Schlagende Verbindungen - Relikte oder Brutstellen von nationalsozialistischem Gedankengut?


Seminararbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Frage nach der Aktualität

2 „Neues Deutsches Burschenlied“

3 Die Tradition der Burschenschaft

4 Jura Soyfer´s Studienzeit

5 Unterschiede studentischer Verbindungen
5.1 Katholische Verbindungen
5.2 Nationalistische Verbindungen

6 Schlagende Verbindungen in Österreich und Deutschland

7 Ausblick

8 Bibliografie
8.1 Internetquellen

1 Die Frage nach der Aktualität

Jura Soyfer, österreichischer Lyriker und Dramatiker, warnte schon früh vor den Gefahren des Nationalsozialismus und kämpfte auf einer intellektuellen Ebene mit einschneidenden Texten und satirischen Inhalten gegen die aufkeimende Bedrohung. Als Mitglied des Verbandes sozialistischer Mittelschüler und Autor der Arbeiter-Zeitung veröffentlichte Soyfer bereits als 16- jähriger politische Schriften.[1] Eines seiner Lieder, das „Neue Deutsche Burschenlied“, bezieht sich auf schlagende Studentenverbindungen, deren Verherrlichung Hitlers und der aufkommenden Arisierungspläne. Schlagende Verbindungen gibt es heute nach wie vor auch in extremer Form vor allem in Österreich, daher soll in dieser Arbeit festgestellt werden, inwiefern Soyfers Blick für die Gefährlichkeit von Burschenschaften heutzutage immer noch relevant ist oder diese Studentenverbindungen als absterbende Form einer Alt-Nazi-Marotte definiert werden können.

2 „Neues Deutsches Burschenlied“

Soyfers komplexe Sichtweise für politische Veränderungen im Jahr 1933 zeigt das von ihm verfasste Lied „Neues Deutsches Burschenlied“, getextet nach einem traditionellen, deutschen Studentenlied „Gaudeamus igitur“, welches im Original auf lateinischer Sprache existiert. In dieser Neu-Interpretation übernimmt Soyfer den Refrain „Gaudeamus igitur“, was übersetzt „wir wollen also fröhlich sein“[2] heißt, und betont daher umso mehr auf zynische Weise die Brutalität der jungen Nazis auf den Universitäten. Es finden sich bereits in der ersten Strophe typische Verhaltensmuster und Ideologien schlagender Verbindungen:

„Gaudeamus igitur!

Stoßen wir an! Stoßen wir an!

Wer nie stand auf der Mensur,

Im Rausch sich nie bekotzt die Montur,

Der ist kein rechter Mann.“[3]

„Stoßen wir an, Stoßen wir an!“ verweist auf die heute immer noch gültige Gepflogenheit des übermäßigen Alkoholkonsums der Burschenschafter, zur Erprobung ihrer Männlichkeit, stattfindend in der hauseignen Kellerbar. Soyfer zieht in diesen Zeilen diesen salonfähig gemachten Brauch ins Lächerliche, da das Saufgelage mit Erbrechen auf die eigene Montur endet und damit sowohl die angebliche Trinkfestigkeit der Männer, als auch deren Identifikationssymbol der Uniform bloßstellt. Denn jede Studentenverbindung hat ihre eigene Farbzusammenstellung der Montur, die so genannte Couleur, wie beispielsweise das „violett-rot-goldene Bruna Sudentenband“[4] mit dunkelroter Mütze, die für Zusammengehörigkeit stehen soll.

Als Mensur bezeichnet man den studentischen Fechtkampf, der aus so genannten Füxen, sprich jungen Neueinsteigern, Burschen machen soll. Folgeschäden, wie Gesichtsnarben, stehen wiederum für Stärke, Mut und ebenfalls für ausgeprägte Männlichkeit. Der Begriff der „schlagenden“ Verbindung bezieht sich auf die konventionellste Fechtwaffe der Mensur, den so genannten Korbschläger, ein gewissermaßen geradegeformter Degen.[5]

Die weiteren Strophen des Liedes beziehen sich vor allem auf die regimekonformen, neugeschmiedeten Karriereplänen der aufstrebenden Studenten. Schließlich eröffneten Hitlers Arisierungsmaßnahmen der Bevölkerung des Deutschen Reiches neue Arbeitsplätze mittels Übernahmen von jüdischen Firmen- und Fabriken, sowie Besetzung hoher Ämter der Politik und Justiz. Als Beispiel dient hierzu Strophe 8:

"Und Kollega, was wirst denn du?"

"Richter. Wird frech der Prolet an der Ruhr,

Seif' ich ein die Galgenschnur -"[6]

Weiter erinnert Soyfer an die Entstehungsgeschichte der studentischen Verbindungen und die Ideale, die sich eben auf nicht-regierungskonformen Regeln stützten, wie Strophe 3 zeigt:

Gaudeamus igitur!

Wir haben im Jahr vierzig und acht,

Als der Märzwind durch Deutschland fuhr,

Mit Proleten - man denke nur -

Revolution gemacht!

3 Die Tradition der Burschenschaft

Der Ursprung zum Zusammenschluss von Studenten zu so genannten Verbindungen beinhaltete einen zweckmäßigen und revolutionären Gedanken, welcher auf die Revolution von 1848 zurückführt. Zum einen protestierten Studierende gemeinsam mit Handwerkern und Arbeitern gegen die Untertänigkeitsverpflichtung gegenüber dem Kaiser und gegen ein beschränktes Wahlrecht, zum anderen führte die Zusammenkunft von verschiedensten Studenten eben dazu, sich miteinander zu „verbinden“, um praktischerweise Wohnmöglichkeiten und eine Gemeinschaft in anderen Städten zu finden. Folglich lag diesen Vereinigungen ein finanzieller und sozialer Gedanke zu Grunde, was in Zeiten ohne Internet und Telefon ein vorteilhaftes Mittel zum Zweck war. Denn die Tradition der lebenslangen Verbrüderung verlangt regelmäßige Spenden der Altherren für kommende Generationen des jeweiligen Hauses. Wie der Ausdruck „Burschenschaft“ schon besagt, können nur Männer beitreten. Das hat sich bis heute in schlagenden Verbindungen auch nicht geändert, Frauen dürfen nur in der Rolle der Begleitung zu diversen Bällen und Großveranstaltungen in Erscheinung treten.[7]

4 Jura Soyfer´s Studienzeit

Um auf die Aktualität der Gewichtigkeit von Burschenschaften im Jahre 2009 zu gelangen, sollten die Umstände, unter denen Soyfer das „Neue Deutsche Burschenlied“ verfasste, genauer untersucht werden. Jura Soyfer maturierte am 19. Juni 1931 und schrieb sich für das Wintersemester desselben Jahres für Deutsch und Geschichte auf Lehramt an der Universität Wien ein.[8] Hervorzuheben ist, dass Soyfer als Muttersprache „russisch“ und „Volkszugehörigkeit: russisch“ in den Immatrikulationsunterlagen angab.[9] Dies änderte er ein Jahr später auf die deutsche Volksangehörigkeit um, da er ein höheres Selbstbewusstsein bezüglich der deutschen Sprache erlangt hatte. Dennoch belastete diese tendenziell steigende Betonung des Deutschtums an der Universität den jüdischen, sozialistischen Studenten immer stärker. In Horst Jarkas Buch über Jura Soyfers Leben und Werk, wird erwähnt, dass sich die Polizei untätig gegen Übergriffe an Minderheiten, wie Juden und Sozialisten zeigte, „ja oft schadenfroh“ zu sahen.[10] Im Laufe der Semester wurde das Studium politischer, die Wirtschaftskrise nahm überhand und die Arbeitslosigkeit stieg. Hoffnungsvoll stimmte es Soyfer, einen Studienkollegen kennenzulernen, den Sozialisten Franz Marek. Soyfer verarbeitete aktuelle politische Geschehen, wie zum Beispiel den Zusammenbruch der Credit-Anstalt als Programm im „Politischen Kabarett“.[11]Seit 10.01.1932 erschienen immer wieder politische Texte im Zentralorgan der Sozialistischen Partei unter dem schlichten Namen Jura, und wurden somit einer breiten Masse zugänglich.[12] Die Sommerferien nutze Jura um als Reporter auf eigene Kosten in den „Krisenherd“ Deutschland zu reisen, da er für die Arbeiterzeitung Artikel verfassen wollte. Seine Eindrücke von Nazi-Deutschland dokumentierte er auch in wenigen, unzensierten Briefen an seine Freundin Marika Szecsi und in seinen Artikeln an die Arbeiterzeitung. Vom 19.02.1933 bis 22.10.1933 schrieb Soyfer, unter anderem aus finanziellen Gründen, Gedichte für den Kuckuck, so auch das Neue Deutsche Burschenlied.[13] Vermutlich wirkt sich auch der Umstand, dass zwei Tage vor Veröffentlichung dessen, die KPD von der Abstimmung des Ermächtigungsgesetzes im Reichstag ausgeschlossen wurde, auf die Brisanz des Textes aus.[14]

Ferner bestürzte Soyfer die Tatsache, dass im Oktober 1932 „nationalsozialistische Studenten Sozialisten und Juden an den österreichischen Hochschulen“[15] zusammenschlugen und die Staatsgewalt erst eingriff, als ein junger Amerikaner in Mitleidenschaft gezogen wurde. Diesen Vorfall verarbeitete Soyfer auch weiter im „Lied der Justiz“, indem ganz klar hervorgeht, inwiefern der Rektor der Universität Wien mit der Polizei, durch unterlassene Hilfeleistung, kooperierte und erst zur Schonung des „reichen Dollarkunden“ einschritt.[16] Bis heute ist der Polizei verboten universitäres Gelände zu betreten außer der Rektor veranlasst dies. Außerdem befasste sich Soyfer in einem selbstgeschriebenen, fiktiven Briefwechsel eines Sohnes und einer Mutter, umfassend mit dem Thema der Burschenschaft und den naiven Studienanfängern, die sich sicher und bestärkt darin fühlten Mitglied darin zu sein. Auch hier erwähnt Soyfer das Couleur-tragen auf dem Universitätsgelände und den finanziellen Aspekt durch die Altherren. Die Figur des Alois, des Sohnes, beschreibt sehr genau, dass erst das Farbentragen an der Universität das wahre „Alma Mater Rudolphina“-Gefühl aufleben lässt, da es viele Studenten gibt, die nicht so repräsentativ aussehen.[17] Umso zynischer wirkt die Antwort der Mutter des jungen Rekruten, die ihn lediglich vor den Gefahren von „grünen Obst“[18] und aufreizenden Mädchen warnt ohne ein Wort über den militanten neuen Freundeskreis des Sohnes zu verlieren.

[...]


[1] Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie: Jura Soyfer. http://www.dasrotewien.at/online/page.php?P=11874 (Stand: 12. Mai 2009)

[2] Vgl. Frankfurter Verbindungen: Gaudeamus igitur. http://www.frankfurter-verbindungen.de/studentenlieder/gaudeamusigitur.html (Stand: 12. Mai 2009)

[3] Soyfer, Jura: Neues deutsches Burschenlied. Erschienen in Der Kuckuck 26. März 1933.

[4] Bruna Sudetia: Wiener akademische Burschenschaft Bruna Sudetia. http://www.bruna-sudetia.at/ (Stand: 13. Mai 2009)

[5] Die Mensur: Das studentische Fechten. http://www.campusvision.de/coburger-convent/mensur/ (Stand: 12. Mai 2009)

[6] Vgl. Soyfer, Jura: Neues deutsches Burschenlied. Erschienen in Der Kuckuck am
26. März 1933.

[7] KÖStV Austria-Wien. http://www.austria-wien.at/?page=0010401040000
(Stand: 04.05.2009)

[8] Jarka, Horst: Jura Soyfer. Leben, Werk, Zeit. Wien: Löcker 1987, S. 66.

[9] Ebda. S. 66.

[10] Vgl. Ebda. S. 67.

[11] Ebda. S. 68.

[12] Ebda. S. 71.

[13] Ebda. S. 110.

[14] Jarka, Horst: Jura Soyfer. Leben, Werk, Zeit. Wien: Löcker 1987, S. 142.

[15] Ebda. S. 123.

[16] Jarka, Horst (Hg.): Jura Soyfer. Das Gesamtwerk. Wien, München, Zürich: Europaverlag 1980, S. 87.

[17] Ebda. S. 295.

[18] Vgl. Ebda. S. 298.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Schlagende Verbindungen - Relikte oder Brutstellen von nationalsozialistischem Gedankengut?
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Jura Soyfer (1912-1939) - Theater- und Lebensdramen
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V171006
ISBN (eBook)
9783640901333
ISBN (Buch)
9783640901784
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Burschenschaft, Jura Soyfer
Arbeit zitieren
Mag. phil. Tiffany Kudrass (Autor:in), 2009, Schlagende Verbindungen - Relikte oder Brutstellen von nationalsozialistischem Gedankengut?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171006

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