Der politische Einfluss von Ratingagenturen als Akteure privater Global Governance


Seminararbeit, 2010

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konzeptioneller Rahmen
2.1 Der Principal-Agent-Ansatz

3 Principal-Agent-Beziehungen bei externen Ratings
3.1 Kapitalmarkt und Staat
3.2 Kapitalmarkt und Ratingagentur
3.3 Ratingagentur und Staat

4 Theoretische Implikationen

5 Evidenz und Diskussion: Der Fall Griechenland

6 Schlussbemerkung

Bibliographie

Abbildungen

Abb. 1: Principal-Agent-Beziehung zwischen Kapitalgeber und Staat 9

Abb. 2: Beziehungsdreieck Kapitalgeber, Ratingagentur und Staat

Einleitung

Die hohe Staatsverschuldung einiger europäischer Staaten mündete im Frühjahr 2010 in eine Schuldenkrise, welche die Zahlungsfähigkeit der betreffenden Staaten und die europäische Gemeinschaftswährung gefährdete und noch immer gefährdet (vgl. DekaBank 2010: lf.). Angesichts der Notwendigkeit von Konjunkturmaßnahmen sind die Zunahme der Verschuldung europäischer Staaten und damit die aktuelle Schuldenkrise auch auf die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 zurückzuführen. Die am stärksten betroffenen Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien wurden in der Presse wiederholt als PIIGS-Staaten bezeichnet; ein Akronym, das durch die Anlehnung an das englische Wort ,pigs' stark negativ konnotiert ist. Die angespannte Finanzlage des griechischen Staates wurde am 27. Mai dieses Jahres durch eine Herabstufung der Kreditratings griechischer Staatsanleihen durch zwei große Ratingagenturen eskaliert. Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten und geben dem Kapitalmarkt mit ihren Ratings entschei­dende Signale für die Gestaltung der Zinssätze. Die nach dem Rating-Downgrade sprunghaft angestiegenen Risikoaufschläge griechischer Staatsanleihen machten die Refinanzierung kurzfristig fälliger Verbindlichkeiten Griechenlands unmöglich. In der Folge wurde eine gemeinsame Rettungsaktion europäischer Staaten notwendig, um die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands abzuwenden und den Euro zu stabilisie­ren. Das Beispiel Griechenlands zeigt, dass Ratingagenturen über nicht unerhebliche Macht verfügen und legt die Vermutung nahe, dass sie im Extremfall mit ihrer Bonitätseinschätzung sogar über das Gelingen oder Misslingen eines Staates ent­schieden können.

Diese Arbeit verfolgt die These, dass Ratingagenturen angesichts der Dependenzbe- ziehung zwischen Ratingagenturen und Staaten bei der Finanzierung der Staaten in der Lage sind, mittelbar Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Die Ratings der Agenturen können aufgrund ihrer Relevanz für die Staatsfinanzierung am Kapitalmarkt existenzielle Bedeutung erlangen. Sogenannte /trigger events' können dabei zum Bankrott eines Staates mit allen politischen, ökonomischen und sozialen Implikationen führen. Dadurch sind Ratingagenturen ein signifikanter und einflussreicher Akteur Globaler Governance, dem es jedoch an demokratischer Legitimität und Haftbarkeit fehlt.

Zur Bestätigung der These ist es zunächst erforderlich, die Dependenzen und Interdependenzen zwischen Investoren (Kapitalgeber), Staaten (Kapitalnehmer) und Ratingagenturen (Finanzintermediäre) zu beschreiben, da diese die Machtstrukturen zwischen den Beteiligten konstituieren. Zu diesem Zweck wird als konzeptueller Rahmen der Principal-Agent-Ansatz gewählt, welcher als Teil der Neuen Institutionenökonomik der Mikroökonomie entstammt und der Analyse vertraglicher (und quasivertraglicher) Beziehungen bei Informationsasymmetrie zwischen den Vertragspartnern dient.

Zunächst soll der Principal-Agent-Ansatz im zweiten Teil der Arbeit dargestellt werden. Seine Annahmen werden im dritten Abschnitt nach einer Erläuterung der Logik staatlicher Schuldenaufnahme auf das Dreieck aus Investoren, Staaten und Ratingagenturen übertragen, um Abhängigkeitsbeziehungen und Machtstrukturen aufzudecken und Implikationen für die Handlungsweisen und Interessen der beteiligten Gruppen, insbesondere aber der Ratingagenturen und der Staaten, abzuleiten. Ratingagenturen werden in das Phänomen der Global Governance eingeordnet und eine Verifikation der These mittels theoretischer Überlegungen unternommen. Anhand des Beispiels Griechenlands werden die Erkenntnisse der theoretischen Überlegungen am Fall Griechenlands mit Blick auf die These unter­sucht.

2. Konzeptioneller Rahmen

Es liegt auf der Hand, dass bei der Interaktion von Staaten, Investoren und Rating­agenturen eine Informationsasymmetrie besteht. So hat der Staat als Kapitalnehmer gegenüber den Ratingagenturen und insbesondere den Kapitalgebern einen Informa­tionsvorteil, was die eigene Kreditwürdigkeit betrifft. Bei dieser Informationsasym­metrie handelt es sich um unvollständige Information seitens der Kapitalgeber und Ratingagenturen. Informationen über den Kapitalnehmer sind jedoch für den Kapitalgeber wichtig, um das Risiko seiner Anlage einschätzen zu können. Rating­agenturen dienen der Verbesserung der Informationslage der Investoren. Der Principal-Agent-Ansatz bietet eine Modellstruktur, die für Situationen mit unvoll­ständiger Information und daraus resultierender Informationsasymmetrie geeignet ist. Dabei will ein schlechter informierter Prinzipal einen besser informierten Agenten innerhalb eines Vertragsverhältnisses dazu bringen, sich in seinem Sinne zu verhalten (vgl. Feess 2000: 581). Die Grundzüge der Principal-Agent-Theorie werden im Folgenden dargestellt.

2.1 Der Principal-Agent-Ansatz

Der Principal-Agent-Ansatz geht von einer Spielsituation aus, in der der zunächst ein Vertrag geschlossen wird und anschließend von einem der Vertragspartner, dem Agenten, Handlungen ausgeführt werden, die vom Prinzipal nicht zu beobachten sind und das Ergebnis des Spiels für beide Vertragspartner beeinflussen.1 Dabei sind Informationen dahingehend asymmetrisch verteilt, dass der Prinzipal über das Verhalten des Agenten, welches den Nutzen des Prinzipals nach Vertragsabschluss bestimmt, unvollständig informiert ist. Es handelt sich aufgrund der strategischen Natur der Handlung also um eine spieltheoretische Situation, die etwa beim Ab­schluss eines Versicherungsvertrags eintreten kann.2 So hat das Versicherungsunter­nehmen nach Abschluss des Versicherungsvertrags mit einem Autofahrer keine Möglichkeit, dessen Verhalten hinsichtlich des Versicherungsrisikos, also der

Fahrweise des Versicherten, zu beobachten. Der Versicherungsvertrag wiederum beeinflusst das Verhalten des Autofahrers, da nun ein Teil des Risikos vom Versiche­rungsunternehmen übernommen wurde. Der Versicherungsvertrag führt also möglicherweise gerade zu einer riskanteren Fahrweise des Fahrers, was nicht im Interesse des Versicherungsunternehmens ist. Ein weiteres Beispiel sind Arbeitsver­träge mit leistungsunabhängigem Fixgehalt, welche dem Arbeitnehmer negative Leistungsanreize bieten können. In diesem Fall ist naheliegend, dass die Arbeitsmo­ral des Mitarbeiters eher gering ist, da die Differenz aus Arbeitsleistung und Gehalt komplett an den Arbeitgeber geht und die Entlohnung nicht beeinflusst. Dieses Phänomen wird als moral hazard bezeichnet. Der Kern besteht darin, dass „Agenten nicht vollständig mit den Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert werden“ (Feess 2000: 622).

Neben der Annahme ungleich verteilter Informationen unterstellt die Principal- Agent-Theorie den Beteiligten Opportunismus. Ferner finden Risikoneigungen (Risikoaversion, Risikoneutralität und Risikoaffinität) Berücksichtigung.

Ein weiteres Problem von Principal-Agent-Beziehungen betrifft das der adversen Selektion. Es kann an folgendem Beispiel, welches als ,market for lemons' (vgl. Akerlof 1970) bekannt ist, demonstriert werden (vgl. Wigger 2006: 75b): Es gebe zwei Arten von Gebrauchtwagen, solche mit guter und solche mit schlechter Quali- tät3. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt werden beide Typen in gleich großer Zahl angeboten. Für gute Gebrauchtwagen wollen die Verkäufer mindestens 9.000 USD haben und für schlechte mindestens 1.000 USD. Die Käufer sind ihrerseits bereit, für einen guten Wagen maximal 10.000 USD und für einen schlechten maximal 2.000 USD zu zahlen. Bei vollständiger Information der Verkäufer und Käufer über die Qualität der Gebrauchtwagen würden gute Autos demnach für 9.000 USD bis 10.000 USD und schlechte Autos für 1.000 USD bis 2.000 USD den Besitzer wechseln. Wären weder Käufer noch Verkäufer über die Qualität der Autos informiert, ergäbe sich bei unterstellter Risikoneutralität eine maximale Zahlungsbereitschaft des Käufers von (2.000 USD + 10.000 USD) / 2 = 6.000 USD sowie ein minimaler Verkaufspreis von (1.000 USD + 9.000 USD) / 2 = 5.000 USD. Ist jedoch nur der Verkäufer über die Qualität des Gebrauchtwagens informiert und der risikoneutrale Käufer (er geht davon aus, dass 50% der Autos schlechter Qualität sin]d) zu einem maximalen Preis von 6.000 USD bereit, bricht der Markt für gute Gebrauchtwagen3 zusammen. Die maximale Zahlungsbereitschaft von 6.000 USD liegt unter dem Preis, den der Käufer für ein gutes Auto mindestens verlangt. Daher wissen die Käufer, dass sie für 6.000 USD nur ein schlechtes Auto erhalten werden und verringern deshalb ihre Zahlungsbereitschaft erneut auf 2.000 USD. Die Tatsache, dass sich nur Händler mit schlechten Autos auf den Markt selektieren, wird als adverse Selektion bezeich­net. Das Problem der adversen Selektion kann durch glaubhafte Signalisierungsstra­tegien gelöst werden. Im Fall des Gebrauchtwagenmarkts könnte das Urteil eines Experten, welcher auf seinen Ruf bedacht und deshalb glaubhaft ist, zur Bestimmung der Fahrzeugqualität eingeholt werden. Moral hazard-Probleme sind hingegen nur schwer zu lösen. Im Beispiel der Autoversicherung wäre z.B. eine Selbstbeteiligung denkbar, um Anreize für eine sichere Fahrweise zu geben. Moral hazard wird dadurch jedoch nicht vollständig ausgeschlossen (vgl. Wigger 2006: 82).

Ein drittes Problem, welches als Hold-Up bezeichnet wird, ergibt sich, wenn zwei Akteure einen Vertrag unter der Bedingung schließen, dass einer der beiden eine Vorleistung erbringt. Dies können z.B. für die Ausführung des Vertrags erforderliche Investitionen sein. Der investierende Akteur (A) steht nach seiner Investition nun vor dem Problem, dass der andere Akteur (B) den Vertrag, der erst nach der Investition geschlossen wird, neu und mit für ihn vorteilhafteren Konditionen aushandeln möchte. Der investierende Akteur (A) hat keine Wahl als die neuen, für ihn weniger vorteilhaften, Bedingungen des (B) zu akzeptieren, da er sich mit seiner Investition bereits an das Geschäft gebunden hat und sie verloren wäre, käme der Vertrag nicht zustande. Die Antizipation dieses Anstiegs der Verhandlungsmacht des (B) kann dazu führen, dass die Investition von (A) nicht getätigt wird und das Geschäft nicht zustande kommt. In einer Hold-Up-Situation werden also ex post Informationen enthüllt (über die hinterhältigen Absichten des (B)), deren Fehlen ex ante zu falschen Anreizen geführt hat.

3. Principal-Agent-Beziehungen bei externen Ratings

Im Folgenden sollen die Vorüberlegungen zu Principal-Agent-Beziehungen, welche auf einem Informationsnachteil des Principals gegenüber dem Agenten und der Abhängigkeit des Nutzens des Principals von der unbeobachteten Handlung des Agenten nach Vertragsschluss basieren, auf die Probleme übertragen werden, die sich bei der Bewertung von Staatsanleihen durch Ratingagenturen ergeben. Dabei werden die Beziehungen zwischen den drei Akteuren Staat, Kapitalgeber und Ratingagentu­ren paarweise betrachtet, um schließlich ein Beziehungsdreieck aufstellen zu können.

3.1 Kapitalmarkt und Staat

Staaten nehmen in der Gegenwart Schulden auf, um über zukünftig zu erwartende Einnahmen bereits in der Gegenwart verfügen zu können (vgl. Burda/ Wyplosz 2006: 102). Dabei stehen verschiedene Kreditinstrumente zur Verfügung, wobei Direktaus­leihungen bei Kreditinstituten und Anleihen zu den wichtigsten Quellen öffentlicher Verschuldung zählen (vgl. Bundesbank 2010: 60*). Anleihen werden an Privatperso­nen und institutionelle Anleger ausgegeben, wobei wie beijeder anderen Kapitalanla­ge ein Ausfallrisiko besteht. Die Beziehung zwischen Kapitalgeber und dem Staat als Kapitalnehmer kann als Principal-Agent-Beziehung beschrieben werden, da ein Vertrag über die künftige Rückzahlung des in der Gegenwart geliehenen Kapitals geschlossen wird. Die Beziehung ist durch ein Informationsdefizit des Kapitalgebers mit Blick auf die Kreditwürdigkeit des Staates, dessen Fähigkeit zur Rückzahlung der Verbindlichkeit und dessen Verhalten mit Bezug auf die Erfüllung des Vertrags gekennzeichnet. Dementsprechend können der Kapitalgeber als Principal und der Staat als Agent charakterisiert werden.

Das Informationsdefizit des Kapitalgebers mit Blick auf das Verhalten des Staates ist dreierlei Natur (vgl. Haagen 2004: 3f.). Zum einen besteht vor Abschluss des Vertrages Unsicherheit darüber, ob der Staat zum Fälligkeitszeitpunkt in der Lage sein wird, den Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Da der Kapitalgeber die Qualität der verschiedenen Schuldner nicht kennt, wird er einen durchschnittlichen, für alle Kapitalnehmer geltenden, Risikoaufschlag in seine Kreditkonditionen einrechnen. Kreditnehmer mit hoher Qualität werden auf diese Weise benachteiligt und ziehen sich vom Kapitalmarkt zurück, um sich anderweitig günstiger Kapital zu

[...]


1 Für diesen Absatz vgl. Feess (2000: 583-623)

2 Obwohl dies üblicherweise der Fall ist, müssen Auftraggeber und Auftragnehmer nicht immer als Prinzipal respektive Agent charakterisiert werden. Ausschlaggebend für die Rollenverteilung ist, welcher der beiden Akteure den anderen zu einer Handlung in seinem Sinne bewegen will und auf wessen Seite das Informationsdefizit besteht. Auch muss in einer weiten Auslegung der Principal- Agent-Theorie kein explizites Vertragsverhältnis bestehen.

3 Gebrauchtwagen schlechter Qualität werden in den USA als ,lemons‘ bezeichnet.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der politische Einfluss von Ratingagenturen als Akteure privater Global Governance
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Weltgesellschaft und Weltordnung
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V167921
ISBN (eBook)
9783640848218
ISBN (Buch)
9783640843947
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Global Governance, Ratingagenturen, Principal Agent, Moody's, Standard & Poor's, Fitch, Rating-Agenturen, Credit Rating Agencies
Arbeit zitieren
Malte Turski (Autor), 2010, Der politische Einfluss von Ratingagenturen als Akteure privater Global Governance, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167921

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