Wirklichkeitsdarstellung in den Medien - Eine Analyse von öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen


Hausarbeit, 2004
17 Seiten, Note: 1,0

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Inhalt:

1. Einleitung

2. Wirklichkeit

3. Medienwirklichkeit - Theoretische Grundlagen
3.1 Ereignisse zu Nachrichten - Die Nachrichtenwert-Theorie
3.2 Journalisten als Torhüter - Die Gatekeeper-Forschung
3.2.1 Der individualistische Ansatz
3.2.2 Der institutionale Ansatz
3.2.3 Der kybernetische Ansatz
3.3 Zwischenbilanz

4. Medienwirklichkeit - Praktische Umsetzung
4.1 Programmgestaltung öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehprogramme
4.2 Rolle des Fernsehens für den Rezipienten
4.3 Auslandsberichterstattung

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

1. Einleitung

Immer wieder wird in unserer Gesellschaft kritisiert, die Medien, allen voran das Medium Fernsehen, würden das Weltbild gegenüber den Rezipienten deut- lich anders wiedergeben als es in Wirklichkeit ist und ihnen dadurch falsche Werte von ihrer Umwelt und der Gesellschaft vermitteln. Diese Arbeit soll sich vordergründig mit dem Thema der Wirklichkeitsverzerrung durch das Medium Fernsehen auseinandersetzen und klären, unter welchen Gesichtspunkten über- haupt eine Verzerrung stattfindet. Welche Faktoren nehmen auf die Wirklich- keitsverzerrung durch die Medien Einfluss? Um darauf näher einzugehen, muss zu jedoch zuvor geklärt werden, was Wirklichkeit ist und wie sie selbst definiert wird. Nach welchen Kriterien konstruieren wir selbst Wirklichkeit und unter wel- chen Bedingungen wird, im Gegensatz dazu, Wirklichkeit von den Medien kon- struiert?

2. Wirklichkeit

Nach Auffassung der Soziologen Berger und Luckmann wird Wirklichkeit von der Gesellschaft konstruiert. Jene Wirklichkeit, die ihrem Verständnis nach als „Alltagswelt“ beschrieben wird, ist Resultat „jedermanns Gedanken und Ta- ten“.1 So unterscheidet sich diese Alltagswelt, jene Wirklichkeit erster Ordnung mit anderen Wirklichkeiten grundlegend darin, dass sie eine intersubjektive Welt ist. Wir teilen ihre Wirklichkeit mit anderen Individuen, während im Unter- schied dazu, andere Wirklichkeiten wie beispielsweise die unserer Träume, nur für uns selbst erlebbar und somit auch nur für uns selbst subjektiv wirklich sind.2 In diesem Prozess hilft uns die Sprache als Konstrukt gesellschaftlicher Interakti- on, die Welt für uns begreiflich zu machen, sie zu objektivieren. Denn die „Sprache ist der Speicher angehäufter Erfahrungen und Bedeutungen“ die wir in uns aufbewahren, „um sie kommenden Generationen zu übermitteln“.3 Dar- über hinaus wird durch Sprache die Welt in unserem Bewusstsein selbst erst realisiert. Im Gespräch dient sie dazu, Objektivationen zu vermitteln, die in uns selbst, durch unser Bewusstsein, zu Objekten werden.

Die wichtigste Form der gesellschaftlichen Interaktion in der Alltagswelt nimmt laut Berger und Luckmann an dieser Stelle die Vis-á-vis-Situation4 ein. Sie be- gründet sich in der grundsätzlichen Erfahrung mit anderen Personen, Angesicht zu Angesicht.

Über den sprachlichen Austausch von Objektivationen hinaus nehmen wir im direkten Gespräch mit anderen auch Mimik und Gestik wahr, welche uns beim Verstehen des Anderen behilflich sind. Sie sind Ausdruck von Empfindungen, Gedanken oder Wünschen, die uns dabei unterstützen, unser Gegenüber bes- ser zu verstehen und Objektivationen zu verwirklichen. So bildet in diesem Zu- sammenhang die Vis-á-vis-Situation für uns die Vertrauteste Art der Interaktion. Diese Art der Vis-á-vis-Situation macht sich aber auch das Fernsehen zu nutze. Denn die Welt und unsere Gesellschaft sind zu komplex, als dass wir sie allein durch unsere eigenen und direkten Erfahrungen realisieren können. Mit Hilfe der Massenmedien sind wir heute in der Lage, auch Vorstellungen von der Rea- lität über unseren eigenen Erfahrungshorizont hinaus zu entwickeln, wie bei- spielsweise von Bereichen der Politik , der Wirtschaft und anderen.5

Dem Fernsehen als Instrument zur Konstruktion von Wirklichkeit wird hierbei eine führende Rolle zugeschrieben. Durch seine Möglichkeiten der Kombination von Bild, Ton und Text kann das Fernsehen die eigene Erfahrung von Wirklichkeit perfekt nachstellen. Ausgestrahlte Bilder vom anderen Ende der Welt erscheinen uns, als sähen wir sie mit unseren eigenen Augen und in Sendungen wie beispielsweise der Tagesschau wird uns glaubhaft gemacht, dass wir uns in einer interaktiven Vis-á-vis-Situation mit Jens Riewa befänden.

Dann stellt sich jedoch die Frage, ob Fernsehen als Massenmedium die Wirk- lichkeit nur nachstellt, bzw. nach welchen Kriterien es selbst Wirklichkeit kon- struiert. Daraus ergibt sich wiederum die Frage, inwieweit sich diese Konstrukti- on der Wirklichkeit von Massenmedien von unserer eigenen Wirklichkeitskon- struktion unterscheidet?

