Die Darstellung des Komponisten Johann Sebastian Bach im Film

„Ost“- und „West“-Film im Vergleich


Hausarbeit, 2010

33 Seiten, Note: 1,0 (rechnerisch 0,7)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Komponisten im Film

3. Überblick: Filme über Johann Sebastian Bach
3.1. Ost-Filme
3.2. West-Filme
3.3. Filmauswahl

4. Vergleich der beiden Filme
4.1. Inhalt und Aufbau der Filme
4.2. Konflikte
4.3. Musik
4.4. Familie
4.5. Darstellung und Charakterisierung von Bach

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Filmverzeichnis

Abbildungsverzeichnis
Anhang 1: Portrait
Anhang 2: Familie Johann Sebastian Bachs
Anhang 3: Lebensstationen Johann Sebastian Bachs

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Johann Sebastian Bach (21.03.1658 – 28.07.1750) gilt heute als einer der größten Komponisten des Abendlandes und bestimmt als der größte des deutschen Barocks. Seine Musik überschritt immer wieder die Grenzen dessen, was damals üblich war. Sie ist einerseits sehr komplex aufgebaut – und wird deswegen auch nicht selten als zu mathematisch bezeichnet – besonders die Vokalwerke entfachen aber zugleich auch eine Emotionalität und Spiritualität, die auch eine breitere Hörerschaft fasziniert. Wie schon das einzige überlieferte Gemälde (gemalt von Elias Gottlob Hausmann)[1] zum Ausdruck bringt, tritt der Mensch Bach dabei hinter sein Werk zurück.[2] Anders als bei dem „Wunderkind“ Mozart oder dem als cholerisch geltenden Beethoven, scheint sein Leben hierfür einfach nicht dramatisch genug verlaufen zu sein, zumal überlieferte Privatkorrespondenz von ihm fast nicht mehr zu finden ist.[3]

Dabei bietet auch Bachs Leben einige interessante Aspekte, etwa, dass er zeitlebens immer wieder in Konflikte wegen seiner Musik geriet und diese etwa in der Kantate „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde“ BWV 201 (Originaltitel: Der Streit zwischen Phoebus und Pan) durchaus humorvoll und scharfzüngig zu verarbeiten wusste.[4]

Ein Mittel, das Leben einer historischen Persönlichkeit einer breiten Masse näher zu bringen, ist seit seiner Erfindung der Film, der einerseits ein hohes Identifikationspotential schafft, andererseits aber auch einen gewissen Schauwert bieten muss. Vor allem, weil er zeitlich oft bei weitem zu begrenzt ist, um wirklich ein ganzes Menschenleben in all seinen Aspekten darzustellen, muss dabei vieles verkürzt, vereinfacht oder schlichtweg ausgelassen werden. Auch muss die Realität manchmal der Dramaturgie weichen, um die für einen Spielfilm nötige Spannung aufrecht zu erhalten. Was dabei weggelassen oder verfälscht wird, liegt zunächst in den Händen des Drehbuchautors und möglicherweise des Regisseurs. Aber auch dieser hat letztlich einen Vertrieb, vor dem er sich rechtfertigen muss. Dieser kann kommerzielle Interessen verfolgen oder aber auch politischen Leitlinien unterzogen sein.

Dem Sozialismus wird dabei generell gerne unterstellt, Filme und Medien grundsätzlich als Mittel zur Propaganda benutzt und Geschichte nach dem marxistischen Verständnis umgedeutet zu haben. Interessant ist dies bei der filmischen Darstellung von Johann Sebastian Bach insofern, als dass er fast sein ganzes Leben im Gebiet der späteren DDR verbracht hat und sein Erbe entsprechend hier verwurzelt ist. Sein Leben als hart arbeitender Mensch, der Konflikte mit seinen Vorgesetzten austragen musste, bietet dabei durchaus Spielraum für Auslegungen. Andererseits besteht ein Großteil seines Vermächtnisses aus geistlicher Musik, was ihn schnell als einen frommen Menschen erscheinen lässt und mit dem sozialistischen Atheismus nicht konform ist.[5] Hingegen hat ein Film, der für eine freie Marktwirtschaft konzipiert wird, weniger heikle politische Fragen zu beantworten, muss aber derart beschaffen sein, dass er kommerziell erfolgreich ist.

