Politik und Religion – Hölderlins "Brod und Wein"


Masterarbeit, 2010

99 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Vorwort zur verwendeten Forschungsliteratur (Auswahl)

Emil Petzold leistete durch seine 1896 erschienene Arbeit "Hölderlins Brod und Wein. Ein exegetischer Versuch"[1] auf dem Gebiet der Hölderlinforschung eine bahnbrechende Pionierarbeit, indem er die umfangreichste Elegie des lange verkannten Dichters ergiebig ausdeutete. Auch wenn manche seiner Thesen inzwischen aufgrund neuerer Erkenntnisse abgelehnt werden müssen und Petzold selbst keine vollständige Interpretation zu leisten beanspruchte[2], so muss seine Arbeit doch als lösender Meilenstein in der verhärteten Hölderlinrezeption angesehen werden, die lange Zeit keinen rechten Sinn in den lyrischen Schriften ausmachen konnte. Insbesondere jene Werke, welche der zweiten Lebenshälfte des Dichters entstammen, sind in der zeitgenössischen Wahrnehmung oftmals als dem Wahnsinn entsprungen erachtet worden, eine grobe Fehleinschätzung, mit der Petzold aufräumte, indem er den tiefgreifenden Sinn der Hölderlinschen Dichtung offenlegte. Entsprechend soll auf diese historische Abhandlung bisweilen zurückgegriffen werden, wenn sie sich zur Erhellung manch schwieriger Passage als nützlich erweist.

Über ein halbes Jahrhundert später wurde das Gedicht eingehend von Jochen Schmidt interpretiert in dessen 1968 veröffentlichter Dissertation "Hölderlins Elegie 'Brod und Wein'. Die Entwicklung des hymnischen Stils in der elegischen Dichtung"[3]. Schmidt gelang eine eindrucksvolle Ausdeutung des Werkes unter Berücksichtigung intertextueller Verweise und historisch-biografischer Begebenheiten. Auch wenn nicht allen Punkten dieser Interpretation zugestimmt werden kann, erscheint sie doch als wegweisender Leitfaden bei der Betrachtung des tiefsinnigen Gedichtes, auf den zurückzugreifen sich in frequentierter Weise lohnt.

Eine jüngere Untersuchung der Elegie stammt von Claudia Amtmann-Chornitzer und trägt den Titel: "'Schöne Welt, wo bist du?', Die Rückkehr des Goldenen Zeitalters in geschichtsphilosophischen Gedichten von Schiller, Novalis und Hölderlin"[4]. Die 1997 erschienene Arbeit bietet einen kompakten Einblick in die besondere Gedankenführung von Brod und Wein, stellt anschaulich die wesentlichen Aspekte heraus und eignet sich somit als grundlegende Unterstützung für eine tiefergehende Interpretation. Aus ihr soll zwar seltener, dafür aber umso gezielter zitiert werden als aus den Arbeiten Petzolds und Schmidts.

Bei der Recherche zum griechischen Weingott Dionysos, dessen Mythos in einem gesonderten Exkurs dargelegt werden soll, hat sich die Abhandlung von Walter F. Otto mit dem Titel "Dionysos. Mythos und Kultus"[5] als sehr einschlägige Einführung herausgestellt. Der Text wurde schon 1933 veröffentlicht und befindet sich somit nicht auf dem aktuellen Forschungsstand, bietet jedoch einen leicht zugänglichen und überaus lehrreichen Einblick in das vielschichtige Wesen des antiken Halbgottes, dies eingebettet in eine besonders lesbare, beinah schöngeistige Sprachgestalt.

Eine weitaus jüngere Untersuchung des Dionysos-Mythos wurde von Friedrich Wilhelm Hamdorf unternommen; sein 1987 veröffentlichtes Buch "Dionysos, Bacchus. Kult und Wandlungen des Weingottes"[6] beinhaltet eine lückenlose Aufarbeitung der dionysischen Mythologie und übertrifft unter akademischen Gesichtspunkten Ottos eher literarisch gehaltenes Werk. Hamdorf stellt die zahlreichen Facetten des Weingottes in isolierten Abschnitten heraus, ohne je die Übersicht oder Verständlichkeit zu vernachlässigen, und soll deshalb im Exkurs mitunter zu Rate gezogen werden.

Wenige Jahre später untersuchte Uwe Beyer die Verarbeitung des Dionysos-Stoffes im Werk Hölderlins. In seiner 1992 vollendeten Dissertationsschrift "Christus und Dionysos. Ihre widerstreitende Bedeutung im Denken Hölderlins und Nietzsches"[7] stellt der Autor zunächst ausführlich den Mythos dar, um anschließend zu hinterfragen, welche Elemente Hölderlin in seine Dichtung übernahm und welche er außer Acht ließ, all dies unter besonderer Berücksichtigung der Elegie Brod und Wein. Insofern wird Beyers Abhandlung nicht nur für den Exkurs, sondern auch im Zuge der Strophenbesprechungen des Primärtextes eine Hilfe sein.

Gleiches gilt für die 2006 veröffentlichte Arbeit Max L. Baeumers mit dem Titel "Dionysos und das Dionysische in der antiken und deutschen Literatur"[8]. Auch Baeumer verdeutlicht präzise die Unterschiede zwischen dem ursprünglichen Mythos und Hölderlins abwandelnder Weiterverarbeitung desselben. Die Forschungsarbeit setzt sich ausgiebig mit Hölderlins Werk auseinander und liefert wichtige Deutungshinweise für die große Elegie Brod und Wein; somit wird auch sie über den Exkurs hinaus brauchbar sein.

Der Primärtext wird zitiert nach der Historisch-kritischen Frankfurter Ausgabe durch die Herausgabe von D. E. Sattler.[9]

Auch wenn eine Betrachtung früherer Textfassungen und späterer Überarbeitungsschichten gewiss ein eindringlicheres Verständnis der Elegie ermöglichen würde, kann im begrenzten Rahmen dieser Arbeit nur auf die Gestalt der Reinschrift des Jahres 1802 eingegangen werden.

Einleitung

Als Friedrich Hölderlin in den Jahren 1800/01 seine bedeutenden Widmungselegien Heimkunft, Stutgard, das fragmentarische Der Gang aufs Land und – allen voran – Brod und Wein schuf, stand seine Dichtung ganz im Zeichen der Gegenwart, welche ihm aufgrund der militärisch-politischen Geschehnisse als eine Zeit "des Erwachens und des freudigen Aufbruchs in eine neue, lichte Zukunft"[10] erschien.

Schon als Jugendlicher, während seiner Jahre im Tübinger Stift, war Hölderlin nebst seinen guten Freunden, den Philosophen Hegel und Schelling, ein eifriger Verfechter der Französischen Revolution und ihrer proklamierten Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. "Die mit der Revolution eingeleiteten Umwälzungen in Frankreich erwartet Hölderlin auch für sein eigenes Vaterland, das meint konkret: er erhofft auch für Deutschland die Abschaffung des Absolutismus und die Einrichtung von freiheitlichen Republiken."[11]

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangen Frankreich unter der Führung von Napoleon im Zuge des Zweiten Koalitionskrieges entscheidende Siege gegen die monarchischen Großmächte Österreich und Preußen, woraufhin diese sich in Verhandlungen fügen mussten. "Sie wurden am 2. Januar 1801 im ostfranzösischen Lunéville eröffnet und endeten dort am 9. Februar mit der Unterzeichnung eines Friedensvertrages."[12]

"Ein sich nur noch dahinschleppender, langsam einschlafender Krieg, Vereinbarungen über Waffenruhe und Friedensverhandlungen kennzeichnen also die politische Situation während der Zeit, in der Hölderlin seine große Elegie schreibt. Und gerade dieses Werden des Friedens sieht der Dichter mit wachen Augen."[13]

Hölderlin spürte die historische Gelegenheit für eine neue Hochkultur im Abendland nahen, wie sie nach seiner Vorstellung im antiken Griechenland vor etwa zweitausend Jahren schon einmal Wirklichkeit war: ein Zeitalter des Friedens und der Gottverbundenheit, das die dunkle Nachtzeit der Gegenwart überwinden und eine erneute Tagzeit einleiten würde. Als Dichter sah er seine Aufgabe darin, die Menschen aus ihrem Schlaf zu erwecken und für dieses bevorstehende Großereignis, die kommende Götterzeit, wachzurütteln. Durch seine Widmungselegien beabsichtigte Hölderlin all jene, mit denen er sich im Geiste verbunden fühlte, von der sich ankündigenden Zeitenwende zu überzeugen und entsprechend zu mobilisieren, "damit sie seine Mitstreiter werden beim Verkünden und Verbreiten der Botschaft von der geschichtlichen Chance auf eine das Leben der Menschen erfüllende Zeit, einer Chance, die jetzt zu ergreifen sei."[14]

Während viele in den politischen Vorgängen und dem zwangsweise unterzeichneten Friedensvertrag bloß militärstrategisches Kalkül vermuteten, das kaum von Dauer sei und gewiss keine historische Dimension erreichen werde, wähnte Hölderlin sich vor dem lange ersehnten Ende der götterfernen Finsternis und einer neuerlichen Epiphanie der Himmlischen, so sie von den Griechen überliefert ist. Wie eng verwoben Politik und Religion in Hölderlins Denken waren und mit welchem Ernst er mythologische Inhalte in sein Weltbild einfließen ließ, geht aus seinem gesamten Werk, insbesondere aber aus den Elegien jener Zeit hervor, welche auf symbolhaft-verklärte Weise das geschichtliche Geschehen als zyklischen Wechsel von Tag- und Nachtzeit, von Götternähe und Götterferne begreifen. Nirgendwo wird Hölderlins eigentümliche Geschichtsschau so deutlich und ausgiebig behandelt wie in der umfangreichsten aller Elegien Brod und Wein, deren möglichst erschöpfende Ausdeutung die vorliegende Arbeit anstrebt.

"Jede größere Studie über Hölderlin widmet der Elegie 'Brod und Wein' wenigstens eine kurze Darstellung. Aus ihr wird mehr als aus allen anderen Gedichten Hölderlins zitiert, weil sie die Gedankenwelt des Dichters in außergewöhnlicher Vollkommenheit umschließt."[15]

Das Gedicht, welches streng triadisch strukturiert ist, verdeutlicht in drei Stufen Hölderlins Vorstellung vom kreisförmigen Verlauf der Weltgeschichte, indem die erste Strophentrias eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Nachtzeit bietet, die zweite Strophentrias auf nostalgisch-elegische Weise auf die einstige Tagzeit im antiken Griechenland zurückblickt, und die abschließende Strophentrias voller Hoffnungsfreude auf eine baldige Wiederkehr der Himmlischen vorausschaut, welche die 'dürftige Zeit' beenden und einen neuen Tag anbrechen lassen würde.

Dieser dreiteiligen Architektur soll im Verlaufe der Interpretation gefolgt werden, denn es erscheint wenig sinnvoll, die gegebene Gliederung willkürlich auseinanderzubrechen und ohne Anlass für Verwirrung zu sorgen, wo zuvor eine wohldurchdachte Ordnung herrschte.

Um der Bedeutung der Elegienstruktur gerecht zu werden, sei ihr zu Beginn ein eigener Abschnitt gegeben, der die Dreiteilung näher in den Blick nimmt und die einzelnen Strophentriaden bezüglich ihres Gehaltes präziser bestimmt. Auch soll dort die metrische Gestaltung mitsamt ihren Besonderheiten – denn derer sind manche von Belang vorhanden – benannt und auf ihre poetische Funktion hin untersucht werden.

Nach dieser Einführung in den Aufbau der Elegie soll die erste Strophentrias in einem isolierten Teil unter der einschlägigen Überschrift "Die gegenwärtige Nacht" interpretiert werden. Dort wird zu zeigen sein, welche Eigenschaften Hölderlin der Nachtzeit zuspricht und inwiefern die Götterferne als Phase der 'Schonung' aufgefasst wird. Überdies verlangen die Begriffe des 'Heiligen Gedächtnisses' sowie des allen gemeinsamen 'Maßes' nähere Beachtung; auch klingt hier bereits erstmals die Vorstellung des 'Gemeingeistes' an, welche im weiteren Verlauf der Elegie noch von entscheidender Bedeutung sein wird. Schon in der zweiten Strophe im Ausdruck des 'Heiligtrunkenen', jedoch in aller Deutlichkeit zum Ende der dritten Strophe in der Umschreibung 'der kommende Gott', ist auf den antiken Halbgott Dionysos verwiesen, der für die Elegie, welche in einer frühen Fassung Der Weingott hieß[16], von zentraler Wichtigkeit ist.

Insofern erscheint es notwendig, zum Abschluss des ersten Teiles und vor der Aufnahme des zweiten die Untersuchung durch einen Exkurs zu unterbrechen, welcher näher und tiefer in die Mythologie und das Wesen dieses Halbgottes einführt. Neben einer knappen Darlegung der Entstehung und Verbreitung des Mythos soll vor allem seine Bedeutung für Hölderlins Werk herausgestellt werden. Hierbei wird insbesondere auffallen, dass der Dichter nur eine von zwei bekannten Seiten des Dionysos übernahm, namentlich die Eigenschaften der Beseelung und Inspiration, nicht aber jene der Gewalt, der Vernichtung und des Todes.