3. Medienwirklichkeit - Theoretische Grundlagen

Nach Meinung von Niklas Luhmann ist die Wirklichkeit von Massenmedien doppeldeutig zu verstehen. Die eigene Realität der Massenmedien besteht nach seiner Auffassung in ihren eigenen Operationen. „Es wird gedruckt und ge- funkt. Es wird gelesen. Sendungen werden empfangen.“6 Die faktische Wirk- lichkeit der Massenmedien besteht demnach aus den in ihnen selbst ablaufen- den Kommunikationen. Die zweite Wirklichkeit der Massenmedien existiert dar- in, „was für sie oder durch sie für andere als Realität erscheint“.7 Demzufolge besteht die Realität der Massenmedien selbst aus einem Beobachten. Sie sind Beobachter der Wirklichkeit. Um ihre eigene Wirklichkeit zu verstehen, werden wir selbst zu Beobachtern zweiter Ordnung, indem wir die Beobachtungen der Massenmedien beobachten.

Massenmedien werden also in diesem Zusammenhang als Beobachter erster Wirklichkeit oder Realität und Rezipienten als Beobachter einer Wirklichkeit zweiten Grades dargestellt. Folglich kommt es durch das System der Massen- medien zu einer Realitätsverdopplung. Und dennoch konstruieren wir unsere eigene Wirklichkeit von der Gesellschaft und der Welt mit Hilfe der Medien, da ihre Komplexität für uns aus erster Erfahrung nicht erreichbar ist. Die Medien tragen also grundlegend zur Formung unseres Weltbildes bei, indem sie uns erzeugte und verarbeitete Informationen übermitteln, die sie selbst beobachten. In diesem Prozess der Informationsübertragung lebt das Mediensystem wie kein anderes von aktuellen Informationen.

3.1 Ereignisse und Nachrichten - Die Nachrichtenwert-Theorie

Am deutlichsten lässt sich diese Tatsache im Programmbereich der Nachrichten und Berichte erkennen.8 Täglich aktuelle Nachrichten gehören für uns zum normalen Alltag. So wunderlich ist es, dass Nachrichten einerseits den Charak- ter von Neuigkeit und Überraschung besitzen, bedeutende Ereignisse anderer- seits, gegensätzlich ihrer eigentlichen Natur, täglich geschehen. Darüber hinaus werden Ereignisse über die berichtet wird, so dargestellt, als dass sie selbst erst vor kurzer Zeit, ja geradezu gegenwärtlich geschehen sind. Luhmann spricht von einer gesellschaftsweiten Beobachtung der Ereignisse, die sich nahezu gleichzeitig mit den Ereignissen selbst ereignet9. Im Sinne dieser Umwandlung von Unwahrscheinlichkeiten in Wahrscheinlichkeiten hat sich im Laufe der Zeit das Berufsfeld des Journalismus herausgebildet.

Der Journalismus funktioniert nach eigenen Kriterien. Im Nachrichten- Journalismus etwa ist ein Regelwerk entstanden, das Ereignisse nach bestimm- ten Kriterien bewertet und anschließ end zu Nachrichten werden lässt. Groß e Aufmerksamkeit erlangte diesbezüglich Einar Östgaard 1965 durch seine Stu- die zur Theorie der Nachrichtenselektion. Demzufolge verfügen Ereignisse über Nachrichtenwerte, die darüber entscheiden, ob ein Ereignis zur Nachricht wird und wie stark es von den Medien durch Platzierung, Umfang und Gestaltung herausgestellt wird. Östgaard gibt auch Auskunft darüber, dass der Nachrich- tenwert den Journalisten nicht nur als Entscheidungshilfe dient, sondern glei- chermaß en die Berichterstattung verzerren kann.

Demnach sind Nachrichtenwerte dafür verantwortlich, inwieweit sich dass Welt- bild in den Medien vom wirklichen Weltbild unterscheidet.10 An die Nachrich- tenwert-Theorie von Östgaard knüpfen Johan Galtung und Mari Holmboe Ru- ge an, indem sie dem Nachrichtenwert von Ereignissen zwölf Kriterien unter- ordnen, die sie selbst als Nachrichtenfaktoren definieren. Je stärker demnach die Merkmalsausprägung von Ereignissen ist und je mehr Nachrichtenfaktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto eher besteht für dieses Ereignis die Wahr- scheinlichkeit, dass es zur Nachricht wird. Nach Galtung und Ruge gliedern sich diese Nachrichtenfaktoren wie folgt:11

[...]


1 Vgl. Berger/Luckmann 1977, S. 21

2 ebd., S. 25

3 ebd., S. 39

4 ebd., S. 31f.

5 zitiert nach Wegener 1994, S. 35f.

6 Luhmann 2004, S. 12

7 ebd., S.14

8 vgl. Luhmann 2004, S. 53f.

9 ebd., S. 55

10 vgl. Fischer Lexikon Publizistik 2002, S. 355

11 Definition der Nachrichtenfaktoren im Fischer Lexikon Publizistik 2002, S. 357

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Details

Titel
Wirklichkeitsdarstellung in den Medien - Eine Analyse von öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
„Engagierte Sozialreportage: Pierre Bourdieu und Günter Grass“
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V169595
ISBN (Buch)
9783640880201
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wirklichkeit, fernsehen, rundfunk, privat, öffentlich, rechtlich, medien, darstellung, ard, nachrichtenwert
Arbeit zitieren
Sebastian Schlehofer (Autor), 2004, Wirklichkeitsdarstellung in den Medien - Eine Analyse von öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169595

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