Die Leitfrage des Autors lautet von daher: Welche Auswirkungen hat das vorhandene politische System auf die Darstellung des Komponisten Johann Sebastian Bach?

Es wird dabei nur auf Spielfilme, nicht auf Dokumentationen eingegangen. Da zudem nur je ein Film aus der DDR und einer aus dem Westen exemplarisch gegenübergestellt werden, wird hier ausdrücklich kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

2. Komponisten im Film

Allgemeine Literatur zum Thema „Komponisten im Film“ ist spärlich gesät, da das Thema offenbar bislang überhaupt nicht erforscht worden ist. Es existieren lediglich einige kurze Aufsätze von Film- und Musikwissenschaftlern, in denen darüber referiert wird. Oft handeln diese Artikel aber nicht einmal nur von Komponisten, sondern von Musikern und Künstlern im Film im Allgemeinen.

Der Tenor der Aufsätze ist dabei sehr einhellig: In den Filmen wird die Arbeit des Musikschaffenden verklärt, Inspiration für Werke ist häufig unerfüllte Liebe, eine gesellschaftliche Außenseiterstellung oder anderes Leiden. Oft überdecken diese Liebesgeschichten oder der Charakter des Komponisten im Allgemeinen dessen Werk und die diesem zugrunde liegende Arbeit fast gänzlich.[6] Mit unverhohlenem Sarkasmus begegnet gar der Komponist Honegger den Filmdarstellungen: „Mit gebrochenem Herzen entfernt sich der Liebende und beeilt sich, eine Symphonie zu fabrizieren, in der er dem Ausdruck seiner Verzweiflung freien Lauf lässt. Bei der Aufführung des Werkes (…) errät der ‚geliebte Gegenstand‘ bei einer besonders gefühlvollen Posaunenstelle mit einem Male das ganze Genie und die ganze Liebe des Künstlers. Aber, ach! [sic!] es ist zu spät! Sie ist schon verheiratet und vielleicht auch schon Mutter einiger Kinder!“[7] Weiter beklagt er in seiner Schmähschrift die Geschwindigkeit, mit der aus einer Inspiration ein komplettes Werk entsteht und die romantisierte Art und Weise, auf die diese Inspirationen festgehalten werden (Die Noten werden etwa auf die beschlagene Scheibe einer Kutschentür gemalt.)[8]. Ein anderer Artikel unterteilt Künstlerdarstellungen etwas differenzierter in acht Modelle, bei denen zwar ebenfalls meist Liebe und eine Außenseiterstellung vorherrschen, der Künstler aber auch als ein stets im Sinne der Kunst beobachtender Mensch, Guru oder sogar Prophet gezeigt werden kann. Aber auch hier und bei den danach beschriebenen Komponistenportraits des BBC-Regisseurs Ken Russell, wird ein wenig sachlicher, dramatisierender Umgang mit der Materie angesprochen.[9]

Der Musikpädagoge Georg Maas beschäftigt sich etwas weniger spöttisch mit der Rolle des Musikers (und weniger nur des Komponisten) unter dem Aspekt, welches Bild die Gesellschaft vom Musiker hat.[10] [11] [12] Bereits im ersten Aufsatz fasst er dieses dabei gut zusammen: Auch er sieht die Darstellung des Musikers als gesellschaftliche Randfigur, die diesem erlaubt, moralische Grenzen zu überschreiten, aber auch ein hohes Maß an Begabung gepaart mit psychischen Auffälligkeiten („Genie und Wahnsinn“). Musiker würden als eine Art Kaste mit eigenen Ritualen gesehen. Schlussendlich hebt aber auch Maas hervor, dass persönliche Erlebnisse des Musikers in Filmen gerne in der Musik verarbeitet werden. Das höchste Maß an Fähigkeiten würde dabei dem Komponisten zugesprochen.[13]