Der darauf folgende zweite Teil der Arbeit widmet sich der mittleren Strophentrias, in deren Zentrum der nostalgische Rückblick auf die einstmalige Zeit lichter Götternähe steht, wie Hölderlin sie im antiken Griechenland erfüllt sah. Entsprechend soll die Überschrift "Der einstige Göttertag in Griechenland" lauten. In den Strophen vier bis sechs werden sich zwei Aspekte von besonderer Bedeutung herauskristallisieren: Zum einen bietet Hölderlin im Mittelteil seiner Elegie eine pflanzenmetaphorische Beschreibung seiner ganz persönlichen Vorstellung von der Entstehung, dem Aufblühen und letztlichem Verfall menschlicher Kultur, als deren Wachstumsgrund er die göttliche Eingebung in der Gestalt des 'Vater Äther' nennt. Der aus dem begeisternden 'Äther' resultierende 'Gemeingeist', der bereits in der ersten Strophentrias angedeutet war, kommt hier in ganzer Gestalt zum Ausdruck und verlangt eine entsprechende Beachtung. Zum anderen wird an dieser Stelle Hölderlins originelle Geschichtsschau deutlich, die sich wesentlich von der allgemeinen seiner Zeit unterscheidet, indem er die Erscheinung Christi nicht etwa als Beginn einer neuen, hellen Götterzeit feiert, wie es der kirchlichen Lehre gemäß wäre, sondern den Gottessohn stattdessen dem Kreis der antiken Gottheiten des Olymps zurechnet, der von seinem Vater Zeus berufen war, das Fest des Tages abzuschließen, ehe er gemeinsam mit den restlichen Himmlischen aus dem Bereich des Irdischen schied.

Der dritte Teil wendet sich der letzten Strophentrias zu, welche unzweifelhaft die bedeutendste von allen ist. Hölderlins ganze Zuversicht vom nahenden Göttertag prägt sich in den Strophen sieben bis neun aus, welche ihn überhaupt erst zur Niederschrift seiner Widmungselegien veranlasste. Demgemäß soll dieser abschließende Teil mit der Überschrift "Der künftige Göttertag in Hesperien" versehen werden. Nicht nur äußert sich in diesen Strophen Hölderlins Auffassung vom Dichtertum als priesterliche Tätigkeit zur Erweckung des menschlichen Gemeingeistes – der notwendigen Voraussetzung für das Erblühen einer neuen Hochkultur –, auch zeigt sich zum Ende der Elegie die unmissverständliche Absicht des Dichters, das Christentum mit der antiken Götterwelt zu vereinen, indem den jeweiligen Stellvertretern Dionysos und Christus gleichermaßen die Gaben Brot und Wein als Attribute zugeschrieben werden. Um diese einzigartige Religionssynthese vollständig zu begreifen und ihren Sinnbezug zur historisch-politischen Situation zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zu entschlüsseln, wird die ansonsten vorwiegend werkimmanente Betrachtung stellenweise über den Text hinausgehen, um vertiefend den geschichtlich-biografischen Hintergrund des Dichters aufzuzeigen, wie er zu Beginn dieser Einleitung nur im Groben aufgegriffen wurde. Im Kontext der kosmopolitischen Ereignisse zur Entstehungszeit von Brod und Wein sollen die persönlichen Erfahrungen und Gegebenheiten im Leben Hölderlins in die Interpretation einfließen. Auch werden bisweilen einschlägige Briefstellen des Dichters zitiert, sofern sie sich als hilfreich für das Verständnis des Primärtextes erweisen.

Nach der abgeschlossenen Exegese steht das Resümee, welches das Erarbeitete in bündiger Form zusammenfasst und die gesammelten Erkenntnisse zu einem sinnstiftenden Ganzen fügt. Zuletzt folgt auf der Grundlage der Untersuchungsergebnisse ein Fazit zu Hölderlins mythologisch-christlichem Weltbild und seiner Bedeutung für die Kultur des Abendlandes.

Die Struktur und das Metrum

Bereits in der Einleitung wurde auf die streng trichotomische Struktur der Elegie hingewiesen. Sie ergibt sich aus drei Strophentriaden, welche ihrerseits aus jeweils drei Strophen bestehen, von denen jede einzelne sich wiederum aus drei Distichentriaden zusammensetzt.

Vom Großen bis ins Kleine bildet diese rigide Dreierstrukturierung eine erkennbare Themenordnung, die den Text in harmonischer Balance gleichermaßen trennt und zusammenhält.

In der Übersicht lassen sich folgende Zwischenüberschriften finden[17]:

I. Die erste Strophentrias: Die gegenwärtige Nacht

Die erste Strophe: Der Anbruch der Nacht

1. Distichentrias: Der Abschluss des geschäftigen Tages
2. Distichentrias: Die mystische Einkehr des Abends
3. Distichentrias: Der Anbruch der schwärmerischen Nacht

Die zweite Strophe: Die Wirkung der Nacht

1. Distichentrias: Die Nacht als Zeit geistiger Bereitung
2. Distichentrias: Die Nacht als Phase stillen Wartens
3. Distichentrias: Das hohe Andenken im Rausch heiliger Trunkenheit

Die dritte Strophe: Der nächtliche Gemeingeist

1. Distichentrias: Das göttliche Feuer in der Nacht
2. Distichentrias: Das allen gemeinsame Maß
3. Distichentrias: Der Aufbruch ins Land des kommenden Gottes

II. Die zweite Strophentrias: Der einstige Göttertag in Griechenland

Die vierte Strophe: Der Ursprung der Kultur

1. Distichentrias: Die elegische Schau Griechenlands als verlassener Götterstätte
2. Distichentrias: Der Äther als göttliche Inspiration und zündender Funke
3. Distichentrias: Der menschliche Gemeingeist als Wachstumsgrund der Kultur

Die fünfte Strophe: Das Reifen der Kultur

1. Distichentrias: Der Zustand menschlicher Unreife
2. Distichentrias: Die Gewöhnung ans göttliche Licht
3. Distichentrias: Die Benennung der Himmlischen als Anfang der Kultur

Die sechste Strophe: Die Blüte der Kultur

1. Distichentrias: Die Ehrung der Götter als Ziel kulturellen Schaffens
2. Distichentrias: Die sichtbaren Spuren der Kultur
3. Distichentrias: Die Vollendung des Göttertags durch Christus

III. Die dritte Strophentrias: Der künftige Göttertag in Hesperien

Die siebte Strophe: Die nächtliche Zwischenzeit

1. Distichentrias: Die Nacht als Zeit notwendiger Schonung
2. Distichentrias: Die Nacht als Zeit des Reifens
3. Distichentrias: Die Dichter als inspirative Bereiter der Menschheit

Die achte Strophe: Die Göttergaben Brot und Wein

1. Distichentrias: Die Erinnerung an die Abkehr der Himmlischen
2. Distichentrias: Brot und Wein als mittelbare Götterspuren in der Finsternis
3. Distichentrias: Brot und Wein als Hoffnungsspender neuer gotterfüllter Zeit

Die neunte Strophe: Vorausschau auf die bevorstehende Zeitenwende

1. Distichentrias: Der göttliche Bereich des Dionysos
2. Distichentrias: Der göttliche Bereich Christi
3.Distichentrias: Die Synthese Dionysos-Christus als religiöse Sphäre einer neuen Hochkultur

Dieser strukturellen Einteilung soll im Verlaufe der Arbeit gefolgt werden, da ihre Gestaltung für das Verständnis der Elegie von entscheidender Bedeutung ist und jede eigenwillige Abweichung nur Verwirrung hervorbrächte.

Einzig die siebte Strophe verstößt gegen diese ansonsten rigide eingehaltene Dreierstrukturierung, indem dort ein Distichon ausgelassen ist. Friedrich Beißner vermutet darin ein schlichtes Versehen Hölderlins und notiert in seinen Erläuterungen:

"Hölderlin hat das selbst erst ganz spät [...] bemerkt, oder richtiger: vermutet. Er zählt darum mit eingetunkter Feder die Distichen der 6. Strophe nach (Punkte vor den Hexametern) und dann ebenso die der 7. Strophe: dabei erhält versehentlich auch der Pentameter V. 114, der zufällig über und unter sich einen etwas breiteren Zwischenraum hat als gewöhnlich, einen Punkt, so daß schließlich auch die 7. Strophe auf neun Punkte kommt. Der Irrtum wird auch später nicht entdeckt."[18]

In der Forschung wird Beißners Versehens-These gemeinhin übernommen[19] ; eine Ausnahme bildet Rainer Nägele, der in diesem Strukturbruch eine Konkordanz mit der in den entsprechenden Versen ausgedrückten Verunsicherung des lyrischen Ichs sieht, das in der betreffenden siebten Strophe die anhaltende Abwesenheit der Himmlischen beklagt[20]:

"Scheinbar sinnlos hängen die Fäden der eben entzifferten Geschichte ins Leere. Der Schock dieser Erfahrung stellt die poetische Existenz selbst in Frage und mit ihr den poetischen Kalkül. Das fehlende Distichon dieser Strophe ist nur der sichtbare Ausdruck einer Erschütterung, deren Ausmaß gerade daran ablesbar ist, daß sie sich im Äußerlichsten, im mechanischen Zahlenkalkül verrät [...]."[21]

Neben dieser vereinzelten Unterbrechung der triadischen Gliederung, deren dichterische Absicht in Frage steht, bestehen Brüche im Metrum, die unzweifelhaft den Sinngehalt zu verstärken bestimmt sind.

Um diese aufzuzeigen, sei kurz die übliche Metrik der Elegiendichtung dargelegt. Nach dem Vorbild antiker römischer Dichter wie Ovid, Properz oder Tibull sind in der deutschen Literatur seit Klopstock und später auch in den Werken Schillers, Goethes und Hölderlins die Elegien in Distichen verfasst. Für gewöhnlich besteht ein Distichon (gr. 'Zweizeiler') aus einem Hexameter (gr. 'Sechsmaß') und einem Pentameter (gr. 'Fünfmaß'). Die ersten vier Metren des Hexameters werden von Daktylen (ein Versfuß bestehend aus einer langen und zwei kurzen Silben) gebildet, an deren Stelle wahlweise auch Trochäen (eine lange Silbe gefolgt von einer kurzen) treten können. Im fünften Metrum steht ein obligatorischer Daktylus, während ein Trochäus den Hexameter abschließt. Der Pentameter als zweiter Vers des Distichons setzt sich in den ersten zwei Metren aus Daktylen zusammen, die durch Trochäen ersetzt werden können, bietet in der Mitte einen Daktylus, dem nach der betonten Silbe jedoch keine Senkungen folgen, sodass es mit dem obligatorischen Daktylus im vierten Metrum zu einem sogenannten Hebungsprall kommt, indem dort zwei betonte Silben aufeinandertreffen. Im fünften Metrum des Pentameters steht ein weiterer Daktylus, dem im abschließenden sechsten Metrum ein neuerlicher Daktylus ohne Senkungen folgt.

Das Metrum des Distichons lässt sich demnach folgendermaßen darstellen[22]:

Hexameter: – υ (υ) | – υ (υ) | – υ (υ) | – υ (υ) | – υ υ | – υ

Pentameter: – υ (υ) | – υ (υ) | – || – υ υ | – υ υ | –

Diesem Muster, das der elegischen Dichtung seit antiker Zeit zugrunde liegt, folgt auch Hölderlin in seiner Elegie Brod und Wein. Allerdings finden sich, wie schon bemerkt, stellenweise Abweichungen vom gewöhnlichen Metrum, die den Inhalt in besonderer Weise unterstreichen. Bereits im ersten Hexameter der ersten Strophe[23] setzt Hölderlin in der Versmitte vor das Wort "still" ein Semikolon und markiert auf diese Weise einen bedeutenden Einschnitt.

"Metrisch müssten bei den ersten beiden Silben nach der Zäsur eine Senkung und eine Hebung folgen. Doch eine solche Betonung scheint wenig sinnvoll zu sein. Müsste nicht eher das Kernwort 'still' hervorgehoben werden? In diesem Fall entstünde ein Hebungsprall in der Versmitte – wie beim Pentameter. Ihm würden, metrisch unzulässig, drei Senkungen folgen. Und doch würde gerade diese prosarhythmische Betonung an dieser Stelle dem Gehalte entsprechen: Sie würde den Eindruck verstärken, dass die abendliche Stadt zur Ruhe kommt."[24]

Ein vergleichbarer metrischer Bruch findet sich im dritten Hexameter der ersten Strophe[25].

