Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur


Facharbeit (Schule), 2010
53 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

I. „Frühling, ja du bist’s!“ - Reflexionen über den Symbolgehalt des „blaue(n) Band(es)“

II. Frühlingserwachen in Kunst, Musik und Literatur
A. Frühlingserwachen in der darstellenden Kunst und Musik: Bewegung als Motiv
1. Die Verkörperung des Frühlings am Beispiel von Sandro Botticellis: „La Primavera“
2. Die musikalische Auseinandersetzung mit dem Frühling am Beispiel von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ (in der Inszenierung von Uwe Scholz)
B. Frühlingserwachen in der Literatur: Der Frühling als Metapher
1. Der philosophisch-psychologische Einblick in den menschlichen Frühling - die Pubertät
2. Exkurs: Frühling in der menschlichen Entwicklung am Beispiel des alttestamentlichen Buches Kohelet und unter Berücksichtigung des entwicklungspsychologischen Ansatzes von Herbert Selg
a) Das Buch Kohelet oder die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt
b) Herbert Selg: Die Pubertät aus entwicklungspsychologischer Sicht
3. Johann Wolfgang von Goethe: Faust - „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, Durch des Frühlings holden belebenden BlickǢ“
a) Pol und Gegenpol: Ein Suchender in der Midlife-Crisis
b) „Verweile doch, du bist so schön!“ - Der Faustische Pakt - Der Weg in eine neue junge Welt?
c) Jugendliche Grenzüberschreitungen: der verjüngte Faust als impulsiver Stürmer und Dränger
d) Die Gretchenfigur - jugendliche Naivität trifft auf teuflische Verführungskünste
4. Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie.
a) Ziele des gesellschaftskritischen Dramas
b) Exkurs: Historischer Rückblick
c) Die Entstehungszeit als Erklärungsmodell für eine verlogene, bürgerliche Sexualmoral
(1) Tabuisierung und Zensur der sexuellen Aufklärung
(2) (W)endla und (M)elchior - Geschlechterrollen in Frühlings Erwachen
5. Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott - die Frage nach den 4 Beziehungen in einer haltlosen Welt
a) Unmittelbare Reaktionen - eine Frage des Feedbacks
b) Erziehung und Pubertät im Dritten Reich
(1) Freiheit und Individualität
(2) Erziehung zu Krieg und Gewalt
(3) Wo ist Wahrheit? Auf der Suche nach den Idealen der Menschheit
6. „À la recherche du temps perdu“ - die Frage nach der Schuld
a) Die Lösung von Konfliktsituation durch die Kraft der Entscheidung
b) Der Frühling der Sexualität - nicht immer ein (Ver)Lust- Prinzip
c) Die Rolle des „vermummten Mannes“

III. „Die Last traumatischer Belastungen“ - Michael Hanekes „Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte“

IV. Literaturverzeichnis und Anhang

I. „Frühling, ja du bist’s!“ - Reflexionen über den Symbolgehalt des „blaue(n) Band(es)“

Nach wolkenverhangenen und verschneiten, frostigen Nächten geht die Sonne auf und der Frühling lässt sein blaues Band wieder durch die Lüfte flattern. Die Menschen erleben ein erwachendes Gefühl und träumen schon vom kommenden Tag, dem ersten Tag im Frühling.

Das Gedicht von Eduard Mörike durchbricht die Kälte eines Himmels, der grau über der, vom Winter zermarterten, Erde hängt. Die Sonnenstrahlen sprengen die Wolkendecke und das erste Blau ist zu sehen. Ein verklärtes und reingewaschenes Blau, das von den verschmutzen grauen Vorhängen abgelöst wird. Der Horizont öffnet sich und gleicht einer Theaterbühne, auf der das Schauspiel der Jahreszeiten vorgetragen wird. Das blaue Band legt eine Klammer um die zerrissenen Fetzen am Himmelszelt und lenkt den Blick nach oben, zur wärmenden und hellerleuchteten Sonne.

Diese Reflexionen leiten geradewegs zur Kernfrage dieser Arbeit: Welche Eigenschaften des Frühlings machen ihn so besonders und was veranlasst uns, ihm auch in unserem Sprachgebrauch eine so große Bedeutung beizumessen?