Auffällig ist neben der als verklärend, um nicht zu sagen als klischeeüberfrachtet, betrachteten Darstellungsweise in diesem Zusammenhang, dass alle Komponisten, deren Filme in diesen Aufsätzen betrachtet werden, der Wiener Klassik oder der Romantik zuzuordnen sind. Der Barockmusiker Bach oder auch sein Zeitgenosse Händel finden keine Erwähnung. Von Meistern noch früherer Kunstepochen ganz zu schweigen. Bei der Recherche für diese Arbeit stellte sich heraus, dass es zum Komponisten Bach in der Tat nur wenige Filme gibt. In einem Aufsatz über Komponistenfilme im Dritten Reich wird ebenfalls angemerkt, dass es über „Schwergewichte“ wie Beethoven, Wagner oder auch Bach keinen einzigen Film aus dieser Zeit gibt.[14] Zwar habe Johann Sebastian Bach in dem Film Friedemann Bach[15] von 1941 einen Auftritt, seine Erscheinung wird aber folgendermaßen beschrieben: „He moves and speaks more like a statue than a human being, hardly ever raising his voice or betraying personal involvement. (…) is also shown as family man. But even presiding over the family table he seems to be pronouncing words of wisdom, rather than living on the same plane as the other characters.”[16] Als Grund hierfür sieht der Autor Guido Heldt die weltweit herausragende Stellung bedeutender deutscher Komponisten, die sie zu unantastbaren Genies gemacht habe, deren Größe nicht durch die Darstellung ihres Privatlebens auf der Leinwand geschmälert werden sollte.[17]

Dies kann auf unsere Zeit jedoch nicht mehr angewendet werden. Bei Betrachtung der in den allgemeinen Aufsätzen beschriebenen Filme und ihrer Darstellung kristallisiert sich eher ein anderer Grund heraus: Das Bild des Genies ist eine Erfindung des Zeitalters der Aufklärung. Zuvor, also auch zu Bachs Zeiten, haben sich Komponisten eher als Handwerker gesehen, die im Dienste ihres Arbeitgebers Musik machten, obwohl Bach mit seinen Nebentätigkeiten in Leipzig durchaus als Prototyp späterer freischaffender Meister betrachtet werden kann. Dies bringt mit sich, dass von dem Privatleben der Musiker dieser Zeit oft nicht viel bis gar nichts überliefert ist, während vom „Genie“ Mozart umfassende persönliche Korrespondenzen[18] einen Einblick in die Persönlichkeit dieses Menschen bieten. So ist es schwer, anhand solcher einen für das Publikum interessanten Exzentriker aus Bach zu machen. Betrachtet man zudem sein überliefertes Werk, das überwiegend geistlich ist und dessen wohl bekannteste Vertreter zwei Oratorien („Weihnachtsoratorium“ und „Matthäus-Passion“) sind, wird klar, dass dieses ebenfalls nicht in das Schema eines gesellschaftlich Aufbegehrenden passt. Tragische Frauengeschichten lassen sich Bach, der jung heiratete und sich wenige Monate nach dem Tod seiner ersten Ehefrau wieder ehelichte, wohl auch nur schwer anhängen. Lediglich das Bild des verkannten Genies lässt sich auf den seinerzeit fast nur regional bekannten Bach anwenden. Bei der Filmübersicht im nächsten Abschnitt fällt auch auf, dass es sich fast ausschließlich um TV-Produktionen handelt. Kurz: Offensichtlich eignet sich Johann Sebastian Bach nicht als ein Protagonist für das Massenpublikum.

3. Überblick: Filme über Johann Sebastian Bach

3.1. Ost-Filme

Der chronologisch erste Film Bach in Arnstadt von 1972 ist ein für Kinder gedachter Fernsehfilm, der von Bachs erster Organistenstelle in Arnstadt von 1703-07 berichtet. Die Konflikte, denen sich Bach bereits zu dieser Zeit ausgesetzt sah, werden thematisiert, wobei er sich ganz im Sinne familienfreundlicher Unterhaltung problemlos zur Wehr zu setzen weiß. Die einzig auffindbare Rezension ist eine Lobeshymne sondergleichen.[19]

