Substanz- und Formerkenntnis

Eine Problemdarstellung zur Metaphysik des Aristoteles


Hausarbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das aporetische Verhältnis von Substanz und Allgemeinem
2.1 Das Problem des wissenschaftlichen Anspruchs
2.2 Die drei Prämissen des hermeneutischen Dilemmas

3 Zwei Lösungsversuche
3.1 Das allgemeine εἶδος
3.2 Das individuelle εἶδος

4 Das εἶδος weder individuell noch allgemein betrachtet

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Aristoteles steht mit dem Versuch der Überwindung der Pla­ton­ischen Ideenlehre vor einer seiner größten Herausforderungen. Manch ein Exeget behauptet gar, er sei in dieser Unternehmung gescheitert und letzt­endlich zum Platonismus zurück­ge­kehrt.[1] Das Pro­blem, dem sich Aristoteles ge­gen­über sieht, ist ein Er­kennt­nis­pro­blem: Die Frage nach der Erkenntnismöglichkeit von Substanz und Form. Die Aporie ergibt sich aus dem mit dieser Frage verknüpften Ver­hält­nis von Ein­zel­ding und All­ge­meinem; denn nur vom Allgemeinen könne es Erkenntnis geben. Was aber allem zugrunde liegt, insofern alleiniger Erkenntnisgegenstand sein kann, ist allein das Einzelne. Er selbst nennt sie die „schwierigste und am notwendigsten zu erörternde Frage“ (Met. B 4, 999a24 f.).

Mein Im­pe­tus in dieser Arbeit richtet sich auf den Versuch einer prägnanten Dar­stel­lung der hermeneutischen Schwierigkeiten der Explikation zur Sub­stanz- und Formerkenntnis in den un­ter dem Titel Metaphysik zu­sam­men­ge­fass­ten Schrif­ten und ein­er sy­nop­tisch­en Be­trachtung verschiedener In­ter­pre­ta­tions­an­sätze zur Lö­sung des Pro­blems. Stütz­pfei­ler dieser Unternehmung soll eine hinsichtlich der Fra­ge­stel­lung aspekt­orien­tier­te Diskussion des Buches Z der Me­ta­physik und eben­da vor­wie­gend der im 13. Ka­pi­tel diskutierten Frage nach dem Ver­hältnis von Sub­stanz und Allge­mein­em sein.

Die Arbeit erfolgt in drei Sequenzen: Zu­nächst soll die Vor­raus­setz­ung der Pro­blem­atik und das hermeneutische Dilemma der Metaphysik an­hand ein­er Prä­mis­sen­über­prüf­ung der Aris­totelischen Überlegungen ge­klärt wer­den. In ein­er zweiten Se­quenz sol­len zwei sich antithetisch gegen­über­ste­hen­de Lö­sungs­an­sätze des er­läu­terten Problems vorgestellt wer­den, die zwar wichtige Er­kennt­nis­schritte zur Lö­sung des Problems erbring­en, jedoch auf­grund ekla­tan­ter Wi­der­sprüche nicht als endgültige Lösung gelten kön­nen. In der ab­schlie­ßen­den Se­quenz soll ein drit­ter Lö­sungs­an­satz vorgestellt werden, der den Ver­such un­ter­nimmt, ein­en Mit­tel­weg zwischen den Widersprüchen der voran­ge­gang­enen An­sätze hin­durch und aus ihn­en he­raus zu finden.

2 Das aporetische Verhältnis von Substanz und Allgemeinem

Wenn es nämlich nichts gibt neben den einzelnen Dingen, die einzelnen Dinge aber un­endlich viele, wie ist es dann möglich, von den unendlichen Dingen Wissen­schaft zu erlangen? Denn nur insofern erkennen wir alles, als es etwas Ein­es und Iden­tisch­es gibt und ein Allgemeines vorliegt. (Met. B 4, 999a24–29)

Unbestritten kann dieser Einleitung zur 8. Aporie des Pro­blem­ka­ta­logs der Me­ta­phy­sik nachgesagt werden: Aristoteles war sich des aporetischen Ver­hältnisses von Substanz und Allgemeinem be­wusst und versucht es aufzulö­sen. Uneinig ist man sich in der Forschung hin­gegen da­rü­ber, ob und wenn, auf wel­che Wei­se ihm dies gelang. Die­ses her­me­neutische Pro­blem hat sein­en Ur­sprung darin, dass es so scheint, Aristoteles behalte alle ein Di­lem­ma kon­sti­tu­ie­ren­de Prä­mis­sen bei. In die­sem Abschnitt will ich daher auf jene problematische Aus­gangs­lage näher ein­gehen, indem ich zunächst darlege, woraus sich die Pro­blem­atik über­haupt er­gibt, um darauf aufbauend das hermeneutische Di­lem­ma vor­zu­stel­len.

2.1 Das Problem des wissenschaftlichen Anspruchs

Wenn eine wissenschaftliche Betrachtung von Erfolg sein soll, so versucht sie not­wen­dig etwas zu treffen, das allgemeine Gültigkeit be­sitzt. Das setzt voraus, dass es etwas gibt, das allgemein gültig ist. Die­se Grund­prämisse aller Wissen­schaft­lichkeit macht auch Aris­to­te­les zu Be­ginn sein­er me­ta­phy­sisch­en Schrift­en­reihe explizit: „Die Kunst [Wis­senschaft – Anm. d. Vf.] ent­steht dann, wenn sich aus vie­len durch die Er­fah­rung ge­ge­benen Ge­danken eine all­ge­mein­e An­nahme über das Ähn­liche bildet.“ (Met. A 1, 981a5–7) Diese wich­ti­ge Prä­mis­se birgt eine, für ein­en Wahr­heits­lie­ben­den schwe­re Ent­schei­dung: Die Wahr­heits­suche ist da­rum be­müht Wahrheiten über die Welt zu tref­fen. Wie im obigen Zi­tat deutlich ge­wor­den, wird auch von Aris­to­teles kon­sta­tiert, dass die­se aus laut­er Ein­zeldingen be­steht. Jedoch ist dem formulierten Wissen­schafts­prin­zip nach etwas Allgemeines der Ge­gen­stand der Erkenntnis. Hiernach muss ent­we­der eine on­to­lo­gische Pa­ral­lel­welt zu den Ein­zel­dingen an­ge­nom­men oder aber die Mög­lich­keit wis­sen­schaft­lich­er Er­kennt­nis überhaupt be­stritten wer­den.

