„Der arme Heinrich“: Lepra – Strafe oder Prüfung Gottes?

Eine theoretische Abhandlung zur Bedeutung der Lepra im Werk Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“


Seminararbeit, 2009

18 Seiten, Note: 1

Hanna Fern (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Zur Person Hartmanns von Aue
1.2 Zu seinem Werk „Der Arme Heinrich“

2. Der Arme Heinrich
2.1 Charakterisierung des Protagonisten

3. Die Lepra als Strafe Gottes
3.1 Schuld und Strafe

4. Heinrichs Reaktion
4.1 Hilfesuche bei den Ärzten
4.2 Isolation und Einsicht auf dem Hof
4.3 Erste Indizien für die Lepra-Strafe-These

5. Aussicht auf Heilung
5.1 Das Opferangebot des Mädchens
5.2 Resümee zu Heinrichs Schuld

6. Kritik an dieser Argumentation

7. Die Lepra als Prüfung Gottes
7.1 Vergleiche mit dem biblischen Hiob
7.2 In Salerno – Heinrichs Wandlung
7.3 Die göttliche Heilung
7.4 Stärkstes Indiz für die Lepra-Prüfung-These

8. Kritik an dieser Argumentation
8.1 Weiterführende Interpretation

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Zur Person Hartmanns von Aue

Obwohl Hartmann von Aue zu den bedeutendsten Epikern des Mittelalters gehört, ist nur wenig zu seiner Person bekannt. Seine Lebensdaten können nur spekulativ auf die Jahre um 1200 gelegt werden, da keine außerliterarischen Angaben vorhanden sind, die eine genaue Biographie ermöglichen. Diese Angaben aus eigenen und anderen literarischen Werken ermöglichten es, die Daten seiner Schaffenszeit zu rekonstruieren. Seine Werke lassen sich dadurch in die „Blütezeit der höfischen Literatur“[1] des Mittelalters einordnen. Dennoch bleibt sowohl beim „Erec“ und „Gregorius“ als auch bei Hartmanns dritter mittelalterlichen Epik „Der Arme Heinrich“ die Entstehungszeit „in gewissem Maß bis heute kontrovers“[2]. Informationen zu Hartmanns Person werden aus seinen Selbstaussagen geschöpft, welche auch im Prolog vom Armen Heinrich zu finden sind. Dort stellt er sich als gelehrter „rîter“[3] vor, welcher Ministral, also „dienstman […] ze Ouwe“ war und lesen und schreiben konnte. Außerdem verfügte er als klerikal gebildeter Laie auch über gewisse Grundkenntnisse der Bibel, was sich im Armen Heinrich zeigt.

1.2 Zu seinem Werk „Der Arme Heinrich“

Mit dem Prolog beginnt Hartmann von Aue seine „legendenhafte“ Erzählung[4] „Der Arme Heinrich“. In einem Leben geprägt von Anerkennung und Wohlstand erhält der Protagonist Heinrich eine Hiobsbotschaft, die sein bisheriges Leben schlagartig ändert. Er erkrankt an der Lepra, welche als gefürchtete Krankheit ein wiederkehrendes Motiv in der mittelalterlichen Literatur darstellt. Beispiele dafür liefern die Amicus und Amelius Legende oder die Silvesterlegende [5]. Das Grundmotiv von Aussatz und Aussatzheilung findet sich in beiden Legenden, wie auch im Armen Heinrich wieder. Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die Ursache für die Erkrankung Heinrichs an Hand der Aussagen im Text zu ermitteln. Welche Funktion die Lepra im Werk hat, lässt sich mit Hilfe zweier kontroverser Interpretationsansätze diskutieren. Hierbei kann die Lepra entweder als verdiente Strafe oder als unverschuldete Prüfung Gottes betrachtet werden[6]. Handelt es sich um eine Strafe, so muss geklärt werden, was Heinrich sich hat zu schulden kommen lassen, um den göttlichen Zorn auf sich zu ziehen. Betrachtete man die Lepra als Prüfung Gottes, sind vor allem die von Hartmann angeführten Parallelen zur biblischen Gestalt Hiob von entscheidender Wichtigkeit.