Johann Sebastian Bachs vergebliche Reise in den Ruhm aus dem Jahr 1979 wiederum handelt von einem Ereignis am Ende des Lebens von Johann Sebastian Bach: Seiner Begegnung mit dem damals noch jungen preußischen König Friedrich II. 1747. Da außer (positiven) Berichten über Bachs Spiel nichts über dieses Treffen überliefert ist[20], trotz der musikalischen Begabung Friedrich des Großen aber Welten aufeinandergestoßen sein dürften, bietet sich natürlich allerhand Spielraum für Spekulationen. Der Film deutet es als einen gescheiterten Versuch Bachs, am Ende seines Lebens noch einmal zu Ruhm zu gelangen und Leipzig zu entkommen. Dass dies schon dem damaligen Stand der Forschung widersprach, wird in einer zeitgenössischen Besprechung moniert[21] Interessant ist, dass dieser Film eine Auftragsproduktion der Westberliner Allianz-Film GmbH war.[22]

Der letzte Film mit dem schlichten Titel Johann Sebastian Bach ist ein 1985 produzierter TV-Film mit vier je etwa 90minütigen Episoden. Dabei wird im ersten Teil Bachs zweite Anstellung in Weimar (1708-17) gezeigt, wobei hierbei das letzte Jahr dort behandelt wird. Auch seine Begegnung mit dem Tastenvirtuosen Louis Marchand wird dabei thematisiert. Weiter geht es mit seiner Anstellung als Concert-Meister in Köthen (1717-23), der dritte Teil beleuchtet sein Leben in Leipzig zwischen 1723 und etwa 1742, die letzte Episode zeigt ebenfalls seine Begegnung mit Friedrich II., seine letzten Jahre und schließlich seinen Tod 1750. Durch den enormen Umfang ergibt sich von selbst, dass viele Aspekte von Bachs Leben veranschaulicht werden. Der Film ist dabei historisch erstaunlich präzise und seine realistische Darstellung von Johann Sebastian Bach fand in der Fachwelt Anerkennung[23]

3.2. West-Filme

Der früheste Film ist Chronik der Anna Magdalena Bach aus dem Jahr 1967. Von Jean-Marie Straub gedreht, enthält er fast keine Spielszenen, stattdessen werden Briefe von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach verlesen und dabei Standbilder gezeigt. Zwischen diesen Rezitationen erklingen Sätze aus Werken Bachs fast immer in voller Länge und „live“ von den Darstellern vorgetragen.[24] Als Kunstfilm sicher wertvoll, ist er als Beispiel für eine typische Komponistendarstellung nicht zu gebrauchen.

Die französische TV-Produktion Johann Sebastian Bach: Sein Leben – Seine Musik (Originaltitel: Il était une fois… Jean-Sébastien Bach) behandelt das Leben von Johann Sebastian Bach vom Tod seiner Eltern, als er gerade einmal neun Jahre alt war (1695) bis zu seinem eigenen Tod. Mit Ausnahme seines ersten Wirkens in Weimar und seinem kurzen Dienst in Mühlhausen werden dabei alle Tätigkeitsstätten gezeigt. Der Film stellt Bach als ein verkanntes Genie dar, dass sich mit der Engstirnigkeit der konservativen Oberschicht plagen musste. Historisch ist er wenig fundiert und erweitert seine Lebensgeschichte um eine von ihm nicht erwiderten Liebe.

Mein Name ist Bach ist ein schweizerischer Film aus dem Jahr 2003. Er handelt abermals von Bachs Begegnung mit Friedrich dem Großen. Dieses Aufeinandertreffen wird als ein schwerer psychischer Konflikt zwischen dem am Ende seines Lebens stehenden Meister Bach und dem noch jungen, aber ambitionierten Preußenkönig ausgedeutet. Beide Charaktere kommen als psychisch sehr labil daher, was vom Film mit Stilmitteln, etwa einer völlig zerzausten Perücke Bachs unterstrichen wird. Er scheint sich damit und mit seinen ungewöhnlichen Darstellern (Jürgen Vogel als Friedrich II.) ebenfalls als ein Kunstfilm zu verstehen.

