Standortvergleich: Russland vs. Kanada - Vor dem Hintergrund der Direktinvestitionsvorhaben (FDI) bei Multinationalen Unternehmen


Studienarbeit, 2010
45 Seiten

Leseprobe

Gliederung

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1. Einführung (Daniel Schurke)
1.1 Länder- und Sektorauswahl
1.2 Fallstudie und Direktinvestitionsvorhaben
1.3 Direktinvestitionen multinationaler Unternehmen

2. Standortbeschreibung
2.1 Standort Russland (Daniel Schurke)
2.1.1 Wirtschaft und Finanzen
2.1.2 Arbeitsmarkt und Lohnverhältnisse
2.1.3 Bausektor- Förderprogramme und spezielle Gesetzesnormen
2.1.4 Aktuelles politische Geschehnisse
2.1.5 Ausgewählte Aspekte zu den Eigenkapitalvorschriften der russischen GmbH und des Steuerrechts auf Unternehmensebene
2.2 Kanada (Arlett Ruhtz)
2.2.1 Allgemeine Informationen zum Standort
2.2.2 Wirtschaft und Finanzen
2.2.3 Arbeitsmarkt und Lohnverhältnisse
2.2.3.1 Beispiel für kanadische Lohnnebenkosten
2.3 Der Erwerb von Gesellschaftsanteilen in Kanada
2.3.1 Das unternehmerische Rechts- und Steuersystem Kanadas
2.3.1.1 Rechtliche Normen
2.3.1.2 Steuerliche Richtlinien
2.3.1.3 Besteuerung von Kapitalerträgen der x-GmbH
2.4 Der Bausektor Kanadas - Förderprogramme und Gesetze

3. Tabellarische Übersicht (Daniel Schurke, Arlett Ruhtz)

4. Bewertung
4.1 Abwägung der wichtigsten Vor- und Nachteile der Standorte (Arlett Ruhtz)
4.2 Bewertungsinstrumente zum Standortvergleich (Daniel Schurke)
4.2.1 Nutzwertanalyse
4.2.2 Discounted Cash Flow Verfahren

5. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildungen:

Abbildung 1: Climate Performance

Abbildung 2: Direktinvestitionsströme zwischen BRD und Russland

Abbildung 3: Lohnverhältnisse Russland

Tabellen:

Tabelle 1: FDI vs. Portfolioinvestitionen

Tabelle 2: Dividendenbesteuerung bei MNU

Tabelle 3: Kapitalerträge

Tabelle 4: Nutzwertanalyse

Tabelle 5: DCF/Kapitalwert

1. Einführung (Daniel Schurke)

1.1 Länder- und Sektorauswahl

Vor dem Hintergrund der Globalisierung, den damit einhergehenden wachsendem Roh- stoffverbrauch und den ständig steigenden Rohstoffpreisen sind Kanada und Russland langfristig geopolitisch sowie wirtschaftlich betrachtet, attraktive Investitionsstandorte. Bei- de Nationen verfügen über gewaltige Rohstoffvorkommen. Aktuell und zukünftig werden die Preise für Erdöl, Erdgas und Metalle weiter steigen. Das bedeutet, dass Kanada und Russland weiterhin hohe Geldrückflüsse vorweisen werden.1 Dieses Geld sollte sinnvoll investiert werden. Der Bereich der Energieeinsparung durch Gebäudemodernisierung ist ein stetig wachsender, zukunftsfähiger und sinnvoller Markt. Für diesen Bereich haben die Kanadier Anfang 2009 ein Investitionspaket verabschiedet, das insgesamt für die nächs- ten fünf Jahre Gesamtinvestitionen von 80 Mrd. CAD (ca. 50 Mrd. EUR) vorsieht.2 Zudem wurde in Kanadas Vergangenheit eine bedeutende Vielzahl von Wohnungen nach dem Leichtbauprinzip gebaut, d.h., dass diese Gebäude viel Energie verbrauchen, weil die Wände weder aus Stein noch aus massivem Holz gebaut wurden und deren Wärme- dämmleistung sehr gering sind. Der russische Gebäudesektor birgt ebenfalls ein enormes Energieeinsparpotential.3 Unzureichende Wärmedämmung, schlechte Fenster, ineffiziente Lüftungssysteme sind nur einige der Schwachpunkte, die zu hohen Wärmeverlusten und damit zu einem überdurchschnittlichen Energieverbrauch führen. Die russische Wirtschaft zählt zu den energie- und CO2-intensivsten der Welt. Mit Russlands Ratifizierung des Kyo- to-Protokolls ergeben sich zwangsläufig zusätzliche Chancen für Unternehmen in Bereich der energieeffizienten Baumaßnahmen. Russische Schätzungen gehen von einem Ein- sparpotential im Wärmeverbrauch mehrgeschossiger Wohngebäude in Russland von ca. 550 Mio. Gcal/a aus, wenn nur ein Drittel des auf die klimatischen Verhältnisse in Russ- land angepassten westeuropäischen Standards in russischen Wohnbauten umgesetzt werden würde. Dies entspricht ca. 72 Mrd. m³ Erdgas, d.h. etwa die Hälfte der jährlichen Erdgasexporte Russlands in die EU.4 Beide Nationen sind bestrebt die Wirtschaften ihres Landes voranzubringen, auf eine breitere Basis stellen und in Energieeinspartechnologie zu investieren. Dies geschieht u. a. in dem Bereich der Energieeinsparmaßnahmen.5 Die Studie des World Wide Fund for Nature (WWF) zeigt, dass Kanada und Russland im Bereich der Energieeinsparung erheblichen Nachholbedarf aufweisen.6 Abbildung 1 visualisiert den beschriebenen Sachverhalt. Der Abbildung 1 ist zu entnehmen, dass sowohl bei Kanada als auch bei Russland ein enormer Nachholbedarf beim effizienten Umgang im Energieverbrauch existiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entnommen aus WWF (Climate Performance, 2009), S. 9.

Beide Nationen bewegen dem WWF nach, deutlich im hinteren Bereich der klimafreundlichen In- dustrienationen. Ziel der Modernisierungsmaßnahmen ist es, die vereinbarten Ziele des Kyoto- Protokolls zu erreichen. Der Punkteskala des WWF, in Abbildung 1 ist zu entnehmen, dass Deutschland innerhalb der G8-Staaten eine Vorreiterrolle im Bereich der Energieeffiziens ein- nimmt.

1.2 Fallstudie und Direktinvestitionsvorhaben

Der Standortvergleich erfolgt aus dem Blickwinkel einer fiktiven deutschen Unternehmung (x-GmbH). Die x-GmbH ist Branchenführer bei den Energieeinspartechnologien, dazu noch finanziell solide aufgestellt und strebt nun die Expansion ins Ausland an. Die x- GmbH besitzt ein breit diversifiziertes Geschäftsfeld. Die Bereiche sind Hochbau/Tiefbau, Energieerzeugung und regenerative Energien (z.B. Biomasse, Photovoltaik, Solarthermie), Mobilität (z.B. Öffentlicher Verkehr, Treibstoffe auf Basis erneuerbarer Energien) und das Kerngeschäft Energieeffiziente Gebäude (z.B. Gebäudedämmung, Verschattungssysteme, Wärmerückgewinnung, Umweltwärme, -kälte, innovative Technik und Steuerung). Kanada sowie Russland entsprechen der strategischen Ausrichtung der Gesellschaft. Die Standortanalyse fungiert als finales Entscheidungsmittel, damit die Investitionsabsichten der Gesellschaft konkret werden. Die Expansion erfolgt vorerst mit einem Anteilserwerb am Grund- bzw. Stammkapital eines bestehenden Unternehmens (in Kanada oder in Russ- land). Die Gesellschaft investiert in ein fremdes Unternehmen (zukünftiges Tochterunter- nehmen), mit dem Kauf von mindestens 15 % der Anteile. Die x-GmbH (Direktinvestor) lässt offen, ob bei einer erfolgreichen Entwicklung der Direktinvestition, die Anteilsbeteili- gung am Tochterunternehmen später auf 100 % aufzustocken. Für den Standortvergleich werden ausschließlich die oben beschriebenen Direktinvestitionen (Foreign Direct Invest- ment, FDI) betrachtet, d.h. es wird vorerst im zu investierendem Land keine neue Be- triebsstätte errichtet. Hintergrund hierzu ist, dass die x-GmbH eine konservative Taktik ver- folgt. Die Gesellschaft plant nach den Verhandlungen und der erfolgten Durchführung des ersten Anteilskaufs in der Geschichte der Unternehmung, eigene Spitzenmanager an stra- tegischen wichtigen Schlüsselpositionen innerhalb der Tochtergesellschaft zu implemen- tieren. Das bedeutet, dass neben Kapital auch immaterielles Know-how der X-GmbH an die Tochterunternehmung abfließen wird. Die X-GmbH verfolgt mit der Direktinvestition ein langfristiges Ertrags- und Kontrollmotiv. Da die X-GmbH in diesem Fall ausschließlich Di- rektinvestitionen vornimmt, wird im folgenden Abschnitt kurz auf diese Art der Investitions- tätigkeit eingegangen.

1.3. Direktinvestitionen multinationaler Unternehmen

Als Direktinvestition in fremde Wirtschaftsgebiete sind Anteile am Kapital und den Rückla- gen von gebietsfremden Unternehmen, Zweigniederlassungen und Betriebsstätten anzu- sehen, sofern dem Kapitalgeber 10 % und mehr der Anteile oder Stimmrechte unmittelbar bzw. unmittelbar und mittelbar zusammen mehr als 50 % zuzurechnen sind.7 Hinter dem Begriff Direktinvestitionen können sich entweder Direktinvestitionsströme oder Direktinves- titionsbestände verbergen. Die Bestandsstatistik der Bundesbank in Deutschland basiert auf Bestandsmeldungen inländischer Unternehmen und Privatpersonen über das „Vermö- gen Gebietsansässiger in fremden Wirtschaftsgebieten“ sowie über das „Vermögen Ge- bietsfremder im Wirtschaftsgebiet“, die der Deutschen Bundesbank einmal jährlich zu mel- den sind.8 Ausländische FDI liegen dann vor, wenn ein Kapitaltransfer in das Ausland stattfindet, mit dem Ziel der operativen Kontrolle und Einflussnahme auf die ausländischen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Entnommen aus Meckl, R (Internationales Management, 2010), S. 15.

Geschäftsaktivitäten.9 Direktinvestitionen grenzen sich von Portfolioinvestitionen ab, beide gehören aber zu der Gruppe der Kapitalanlagen im Ausland. Die wesentlichen Unterschiede bei Direktinvestitionen und Portfolioinvestitionen sind der Tabelle 1 zu entnehmen. Der Tabelle 1 ist zu entnehmen, dass eine langfristig internationale und wertDirektinvestitionen Portfolioinvestitionen rientierte Wachstumsstrategie nur mit Direktinvestitionen zu realisieren ist. Direktinvestiti- onen sind strategische Investitionen.10 Die beiden wesentlichen Merkmale einer Direktin- vestition sind der Einfluss auf das Direktinvestitionsziel und das langfristige Interesse. Die- se beiden Kriterien sind zugleich die Abgrenzung zu den Portfolioinvestitionen.11 Beide Investitionsarten sehen die Investitionsziele als Renditeobjekte. In der Fachliteratur exis- tiert eine zum Teil kontroverse Diskussion über die einheitliche Bestimmung der Direktin- vestitionstheorie sowie über die eindeutige Zuordnung des Direktinvestitionsbegriffes12 Zugleich finden sich eine Vielzahl verschiedener Aussagen zu Direktinvestitionen und de- rer wirtschaftlicher Bedeutung für Nationen.13 Letztendlich sind Direktinvestitionen das Re- sultat zunehmender Globalisierungsprozesse und zugleich Indikator für die internationale Verflechtung von Nationen. Direktinvestitionen können in Form einer eigens gegründeten Auslandsgesellschaft, einer Akquisition/Mehrheitsbeteiligung, einer Minderheitsbeteiligung oder eines Joint Ventures bestehen.14 In diesem Zusammenhang unterscheidet man FDI nach zwei Arten. Die Neugründung eines Unternehmens im Ausland wird als greenfield investment und die Übernahme, oder Zusammenschluss mit bereits bestehenden Unternehmen als Mergers and Acquisitions (M & A Transaktionen) bezeichnet. In der zweiten

Hälfte des Jahres 2009 erfuhren die globalen FDI-Ströme eine Talsohle. Darauf folgte eine be- scheidene Erholung in der ersten Hälfte des Jahres 2010. Sofern keine drastischen negativen Er- eignisse die Weltwirtschaft tangieren, werden FDI-Ströme in den Jahren 2011 bis 2012 wieder an Fahrt gewinnen. Die United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) schätzt. dass die globalen Zuflüsse voraussichtlich im Jahr 2010 wieder über 1,2 Billionen USD steigen, bis zu 1,3 - 1,5 Billionen USD im Jahr 2011 und im Jahr 2012 in Richtung 1,6 bis 2 Billio- nen USD anwachsen können.15 UNCTAD hat dazu drei Szenarien entwickelt die belegen, dass die globalen FDI-Ströme selbst im Negativszenario eine langfristige Aufwärtsbewegung aufweisen. Die Szenarien belegen zudem eine Wachstumstendenz bei multinationalen Unternehmen (MNU) und zugleich die zunehmende Globalisierung der Weltwirtschaft. Chancen für MNU durch FDI liegen u. a. in der Erdschließung neuer Absatzmärkte, bei der Verbesserung von Wettbewerbsfähig, in der besseren Kontrolle der Auslandsaktivitäten, bei den niedrigeren Transportkosten, keine Einfuhrprobleme sowie Steueranreize und Investitionsförderungen des Gastlandes.16 Umfangreiche Direktinvestitionen werden oft auch mit positiven Skaleneffekten in Verbindung gebracht. Die Risiken für multinationale Unternehmen entstehen u. a. durch einen hohen Kapitalbedarf und einer langfristigen Kapitalbindung, politische Risiken und staatlichen Reglementierungen sowie weiteren wirtschaftlichen Risiken.17

2. Standortbeschreibung

2.1. Standort Russland (Daniel Schurke)

2.1.1 Wirtschaft und Finanzen

Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) sind Lichtblicke für FDI. Schwellenländer werden für deutsche Direktinvestitionen immer wichtiger. Russland wird deutschen Expor- teuren in den kommenden Jahren aussichtsreiche Geschäftschancen bieten. Das Land gilt bereits seit einiger Zeit als mittelfristiger sicherer (Öl-)Hafen, aber auch die langfristigen Erwartungen sind positiv zu bewerten. Selbst Überlegungen, dass Russland das Gütesie- gel „Investment grade” verliehen werden könnte, wurden bereits formuliert. Hinzu kommt, dass Russlands Rohstoffexporte die Realwirtschaft und die Finanzlage weiterhin stärken. Russland verfügt aktuell über ca. 370 Mrd. USD an Gold und Devisenreserven, so dass die kurzfristige Liquidität gesichert ist.18 Das Vertrauen zwischen den deutsch/russischen

Handelspartnern ist zunehmend von gemeinschaftlichen wirtschaftlichen Interessen ge- prägt. Die jüngst geschlossene Vereinbarung zwischen der Europäische Union (EU) und Russland zum Beitritt Russlands zu der Welthandelsorganisation, wirkt beschleunigend auf zukünftige Handelsbeziehungen.19 Der bilaterale Handel zwischen Deutschland und Russland ist im Begriff weiter an Dynamik zu gewinnen. Von der russischen Wirtschaft kann künftig ein realer Zuwachs von jährlich 3 % bis 5 % erwartet werden.20 Das russische BIP-Wachstum lag in den Jahren 2004 bis 2010 im Durchschnitt bei 4,5 % pro Jahr. Ver- schiedenen Prognosen zeigen ein BIP Wachstum für die Jahre 2010, 2011 und 2012 von durchschnittlich 3,6 % pro Jahr. 21 Nach einer aktuellen Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelkammer überwiegt eine positive Stimmung bei den in Russland aktiven deutschen Unternehmen.22 Die Abbildung 2 visualisiert die gegenwärtigen deutsch- russischen Direktinvestitionen. Der Abbildung ist eine Zunahme bei den DirektAbbildung 2: Daten entnommen aus Deutsche Bundesbank (Bestandserhebungen über Direktinvestitionen, 2010), S. 16 -.51. investitionen zwischen den beiden Handelsnationen zu entnehmen. Die Nachfrage nach deutscher Technologie ist wachsend, u .a. bei innovativen Energieeinsparungstechniken. Aus dem World Investment Report der UNCTAD geht hervor, dass Russland in Zukunft eine wachsende Stellung unter den Top-FDI-Standorten einnehmen wird.23 Auf der Liste der globalen FDI-Inflows befindet sich Russland auf dem sechsten Platz, vor Deutschland und hinter dem Vereinigten Königreich.24 Das ist ein Indikator für die Attraktivität des Investitionstandortes Russland. Ein weiterer positiver Indikator ist der Refinanzierungssatz der russischen Banken. Dieser liegt bei der russischen Zentralbank mittlerweile bei 8 %, vor einem Jahr lag dieser noch bei 12,5 %. Die Staatsschulden nahmen in den vergange- nen Jahren rapide ab, hinzu kommt, dass das russische BIP pro Kopf eine Wachstums- tendenz aufweist. Der russische Rubel gewinnt seit der kontrollierten Abwertung 2008/2009 an Wert und die russische Inflationsrate hat sich seit 2008 mehr als halbiert.25

2.1.2 Arbeitsmarkt und Lohnverhältnisse

Die russische Bevölkerungsentwicklung ist rückläufig. Die Bevölkerung schrumpft seit 1993 und zwar sowohl aufgrund einer niedrigen Geburtenrate als auch aufgrund einer ho- hen Sterberate. Laut dem UNO-Bevölkerungsfonds (2002) könnte sich der Bevölkerungs- rückgang bei 0,6 % p. a. stabilisieren. Russland hat im internationalen Vergleich eine rela- tiv hohe Ansteckungsrate mit HIV/AIDS. Die Erkrankung hat einen großen Einfluss auf das Arbeitsangebot und die Arbeitsproduktivität, da jüngere Altersgruppen besonders betroffen sind.26 Allerdings ist die durchschnittliche Lebenserwartung seit der Jahrtausendwende wieder etwa angestiegen. Männer erreichten im Jahr 2008 im Schnitt ein Alter von 61,8 Jahren, bei Frauen lag die Lebenserwartung bei 74,2 Jahren. Die Arbeitskräfte sind in der Regel gut ausgebildet; qualifiziertes Personal gibt es insbesondere im Bereich Forschung und Entwicklung, Korrespondenzsprachen und im Ingenieurwesen. Dem russischen Ar- beitsmarkt wird aufgrund der demografischen Entwicklung ein Fachkräftemangel voraus- gesagt. Studien gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2020 die Zahl der erwerbsfähigen Personen auf 77 Mio. sinken wird.27 Die Arbeitslosenquote ist gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig und lag im August 2010, nach ILO bei 6,9 %. Die Abbildung 3 zeigt die russischen Einkommensverhältnisse. Die Lohnverhältnisse steigen seit 2005 an. Regional und branchenbezogen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Entnommen aus: Germany Trade & Invest GmbH (Russland, 2010), S.18.

existieren erhebliche Unterschiede bei dem russischen Lohn- und Gehaltsniveau. Die durchschnittlichen Arbeitskosten für das verarbeitende Gewerbe liegen in Russland bei ca. 150 Rubel (ca. 4,9 USD, oder 3,6 €) je Stunde. Innerhalb der Europäischen Union (EU) liegen die Lohnkosten für das verarbeitende Gewerbe durchschnittlich bei 1.118 Rubel je Stunde (36 USD, oder 27,13 €).28 Die Einkommenssteuer beträgt in Russland pauschal 13 % für Residenten und 30 % für Nichtresidenten. Resident ist jede natürliche Person, die Ihren ständigen Wohnsitz in Russland hat bzw. sich nachweislich mehr als 183 Tage pro Jahr in Russland aufhält.29 Unternehmen sind dazu verpflichtet, die Einkommenssteuer für ihre ausländischen Mitarbeiter zu berechnen, einzubehalten und am Tag der Gehaltsaus- zahlung an das russische Finanzamt abzuführen. Darüber muss der Steuerbehörde re- gelmäßig berichtet werden und am Ende des Steuerjahres ist ein spezielles Formblatt mit einer Auflistung der abgezogenen Steuern eines jeden Mitarbeiters einzureichen. Die Lohnnebenkosten in Russland sind vollständig vom Arbeitgeber zu tragen und setzen sich aus der „Einheitlichen Sozialsteuer“ und der Betriebsunfallversicherung zusammen. Die „Einheitliche Sozialsteuer“ ist degressiv und liegt je nach Einkommenshöhe zwischen 2 % und 26 % des Bruttogehalts des Mitarbeiters. Sie ist monatlich bis spätestens zum 15. des Folgemonats anteilig an den Föderationshaushalt, den Pensionsfonds und an die Sozial- und Krankenversicherungsfonds zu zahlen. Die Betriebsunfallversicherung beträgt je nach Gefahrenbewertung der Arbeit zwischen 0,2 % und 8,5 %.

Beispielkalkulation für russische Lohnnebenkosten:30

Die x-GmbH kalkuliert bereits das Gehalt des zukünftig zu implementierenden Managers für die russische Tochtergesellschaft.31 Dieser fordert ein Nettogehalt von 240.000 Rubel (ca. 5.580 EUR) pro Monat.32 Was kostet dieser Geschäftsführer der X-GmbH pro Monat? Das Nettogehalt = 240.000 Rubel (ca. 5.580 EUR) und die Einkommenssteuer (13 %) = 31.200 Rubel (ca. 725 EUR). Bruttogehalt = 271.200 Rubel (ca. 6.307 EUR) und die ein- heitliche Sozialsteuer (26 % vom Bruttolohn) = 70.512 Rubel (ca. 1.640 EUR). Die Be- triebsunfallversicherung (für Büroarbeiter gilt der niedrigste Satz von 0,2 %) = 542,4 Rubel (ca. 13 EUR). Das ergibt für das Bruttogehalt plus Lohnnebenkosten = 342.225,44 Rubel (ca. 7.960 EUR).

2.1.3 Bausektor- Förderprogramme und spezielle Gesetzesnormen

Im Zeitraum Januar bis Juli 2010 sank der Wert der Bauleistungen in Russland real um 3 % gegenüber der bereits schwachen Vorjahresperiode. Hohe Hypothekenzinsen, unsiche- re Aussichten für die Immobilienpreisentwicklung und ein insgesamt abwartendes Investi- tionsverhalten hemmen die Entwicklung im Hochbau. Außerdem sind die administrativen Hürden enorm. Laut Regionalministerium müssen in Moskau 40 Instanzen durchlaufen werden, um eine Baugenehmigung zu bekommen. Die Kapazitätsauslastung der russi- schen Baufirmen lag 2009 nur bei 57 %.33 Besonders kleinere Baufirmen klagen über Ka- pitalschwäche und hohe Kreditlasten. Kleinere Impulse bringen seit dem Sommer 2010 staatliche Programme zum Wiederaufbau der von den schweren Waldbränden zerstörten Gebäude. Zudem sollen nach Plänen des Regionalministeriums rund 1.600 Eigenheime und Wohnungen entstehen. Schulen, Kindergärten und andere soziale Einrichtungen müssen gebaut werden. Für einen Schub sorgt weiterhin ein föderales Investitionspro- gramm im Wert von 525 Mrd. Rubel (rund 17 Mrd. USD), das Ende 2009 verabschiedet wurde und den Bau von über 1.800 Objekten vorsieht. Russland ist derzeit von seinem Ziel entfernt, pro Jahr 80 Mio. qm Wohnraum zu errichten.34 Im Jahr 2009 lag die fertig gestellte Fläche bei rund 60 Mio. qm.35 Ab 2011 erwartet die Regierung wieder jährliche Zuwächse von 3 bis 5% im Wohnungsbau. Regional gab es im 1. Halbjahr 2010 beson- ders starke Einbrüche in der Hauptstadt Moskau (-32 %).36 Dafür zeigten andere Regionen große Dynamik. Im Gebiet Krasnodar wurde ein Viertel mehr Wohnraum fertig gestellt als im Vorjahreszeitraum. Starke Zuwächse gab es auch in Sankt Petersburg (+ 28 %) oder in den sibirischen Gebieten Krasnojarsk (+ 79 %), Jakutien (+ 79 %) und Omsk (+ 48 %). Kaum Unterstützung für den Wohnungsbau ist derzeit vom Markt für Hypothekenkredite zu erwarten. Die Zinssätze sind nach wie vor auf einem hohen Niveau. Sie lagen im August 2010 durchschnittlich bei 16,3 % pro Jahr auf Rubelbasis und bei 13,2 % für Dollar- Kredite. Russland will bis 2020 rund 40 % seines Primärenergiebedarfs einsparen (Basis- jahr 2007). Zur Umsetzung dieses Ziels wurde Ende 2009 das Gesetz "Über Energieein- sparung und die Erhöhung der Energieeffizienz" verabschiedet. Auf den Gebäudesektor entfallen 36 % des Energieverbrauchs in Russland. Die Hälfte davon auf Wohnhäuser. Dank des neuen Energieeffizienz-Gesetzes können nun auch in Russland Contracting- Gesellschaften gegründet werden. Über "Energieserviceverträge" sollen sie in Effizienz- maßnahmen von Industrie- und Wohngebäuden investieren und sich über die eingespar- ten Energiekosten refinanzieren. Im Industriebau gibt es eine Reihe von Großprojekten in der Erdölverarbeitung, Chemie, Landwirtschaft und im Kraftwerksbau. Das deutsche Bun- desministerium für Wirtschaft und Technologie bietet Förderprogramm für Auslandsinvesti- tionen an.37 Ergänzend existieren die oben erwähnten Konjunkturprogramme sowie diver- se Initiativen der russischen Regierung.38 Weitere wichtiger Partner für deutsche Unter- nehmen sind z.B. die Deutsch- Russische Auslandshandelskammer und das Zentrum für Deutsch-Russische Wirtschaftskooperation.39 Die technologische russische Aufholjagd soll innerhalb von zehn bis 15 Jahren abgeschlossen sein. Insbesondere Technologieberei- che, zur Erhöhung der Energieeffizienz in der Industrie und bei Gebäuden, werden stark frequentiert sein. Zudem stützen ein stärkerer Rubel, ein leichterer Kreditzugang sowie günstigere Zinsen diese Erwartung. Russland steht vor einem riesigen Sanierungsprojekt. Ministerpräsident Putin verkündete den Massenbau und investiert im großen Stil Geld in die gebäudeeffiziente Modernisierung.40 Mittelfristig bieten die Olympischen Winterspiele von Sotchi (im Jahr 2014) bereits einen hohen Investitionsbedarf.41

[...]


1 Langfristig Indikatoren am Terminmarkt signalisieren Preissteigerungen am Rohstoffmarkt. Siehe http://www.finanzen.net /rohstoffe/Energie, Stand: 13.12.2010.

2 In den Jahren 2009/2010 sind davon 12 Mrd. CAD (ca. 7,5 Mrd. EUR) für Infrastrukturmaßnahmen und weitere 7,8 Mrd. CAD (5 Mrd. EUR) für den Wohnungsbau vorgesehen.

