Von „Kopftuchmädchen“ und „Turkish-Talk“ - Über die Probleme und Möglichkeiten der Darstellung von Migranten in populären Medien


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen

3. Vom Kopftuchmädchen und Türken Musa – Bilder von Migranten in „Spiegel“ und „BILD“

4. Turkish - Talk und Deutschland sucht den Superstar – mediale Heimstätte der Migranten?

5. Rück - und Ausblick

6. Literatur

1. Einleitung

„D ie Wahrheit ist, daß die Leute alles durch die Brille ihrer Zeitungen sehen, und wie könnte es anders sein, da sie ja persönlich weder von den betreffenden Persönlichkeiten noch Ereignissen Kenntnis haben!“[1]

Marcel Proust

Wohl das meiste, was wir über Migranten wissen, erfahren wir aus den Medien.

Das Thema Islam und die Abbildung der Muslime in den Medien erfahren spätestens seit den Ereignissen des 11. Septembers 2001 eine Renaissance, und bekommt vor dem Hintergrund eine spezielle Bedeutung, da das Bild der Muslime in der Bundesrepublik Deutschland vorrangig durch kommunikativ vermittelte Informationen, sprich Erzählungen und Berichte geprägt ist. Da direkte Kontakte mit Muslimen immer noch recht selten sind, werden mediale Vermittlungen immer relevanter.

Der Alltagsdiskurs wird offensichtlich durch den Mediendiskurs gespeist; laut einer Studie von Siegfried Jäger sind die Hauptwissensquellen Befragter über aktuelle Migrationsdebatten verschiedene Zeitungen und Fernsehberichte. Die aus allen Bildungsschichten und Alterskohorten stammenden Probanden bedienten sich häufig den durch Medien geschaffenen Kollektivsymbolen und folgten zum Teil wortwörtlich von Journalisten und Politikern vorgefertigten Argumentationsmustern. (Vgl. Farrokhzad, 2006, S. 59) Medien kommen ergo eine zentrale Bedeutung bei der Strukturierung gesamtgesellschaftlicher Diskurse zu.

Massenmedien befinden sich jedoch nicht (nur) in der Rolle unabhängiger Berichterstattungen; sie selektieren, thematisieren, akzentuieren, kommentieren, lassen aus. Medien sind also gleichzeitig „Fenster zur Welt“, ungeachtet dessen haben sie jedoch auch immer eine Filterfunktion inne.

Aber auf welche Weise produzieren Printmedien, Fernsehen und Internet Vorstellungen von Migranten?

Im Folgenden soll zuerst ein theoretischer Rahmen geschaffen werden, indem das Prinzip des Konstruktivismus, Goodmans Formen der Welterzeugung als auch Bourdieus Begriff des journalistischen Feldes kurz thematisiert werden sollen. Anhand von Beispielen aus „BILD“ und „Spiegel“ sollen unter Punkt zwei medial vermittelte (Negativ)Bilder von Migranten in den Fokus gerückt werden. Der nächste Punkt beinhaltet mögliche Integrationschancen medialer Formate und Angebote. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf deutschen Castingformaten und interkulturellen Internetforen. Abschließen möchte ich mit einem Rück- respektive Ausblick, in dem Bezug auf das Geschriebene genommen, und es reflexiv mit meinen Anmerkungen versehen werden soll.

Diese Hausarbeit handelt von den Bildern, die wir durch Medien von den „Anderen“ vermittelt bekommen, aber auch von den Chancen, welche das global vernetzte Zeitalter für Menschen unterschiedlichster Herkunft bereithalten kann.

Es steht die mediale Darstellung der türkischen oder arabischen Migranten im Mittelpunkt, da diese Gruppen in der Migrationsberichterstattung besonders präsent ist und sie zunehmend als Gegenentwurf zum kulturellen „Eigenen“ dargestellt wird. Inwieweit die häufig thematisierten „Türken“ wirklich türkischer Abstammung sind, kann in dieser Ausarbeitung nicht näher nachgegangen werden.

2. Theoretischer Rahmen

„The Medium is the message”[2]

Marshall Mc Luhan

„Grundlage eines konstruktivistischen Wissenschaftsverständnisses ist die Einsicht, dass Wissen nicht objektiv vorhanden ist, sondern auf vielfältige Weise erzeugt wird“, so Stefan Wellgraf, Autor von „Migration und Medien“. (Vgl. Wellgraf, 2008, S.10) Wissen basiert ferner zu einem großen Teil auf visuellen Vorstellungen, auf Imaginationen und Bildern. Medien tragen ergo zur Erzeugung dieses Wissens bei, und „liefern Wirklichkeitskonstruktionen, indem sie Welt nicht nur abbilden, sondern sie immer auch ordnen und deuten.“ (Vgl. Wellgraf, 2008, S.10)

Der amerikanische Philosoph Nelson Goodman beschreibt den Vorgang unterschiedlicher Welterzeugung, und geht dabei von einer Mannigfaltigkeit „wirklicher“ Welten aus, welche nur innerhalb individueller Bezugsrahmen verstanden werden können. Die Frage, was nun „wahr“ oder „unwahr“ ist, lässt sich im Kontext des Konstruktivismus also nicht lösen. (Vgl. Wellgraf, 2008, S.10)

Nach Goodman lassen sich fünf verschiedene Formen der Welterzeugung unterscheiden, welche sich jeweils bestätigen und bedingen:

Erstens werden Welten durch Komposition und Dekomposition zusammengesetzt, dabei aber, wie oben schon angerissen, jeweils aus Elemente ausgelassen und hinzugefügt. Zweitens wird durch Gewichtung eingestuft, was besondere Relevanz oder Nützlichkeit zugemessen bekommt. Die dritte Form der Welterzeugung beinhaltet das Zurechtlegen von Welten mit zu Hilfenahme von Bezugsrahmen und Kategorien. Dieser Prozess provoziert gleichzeitig auch immer eine Tilgung oder Ergänzung, welche fünftens, in Deformationen und Verzerrungen münden kann. (Vgl. Wellgraf, 2008, S.11)

Hier wird die Relevanz journalistischer Tätigkeiten deutlich, welche Wirklichkeitskonstruktionen produzieren, diese als soziale Prozesse verstanden werden können: „Diese Prozesse werden nur selten bewusst gesteuert, vielmehr sind sie das Ergebnis von kognitiven Konstruktionen, die wiederum von gesellschaftlichen Diskursen, den feldspezifischen Bedingungen des Arbeitsumfeldes und den technischen Möglichkeiten des Mediums beeinflusst werden“, so Wellgraf. (Vgl. Wellgraf, 2008, S.11) Journalisten kommt ergo eine besondere Rolle zu; indem sie Versatzstücke gesellschaftlicher Diskurse mit ihren eigenen Beobachtungen kombinieren, werden mediale Wirklichkeitsbilder erschaffen, welche der Deutungen der Rezipienten unterliegen. Mediale Konstruktionen der Welt sind also nicht beliebig; gerade im Kontext migrantischer Themen scheinen sie entlang dominanter Interpretationen zu verlaufen.

Bourdieus Begriff der Feldes ist auch auf den Journalismus anwendbar. Dieser liegt einer konflikttheoretischen Vorannahme zugrunde, der zufolge aufgrund der chronischen Knappheit von Ressourcen die soziale Welt als Ort ständiger Kämpfe existiert. Wellmann: „Wie ein Journalist agiert, wie er sich mit seinen Artikeln positioniert, kann demnach nur in Bezug auf seine Position im jeweiligen Kräftefeld verstanden werden.“ (Vgl. Wellgraf, 2008, S.19) Die im folgenden analysierten Medienprodukte sollten demnach nicht lediglich als diskursive Zeichen, sondern vor allen Dingen auch als (bewusste oder unbewusste) Positionierungen Einzelner in ihrem beruflichen Umfeld verstanden werden. Aus der starken Abhängigkeit vom ökonomischen Feld resultiert laut Bourdieu nicht nur eine schwache journalistische Autonomie, sondern auch der enorme Zeitdruck, welcher zu dem Problem des „fast thinking“ führe. (Vgl. Wellgraf, 2008, S.18-19) „Diese Form mentaler Selbstzensur lenkt die Aufmerksamkeit der Journalisten auf die sichtbarsten Aspekte der sozialen Welt, während langfristige Folgen und Veränderungen in den Hintergrund treten“, so Wellgraf. (Vgl. Wellgraf, 2008, S. 19)

Die Begrifflichkeit Medien beschreibt die Gesamtheit der bestehenden Kommunikationsmittel, jedoch werde ich mich in den folgenden Punkten auf die Medienverbundsysteme Printmedien, Fernsehen und Internet konzentrieren. Die Unterscheidung einzelner Medien erscheint im Diskurs über die Darstellung und Möglichkeiten von Migranten im medialen Kontext elementar; jede unterschiedliche Ausprägung beinhaltet nicht nur spezifische technische Gegebenheiten, sondern es spielt primär eine existenzielle Rolle, ob die vorliegenden Medienformate fertige Deutungen vorlegen, oder den Rezipienten zu einem Prozess der individuellen Auseinandersetzung auffordern. Unterschiedliche Medien verlangen unterschiedlich hohe Teilnahmegrade. Für eine Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Medienangeboten konstatiert der kanadische Medientheoretiker und Literaturwissenschaftler Marshall McLuhan die Begrifflichkeiten „heiße“ und „kalte“ Medien; während erstere die Sinnesorgane mit vielen Informationen bedienen wie beispielsweise ein Fernsehfilm, stellen „kalte Medien“ verhältnismäßig weniger Gehalt bereit. (Vgl. Wellgraf, 2008, S.22)

Laut McLuhan ist die Wirkung von Medien als „Ausweitung des menschlichen Körpers“ zu verstehen, Medien verschafften ergo Expansionen des Auges oder Ohres, mit deren Hilfe der Rezipient Informationen erhalte, was sonst seinem Sinnesfeld verborgen bliebe. (Vgl. Wellgraf, 2008, S.22)

Verharren wir gedanklich in der Theorie McLuhans, soll der nächste Punkt verdeutlichen, wie unsere Sinne im medialen Diskurs über Migranten getäuscht werden können. Es wird sich unter anderem auch zeigen, dass die ewig währende Suche nach der Exklusivmeldung, dem Absonderlichem und Dramatischen sich in einigen medialen Angeboten niederschlägt.

[...]


[1] Marcel Proust (2000): Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main

[2] McLuhan, Marshall (2005): The Medium is the Massage: An Inventory of Effects. Gingko Press

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Von „Kopftuchmädchen“ und „Turkish-Talk“ - Über die Probleme und Möglichkeiten der Darstellung von Migranten in populären Medien
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V167507
ISBN (eBook)
9783640841523
ISBN (Buch)
9783640839841
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
probleme, möglichkeiten, darstellung, migranten, medien
Arbeit zitieren
Eva Raimann (Autor), 2010, Von „Kopftuchmädchen“ und „Turkish-Talk“ - Über die Probleme und Möglichkeiten der Darstellung von Migranten in populären Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167507

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