3.3. Filmauswahl

Schon eingangs wurde erwähnt, dass in dieser Arbeit je ein Film aus West und Ost exemplarisch gegenübergestellt werden. Wie sich aus dem Überblick leicht erkennen lässt, ist die Auswahl beschränkt. Die Wahl fiel letztlich auf Johann Sebastian Bach von 1985 als Beispiel für einen sozialistischen Film und den französischen Johann Sebastian Bach: Sein Leben – Seine Musik als sein westliches Pendant. Dies ist in erster Linie durch die West-Filme zu erklären. Mit Ausnahme von Chronik der Anna Magdalena Bach scheint es leider keine westdeutschen Filme zu geben, weshalb die Wahl auf die französische Produktion fallen muss. Für diese Wahl spricht, dass diese sich als einzige nicht um eine besondere künstlerische Darstellung bemüht, sondern ein eher konventioneller Film ist. Johann Sebastian Bach ist das am meisten geeignete Gegenstück. Das zeigt sich schon daran, dass beide Filme zumindest einen Großteil von Bachs Leben zeigen und sich nicht auf einzelne Ereignisse beschränken. Zudem handelt es sich in beiden Fällen um TV-Produktionen, was zumindest vermuten lässt, dass unter vergleichbaren Bedingungen gearbeitet werden konnte.

Eine Gegenüberstellung von Mein Name ist Bach und Johann Sebastian Bachs vergebliche Reise in den Ruhm wäre zwar ebenfalls denkbar gewesen, in beiden Filmen wird aufgrund der mangelnden Überlieferung aber sehr stark selbst interpretiert, was den Aspekt des Umgangs mit der Geschichte teilweise relativiert. Dazu muss gesagt werden, dass Bachs Begegnung mit Friedrich II. wohl als eine absolute Ausnahmesituation gesehen werden kann, die zudem am Ende seines Lebens stattfand und ihn so nicht aufzeigt, wie er sich im Allgemeinen verhalten hat. Zudem wäre womöglich eine zusätzliche Charakterisierung Friedrich II. nötig, was den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

4. Vergleich der beiden Filme

4.1. Inhalt und Aufbau der Filme

Wie bereits dargelegt, zeigen beide Filme einen großen Teil des Lebens von Johann Sebastian Bach, wobei sich schon durch die Dauer konzeptionelle Unterschiede ergeben: Johann Sebastian Bach: Sein Leben – Seine Musik hat eine Dauer von 105 Minuten, während Johann Sebastian Bach aus vier Teilen besteht, die jeder mindestens 80 Minuten lang sind. Der französische Film muss dementsprechend wesentlich sparsamer mit Details umgehen und beschränkt sich an jeder Wirkungsstätte auf ein bis zwei Aspekte aus Bachs Leben, die oft stark vereinfacht wiedergegeben werden. Aus Bachs Leben werden folgende Stationen dargestellt[25]: Die Lehre bei seinem Bruder in Ohrdruf (1695-1700), seine Weiterbildung in Lüneburg (1700-02), seine Anstellung in Arnstadt (1703-07), Mühlhausen (1707-08)[26], Weimar (1708-17), Köthen (1717-23) und schließlich seine letzte und längste Beschäftigung in Leipzig (1723-50). Ein Schwerpunkt wird dabei auf Konflikte gelegt, die darauf beruhen, dass Bachs Fähigkeiten nicht anerkannt werden und (indirekt) von ihm gefordert wird, sich einzuschränken. Ansonsten werden einige familiäre Belange erwähnt und etwa dem Tod seiner ersten Frau Maria Barbara Bach einige Minuten gewidmet. Wie schon der deutsche Titel des Films vermittelt, werden auch immer mal wieder längere Szenen Bachs Musikstücken gewidmet.

Aus der Länge des DDR-Films Johann Sebastian Bach hingegen ergibt sich, dass wesentlich mehr Zeit für einzelne Aspekte seines Wirkens zur Verfügung stehen, dennoch beschränkt er sich auf vier Lebensabschnitte, die immer einen für sich geschlossene Filmepisode mit einem offenen Ende bilden. Wie schon in der Filmübersicht erwähnt, sind dies sein letztes Jahr in Weimar (1717), seine Zeit in Köthen (1717-23) und zwei Filme über Leipzig (1729-42)[27] und 1747-50). Einen Schwerpunkt bilden auch hier die vielen Konflikte in Bachs Leben, wobei diese sich auf seine Vorgesetzten beschränken und nicht mit Familien- und Gemeindemitgliedern ausgetragen werden. Sein Familienleben betrifft hier nicht nur seine beiden Ehefrauen, auch seine Kinder, besonders die beiden erstgeborenen Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel, spielen wichtige Rollen. Dabei stehen weniger dramatische Augenblicke, als vielmehr das „normale“ Leben im Mittelpunkt. Weiter enthält der Film einige Exkurse über Reisen, die Bach gemacht hat.

Schon die bloße Betrachtung des Inhaltes lässt also die unterschiedliche Konzeption der Filme erkennen. Während Johann Sebastian Bach: Sein Leben –seine Musik eher oberflächlich daher kommt und wohl einem breiteren Publikum seine Musik näher bringen soll, erfordert Johann Sebastian Bach von den Zuschauern einiges an Zeit, ist aber biographisch tiefgründiger.

4.2. Konflikte

Beide Filme legen großen Wert auf die Konflikte, die Bach auszutragen hatte. Der französische Film Johann Sebastian Bach: Sein Leben – Seine Musik lässt diese bereits in Bachs Kindheit beginnen, als er bei seinem Bruder nach dem Tod der Eltern das Orgelspiel erlernt. Hier wird eine wohl von Bach selbst überlieferte Anekdote thematisiert[28], nach der er nachts heimlich an den Notenschrank seines Bruders ging, um Werke zu kopieren[29], die dieser ihm verwehrte. Als dieser die Abschriften gefunden hat, soll er sie ihm weggenommen haben. Im Film ist dies mit weiteren Strafen verbunden und zudem bezeichnet Johann Christoph den Wunsch Johann Sebastian Bachs, diese Werke zu studieren, da er die anderen bereits auswendig kennt, als anmaßend. So entsteht der Eindruck, dass der rund 14 Jahre ältere Bruder vermutlich die Begabung Bachs erkannt und ihn um sie beneidet hat, zumindest aber Bachs im Film geäußerte Ambitionen, Komponist zu werden, eindämmen wollte.

Zwei Konflikte aus seiner Zeit in Arnstadt werden ebenfalls angesprochen. Zum einen der Konflikt mit den Musikschülern des städtischen Lyzeums. Hier wurde Bach nachts von einem Schüler tätlich angegriffen, den er als „Zippelfagottisten“ bezeichnet hatte[30]. Wie im Film auch korrekt aufgezeigt, ärgerte sich Bach über die mangelnde Musikalität seiner Schüler und da er vertraglich nicht verpflichtet war, diese zu unterrichten, es aber von ihm erwartet wurde, tat er dies nur sehr missmutig. Anders als gezeigt, war dieser angreifende Schüler aber nicht mehr ein kleiner Junge, der ihm einen Streich spielen wollte, sondern mit seinen 23 Jahren drei Jahre älter als sein Lehrer Johann Sebastian Bach. Außerdem war er nicht allein, sondern in Gesellschaft von fünf Mitschülern. Was zu dieser verharmlosenden Darstellung geführt hat, ist schleierhaft, womöglich wollte man den großen Johann Sebastian Bach nicht dabei zeigen, wie er schließlich zum Degen greift, was er nämlich in Wirklichkeit getan hat.[31] Dass er den Schüler mit der Bezeichnung „Zippelfagottist“ beleidigt hatte, wird wohlweislich ebenfalls verschwiegen.

Verfälschend dargestellt werden auch seine Konflikte mit der Gemeinde und dem Konsistorium. Letzteres zahlte ihm in der Tat ein ungewöhnlich hohes Gehalt, wird dies aber aus freien Stücken getan haben, was bezeugt, wie hoch Bach bereits jetzt geschätzt wurde.[32] Probleme bereitete da in Wirklichkeit neben seinen Schülern schon eher die Gemeinde. Anders als im Film gezeigt wird, war der Grund dafür nicht, dass sich die Lutheraner in Bachs Gemeinde durch die Musik provoziert fühlten und die Pietisten ihn entsprechend verteidigten. (Bach war selbst Lutheraner, beschäftigte sich gleichwohl aber auch mit dem Pietismus. Auch seine Kantaten lassen beide Strömungen erkennen.[33] ) Vielmehr waren viele von seiner Musik durch harmonische Experimente in den Variationen, an die er sich zu dieser Zeit heranwagte, verwirrt[34] Und selbst hätte es einen solch religiösen Konflikt gegeben, hätte Bach es wohl kaum gewagt, seine Verlobte Maria Barbara auf einen für Männer reservierten Stuhl zu setzen. Hier wird offenbar wirklich ein Versuch unternommen, Bach auch in dieser Hinsicht als einen Aufrührer darzustellen. Seine Gegner werden zusätzlich als Ignoranten mit religiösem Eifer im Hintergrund hingestellt. Letztlich hat Bach Arnstadt wohl nicht wegen dieser Konflikte verlassen, die von der Forschung inzwischen für eher unbedeutend gehalten werden[35], sondern weil Arnstadt für ihn einfach zu klein geworden war. Sein kurzes Verbleiben in Mühlhausen wird vom Film abermals mit Auseinandersetzungen mit der Verwaltung begründet, in Wirklichkeit lockte ihn vermutlich das wesentlich größere Weimar. Von Mühlhausen hat er sich wohl tatsächlich friedlich getrennt, was mehrere Taufpatenschaften und spätere Konzerte dort bezeugen.[36]

[...]


[1] Siehe Anhang 1.

[2] WOLFF, Christoph: Johann Sebastian Bach. – Frankfurt am Main : 2005. – S. 425.

[3] ebd., S. 426.

[4] ebd., S. 385, 486f.

[5] Auf der Suche nach einem neuen Bach-Bild in der Musikwissenschaft fand auf der wissenschaftlichen Bach-Tagung 1950 in Leipzig eine Podiumsdiskussion statt, deren Teilnehmer sich in zwei Lager spalteten: Die Musikwissenschaftler der jungen DDR wollten Bach als einen Aufklärer sehen, dessen christliche Musik Auftragsmusik war und ihrem Zeitgeist entsprach, während die aus dem Westen angereisten Forscher die Auffassung vertraten, dass Bach seine Musik in rein christlicher Hingabe komponiert hätte. Vgl.: VETTER, Walther[Hrsg.]: Der Bericht über die wissenschaftliche Bachtagung Gesellschaft für Musikforschung : Leipzig 23. bis 26. Juli 1950. – Leipzig : 1951. – S.180ff.

[6] FRITZ, Walter: Der Märtyrer seines Herzens oder Wie schreibe ich eine Symphonie? : die Darstellung des Schöpferischen im Film.– In: Bruckner-Symposium : zum Schaffensprozeß in den Künsten. – Linz : 1997 – S. 91ff.

[7] HONEGGER, Arthur: Komponisten als Filmhelden. – In: HAMEL, Fred [Hrsg.]: Musica : Monatsschrift für alle Gebiete des Musiklebens Jahrgang 1956 – Kassel[u.a.] : 1956 – S. 115.).

[8] ebd. S. 116

[9] KOEBNER, Thomas: Exzentrische Genies : Ken Russells Umgang mit Gipsbüsten. In: Felix, Jürgen [Hrsg.]: Genie und Leidenschaft, Künstlerleben im Film – St. Augustin : 2000 – S. 103ff.

[10] MAAS, Georg: Zwischen Genie und Wahnsinn : Musiker im unterhaltenden Spielfilm. – In: Ehrenforth, Karl Heinrich [Hrsg.]: In Grenzen - über Grenzen hinaus – Mainz[u.a.] : 1990 – S. 207.

[11] MAAS, Georg: Die Verzeichneten: Zur Darstellung des Musikers im unterhaltenden Spielfilm. – In: Musikvermittlung als Beruf – Essen : 1993 – S. 94.).

[12] MAAS, Georg: Zwischen Ruhm und Scheitern – Musikerkarrieren im Spielfilm. – In: Schulten, Marie Luise [Hrsg.]: Musikpädagogische Forschungsberichte : Vom Kinderzimmer bis zum Internet – Augsburg : 2003 – S. 81.

[13] MAAS, Georg: Zwischen Genie und Wahnsinn : Musiker im unterhaltenden Spielfilm. – In: Ehrenforth, Karl Heinrich [Hrsg.]: In Grenzen - über Grenzen hinaus – Mainz[u.a.] : 1990 – S. 209ff.

[14] HELDT, Guido: Hardly Heroes : Composers as a Subject in National Socialist Cinema. – In: Kater, Michael H.[Hrsg.]: Music and Nazism : Art under Tyranny, 1933-1945 – Laaber : 2004 – S. 116.

[15] Ein Film über seinen ersten Sohn Wilhelm Friedemann Bach.

[16] ebd. S. 117.

[17] ebd. S. 117f.

[18] Einen Überblick vermittelt hier ein siebenbändiges Werk, in dem Briefe und Aufzeichnungen Mozarts festgehalten werden: DEUTSCH, Otto Erich: Mozart : Briefe und Aufzeichnungen. – München : 2005.

[19] SCHAEFER, Hans-Jürgen: Musik in Funk und Fernsehen : Fernsehspiel um Bach. – In: Musik und Gesellschaft : 23. Jahrgang 1973 Heft 1 bis 12: Berlin (Ost) : 1973. – S. 158ff.

[20] WOLFF, Christoph: Johann Sebastian Bach. – Frankfurt am Main : 2005. – S. 465ff.

[21] BÖRNER, Hermann: Ein neuer DEFA-Film: „Johann Sebastian Bachs vergebliche Reise in den Ruhm“. – In: Musik und Gesellschaft : 30. Jahrgang 1980 Heft 1 bis 12 – Berlin (Ost) : 1980 – 414ff.

[22] ebd.

[23] THIEL, Wolfgang: Werk und Biographie in szenischem Arrangement : Zum vierteiligen Fernsehfilm Johann Sebastian Bach. – In: Musik und Gesellschaft 1/85 – Berlin (Ost) : 1985 – S. 251f.

[24] KOCH, Gerhard R.: Jean-Marie Straubs Bach-Film. – In: Hamel, Fred [Hrsg.]: Musica : Zweimonatsschrift für alle Gebiete des Musiklebens Jahrgang 1968 – Kassel[u.a.] : 1968 – S. 361f.

[25] Vgl. Anhang 3 „Lebensstationen von Johann Sebastian Bach“

[26] Wird nur erwähnt, aber nicht gezeigt.

[27] Die Folge beginnt beim Verfassen seiner Eingabe über die schlechte Qualität des Chores, was 1729 geschah und endet mit der Bauernkantate, die 1742 geschrieben wurde.

[28] WOLFF, Christoph: Johann Sebastian Bach. – Frankfurt am Main : 2005. – S. 49f.

[29] d.h. abzuschreiben

[30] WOLFF, Christoph: Johann Sebastian Bach. – Frankfurt am Main : 2005. – S. 93f.

[31] ebd.

[32] ebd., S 87f

[33] BLANKENBURG, Walter: Geistiges und kulturelles Leben. – In: SCHWENDOWIUS, Barbara[Hrsg.]: Johann Sebastian Bach : Zeit – Leben – Wirken – Hamburg : 1976 – S. 23ff.

[34] BOYD, Malcolm: Johann Sebastian Bach : Leben und Werk. – Stuttgart : 1984, – S. 39.

[35] WOLFF, Christoph: Johann Sebastian Bach. – Frankfurt am Main : 2005. – S. 102.

[36] ebd., S. 128f.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Komponisten Johann Sebastian Bach im Film
Untertitel
„Ost“- und „West“-Film im Vergleich
Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
1,0 (rechnerisch 0,7)
Autor
Jahr
2010
Seiten
33
Katalognummer
V171388
ISBN (eBook)
9783640907793
ISBN (Buch)
9783640907779
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, komponisten, johann, sebastian, bach, film, vergleich
Arbeit zitieren
Lennart Schuett (Autor), 2010, Die Darstellung des Komponisten Johann Sebastian Bach im Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171388

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