"Auch hier setzt Hölderlin ein Semikolon nach der dritten Hebung. Das folgende Kernwort 'leer' würde, wäre es zu betonen, wiederum einen Hebungsprall erzeugen, der zwar regelwidrig für den Hexameter, aber gehaltlich stimmiger wäre. Er würde die Szene des geräumten, verlassenen Marktes eindringlicher metrisch umsetzen."[26]

Auch im darauffolgenden Hexameter[27] scheint Hölderlin einen metrisch ungültigen Hebungsprall erzeugen zu wollen, indem die Worte "tönt" und "fern" gleichsam betont gesprochen werden.[28]

Eine letzte auffällige Abweichung vom üblichen Metrum zeigt sich im letzten Hexameter der fünften Strophe.[29] "Durch Hebungsprall werden dort die gewichtigen temporalen Aufgaben 'zuvor; nun' betont."[30]

Während Hölderlin in den beschriebenen Hexametern Hebungspralle erzeugt, die sich normalerweise nur in den Pentametern finden, lässt er die Hebungspralle in manchen Pentametern wegfallen, um dort den ungebrochenen Sprachfluss des Hexameters zu erreichen. So scheint der typische Hebungsprall im Pentameter des zweiten Distichons der dritten Strophe[31] zu entfallen. "Der durch Kürzung des Verses um eine Hebung erzielten rhythmischen Beschleunigung entspricht gehaltlich die imaginierte Bewegung des Aufbruchs."[32]

Noch in drei weiteren Pentametern, den Versen 58[33], 96[34] sowie 156[35], weicht Hölderlin offenbar vom üblichen Versschema ab und erhält "durch den Wegfall des Hebungspralls einen strömenden Vers mit fünf anstatt sechs Hebungen, der den hymnisch begeisterten Ton des lyrischen Ichs formal zum Ausdruck bringt."[36]

All diese metrischen Besonderheiten werden an den entsprechenden Stellen des nun folgenden Hauptteils noch umfassendere Beachtung finden.

I. Die erste Strophentrias: Die gegenwärtige Nacht

1.1 Die erste Strophe: Der Anbruch der Nacht

Erst im Jahre 1894, beinah ein Jahrhundert nach der Fertigstellung, erschien Hölderlins große Elegie Brod und Wein vollständig im Druck durch die Herausgabe von Carl Müller-Rastatt in: "Friedrich Hölderlin. Sein Leben und sein Dichten. Mit einem Anhange ungedruckter Gedichte Hölderlins."[37]

Die erste Strophe wurde hingegen bereits 1807 im Musenalmanach des Freiherrn von Seckendorf als eigenständiges Werk unter dem Titel "Die Nacht" veröffentlicht.

"Hölderlin hatte im Frühling 1804 den Kontakt zu Seckendorf (1773-1809) gesucht und ihm vielleicht im Juni diesen Jahres auf seiner Reise von Nürtingen nach Homburg in Stuttgart, dem Wohnort Seckendorfs, die Textvorlage übergeben [...]."[38]

Der Grund, weshalb Seckendorf – übrigens ohne Hölderlins Kenntnis – nur die erste Strophe von Brod und Wein verlegte, liegt wohl in der Tatsache begründet, dass die ersten neun Distichen auch ohne den Kontext der restlichen Strophen als geschlossenes Werk lesbar und verständlich sind, mehr noch, eine eindrucksvolle Schilderung der aufkommenden Nacht bieten, die voller Inspiration und geistvoller Beseelung ist. Insofern bilden die ersten achtzehn Verse, "obwohl nicht getrennt von den andern Strophen konzipiert, eine Einheit."[39]

Zudem mochte der Freiherr den Rest der Elegie als allzu wirr und schwierig empfunden haben, um sie der zeitgenössischen Leserschaft zuzumuten, ja offenbar wirkten die Verse auf ihn derart unergründlich, dass er annahm, der Dichter habe sie im Zuge seines sich mehr und mehr ausbreitenden 'Wahnsinns' verfasst. So erlaubte Seckendorf sich bei der Herausgabe gar editorische Freiheiten und begründete diese in einem Brief vom 7. Februar des betreffendes Jahres an Hölderlins betreuenden Arzt Justinus Kerner wie folgt: "Er weiß nichts, daß von seinen Gedichten etwas im Almanach gedruckt ist, denn als ich Sinklair davon schrieb, war er unzugänglich. Ich habe sie mit äußerster Schonung, aber doch hie und da verändern müssen, um nur Sinn hineinzubringen."[40]

Schon Petzold befasste sich mit diesem charakteristischen Vorurteil der frühen Hölderlinrezeption, welche in einem Großteil der poetischen Werke wenig Sinn finden konnte, und erklärte den in der Tat problematischen Zugang der Gedichte damit, dass Hölderlin beim Verfassen seiner Werke in der Regel kein großes Publikum im Blick hatte, ganz im Gegensatz etwa zu Goethe, der seine Arbeiten stets möglichst weit verbreitet wissen wollte. Insbesondere Hölderlins Elegien waren nur für einen engen Kreis bestimmt, für Gleichgesonnene, womöglich gar nur für jene Personen, denen die Widmungen galten.

"Jener [Goethe] war gezwungen, klar und erschöpfend vorzutragen und beim Gegenstand zu bleiben, dieser [Hölderlin] durfte voraussetzen, andeuten, erinnern, Persönliches mit Allgemeinem verweben; Freunden genügen Blicke, Winke, halbe Laute, und sie nehmen gleichen Antheil an dem Mittheilenden, wie an der Mittheilung."[41]

So wurde von Hölderlins bedeutender Elegie zunächst nur die erste Strophe bekannt, welche allerdings prägende Eindrücke auf namhafte Zeitgenossen hinterließ.

"So beschrieb Clemens Brentano (1778-1842) [...] den Text als 'klar und sternenhell und einsam und eine rück- und vorwärts tönende Glocke aller Erinnerung."[42]

Auch bekannte Künstler der Nachwelt kommentierten die erste Strophe der Hölderlinschen Elegie mit Worten höchster Bewunderung, so beispielsweise der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse (1877-1962), der die ersten Verse als Schüler in einem Lesebuch entdeckte: "Nie mehr, so viel und so begeistert ich auch als Jüngling las, haben Dichterworte mich so völlig bezaubert, wie diese damals den Knaben."[43]

Ohne das Wissen um die restlichen Strophen muss der Anfang der Elegie als recht authentische Beschreibung des Überganges von Tag zu Nacht erscheinen, freilich durchwoben von eindringlichen Elementen der romantischen Dichtung, denn "zwei Hauptmotive der romantischen Poesie, das der Ferne und das des Verfließens der Zeit, sind [...] in seltener Reinheit verkörpert."[44]

Das zarte Erregen der Gefühle, das mit der weihevollen Stille des Abends und zuletzt dem Glanz des nächtlichen Sternenzeltes einhergeht, bewirkt die seltsam unnahbare Eleganz und Anziehungskraft der Anfangsverse. Das erste Distichon ist beherrscht vom Eindruck einkehrender Ruhe nach dem ereignisreichen Tagwerk: "Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse, / Und, mit Fakeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg."[45]

Allerorts verstummt die zuvor lautstark erregte Stadt, Stille und Einkehr treten an die Stelle lärmender Geschäftigkeit; ein ungewöhnlicher Hebungsprall in der Mitte des ersten Hexameters bewirkt die Betonung des gewichtigen Wortes "still", das im Zentrum des ersten Distichons steht. "Das Zur-Ruhe-gehn der Welt gibt den Grundton."[46]

