Neubausiedlungen in München

Oder: "Wer Hilberseimer kopiert, baut Mist."


Fachbuch, 2011
70 Seiten

Leseprobe

Ohne die Ursachen wirklich zu erkennen, finden sich Vorstufen lang-samer „Götterdämmerung“ in einem späteren städtischen Hochglanz-prospekt. Gewundene Worte deuten einige Skepsis an:

„Zum jetzigen Zeitpunkt erscheint es zu weit gegriffen, der Mes-sestadt trotz ihrer Nutzungsmischung, räumlichen Strukturierung und Gestaltung `Urbanität` zuzugestehen. Dazu fehlen Vielfältig-keit und gewachsene Strukturen; vorstädtische Ballung macht noch keine Urbanität.“ (Evaluierung Messestadt Riem, S. 13 / 2004).

Die Fachzeitschrift >Baumeister< 7/97 rügte die willkürliche Auftrags- vergabe bei Wettbewerbspreisen schon in den Anfängen Riem`s:

„Nach GRW hätten bei den geladenen Wettbewerben eigentlich die ersten Preise zum Zug kommen müssen. Hier aber wurden nach rhizomartigen Verwachsungen wohl letztendlich Diejenigen beauftragt, die den Auftraggebern genehm waren. (...) Offen-sichtlich lohnte es mehr, Energie in die Beziehungspflege als in den gestalterischen Aufwand zu stecken.“ (Dorothea Parker).

.2 Gebäudebeispiel Lehrer–Wirth–Schule, Riem

1. Wettbewerb

Dass modernistische Gebäude nicht nur eine falsche Baukultur de-monstrieren, sondern auch richtig Steuergelder vernichten können, sei auf die Gefahr hin, diese damit noch attraktiver zu machen, an einem unglaublichen Schadenfall gezeigt.

Auch hier wieder zunächst die Vorlage: 1930 planten Hilberseimer–Schüler eine Grundschule für Törten, der damaligen Versuchssiedlung für das Dessauer Bauhaus. Wer nahezu Deckungsgleichheit aus-macht, liegt richtig. Selbst die 6 „Finger“ wurden getreulich übernom-men.

1995 fand ein Wettbewerb für die Lehrer–Wirth–Schule in Riem statt. Auslober für die Grund- und Hauptschule mit Turnhalle war die Lan-deshauptstadt München, vertreten durch MRG Maßnahmeträger Mün-chen–Riem GmbH. Die Ausschreibung erfolgte EU–weit, 131 Arbeiten wurden abgegeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Den 1. Preis erhielt die Architektengemeinschaft Mahler, Gumpp, Günster, Fuchs, Stuttgart. Gumpp schied lt. späterer Firmierung aus. (>wettbewerbe aktuell< 7/1995). Unter den Preisen und Ankäufen war der 1. Preis der einzige Entwurf als stereotypes Kammsystem und si-cher derjenige mit dem schlechtesten A/V–Verhältnis. Nach Meinung des Verfassers waren alle anderen Preise und Ankäufe architekto-nisch besser, aber sie passten nicht in den vorgesehenen Masterplan,

der zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorlag. Eine merkwürdige Angele- genheit, wohl nur erklärlich dadurch, dass Stadtbaurätin Thalgott stimmberechtigt im Preisgericht vertreten war. Überdies machten sich bei den Preisrichtern Defizite bei der ökologischen Beurteilung be-merkbar, indem sie einen untergeordneten Teilaspekt positiv erwäh-nen, aber über das unökologische Kammsystem insgesamt hinweg-sehen:

„Die Orientierung der Klassenräume nach Süden einschließlich des wirksamen Sonnenschutzes ist aus ökologischer Sicht rich-tig.“

Beim Preise- und Plakettenregen erhielt die Schule 1999 einen Preis für vorbildliche Planung vom »Bund Deutscher Architekten« (BDA).

Die BDA–Mitglieder stimmten dafür ab. Im gleichen Jahr wurde die Holzfassade vom »Landesinnungsverband des Bayerischen Zimmerer –Handwerks e.V.« München prämiert.

Letzter verweigerte die Beantwortung von Fragen des Verfassers zur

Totalsanierung der Holzschalung.

2. Ein Dauer–Sanierungsfall

Wegen der stark eingeschränkten Auskünfte und Redeverbote für am Bau Beteiligte, Lehrer und Elternbeiräte, den wiederholten Versuchen, Fragesteller zeitlich auszupowern, werden die folgenden Angaben un-ter Vorbehalt gemacht. Dazu unten mehr.

1998 wurde die Schule eingeweiht, seither ist sie ein Sanierungsfall, resultierend aus Fehlern der Entwurfs- und Werkplanung, Bauleitung und Ausführung. Die Baukosten betrugen lt. Genehmigungsplan rd. € 25 Mio. Nach Auskunft eines Stadtrates gegenüber dem Verfasser sollen die voraussichtlichen Sanierungskosten insgesamt rd. € 10 Mio. (zehn) betragen (Mai 2009). Das wären nach 11 Jahren Standzeit mehr als ⅓ der ursprünglichen Baukosten – in der Tat, selbst bei zu-nehmendem Baupfusch ein starkes Stück. Bei öffentlichen Gebäuden muss der Steuerzahler dafür aufkommen. Die Stadtverwaltung be-streitet die Summe.

Derzeit steht noch eine Reihe gerichtlicher Verfahren an, Folgepro-zesse mit Versicherungen nicht berücksichtigt. Man bekriegt sich mit Gutachten und Gegengutachten. Das übliche „Schwarze–Peter–Spiel“ ist in vollem Gange. Da man noch nicht weiß, ob etwa die einsturzge-fährdeten Dächer der Turnhalle und Aula ersetzt werden müssen, kann über die endgültige Schadensumme nur spekuliert werden. Falls er-neut geschosshohe Glasscheiben am Haupteingang herunterfallen (bisher taten sie das anständigerweise an einem Sonntag), könnten noch Personenschäden hinzukommen und die geschätzte Summe er-heblich erhöhen. Beeinträchtigungen des Schulbetriebs und der öffent-lichen Nutzungen über Jahre durch die Baumaßnahmen bleiben hier außer Acht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Stadtverwaltung verweigert Auskünfte mit der Begründung „lau- fender Verfahren“, weshalb nicht einmal die bisher entstandenen Kos-ten einschl. Anwalts-, Gutachter und Gerichtskosten oder gar neuer zusätzlicher Sanierungs-, Planungs- und Bauleitungskosten genannt werden könnten. Diese Kosten müssen von der Stadt (sprich: vom Steuerzahler) vorfinanziert und später wieder von ihr eingeklagt wer-den. (Wenn Politiker beschwichtigen, dies sei alles durch Versiche-rungen abgedeckt, dann sollte man sie an die Banker von Lehmann Brothers erinnern, die das ihren besorgten Anlegern auch sagten). Da sich die gerichtlichen Verfahren noch Jahre hinziehen werden, sind Klärungen und Rechnungslegungen wohl auf den „Sankt Nimmerleins-tag“ verschoben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Neubausiedlungen in München
Untertitel
Oder: "Wer Hilberseimer kopiert, baut Mist."
Autor
Jahr
2011
Seiten
70
Katalognummer
V169062
ISBN (eBook)
9783640886678
ISBN (Buch)
9783640886920
Dateigröße
23766 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Überarbeitete Fassung vom 23.11.2012
Schlagworte
Städtebau, Wohnsiedlungen, Architekturkritik
Arbeit zitieren
Dipl. Werner Nehls (Autor), 2011, Neubausiedlungen in München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169062

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