2. Der Arme Heinrich

2.1 Charakterisierung des Protagonisten

Hartmann von Aue beginnt die Erzählung des jungen „herre“ (V. 30) Heinrich mit einer Lobrede auf dessen vorbildhaften Charakter. In dieser Lobesrede auf den jungen Ritter werden seine „weltlîchen êren“ (V.57) aufgezählt. In seinem Tugendkatalog fehlt keine der Eigenschaften, „die ein rîter in sîner jugent, Ze vollem lobe haben soll.“ (V. 34-35). Zu diesen höfischen Tugenden[7] gehört ein makelloser Charakter von „vroelîchen muotes“ (V. 78) und „steater triuwe“ (V. 62). Sein Charakter wird von seinem ehrenhaften Handeln ergänzt, welches von der christlichen Ethik geprägt ist, da er „der nôthaften vluht“ (V. 63) ist und „ein schilt sîner mâge“ (V. 65). Auch seine vielseitigen Begabungen reichen von seinen Künsten als Minnesänger, „er sanc vil wol von minnen“ (V. 71), über seine Bildung, denn er ist „hövesch unde darzuo wîs“ (V. 74), bis zu dem daraus resultierenden guten Rat, den er geben kann, denn „er was des râtes brücke“ (V. 70). Seinem Charakter, Handeln und seinen Begabungen verdankt er, dass er so „geprîset unde gêret“ (V. 81) sein Leben in „weltlîcher wünne“ (V. 79) genießen kann.

Die Lobrede auf Heinrichs einzigartigen Charakters findet ein abruptes Ende. Der Leser wird wie Heinrich mit dem unerwarteten Schicksalsschlag konfrontiert und von dem ungeahnten Wandel unvorbereitet getroffen. Der fröhliche Heinrich verliert seinen Halt und „sîn hôchmuot wart verkêret, in ein leben gar geneiget.“ (V. 82-83). Der Erzähler mahnt zu spät, dass jeder, der weltliches Ansehen genießt die Anerkennung Gottes nicht gewinnen kann.

der in dem hoehsten werde

lebet ûf dirre erde,

derst der vers mâhte vor gote.

(V. 113-115)

Er beschreibt Heinrich als den von Gott Verschmähten, den „diu miselsuht“ (V. 119), Lepra befällt. Der Erzähler lässt keine Zweifel daran, dass die Krankheit durch die Hand Gottes verursacht wurde. Somit ist über die Herkunft der Lepra nicht weiter zu spekulieren. Die Frage, die sich dem aufmerksamen Leser stellt ist, worin der Grund für die „swaeren gotes zuht“ (V. 120) zu finden ist. Diese Frage ist die Quelle des Konfliktes, ob Heinrich die Lepra auf Grund einer begangenen Sünde verdient oder er von Gott getestet wird.

3 Lepra als göttliche Strafe

Die Erkrankung an Lepra als eine Strafe Gottes zu sehen ist im Mittelalter eine gängige Erklärung für das Krankheitsbild. Äußere Krankheitssymptome galten als Beweis für eine sündhafte Lebensweise des Betroffenen[8]. Sucht man nach Argumenten für die Lepra-Strafe-These, so muss nach der Voraussetzung für eine Strafe Gottes, also nach einer Schuld des Betroffenen, gesucht werden[9]. In wie weit Heinrich Schuld auf sich geladen hat und um welche Art von Schuld es sich handelt, soll im Folgenden untersucht werden.

3.1 Schuld und Strafe

Wie schon gezeigt wurde, genießt Heinrich hohes gesellschaftliches Ansehen und die Wertschätzung seines vorbildlichen Charakters. Die Lobrede des Erzählers erschwert die Suche nach einer Schuld Heinrichs. Bei genauerem Betrachten der Charakterisierung kann man jedoch feststellen, dass nichts über eine religiöse Lebenshaltung oder eine Beziehung zu Gott erwähnt wird. Diesen Aspekt berücksichtigend fällt auf, dass allein in den ersten 115 Versen vier Mal Heinrichs Ansehen und seine Freude auf ein weltliches Maß reduziert werden. Heinrich ist „von werltlîchen êren“ (V. 57), gewinnt „der werlte lop unde prîs“ (V. 73), besitzt „werltlicher wünne“ (V. 79) und er lebt in höchster Wertschätzung „ûf dirre erde“ (V. 113 / Hervorhebungen K.Eckerth). Das mehrfach verwendete Attribut „weltlich“ impliziert, dass Heinrich zu sehr auf irdische Güter fixiert ist und dadurch die höchste Anerkennung vor Gott nicht gewinnen konnte. Da er zu Beginn allerdings als ehrenhafter Mann dargestellt wird, resultiert dieses Verfehlen keiner bösen oder blasphemischen Absicht. Heinrich wird unbewusst schuldig. Leibinnes resümiert, dass Heinrichs Schuld daher „weniger in einer konkreten Aktion […], sondern in seinem generellen Lebenswandel“[10] besteht. Durch seine Weltgebundenheit verfehlt Heinrich das Ziel eines religiös ausgerichteten Lebens. Diese Verfehlung kann als Schuld interpretiert werden, welche eine Strafe als Konsequenz mit sich bringt.