Der von Gottfried Herder vorangestellte Gedanke fasst durch seine ausgesprochene Trivialität ein hohes Maß an existentiellem Gedankengut zusammen. Er gewährt dem Betrachter einen Einblick in die Komplexität des menschlichen Daseins und so mancher wird diesem Satz wohlwollend zustimmen. Doch es bleiben ein fahler Beigeschmack und ein wenig Melancholie bei der Vorstellung, dass wir nur einen mehr oder minder kurzen Moment haben, die richtigen Samen und Setzlinge auszubringen, im Sommer reifen zu lassen, damit wir im Herbst des Lebens die „wahren, schönen und guten“1 Früchte ernten und am Ende unseres Lebens, dem Winter, genießen können.

Doch steht die Frage immer noch im Raum, warum der Mensch den Frühling so gerne auch in andere Bereiche seines Lebens mit hinein nehmen möchte. Ist es die Attraktivität und die Schönheit der Natur? Oder ist es vielmehr die Sehnsucht der Menschen nach der Sonne oder das aufkommende Gefühl eines Erwachens des Leibes oder gar der Seele? - Eines steht fest: der Frühling wird bei den meisten Menschen positiv konnotiert und als solcher beschrieben. So scheint die Erkenntnis nicht verblüffend, dass sich Komposita, wie Frühlingsgefühl, Frühlingsboten oder eben das Frühlingserwachen entwickelt haben. Gerade die Schönheit des Frühlings faszinierte viele Künstler in Musik, Kunst und Literatur und veranlasste sie, sich intensiver mit dem Thema des Frühlings auseinander zu setzen und so Beispiele für die Beziehung des Menschen zu dieser Jahreszeit hervorzubringen. Doch greifen auch die Philosophie und die Psychologie auf den Frühling zurück und schaffen Parallelen zwischen den Entwicklungsphasen eines heranwachsenden Jugendlichen und dem „Früh- lingserwachen“.2

Diese zwei Aspekte, die ästhetische sowie die philosophisch-psychologische Auseinandersetzung mit dem Frühling in Kunst, Musik und Literatur werden in dieser Arbeit gegenübergestellt und verglichen, um so einen skizzenhaften Einblick in das menschliche Dasein in dessen Entwicklung und seinem Umgang mit dem Frühling aufzuzeigen.

II. Der Frühling in Kunst, Musik und Literatur

A. Frühlingserwachen in der Darstellenden Kunst und Musik: Bewegung als Motiv

Den Frühling in seiner für den Menschen erscheinenden Mannigfaltigkeit und Schönheit zu beschreiben, ist in dieser Arbeit nicht zu bewältigen. Doch der Kunst steht aufgrund der inhärenten Ausdrucksvielfalt zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, diese Vielfalt auf Leinwände oder auf Papier abzubilden. Eine Annäherung an dieses Thema ist durch ein vereinfachtes, schemenhaftes Bildnis, eine Allegorie, dem Betrachter leichter verständlich zu machen und verhilft ihm somit einen leichteren Einstieg in ein bestimmtes Thema offen zu legen. Viele Künstler, insbesondere der Abstrakten Moderne3, setzten sich die Maxime in ihren Werken ihre persönliche Erfahrung mit Themen wie dem Frühling mit hinein zu nehmen und so ihre Gefühle, Erlebnisse und ihre Beziehung zum erwählten Thema auszudrücken. Hierzu sollte aber der konkrete Schaffensprozess als Plattform und das erschaffene Werk als Abbild jener Handlung dienen. Doch soll hier zunächst weder ein abstrakter noch moderner, sondern ein naturalistischer Einblick in das Verständnis und die Beziehung des Menschen zum Frühling geboten werden.

1. Die Verkörperung des Frühlings am Beispiel von Sandro Botticellis: La Primavera

Künstler der Renaissance zeichneten das erste Mal in der neuzeitlichen Kunstgeschichte, eine Reproduktion der Natur, die nicht nur symbolisch und thematisch, wie zuvor in der Romanik und Gotik, der Natur gleichen sollte, sondern bemühten sich eine perfekte Kopie4 der Natur zu erschaffen, in die sie eine allegorische Botschaft hineinlegten. Sie sollte die „Fesseln der mittelalterlichen und traditionellen Formensprache“5 sprengen und den Betrachter hineinführen in einen völlig neuerfahrbaren Bildinhalt.

Sandro Botticelli, La Primavera, um 1478, Tempera auf Holz, 203 cm × 314 cm, Uffizien, Florenz6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Im Reich, wo alle Anmut sich erfreut, wo Schönheit Haar mit bunten Blumen schmückt, wo Zephyr voll Verlangen Flora folgt und fliegend Blumen streut auf grüne Flur ... Die Freude tanzet mitten auf den Wegen, Wonne und Schönheit jubeln Voller Lust."7

„La Primavera ist nicht nur eines der schönsten Bilder der Renaissance, sondern auch eines der meist diskutierten Gemälde der Kunstgeschichte.“8 Ein Grund dieses Werk genauer zu beobachten und die Darstellung des Frühlings zu untersuchen.

Das Bild gliedert sich in drei Teile, die nicht ganz klar zu differenzieren sind. Links wird der größte Raum des Bildes von vier Personen eingenommen. In der Mitte steht eine Frau, über der ein Putten ähnliches Wesen schwebt. Angeschlossen an die Bildmitte gliedert sich der rechte Teil des Bildes. Er wird von drei Personen dominiert, wobei sich die linke Person der Mitte zuwendet. Die rechte Person ist ein bläuliches Engelswesen, das von oben rechts hineinzufliegen scheint. Im Vordergrund befinden sich die Personen, im Mittelgrund werden diese durch einen Hain mit Obstbäumen9 eingefasst. Im Hintergrund lässt sich der Himmel durch die blauen Farbtupfen erahnen. Es wird das Reich der Venus dargestellt10. Sie umgeben unterschiedliche weitere mythologische Figuren. Am rechten Bildrand erscheint der Westwind Zephyr11 in Engelsgestalt und greift nach der Nymphe Chloris. Sie wiederum hält ihre Hand an den Arm der Flora12. Über Venus fliegt Amor und zielt, mit verbundenen Augen, auf die drei Grazien, Wonne, Schönheit und Freude, links neben der Venus, die in einem Reigen zu tanzen scheinen13. Am linken Bildrand vertreibt der Götterbote Merkur die Wolken mit seinem Stab und durchbricht in symbolischer Geste die Wolkendecke14. Die beiden Frauen in der Mitte des Bildes, Venus und Flora, sind sehr aufwendig gekleidet, reich geschmückt und bilden den optischen Flucht- und Mittelpunkt. Flora trägt ein mit blumenverziertes Kleid und streut bunte Blumen auf den dunklen Boden. Sie ist, mythologisch gesehen15, ein Kind des Windes und ein Kind der „Grünenden“16, also des Aufbruchs. Ein Kind, das das Neue am Frühling verkörpert. Sie entsteht somit auf stürmischen und leidenschaftlichen Wegen. Damit bricht sie inhaltlich die Starrheit und die Stagnation des Winters und bringt Bewegung in eine blühende Landschaft. Das Reich der Venus, der Göttin der Liebe und Schönheit, spiegelt eine Leichtigkeit wider und deutet ein Verkünden des Frühlings an. Alles wird „sehr anmutig dargestellt“.17 Die Nacktheit, bei den Grazien und der Nymphe wird lediglich durch ein durchscheinendes blau-weißes Gewand verhüllt und auch die männlichen Personen auf dem Bild sind nur mit farbigen Tüchern bekleidet. Alles befindet sich in einem gleichsam schwebenden Zustand geprägt von Bewegung, Veränderung und einer alles dominierenden Harmonie.