Die mit Fackeln geschmückten Wagen, von denen der erste Pentameter spricht, bieten einen ersten Hinweis auf Dionysos, zu dessen Attributen die leuchtende Fackel zählt. Doch deutet sich in der Anfangsstrophe noch kein zwingender Verweis auf die griechische Mythologie an; bei erster Lektüre lässt sich noch nicht erahnen, dass die anfängliche Beschreibung der hereinbrechenden Nacht allegorisch zu verstehen ist und auf die Verdunkelung eines ganzen Zeitalters hindeutet. Vielmehr scheint der Ausklang eines gewöhnlichen Arbeitstages geschildert, ein anbrechender Abend, an dem die Stände des Marktes schließen und die vom erlebnishaften Treiben froh gesättigten Menschen nachdenklich eine Bilanz ihrer Geschäfte ziehen: "Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen, / Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt."[47]

Im Hexameter des dritten Distichons zeigt sich erneut ein ungültiger Hebungsprall, der die Betonung auf das Wort "leer" legt. Leer ist der Markt von "Trauben und Blumen"[48] – auch dies Attribute des Dionysos –, ferner "ruht der geschäfftige Markt"[49] nunmehr von "Werken der Hand"[50]. Die Menschen begeben sich nach getaner Arbeit "wohlzufrieden"[51] nach Hause, um dort Erholung für den nächsten Tag zu finden.

Während die erste Distichentrias vom Ausklang des Tages kündet, widmet sich die zweite den besonderen Eigenschaften der beginnenden Abendstunden. Hier zeigen sich ganz die Merkmale der Hölderlinschen Romantik, indem eine wohltemperierte Wortwahl und gezielte Sprachharmonie das Aufkeimen seelischer Gefühle abbilden und den Elementen der Stille und Ferne einen vollendeten Ausdruck verleihen. Zunächst erscheint im vierten Hexameter ein neuerlicher Bruch des Metrums, der durch Hebungsprall die Betonung des Wortes "fern"[52] veranlasst. Fern tönt das Saitenspiel aus Gärten; der bestimmte Artikel steht im Gegensatz zum "vieleicht"[53] am Ende des Verses, welches ein "Liebendes"[54] oder aber einen einsamen Mann[55] als mögliche Urheber der Musik ausmacht, einen Mann, der "ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit"[56]. Nach diesem Sinnabschnitt, der in unfasslicher Vagheit gehüllt bleibt, markiert ein Semikolon den Beginn eines neuen Abschnitts, der durch den bestimmten Artikel vor dem Substantiv der "immerquillenden Brunnen"[57] greifbarere, festere Gestalt zeigt. Die "geläutete[n] Gloken" des Hexameters in Vers 11 sind demgegenüber wieder unbestimmt, worauf "die Zahl"[58], welche der Turmwächter als Uhrzeit hinab ruft, wieder eindeutig erscheint. Dieser stete Wechsel von Vagheit und Bestimmtheit, von Nebelhaftem und scharf Umrissenem macht die sonderbare und zugleich so eindringliche Ausdruckskraft der mittleren Distichentrias aus. Feste Konturen, die sich klar erfassen und beschreiben lassen, stoßen auf unklare Silhouetten, die so vage wirken wie Formen in einem Nebelfeld; deutlich Sichtbares prallt auf ahnend Spürbares, sinnlich Wahrnehmbares begegnet intuitiv Fühlbarem.

"Der Rhythmus der Sinneseindrücke wechselt in den sechs Versen regelmäßig zwischen Lautkonturen von feiner Unbestimmtheit und deutlicher Bestimmtheit, zwischen schwebenden Tönen aus der Ferne und Geräuschen aus der Nähe. [...] Dieser Wechsel bewirkt den eigentümlichen atmosphärischen Reiz der Verse."[59]

Die so erschaffene Sphäre des Träumerischen und Seelenöffnenden weist in die Welt des tiefen Gefühls, die von der anbrechenden Nacht auf empfindsamste Weise berührt und erweckt wird; all dies zeigt sich eingebettet in eine Umgebung der Stille und Ruhe, die dem menschlichen Geist Voraussetzung zur Entfaltung ist, wie sie ihm während des aufgeregten Treibens des Tages verwehrt bleibt.

"Stille bezeichnet in sich schon, was durch sie erst möglich wird: Innigkeit, heilige Ahnung, geheimnisvolles Sich-ausströmen tieferer Regungen."[60]

"Es scheint, als wollte der Dichter der Nacht, überhaupt und speciell im Gegensatz zum besonnenen Tag, das Attribut Freiheit im höchsten Ausmasse beilegen. [...] Der Tag ist dem pflichtmässigen, nach Stunden geordneten Handeln gewidmet, die Nacht, wie ja schon aus den nächsten Versen (33-36) erhellt, spontanen Neigungen, der ungebundenen Begeisterung. Eine Tagesordnung gibt es wohl, für die Nacht fehlt der entsprechende Begriff."[61]

Nachdem die erste Distichentrias den Ausklang des Tages mitsamt der einkehrenden Stille beschrieb und die zweite Distichentrias die abendlichen Stunden der sich regenden Gefühle behandelte, widmet sich die dritte und abschließende Distichentrias den besonderen Eigenschaften der Nacht, welche die Erregung der Seelenwelt vervollkommnt und zum Gipfel menschlicher Gefühlserregung treibt.

"War der Tag den Werken der Hand gewidmet, so ist die Nacht das Reich der Seele, das Feld der Hoffnungen. Dem Besonnenen, Klaren, Erfaßbaren, steht das Schwärmerische, Unbestimmte und Unbegreifliche gegenüber [...]."[62]

Im anfänglichen Bild des sich regenden Hains[63] schafft Hölderlin eine naturlandschaftliche Assoziation von der Schönheit zitternden Grases in der Stille der hereinbrechenden Nachtzeit.

"Das 'Wehn', das die Gipfel des Hains 'aufregt', ist der leise erschauernmachende Nachtwind, der zugleich ein geistiges Wehen ist und Regungen der Seele wachruft."[64]

Die Erfahrung kühlen Windes auf der Haut wird zum Gegenstand einer sich erhöhenden Gefühlsregung, das Verb 'aufregen' darf in doppelter Weise als konkretes 'Aufrichten' des Haines und metaphorisches 'Erregen' des Geistes gedeutet werden. Die nächtliche Brise bewegt das Gras und rührt zugleich die Seele des empfindsamen Beobachters. Im anschließenden Pentameter folgt die mit Ausrufezeichen versehene Aufforderung 'Sieh!'[65], das dringliche Anliegen, ein bewegendes Naturerlebnis zu teilen, wie man es von einem Staunenden mit ausgestrecktem Zeigefinger erwartet. Denn nun erscheinen die gleißenden Gestirne am Firmament: Zunächst zieht der Mond herauf, scheinbar widersprüchlich umschrieben als 'Schattenbild unserer Erde', ein Oxymoron also, "eine Stilfigur, die in den letzten Elegien 'Brod und Wein' und 'Heimkunft' mit besonderer Vorliebe verwendet wird."[66]