4. Heinrichs Reaktion

4.1 Hilfesuche bei den Ärzten

Als Heinrich erkrankt, klammer er sich an die Hoffnung bei den führenden Medizinern Hilfe zu finden. Er hofft auf die medizinischen Kenntnisse der Ärzte und deren Heilkunst und reist nach Salerno, wo er „den besten meister“ (V. 183) findet. Dieser gibt ihm eine paradoxe Antwort auf seine Frage nach den Heilungsmöglichkeiten. Er antwortet ihm rätselhaft, dass „er genislîch waere, und waer doch iemer ungenesen.“ (V. 186 – 187). Der Arzt eröffnet ihm eine der naturwissenschaftlichen Lehre widersprechende Art gesund zu werden, in der Gott selbst sein Arzt werden muss. „Des sît ir iemer ungenesen, got enwelle der arzât gewesen“ (V. 203-204).

Diesen Heilungsweg nimmt Heinrich nicht ernst und ignoriert die Macht Gottes. Er beteuert immer wieder sein finanzielles Vermögen und seine Bereitschaft, alles zu zahlen um sich seine Gesundheit zurück kaufen zu können (V. 192) und fordert den Arzt auf sein „silber und (…) golt“ (V. 211) als Gegenleistung für die Heilung anzunehmen. In seiner rauschhaften Hoffnung auf Heilung, überhört er den Hinweis des Arztes fast komplett. Dabei wird klar, dass Heinrich in weltlichen Maßstäben denkt und Gott als Heiler nicht in Betracht zieht.

Nach dem ersten göttlichen Heilungsweg erfährt Heinrich vom Arzt, dass einer „maget herze bluot“ (V. 231), nötig sei, um (ohne Gott) geheilt zu werden[11]. Sie muss sich freiwillig für ihn opfern, damit das Blut seine heilende Wirkung beibehält. Außerdem muss dieses Mädchen „diu vollen man baere“ (V. 225), also in heiratsfähigem Alter und jungfräulich sein. Daraufhin erkennt Heinrich die Aussichtslosigkeit geheilt zu werden, da er kaum ein Mädchen finden wird, das dazu bereit wäre.

[...]


[1] Alle Angaben zu Hartmanns von Aue Leben und Wirken stammen aus Brunner, Horst: Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick . Stuttgart: Reclam 1997. (Im Folgenden zitiert als: Brunner, dt.L.d.MA .)

[2] Cormeau, Christof und Wilhelm Störmer: Hartmann von Aue Epoche-Werk-Wirkung . München: C.H. Beck 1985. S. 25. (Im Folgenden zitiert als: Cormeau, Epoche-Werk-Wirkung .)

[3] Aue, Hartmann von: Iwein . Der Arme Heinrich . Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 2008 (= Bd. 29). (Im Folgenden zitiert als: (V. ) die Versangaben beziehen sich alle auf diese Ausgabe)

[4] Brunner, dt.L.d.MA., S. 199.

[5] Cormeau, Epoche-Werk-Wirkung , S. 147. Später wird noch Bezug auf die Legenden genommen.

[6] In der vorliegenden Arbeit soll der Fokus auf Heinrich, nicht auf dem Mädchen liegen, was die kurz ausgefallene Darstellung des Mädchens erklärt.

[7] Cormeau: Epoche-Werk-Wirkung, S. 59.

[8] Müller, Irmgard: Leprahospitäler im Ruhrgebiert. Klinische und soziale Aspekte. In: Pest im Ruhrgebeit. Seuchen und Krankheiten im 17. Jahrhundert. S. 9.

[9] Diese Voraussetzung schließt ein willkürliches Handeln Gottes aus.

[10] Leibinnes, Christian: Die Problematik von Schuld und Läuterung in der Epik Hartmanns von Aue . Frankfurt am Main, Peter Lang 2008. S. 63. (Im Folgenden zitiert als: Leibinnes, Schuld und Läuterung )

[11] Wie in der Amicus und Amelius Legende und der Silvesterlegende wird der Wirkung des geopferten Blutes eine heilende Wirkung zugeschrieben, was aber nicht den tatsächlichen Wissenstand der mittelalterlichen Medizin oder deren Heilungsmethoden reflektiert.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
„Der arme Heinrich“: Lepra – Strafe oder Prüfung Gottes?
Untertitel
Eine theoretische Abhandlung zur Bedeutung der Lepra im Werk Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“
Hochschule
Universität Basel
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V170433
ISBN (eBook)
9783640892822
ISBN (Buch)
9783640892983
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Der Arme Heinrich, Lepra, Prüfung oder Strafe Gottes
Arbeit zitieren
Hanna Fern (Autor), 2009, „Der arme Heinrich“: Lepra – Strafe oder Prüfung Gottes?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170433

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: „Der arme Heinrich“: Lepra – Strafe oder Prüfung Gottes?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden