Die Shugden-Kontroverse

Analyse der historischen Entwicklung und aktuellen Situation


Seminararbeit, 2008
17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wer ist Dorje Shugden?
2.1. historische Perspektive zur Regierungszeit des 5. Dalai Lamas
2.2. Entwicklung im 20. Jahrhundert

3. Entstehung der Shugden-Bewegungen
3.1. Forderungen des 14. Dalai Lamas
3.2. Reaktionen der Shugden-Anhänger
3.3. Entstehung von Shugden-Bewegungen

4. Aktuelle Situation
4.1. Perspektivenwechsel: Realitätswahrnehmung
4.2. China als Unterstützer der Shugden-Bewegung?

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dorje Shugden eine Gottheit oder doch ein Geist? In der gegenwärtigen Kontroverse geht es nicht mehr nur um eine Meinungsverschiedenheit zwischen einzelnen Mönche innerhalb der buddhistischen Lehre, sondern eine globale Debatte.

Im folgenden Beitrag werde ich auf die Hintergründe der Shugden-Kontroverse eingehen und neben den historischen Fakten auch aktuelle Tendenzen aufweisen. Dabei soll nicht nur die Perspektive des 14. Dalai Lamas, sondern auch die der Shugden-Verehrern zu diesem Diskurs erläutert werden.

Hierzu werde ich zuerst den Begriff der Gottheit Dorje Shugden erläutern und ihren Ursprung feststellen. Erste Konfliktlinien, die in der Zeit des 5. Dalai Lamas mit Shugden entstanden werden hier aufgefasst und später in den Gesamtzusammenhang eingebettet. Im darauf folgenden Kapitel wird vor allem der Ausbruch des Konflikts in der Zeit des 13. und 14. Dalai Lamas betrachtet.

Im Anschluss daran gehe ich auf die aktuelle Situation der Shugden-Anhänger im tibetischen Exil, wie auch in westlichen Ländern, ein. Um eine Abwägung für beide Seiten zu ermöglichen, beschreibe ich zuerst die Forderungen des Dalai Lamas und anschließend die der Shugden-Bewegungen. Dabei erscheint es mir wichtig, neben den Forderungen und Vorwürfen der Shugden-Anhänger an den 14. Dalai Lama auch ihr Wirklichkeitsbild wiederzugeben. Außerdem möchte ich mich der Frage, ob diese Bewegungen von chinesischer Seite aus unterstützt werden, annähern.

Im meinem ersten Teil der Hausarbeit stützte ich mich vor allem auf Schriften von Prof. Dr. Michael von Brück, der wohl als einer der renommiertesten Autoren auf dem Gebiet der Shugden-Kontroverse gilt.

Ganz im Gegensatz dazu gehe ich im angrenzenden Teil vor allem auf Inhalte verschiedener Webseiten ein. In erster Linie sah ich mich gezwungen auf andere Medien auszuweichen, weil bis dato kaum Publikationen zu solch einem aktuellen Thema vorhanden sind. Ich habe mich aber auch für diese Art der Literaturwiedergabe entschieden, da es meiner Meinung nach einen authentischen Einblick in die einzelnen Perspektiven gewährleistet.

Sekundärliteratur zum engeren Thema liegt vor allem von Lopez (1998), Dreyfus (1998), Wilson (1999) und der Homepage info-buddhismus.de vor.

2. Wer ist Dorje Shugden?

Dorje Shugden (rdo rje shugs Idan), auch Dholgyal oder Donnerkeil genannt ist eine Gottheit (iha), die vor allem von der Gelugpa- Schule1 verehrt wird2. Ob es sich dabei um einen höheren oder einen niedrigeren iha handelt , ist umstritten und lässt sich nach Meinung von Brück (2008) auch nicht klären, da der historische Ursprung nicht eindeutig ist.

Die Gottheit wird hauptsächlich um materiellen Wohlstand angerufen, kämpft gegen das Böse und war Schutzgeist der Gelugpa, der Schule der Gelbmützen, wie sie auch genannt wird. Die Attribute Shugdens, wie zum Beispiel sein gewalttätiger und machtvoller Charakter, die dunkelrote Farbe seines Körpers und vieles mehr, sind nach Brück (2005: 239) „ (...)keineswegs exklusiv auf Shugden bezogen, sondern treten (...) als stereotype Eigenheiten von dharma-Besch ü tzern auf “.

Das Mandala Dorje Shugdens ist sehr vielfältig und detailreich. Zu sehen ist unter anderem ein Schneelöwe, auf welchem Shugden reitet. Dieser symbolisiert einer der vier Weisheiten, die einen Buddha ausmachen. Der juwelspeiende Mungo steht für die Macht Shugdens, all seinen Verehrern Reichtum zukommen zu lassen und das dritte Auge ist ein Zeichen seiner allwissenden Weisheit (Wilson 1999).

2.1. historische Perspektive zur Regierungszeit des 5. Dalai Lamas

Historisch lässt sich die Entstehung der Gottheit als Reinkarnation des Tulku3 Drakpa Gyaltsen (1619-1655) zur Zeit des 5. Dalai Lamas Ngawang Lobsang Gyatso (1617- 1682) datieren (Brück 2008: 183). Jener verstand es in seiner Regierungszeit Tibet wieder politisch zu einigen und die Bürgerkriege, zumindest kurzfristig, zu beenden. Außerdem versuchte er die vier Hauptschulen zu einen, insbesondere die Nyingma und die Gelugpa Schule. Letztere ist nach Brück (2008) die stärkere und mächtigere aus der auch alle Dalai Lamas hervorgehen. Dieser Versuch rief jedoch einige Gegner hervor, die die Geschlossenheit der Gelupka-Schule beibehalten wollten. Einer davon war Tulku Drakpa Gyaltsen.

Schon vor Ausbruch der Kontroverse um eine mögliche Eingliederung der Nyingma- in die Gelugpa-Schule kreuzten sich die Wege des Ngawang Lobsang Gyatso und des Drakpa Gyaltsen. Ngawang Lobsang Gyatso stand nämlich zuerst zur Auswahl für die Reinkarnation des 5. Dalai Lamas, bevor er als Reinkarnation eines anderen wichtigen Vertreter der Gelugpa-Schule bestimmt wurde (Lopez 1998). Lopez (1998) sieht hier auch schon eine gewissen Rivalität zwischen beiden, die in einer Debatte gipfelt, in der Drakpa Gyaltsen den Dalai Lama besiegte. Kurze Zeit später soll er tot aufgefunden worden sein- ob er ermordet wurde oder Selbstmord beging, bleibt nach Lopez (1998) und Wilson (1999) unklar. Entscheidend ist aber, dass der Geist Drakpa Gyaltsens in der Überlieferung als Dorje Shugden neu erschien um weiterhin für eine traditionelle Sichtweise der Gelupka-Schule und gegen eine Öffnung dieser gegenüber anderen Schulen zu kämpfen. Der Dalai Lama versucht daraufhin Dholgyal erfolglos zu bekämpfen und ernennt ihn schließlich zum Beschützer (dharmapala) der Gelupka-Schule und „bändigt“ ihn damit (Wilson 1999).

Nach Brück (2005) ranken sich jedoch zahlreiche, zum Teil widersprüchliche Geschichten um den bekannten Tulku und wichtigsten Gegner der religiösen Einheitsidee. So sieht er den Tod Drakpa Gyaltsen nicht unbedingt in Verbindung mit dem erst im 19. Jahrhundert auftretenden Shugden-Kult.

2.2. Entwicklung im 20. Jahrhundert

Nach der Regierungszeit des Ngawang Lobsang Gyasto bleibt es zunächst still um Dorje Shugden bevor er um 1900 erneut in den Mittelpunkt der tibetischen Öffentlichkeit rückt. Zu dieser Zeit verbietet der 13. Dalai Lama Thubten Gyatso (1895-1933) Pabongka Rinpoche (auch: Phabongkhapa), einer der bedeutendsten und einflussreichsten Lamas der Gelugpa, den Geist zu aktivieren (Wilson 1999). Im Dialog mit dem Dalai Lama schwor er zunächst den Shugden-Kult ab, bevor er sich diesem erneut annäherte und weiter verfolgte4. Brück bezeichnet den Gelupka-Lama als „Schlüsselfigur“5 in der Debatte um Shugden, der den Kult maßgeblich verbreitete. Der Mönch des Sera-Me-Klosters6 galt als sehr charismatisch, war ein mächtiges Sprachrohr seiner Zeit und rekrutierte viele Schüler (Brück 1999). Aus Sicht des Dalai Lamas begann die Kontroverse um Shugden, als „ (...) Pa-bong-ka started to promote him aggressively as the main Ge-luk protector “ (Dreyfus 1998).

Einer der bedeutendsten Schüler in der Debatte um Shugden war Trijang Rinpoche (1901- 1981). Dieser übernimmt das Amt des jüngeren Tutor des 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso und

übt dadurch einen großen Einfluss auf diesen aus (Lopez 1998). Von seinem Wurzelguru7 beeinflusst, verfolgt auch Trijang Rinpoche die Verehrung von Dorje Shugden. Im Gegensatz zu Rabongka Rinpoche geht er davon aber aus, dass es zwischen dem 5. Dalai Lama und Drakpa Gyaltsen überhaupt gar keine Kontroverse gegeben hat. Vielmehr soll es „ ein geschicktes Mittel (..) [gewesen sein], das sie benutzt h ä tten, um die Macht Shugdens zu manifestieren und zu demonstrieren “ (Brück 2008: 225; Zusatz: K.E.). Brück sieht diese Sachlage jedoch in Bezug auf die vorausgegangenen, emotional geführte Kontroverse als fragwürdig an (Brück 2008).

Nach dem Volksaufstand 1959 flohen viele Tibeter ins Exil. Dort verbreitete sich zunehmend der Shugden- Kult, vor allem unter den Mönchen des Gaden-Shartse-Klosters. 1976 schwört der Dalai Lama der Verehrung zu Shugden, auf Raten des Staatsorakels Nechung8 ab und fordert alle Anhänger auf dasselbe zu tun. Zuvor war gleichwohl auch der 14. Dalai Lama ein Verehrer der Gottheit Shugden gewesen (Lopez 1998). Nach Brück (2005: 241) entschloss sich der Dalai Lama gegen den dharma -Beschützer, weil er in ihn eine niedrige Gottheit, beziehungsweise einem „bösen Geist“ erkennt. Außerdem ist er der Meinung, dass die Verehrung des Kultes den Fokus von den drei Juwelen (triratna)9 ablenkt. Triratna ist die dreifache Zuflucht zu Budda, Dharma (Lehre) und Sangha (Gemeinschaft der Mönche) und gilt als wesentlicher Bestandteil im Buddhismus. Durch sie kann man die Erleuchtung erreichen (Notz 2001).

Kurze Zeit darauf degradiert der Bruder seiner Heiligkeit Thubten Jigme Norbu Dorje Shugden offiziell zum „Hungergeist“10 (Lopez 1998). So antwortete er in einem Interview mit Donald Lopez auf die Frage, ob Shugden ein Buddha ist, folgendes: „ I think it would be very sad if Buddha had become this Shugden in order to try to take somebody's lives “ (Lopez 1998: o.S.).

1996 erklärt der 14. Dalai Lama erneut seine Abneigung gegenüber der Gottheit Shugden und verbietet „ den Shugden-Kult in seiner pers ö nlichen Umgebung und in allen Institutionen (..), die mit der tibetischen Exilregierung verbunden sind “ (Brück 2005: 241). Folglich können alle Tibeter, die sich nicht im näheren Umkreis des Dalai Lamas befinden, ihren Shugden Praxis weiterhin ausleben (Brück 2008). Ersichtlich ist das auch im offiziellen Schreiben des Dalai Lamas auf seiner Homepage: „Whether or not his advice is heeded, His Holiness made clear, is a matter for the individual“.

[...]


1 Neben der Gelugpa Schule gibt es noch drei weitere Hauptschulen des tibetischen Buddhismus: Nyingma, Kagyü und Sakyapa (Brück 1999).

2 Nach Brück (2005) soll es auch Beziehungen zur Sakyapa-Schule geben, die sich aber nicht nachverfolgen lassen.

3 Ein Tulku ist eine Emanation eines Buddhas oder einer Gottheit. Sie haben zudem die Aufgabe dem Wohle aller Lebewesen zu dienen (Notz 2001; Brück 1999).

4 In der Biographie Phabongkhapas wird eine Geschichte überliefert, die besagt, dass kurz bevor der 13. Dalai Lama verstarb ein Geist in einen Mönch gefahren ist und einen hohen Laut ausgestoßen hat. Phabongkhapa interpretierte die hohe Stimme als ein Freudenschrei über den Tod des Dalai Lamas. Derjenige, der den Shugden-Kult ausrotten wollte (Brück 1999).

5 Phabongkhapa gilt als Schlüsselfigur, weil er den Shugden-Kult an viele seiner Schüler und an hohe Gelupka-Gelehrte weitergab (Brück 1999).

6 Das Sera-Me-Kloster war bis 1959 das wichtigste Ausbildungszentrum der Gelugpa-Schule (Notz 2001).

7 Lama ist die Bezeichnung für einen buddhistischen Lehrer (Notz 2001).

8 Nechung steht in einer langen Tradition als Staatsorakel des Dalai Lamas und Beschützer der gelupga-

Schule; zudem unterhält der 14. Dala Lama eine intensive Beziehung zu Nechung und steht ihm dementsprechend nache (Brück 2008).

9 In einem Interview von Lopez mit Thubten Jigme Norbu erklärt dieser, dass man man keinen anderen

Beschützer als die triratna braucht (Lopez 1998).

10 Hungergeister sind Geister, die in der Hierarchie weit unten stehen, weil sie immer nach bestimmten Dingen hungern. Auf höchster Ebene stehen hingegen die Emanationen (Brück 2008).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Shugden-Kontroverse
Untertitel
Analyse der historischen Entwicklung und aktuellen Situation
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften)
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V170528
ISBN (eBook)
9783640894932
ISBN (Buch)
9783640894611
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tibet, Shugden, Dorje Shugden, Dalai Lama, China, Europa, Buddhismus, Götter
Arbeit zitieren
Kathrin Eitel (Autor), 2008, Die Shugden-Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170528

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