Botticellis Darstellung der „Primavera“ zeigt uns ein Bild von Frühling, das durch eine paradiesische Stimmung getragen wird. Das große Übergewicht an weiblichen Personen lässt die Interpretation zu, dass der Frühling eine weiblich dominierte Jahreszeit zu sein scheint. Die leisen, leichten und sanften Schwingungen beim Tanz oder beim Streuen der Blumen, verkörpern ein hohes Maß an Weiblichkeit und Grazilität. Auch Ihre Körperformen und der Umgang damit wecken diesen Anschein. Umrahmt wird diese Weiblichkeit von den männlichen Personen auf dem Bild, Merkur, Amor und Zephyr. Diese drei führen uns gleichsam zur Weiblichkeit und bringen den Betrachter in die Mitte des Bildes, die Venus, dem Abglanz der Schönheit. Das Männliche wirkt hier nicht beiläufig und belanglos, sondern unterstützend und herausfordernd, und bedingt die Emotionen der Damen im Bild und der Betrachter wird Augenzeuge des (erotischen) Wechselspiels von Mann und Frau.

Die Venus, Abbild der schönen Frau, erlaubt es einem in ihrem Reich frei mit der Geschlechtlichkeit umzugehen18 und in Harmonie und Liebe zu leben. Ein Idealbild des Frühlingswird gezeichnet, das es auch dem Betrachter ermöglicht, als mythologisierte Person, quasi die Stimmung aufzugreifen und auszuleben. Aber es ist eben ein Ideal, das uns Menschen bisweilen unerreichbar scheint oder uns schlichtweg verwehrt bleibt.

2. Die musikalische Auseinandersetzung mit dem Frühling am Beispiel von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ (in der Inszenierung von Uwe Scholz, Teil II)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das eben vorgestellte Idealbild eines Früh-lings bei Botticelli fin-det in der In-szenierung des Bal-letts „Le Sacre Du Printemps“ von Uwe Scholz keine Spie-gelung. Geschlechtlichkeit, Nacktheit und Sexualität werden dem Zuschauer direkt vor Augen gehalten. Das Ballettensemble Ballett trägt erdfarbene und hautenge Kostüme, die nur das Nötigste bedecken. Dadurch wird eine massive Körperlichkeit der Darsteller betont und es wird von der letzten Individualität der Tänzer abgelenkt, ja sie wird gänzlich verborgen. Die reine Form und kennzeichnende Merkmale der Frau oder des Mannes zählen und finden nicht zuletzt in der Interaktion ihre Entsprechung.

Die Inszenierung beginnt: Das gesamte Ballettensemble liegt zu einer Ellipse geschlossen auf dem Boden. Sobald die Musik einsetzt, greifen die Tänzer mit dem rechten Arm in die Höhe. Alles ist in ein blaues Licht getaucht19. Der Kreis schwingt heftiger und löst sich in unterschiedliche Bewegungen auf. „Die Vorboten des Frühlings“20 erwachen und beginnen ihren Tanz. Die anfangs undurchschaubare Melodie aus Klagfetzen wird durchbrochen von hämmernden Streichern und unrhythmischen Brüchen21, die eine willkürliche Bedrohung hervorrufen. „ lles ist ein Bewegungs-, Kampf- oder Tanzspiel“22. Die Tänzer bilden dazu wohlgeordnete Reihen, bilden Formationen und stampfen mit beiden Beinen hüpfend auf den Boden. Das Ensemble marschiert quasi am Platz und bedroht in seiner Geschlossenheit den Zuschauer durch weitere synchrone Bewegungen. Bläser und Pauken zerreißen den Klangteppich mit polytonalen Einwürfen23. Das Ensemble reagiert mit Verwirrung, mit Gesten der Entgeisterung, Erschütterung und Verblüffung, und es entsteht eine fragende und suchende Menge, die desorientiert auf der Bühne herumläuft24. Es findet keinen Halt, da der Rhythmus, ihr Rhythmus zerstört wurde. Ehe die Gruppe sich in männliche und weibliche Tänzer auflöst, suchen die Gruppen nach einem Anker, der sie wieder in geordnete Verhältnisse bringt. Die Männer dominieren die Beziehung zu den Frauen und müssen sich vor den gegenüberstehenden Frauen behaupten. Alles ähnelt einem Balz-Tanz. Es folgt ein Hin und Her, bis plötzlich und unerwartet der Wirbel zum Erliegen kommt. Alles folgt diesem Bruch, ausgelöst durch ein lautes Paukengetrommel, und die Darsteller werfen sich mit dem Kopf nach unten auf dem Boden. Die Gruppe formiert sich erneut in eine Männer- und Frauen-Gruppe. Die Frauen bewegen sich grazil in einer Reihe, während die Männer in einer anzüglichen Bewegung auf der Bühne herum rutschen. Die zwei Parts formieren sich zu zwei

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kreisen und stellen dem Zuschauer Bilder einer ‚Frau‘ und eines ‚Mannes‘25 vor. Das Sexu- alobjekt bekommt ein Gesicht und wird zu einem Prinzip. Durch die Ver- anschaulichung erliegt die Gruppe dem Trieb und präsentiert dem Publikum das Wechselspiel des Männlichen und Weiblichen. Eine angedeutete sexuelle Orgie beendet dieses erste Einlassen auf den geschlechtlichen Partner. Alles löst sich auf und ordnet sich wieder in zwei gegenüberstehende Armeen. Wiederum lässt sich das weibliche und männliche Prinzip aufeinander ein, indem klare Gesten des Beischlafs demonstriert werden. Doch begegnet man sich vorsichtig und Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 zurückhaltend. Hierbei wird die Frau aber als deutlich unterworfene und objektivierte Partnerin dargestellt, die sich dem Mann hingegeben sieht. Zudem fallen auch Gesten der Entäußerung und Hingabe auf. Die senkrechten, phallischen Stellungen dominieren in diesem Teil („Frühlingsreigen“26 ) der Choreographie und spiegeln nach Sigmund Freuds Auffassung die dominierende Position des Mannes wider27. Der Reigen wird als innige Verbindung des Mannes zu einer Frau dargestellt und symbolisiert die Dominanz des Mannes im Sexualakt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es folgen „die Spiele der rivalisierenden Stämme“28. In der Choreographie sind die Stämme wiederum in männliche und weibliche Gruppen aufgeteilt. Das Heldenhafte und Starke wird von den Männern gezeigt, das Grazile und Unschuldige von den Frauen29. An dieser Stelle lässt sich eine halbwegs gleichwertige Stellung der beiden Partner vermuten, wobei aber eine fast maschinelle Wirkung des Sexualaktes durch den stark rhythmisierenden Takt und die Spielart des Orchesters evoziert wird. Es folgt die „Verehrung der Erde“30 in Form eines Kreises indem sich das gesamte Ensemble um die Solistin dreht, die empor gerissen wird und sich mit hingebungsvoller Gebärde einem höheren Wesen31 entgegenstreckt. Die musikalische Unterstützung durch eine kontinuierliche schnelle, stechende Melodieführung nimmt die Kreisbewegung vorweg und unterstützt die rasanten Bewegungen des Balletts.

Der zweite Teil, „das Opfer“32, beginnt, indem sich der Kreis auflöst und um ein neues Zentrum tanzt, einen Mann. Der Anfang wird wieder vom Verhältnis des Mannes zur Frau dominiert. Die Männer zur Rechten stehen selbstbewusst auf der ganzen Hälfte der Bühne verteilt und beäugen die sich in einem Pulk zusammen gekauerten Frauen zur Linken. Der Ablauf der folgenden Minuten ist klar durch die Positionierung der beiden Geschlechter vorgezeichnet. In einem antifeministischen Ritual wird das Opfer für die Frühlingsweihe gemustert und artet in einer regelrechten Fleischbeschau aus33. Frei von jeglichen Hemmungen wird die ‚Frau‘ der gesamten ‚Männerschaft‘ vorgeführt und sexualisiert. Im Zentrum dieser Handlung steht stellvertretend für die Männer eine Art ‚Priester‘, der sich dem Opfer durch abwertende und auch entwertende, wie zum Beispiel einer Vergewaltigung, nähert und eine Frau für die Opferung aussucht. Die Solistin wird nun durch weitere rituelle Handlungen geführt und steht am Ende dieses Rituals verlassen und zentral auf der Bühne. Zuvor aber wird die ‚Zu-Opfernde‘ in einem Kerker festgehalten und eingesperrt. Das Bemerkenswerte hierbei ist, dass das Gefängnis aus den weiblichen Tänzerinnen in einer phallusähnlichen Position gebildet wird. Dies lässt vermuten, dass der Grund für ihre Lage einzig und allein in ihrer Weiblichkeit und der Verkümmerung ihres Subjekts zu einem sexuellen Objekt liegt.

Die Totgeweihte wird wie ein Opfertier auf den Altar, der Mitte der Bühne, gelegt. Die anderen sitzen apathisch und ohne eine emotionale Regung um sie herum und beobachten den „Danse sacrale“. Wir sehen eine verzweifelte, von psychischen und physischen Misshandlungen gemarterte Frau. Stellvertretend für die vielen Ausdrucksweisen, derer sie sich bedient, soll hier der sich immer wiederholende Griff an den Bauch stehen. Der Bauch als Ort des „Sonnengeflechts“34, wird als Zentrum der Emotionen in quälende Schmerzen versetzt; die Seele schmerzt und bringt das Opfer immer wieder zu Fall, bis sie letztendlich nach Schreien vor Angst und Resignation die Rettung sieht und nach einem Seil greift. Sie wird in die Höhe gerissen und schwebt leblos über den Köpfen der übrigen Tänzer. Ob sie „gerichtet [oder] gerettet“35 ist und Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 ob sie ob ihrer Weiblichkeit zu einem Opfer der Männlichkeit und selbst der gesamten Gesellschaft wird, bleibt dem Zuschauer verborgen.

II. Frühlingserwachen in der Literatur: der Frühling als Metapher

1. Der philosophisch-psychologische Einblick in den menschlichen Frühling - die Pubertät

Die schon soeben vorgestellte Inszenierung des Balletts „Le Sacre Du Printemps“ bediente sich des Kunstgriffs, den Frühling als Metapher für den Entwicklungsprozess eines (jugendlichen) Menschen zu verstehen. Die Literatur wird diese Metaphorik noch intensivieren und über das Bild des Frühlings den großen Sprung machen von einer Erfahrung, die von außen einwirkt, zu einer Begegnung mit einer Veränderung von innen.

2. Exkurs: Frühling in der menschlichen Entwicklung am Beispiel des alttestamentlichen Buches Kohelet unter Berücksichtigung des entwicklungspsychologischen Ansatzes von Herbert Selg

Neben einer künstlerischen und musikalischen Betrachtung des Themas, kann gleichsam als Brücke zur literarischen Themenanalyse, ein kurzer Exkurs in die alttestamentliche Weisheitsliteratur und weiterführend ein Exkurs in die Entwicklungspsychologie unternommen werden. Das Buch Kohelet bietet in Kapitel 3, 1-8 nachdenkliche und zugleich bedenkenswerte Gedanken:

a) Das Buch Kohelet oder die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt

„ lles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben,

eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen,

eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,

eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen,

eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz,

eine Zeit zum Steine werfen und eine Zeit zum Steine sammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren,

eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen,

eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen,

eine Zeit zum Schweigen, und eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“36

Die Einleitung des Buches Kohelet führt uns zum Schlüssel, ja gleichsam zur Fragestellung des Schreibers. In Kapitel 1 in den Versen 2-3 finden wir die Ouvertüre des gesamten Buches mit seiner komplexen Fragestellung.

„Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne.“

Ist sich der Verfasser vielleicht selbst zur großen Frage geworden?37 Damit wäre ein zentraler Punkt dieser Arbeit berührt, der Fragen, die gerade in der Pubertät, dem Frühling des Menschen aufgeworfen werden und den Heranwachsenden verunsichern bzw. zum Suchenden werden lassen. Aber was treibt Kohelet zu dieser Aussage, die nicht nur sein, sondern auch die Existenz allen menschlichen Daseins betrifft? Welches Gedankengut bestimmte sein Denken?

„Der Einfluss griechischen Geistes liegt im beginnenden hellenistischen Zeitalter, in dem Kohelet lebte.“38 Diese Information liefert uns auch einen Hinweis für die Entstehungszeit des Buches, das Ende des 2. vorchristlichen Jahrhunderts zu datieren ist.39 Natürlich wird dem Betrachter beim Lesen des Textes schnell klar, dass der Verfasser an die Grenzen philosophischer Anthropologie stößt und letztlich ‚transzendieren‘, das heißt eine Schwelle zu einer höheren Ebene überschreiten muss. So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Verfasser Beispiele bedient, die keinesfalls ein logisches Ganzes bilden, aber dennoch aufgrund der verschiedensten Lebensbereiche, die der Text benennt, somit ein Bild von der Mannigfaltigkeit des Daseins hervorbringen. „Die erwähnten Vorgänge gehören zu den schicksalshaften Widerfahrnissen, die den Menschen und seine Geschichte beherrschen “40, denn Kohelet sucht nach einer Lösung der Sinnfrage des Lebens zu kommen und den Menschen in seiner Geschichtlichkeit zu thematisieren. Die Zeit, für unser Thema die Jahreszeiten, sind souverän, und der Mensch scheint ihr Sklave zu sein. In der Natur und im Leben herrscht ein ständiger Wechsel, ein ständiger Turnus von Werden und Vergehen. Die Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Gegensätze lösen sich ab und lassen den Menschen zu einem ständigen Fragenden werden, den Menschen als Objekt der Zeit und als Wesen einer kosmologischen, oder gar göttlichen Gesamtordnung. Dies soll das Wesen des Menschen auf keinen Fall determinieren, die Fülle des Menschseins aber lässt sich so auf einen greifbaren Nenner bringen.

[...]


1 nlehnung an die Trias „Verum, Pulchrum, Bonum“(=Gott). Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 6

2 http://www.sueddeutsche.de/panorama/pubertierende-kinder-fruehlings-erwachen-1.857038, Titel.

3 Die Künstler der „ ction Painting“- Bewegung (Jackson Pollock), des Tachismus (͙.) oder auch Farbfeldmaler (Mark Rothko) sind Vertreter dieses Abstrakten Expressionismus. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 7

4 Die Kunst der Renaissance wollte aber nicht nur kopieren, sondern idealisierte die Kunst und den Bedeutungsinhalt des Kunstwerks.

5 Kammerlohr, Epochen der Kunst, Band III, Neuzeit, 2. Auflage, Erlangen, Buchversand Kammerlohr, 1982, S. 55.

6 Positive Daten aus: Die Marshall Cavendish Kunstsammlung: Maler, Leben, Werk und ihre Zeit, Heft 29, Botticelli, S. 955.

7 Agnolo Poliziano, Stanze I, 68; 74. In: http://www.kunstdirekt.net/Symbole/start.htm. Dieses Gedicht diente Botticelli als Inspiration. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 8

8 Die Marshall Cavendish Kunstsammlung: Maler, Leben, Werk und ihre Zeit, Heft 29, Botticelli, 1994, S. 911.

9 Sind es vielleicht Apfelbäume? Falls doch, könnte es ein Hinweis auf den Garten Eden sein.

10 Im Folgenden wird die Identifikation der Personen in „La Primavera“ aus der vorigen Quelle übernommen. (Ebd. S. 955).

11 Nach Plinius der "genitalis spiritus mundi", der lebenspendende Geist der Welt.

12 Flora entsteht durch die Vereinigung des Zephyr und der Chloris.

13 Dieser Reigen wird dann später z. B. im Werk des Henry Matisse aufgegriffen. Beispiele wären hierzu: „Der Tanz“ oder „Die Lebensfreude“.

14 Der Verweis auf die Reflexionen über das blaue Band könnte hier sinnvoll angemerkt werden. Ist Merkur derjenige, der das blaue Band an den Himmel zeichnet?

15 http://de.academic.ru/dic.nsf/damen/2424/Flora.

16 Aus dem altgr. ὑγρός = grün. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 9

17 Vasari, Giorgio: In: Die Marshall Cavendish Kunstsammlung: Maler, Leben, Werk und ihre Zeit, Heft 29, Botticelli, 1994, S. 911.

18 Gemeint sind die leichten Gewänder der mythologischen Figuren. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 10

19 Auch hier ist ein Verweis auf die Reflexionen über das Blaue Band zutreffend: Das Blaue Band beginnt zu flattern und trägt zur aufkommenden Bewegung auf der Bühne bei.

20 Vgl. Booklet „Le Sacre Du Printemps“: Film 2008, Regie Günter tteln, ufzeichnung einer Prof. Uwe Scholz Choreographie, mit dem Leipzig Ballet (2003).

21 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Le_sacre_du_printemps - cite_ref-0.

22 http://www.rossleben2001.werner-knoben.de/doku/kurs74web/node11.html. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011

Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 11

23 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Le_sacre_du_printemps - cite_ref-0.

24 Hier könnte ein Hinweis zur philosophischen-psychologischen Abhandlung stattfinden. Im Kohelet wird das Suchen thematisiert und kann auf die Jugend übertragen werden, die sich quasi ständig auf der Suche befindet und Orientierung verlangt.

25 Vgl. Faust. Szene: Hexenküche. Hier erhält Faust ein „Bild von einem Weibe“. Später wird Faust in Gretchen das Bild wiedererkennen und löst in ihm immer die sexuelle Begierde und die Lust aus. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 12

26 Vgl. Booklet „Le Sacre Du Printemps“: Film 2008, a.a.O.

27 Vgl. Mayer- Binder, Susanne: Literarische Schwestern: Ana Ozores - Effi Briest. Studien zur psychosozialen Genese fiktionaler Figuren. Aachen, Shaker Verlag, 1993, S. 144 ff.

28 Vgl. Booklet „Le Sacre Du Printemps“: Film 2008, a.a.O.

29 Schon die „Nibelungensage“ spielt mit dem heldenhaft Männlichen (Siegfried) und dem grazilen Weiblichen (Kriemhild).

30 Vgl. Booklet „Le Sacre Du Printemps“: Film 2008, a.a.O.

31 Ist es die Erd-Mutter Gaya oder vielleicht doch ein männlicher Gott?

32 Vgl. Booklet „Le Sacre Du Printemps“: Film 2008, a.a.O. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 13

33 Moderne Schönheits- oder sogenannte „wet-T-Shirt“- Wettbewerbe können der Inszenierung als Vorbild gedient haben. Auch Zwangsprostitution und die damit verbundene Vergewaltigung werden hierbei wohl kritisiert. Somit ist die Nähe zum Rotlichtmilieu nicht von der Hand zu weisen.

34 Vgl. http://www.med1.de/Forum/Psychologie/112664/.

35 Vgl. Faust. Szene: Kerker. Die letzten Worte im Drama gehören den beiden Mächten. Mephisto spricht aus, was jeder in dieser Situation zu denken pflegt: „Sie ist gerichtet“ darauf aber der Herr: „Sie ist gerettet!“. Letztlich liegt der entscheidende Richterspruch bei einer höheren Macht, also Gott. Deshalb bleibt es offen, ob das Schlussbild des Balletts die Opferhandlung selbst ist, oder ob es eine Erhöhung, also eine Rettung aus der ungerechten Welt ist. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 14

36 Alle Bibelzitate wurden der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift entnommen. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011 Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur 15

37 Augustinus meint in den „Confessiones IV 4“: „Factus eram ipse mihi quaestio͙“ und formuliert diese Feststellung in seiner ‚Orientierungsphase‘, ehe er ntworten in der Hl. Schrift zu finden beginnt.

38 Fohrer, Georg: Einleitung in das Alte Testament: Zwölfte, überarbeitete und erweiterte Auflage: Heidelberg: Quelle & Meyer, 1979, S. 371.

39 Vgl. Lexikon für Theologie und Kirche (LThK): sechster Band: Kirchengeschichte bis Marxismus: Hrsg. Kasper Walter: Freiburg u.a.: Verlag Herder, 1997, Spalte 169.

40 Lauha, Aarre: Biblischer Kommentar Altes Testament: Kohelet: Bank XIX: Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1978, S. 30. Facharbeit von Benjamin Gerlich, 2009/2011

53 von 53 Seiten

Details

Titel
Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur
Hochschule
Sigmund-Schuckert-Gymnasium Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
53
Katalognummer
V167002
ISBN (Buch)
9783640833139
Dateigröße
2196 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühlings Erwachen, Faust, Jugend ohne Gott, Kohelet, Jugend, Pubertät, Entwicklungspsychologie, La Primavera
Arbeit zitieren
Benjamin Gerlich (Autor), 2010, Frühlings Erwachen in Kunst, Musik und Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167002

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