Der Mond leuchtet in hellem Licht, doch gleicht er dem Schatten in seiner Eigenschaft als treuer Begleiter, steter Erdumkreiser, "ähnlich wie ein Schattenbild der Gestalt, zu der es gehört, stets lautlos nachschwebt."[67]

Schließlich ist im darauffolgenden Hexameter die Nacht benannt; zunächst transitiv umschrieben als "die Schwärmerische"[68], da sie "das seelische Schwärmen in die Unendlichkeit"[69] hervorruft, zuletzt in direkter Bezeichnung am Ende des Verses. Der zugehörige Pentameter greift zunächst das Bild des flammenden Sternenzeltes auf, das der Nacht angehört, sie sei "Voll mit Sternen"[70] und zugleich "wenig bekümmert um uns"[71]. Die Nacht erstrahlt in wunderbarem Sternenglanz, berührt uns auf dem tiefsten Grund des Herzens, macht uns Staunen und Schwärmen kraft ihrer Schönheit; doch all dies tut sie uns nicht zum Gefallen, verfolgt keine Ziele oder Absichten, erstrahlt schlicht um ihrer selbst willen, da sie in ihrer Natur so beschaffen ist und wir zufällig da sind, um ihre Pracht und Anmut wahrzunehmen. Sie ist nicht besorgt, nicht bekümmert um uns und gleicht so den höchsten Göttern, den Himmlischen, von denen es in der siebten Strophe heißen wird: "sie [...] scheinens wenig zu achten, / Ob wir leben [...]."[72]

Die Nacht besitzt göttliche Elemente, lässt uns erschauern und zugleich erstaunen, regt unsagbare Gefühle in uns und weckt ungeahnte Seelenkräfte, die in der tosenden Ablenkung des Tages in derart tiefem Schlaf schlummern, als seien sie uns gar nicht zu eigen. Voll scheinbaren Widerspruchs erwacht unser Geist, wenn der Körper zu ruhen beginnt, und so umschreibt Hölderlin auch die Nacht in ganzer Paradoxie mittels eines neuerlichen Oxymorons als "traurig und prächtig"[73]. Die Nacht als Schwärmerische und Erstaunende erscheint uns geheimnisumwittert und voller Wunder, ist wenig bekümmert um uns und mobilisiert doch all unsere Seelenkräfte; so glänzt sie auf scheinbar widersprechende Weise traurig und prächtig "über Gebirgeshöhn"[74], die "Fremdlingin unter den Menschen"[75], denn nur das Fremde, Unbekannte, Geheimnis- und Wundervolle vermag unser Gemüt zu regen und in der Tiefe zu rühren.[76]

Dergestalt lässt Hölderlin die Nacht heraufziehen in der berühmten ersten Strophe seiner großen Elegie Brod und Wein und macht sie gleich zu Beginn zu einem Hauptbestandteil des Gedichts. Was die Nacht durch ihre machtvolle Wirkung bereitet, wie sie uns Menschen prägt und wohin sie uns führt, dies schildert die zweite Strophe, welche im folgenden Abschnitt zu behandeln ist.

1.2 Die zweite Strophe: Die Wirkung der Nacht

Die erste Distichentrias der zweiten Strophe führt fort, was die letzte Distichentrias der ersten Strophe so tiefgründig aufgegriffen hat: die Beschreibung vom geheimnisvollen und beseelenden Wesen der angebrochenen Nacht, in welcher der Geist – im Gegensatz zur tosenden Tagzeit – die nötige Inspiration und Stille findet, um sich zu öffnen und für Höheres empfindsam zu werden. Von der Nacht als "dürftiger Zeit"[77], wie sie in denkbar negativer Konnotation in der siebten Strophe erscheint, ist hier noch nichts zu spüren. Vielmehr wird sie im ersten Hexameter "wunderbar"[78] genannt und, wie bereits in der ersten Strophe, in einer neuerlichen, überaus positiven Umschreibung als "Hocherhabne"[79] bezeichnet.

Auch wird die "Gunst"[80] der Nacht erwähnt, ihre himmlische Eigenschaft, das menschliche Seelenleben zu erwecken, während der Körper nach den "Werken der Hand" ruht und nach Erholung strebt. "Die Inspiration selbst, das Gefühl höheren, göttlichen Lebens, ist die wunderbare 'Gunst' der Nacht."[81]

Im Pentameter steht die zunächst eigentümlich anmutende Aussage: "[Niemand] Weiß von wannen und was einem geschiehet von ihr."[82] Wohl ist hier auf den ungreifbaren Charakter der Nacht angespielt, wie sie bereits in der ersten Strophe durch das verklärende Wechselspiel von Bestimmtheit und Vagheit so trefflich ausgedrückt ist. Die Wirkungsmacht der Nacht ist so unnahbar, so form- und konturlos, dass wir sie nicht in ihrer ganzen Gestalt zu fassen vermögen; der Mensch ist blind für die wahre Erscheinung der hocherhabenen Nacht, vermag ihr seliges Wesen nicht mit Gewissheit zu erkennen und zu begreifen, sondern spürt es nur intuitiv über das Reich des Geistes, welches sich für die nächtliche Schönheit und Wundersamkeit geöffnet hat.

Das zweite Distichon kennzeichnet die geistvolle und fremdartige Wirkungsweise der Nacht noch ausdrücklicher: "So bewegt sie die Welt und die hoffende Seele der Menschen, / Selbst kein Weiser versteht, was sie bereitet [...]"[83]. Der Mensch versteht nicht, wie die Nacht Einfluss auf seine Seele nimmt, wie sie ihm solche Inspiration verleiht, wie sie den Geist in solch ungeahnte Höhen hebt; allein stellt er voller Begeisterung fest, dass sie wirkt, dass sie die Sinne in eine erweiterte Bewusstseinssphäre trägt, dass sie die Wahrnehmung auf eine so sonderbare Weise schärft, wie es in der geschäftigen Tagzeit, die keine Ruhe für eine solche Seeleneinkehr lässt, schlichtweg undenkbar wäre.

[...]


[1] Emil Petzold: "Hölderlins Brod und Wein. Ein exegetischer Versuch", Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1896. Fortan zitiert als "Petzold".

[2] Immerhin wagte Petzold nach eigenem Bekunden lediglich einen 'exegetischen Versuch' und räumt bereits im Vorwort (6) ein: "Für diesmal muss ich mich zufrieden geben, wenn es mir gelingt, in dem Gedicht Sinn und Zusammenhang nachzuweisen und einiges Licht auf seine innere Genesis zu werfen."

[3] Jochen Schmidt: "Hölderlins Elegie 'Brod und Wein'. Die Entwicklung des hymnischen Stils in der elegischen Dichtung", Walter der Gruyter & Co, Berlin, 1968. Fortan zitiert als "Schmidt".

