zit. n. Eva Schürmann: Erscheinen und Wahrnehmen. Eine vergleichende Studie zur Kunst von James Turrell und der Philosophie Merleau-Pontys. München 2000, S. 74.

[16] Descartes argumentierte etwa so: Raum ist wesensgleich mit Ausdehnung. Ausdehnung aber ist an Körper gebunden. Also kein Raum ohne Körper, daher auch kein leerer Raum. Er etablierte zwei Raumdefinitionen: die eines materiellen Raumes und die eines immateriellen Raumes. Letztendlich setzte Descartes aber Raum und Realität mit Materialität gleich. Vgl. René Descartes. Philosophische Schriften. Hamburg 1990, S. 58ff..

[17] Vgl. Eva Schürmann: Erscheinen und Wahrnehmen. Eine vergleichende Studie zur Kunst von James Turrell und der Philosophie Merleau-Pontys. München 2000, S. 74f..

[18] James Turrell: The day after tomorrow. Ausstellungskatalog. Lissabon 1994, S. 146f.. Zit. n. Eva Schürmann: Erscheinen und Wahrnehmen. Eine vergleichende Studie zur Kunst von James Turrell und der Philosophie MerleauPontys. München 2000, S. 101.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
The Irish Sky Garden
Untertitel
Die Lichtkunst James Turrells als Wahrnehmungsexperiment
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Intermediale Passagen. James Turrell
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
37
Katalognummer
V166637
ISBN (eBook)
9783640833634
ISBN (Buch)
9783640836796
Dateigröße
813 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
James Turrell, Roden Crater, Irish Sky Garden, Wahrnehmung, Experiment, Architektur, Lichtkunst, Land Art, Zwischenraum, Inszenierung des Himmels, Ökologie des Geistes, Skyspace
Arbeit zitieren
Sandro Brandl (Autor), 2006, The Irish Sky Garden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166637

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