Pla­ton sah keine Mög­lich­keit die­ser Entscheidung aus dem Weg zu gehen und ent­schied sich be­kannt­lich für erst­eres.[2] Obwohl Aris­to­te­les diese Ent­schei­dung ab­lehnt, so schlägt er sich doch nicht auf die Seite der Op­po­si­tion. Die maß­geb­lich in den Büch­ern Z und H der Metaphysik explizierte Sub­stanz­lehre soll ein Kon­zept lie­fern, wissenschaft­liche Er­kenntnis nicht abstreiten zu müssen, ohne eine ne­ben der Welt der Ein­zel­dinge be­steh­ende Welt der Uni­ver­sal­ien an­zunehm­en. Doch die­ses Kon­zept birgt, wie be­reits angesprochen, ein er­heb­lich­es Inter­pre­ta­tions­pro­blem durch schein­bare Beibe­halt­ung drei sich widersprechender Prä­mis­sen, die an die­ser Stelle skizziert wer­den sol­len.

2.2 Die drei Prämissen des hermeneutischen Dilemmas

Die erste Prämisse betrifft die Bestimmung der Substanzen: Eine Substanz im vorzüglich­en (μάλιστα; Cat. 5, 2a11) Sinne, so ist es in der Ka­tegorien­schrift (Kategorien) ex­pli­ziert, sei da­durch gekennzeichnet, dass sie, gegenüber al­lem an­de­ren Sei­en­den, am meis­ten selbst­ständig seiend sei. Aristoteles bezeichnet sie als ers­te Substanz (πρώτη οὐσία; vgl. ebd.). Dieses Verständnis ergibt sich aus ein­er vor­wie­gend sprach­phi­lo­so­phisch­en Betrachtung zwei möglicher Prä­di­ka­tions­weisen in­ner­halb einer Pro­po­si­tion der Form ‚S ist P‘,[3] von den­en vier Selbst­stän­dig­keits­gra­de abgeleitet wer­den (vgl. Cat. 2, 1a16–1b9). Das am meis­ten selbst­ständig Sei­en­de sei das, was we­der in der ein­en noch in der anderen Wei­se von einem Sub­jekt prä­di­ziert wer­den könne (vgl. Cat. 5, 2a11–14). Der Name ein­er Substanz kann hier­nach al­so nie Prä­di­kat, son­dern nur Sub­jekt einer Pro­po­si­tion der Form ‚S ist P‘ sein. Da nur die Nam­en ein­zel­ner Dinge selbst nicht von et­was anderem prä­di­ziert wer­den könn­en, weil al­les letzt­lich von ihnen prä­di­ziert wer­de (vgl. Cat. 5, 2a34 f. u. 2b5 f.), hält Ross tref­fend fest: „Obviously […] Aris­to­tle is think­ing of sub­stance as the in­di­vi­dual thing.”[4] Dass Aristoteles von dieser ver­mut­lich bereits früh ent­wick­elten Po­si­tion nicht ab­gerückt ist, wird durch fol­gen­de Kon­sta­tierung der Kon­tra­position in der Me­ta­phy­sik deut­lich: „Es scheint näm­lich un­mög­lich zu sein, daß ir­gend et­was von dem, was als All­ge­meines bezeich­net wird, We­sen sei.“ (Met. Z 13, 1038b8–9; vgl. auch Met. Z 16, 1041a3–5)

[...]


[1] Vgl. z.B. Hirschberger 1979, Bd. I, S. 191 ff.

[2] Die Opposition zu seiner hierfür entwickelten Ideenlehre, die Dementierung der Möglichkeiten wis­sen­schaft­licher Er­kennt­nis, ist in der so­phistischen Tradition zu finden. Von dieser versuchte sich Pla­ton ve­he­ment abzugrenzen. Programmatisch für diese Position steht der Homo- Mensura- Satz des Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“

[3] Differenziert wird die essentielle von der akzidentiellen Prädikation, durch die Unterscheidung der Inhärenz­relation von der Ausgesagt- werden- von- Relation (vgl. Cat. 2, 1a20–29). Essentiell prä­di­zier­bar sei die­ser Unterscheidung nach al­lein das, dessen Definition auf das Subjekt über­trag­bar sei, von dem es prä­di­ziert wird (vgl. Cat. 5, 2a19–34). Ak­ziden­tiell prädizierbar ist, aufgrund nur die­ser zwei Relationsmög­lich­keiten der Prädikation, im Um­kehrschluss das, was sinnvoll von ein­em Subjekt prädiziert werden kann, ohne dass eine Trans­itivität der De­fi­nition vorliegt.

[4] Ross 1995, S. 171.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Substanz- und Formerkenntnis
Untertitel
Eine Problemdarstellung zur Metaphysik des Aristoteles
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V169964
ISBN (eBook)
9783640884803
ISBN (Buch)
9783640884506
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
substanz-, formerkenntnis, eine, problemdarstellung, metaphysik, aristoteles
Arbeit zitieren
Raphael Borchers (Autor), 2010, Substanz- und Formerkenntnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169964

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