[4] Claudia Amtmann-Chornitzer: "'Schöne Welt, wo bist du?', Die Rückkehr des Goldenen Zeitalters in geschichtsphilosophischen Gedichten von Schiller, Novalis und Hölderlin", Verlag Palm & Enke, Erlangen und Jena, 1997. Fortan zitiert als "Amtmann-Chornitzer".

[5] Walter F. Otto: "Dionysos. Mythos und Kultus", Frankfurt a.M., 1933. Fortan zitiert als "Otto".

[6] Friedrich Wilhelm Hamdorf: "Dionysos, Bacchus. Kult und Wandlungen des Weingottes", Verlag Georg D.W. Callwey, München, 1986. Fortan zitiert als "Hamdorf".

[7] Uwe Beyer: "Christus und Dionysos. Ihre widerstreitende Bedeutung im Denken Hölderlins und Nietzsches", Lit Verlag, Münster/ Hamburg, 1992. Fortan zitiert als "Beyer".

[8] Max L. Baeumer: "Dionysos und das Dionysische in der antiken und deutschen Literatur", Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2006. Fortan zitiert als "Baeumer".

[9] Friedrich Hölderlin: "Sämtliche Werke. Historisch-kritische Frankfurter Ausgabe. Korrespondenz und Werke, chronologisch-integrale Edition, Band 20", Hrsg. D. E. Sattler, Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M./Basel, 2008. Fortan zitiert als "BuW".

[10] Uwe Beyer: "Erläuterungen und Dokumente. Friedrich Hölderlin. 10 Gedichte", Reclam, Stuttgart, 2008, 89. Fortan zitiert als "Reclam".

[11] Beyer, 172

[12] Reclam, 90

[13] Schmidt, 170

[14] Reclam, 89

[15] Schmidt, 6

[16] "In der ersten Maihälfte [1801]. Der Weingott / Brod und Wein. Auf dem Doppelblatt der ersten Disposition entsteht der bis zur fünften Strophe reichende, in 14, jeweils durch Stichworte eingeleiteten, kurzen Abschnitten wachsende Entwurf.", Friedrich Hölderlin: "Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge", Hrsg. D. E. Sattler, Luchterhand Literaturverlag, Verlagsgruppe Random House, München, 2004, Band 9, 137f. Fortan zitiert als: "Hölderlin".

[17] Für eine ähnliche Einteilung vgl. Schmidt, 9f.

[18] Friedrich Beißner: "Erläuterungen", zitiert nach Schmidt, 8

[19] So auch Reclam: "Eine Ausnahme bildet die siebente Strophe, der ein Distichon fehlt. Vermutlich handelt es sich um ein Versehen Hölderlins.", 109

[20] vgl. die ersten beiden Distichen der siebten Strophe, BuW, V. 109-112: "Aber Freund! wir kommen zu spät. Zwar leben die Götter/ Aber über dem Haupt droben in anderer Welt. / Endlos wirken sie da und scheinens wenig zu achten, / Ob wir leben, so sehr schonen die Himmlischen uns."

[21] Rainer Nägele: "Text, Geschichte und Subjektivität in Hölderlins Dichtung", Carl Ernst Poeschel Verlag, Stuttgart, 1985, 104f. Zitiert nach Reclam, 118

[22] –: betont, υ: unbetont

[23] BuW, V. 1: "Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse [...]"

[24] Reclam, 110f.

[25] BuW, V. 5: "Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen [...]"

[26] Reclam, 111

[27] BuW, V. 7: "Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten, vielleicht, daß [...]"

[28] vgl. Reclam, 111

[29] BuW, V. 89: "Tragen muß er, zuvor; nun aber nennt er sein Liebstes [...]"

[30] Reclam, 111

[31] BuW, V. 40: "'Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht / Aufzubrechen [...]", V. 40

[32] Reclam, 111

[33] BuW, V. 58: "Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!"

[34] BuW, V. 96: "Richten in herrlichen Ordnungen Völker sich auf [...]"

[35] BuW, V. 156: "Sohn, der Syrier, unter die Schatten herab."

[36] Reclam, 111f.

[37] vgl. Reclam, 94

[38] Reclam, 92

[39] Schmidt, 34

[40] "Justinus Kerners Briefwechsel mit seinen Freunden", Stuttgart, 1897, Bd. 1, 10. Zitiert nach Reclam, 93

[41] Petzold, 17

[42] "Gesammelte Schriften", hrsg. von Christian Grentano, Bd. 8, Frankfurt a.M., 1855, 139. Zitiert nach Reclam, 93

[43] Hermann Hesse: "Die Nürnberger Reise", Berlin, 1927, 61. Zitiert nach Reclam, 93

[44] Schmidt, 35

[45] BuW, V. 1f. (Hervorhebungen eingefügt)

[46] Schmidt, 34

[47] BuW, V. 3f.

[48] BuW, V. 5

[49] BuW, V. 6

[50] BuW, V. 6

[51] BuW, V. 5

[52] BuW, V. 7

[53] BuW, V. 7

[54] BuW, V. 8

[55] vgl. BuW, V. 8

[56] BuW, V. 9

[57] BuW, V. 10

[58] BuW, V. 12

[59] Schmidt, 36

[60] Schmidt, 36

[61] Petzold, 80 (Hervorhebung im Text)

[62] Amtmann-Chornitzer, 97

[63] vgl. BuW, V. 13

[64] Schmidt, 37

[65] BuW, V. 14

[66] Schmidt, 38 (Anmerkung 17)

[67] Schmidt, 38

[68] BuW, V. 15

[69] Schmidt, 38

[70] BuW, V. 17

[71] BuW, V. 17

[72] BuW, V. 111f.

[73] BuW, V. 18

[74] BuW, V. 18

[75] BuW, V. 17

[76] vgl. Schmidt: "Das Staunen ist eine Verhaltensweise des Menschen bei der Berührung mit dem 'fremden' Höheren, dem Mysterium des Göttlichen [...].", 39

[77] BuW, V. 122

[78] BuW, V. 19

[79] BuW, V. 19

[80] BuW, V. 19

[81] Schmidt, 45

[82] BuW, V. 20

[83] BuW, V. 21f.

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Politik und Religion – Hölderlins "Brod und Wein"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
99
Katalognummer
V168021
ISBN (eBook)
9783640848812
ISBN (Buch)
9783640845521
Dateigröße
874 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Hölderlin, Brod und Wein, Brot und Wein, Gedicht, Analyse, Interpretation, Brot, Brod, Wein, Elegie, Romantik, Weingott, Dionysos, Christus
Arbeit zitieren
Simon Geraedts (Autor), 2010, Politik und Religion – Hölderlins "Brod und Wein", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168021

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