3 International finanzierte Projekte (Weltbank, TACIS) haben in Pilotbeispielen diese Potentiale nachgewiesen.

4 Siehe http://www.zukunft-haus.info/de/planer-handwerker/internationale-projekte/russland.html, Stand: 13.12.2010.

5 Siehe Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (Investieren in Russland, 2009), S. 34 f.

6 In der Studie wurden im Vorfeld eines G8-Gipfels die Bemühungen der G8-Staaten anhand von quantitativen Indikatoren wie der Entwicklung der Treibhausgasemissionen seit 1990 analysiert und in Rangfolge gebracht. Siehe WWF (Climate Performance, 2009), S. 9.

7 Siehe Deutsche Bundesbank (Zahlungen im Außenwirtschaftsverkehr, 2009), S. 1.

8 Siehe Deutsche Bundesbank (Zahlungen im Außenwirtschaftsverkehr, 2009), S. 3.

9 Siehe Meckl, R. (Internationales Management, 2010), S. 14.

10 Für eine ausführliche Erläuterung zu FDI, siehe UNCTAD Training Manual on Statistics for FDI and the Operations of TNCs, Volume I - FDI Flows and Stocks, S. 35 - 43.

11 Siehe Fischer, A. (Direktinvestitionen, 2000), S. 22.

12 Siehe Fischer, A. (Direktinvestitionen, 2000), S. 125 - 262; Reker, C. (Direktinvestitionstheorie, 2003), S. 4 - 32.

13 Für weiterführende Literatur zum Thema Investitionsbegriffe und investitionspolitische Typologisierungen, siehe Fischer, A. (Direktinvestitionen, 2000), S. 19 - 44; Kern, J. (Investitionsmanagement, 2009), S. 50 - 60; Meckl, R. (Inter- nationales Management, 2010), S. 7 ff; v. Wuntsch, M./Bach, S./Trabold, H. (Wertmanagement, 2006), S. 29 - 35.

14 Siehe Meckl, R. (Internationales Management, 2010), S. 8.

15 Siehe UNCTAD (World Investment Report, 2010), S. 1 - 20.

16 Siehe Meckl, R. (Internationales Management), S. 15 f.

17 Siehe Meckl, R. (Internationales Management), S. 16.

18 Siehe Germany Trade & Invest GmbH (Russland, 2010), S. 15.

19 Siehe http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/EU-und-Russland-machen-Weg-fuer-russischen-WTO- Beitritt-frei-974593, Stand: 07.12.2010.

20 Siehe Germany Trade & Invest GmbH (Russland in Zahlen, 2010), S. 2.

21 Siehe Germany Trade & Invest GmbH (Russland, 2010), S. 4.

22 Siehe Deutsch-Russische Auslandshandelkammer (Geschäftsklima Russland, 2010), S. 2 - 9.

23 Siehe UNCTAD (World Investment Report, 2010), S. 19.

24 Siehe UNCTAD (World Investment Report, 2010), S. 4.

25 Siehe Germany Trade & Invest GmbH (Russland, 2010), S. 13.

26 Ca. 60% der HIV-infizierten Personen in Russland waren 2003 zwischen 20 und 30 Jahre alt.

27 Siehe Becker, C. (Russland, 2008), S. 20.

28 Siehe IG Metall (Arbeitskosten, 2007), S. 6.

29 Um dies dem russischen Finanzamt nachzuweisen, genügt eine Kopie des Reisepasses einschließlich der Seiten mit den Ein- und Ausreisestempeln.

30 Beispiel entnommen aus RUFIL Consulting (Praxiswissen Russland, 2009), S. 1.

31 Zu den russischen Besonderheiten bei Arbeitserlaubnis und Visa, siehe http://www.rufilconsulting.com/publication/Arbeitserlaubnis%20Arbeitsvisum%20Russland.pdf, Stand. 27.11.2010.

32 Wechselkurs €/RUB bei ca. 1/40.

33 Allerdings hatte der Wohnungsbau im Jahr 2007 (vor der Finanzkrise) in Russland um 19,4 % gegenüber dem Vorjahr zugenommen. Siehe Rosstat (Pressemitteilung, 2008) S. 1.

34 Dabei geht der Trend weg von großen Plattenbaukomplexen hin zu kleinteiligerem, individuellem Wohnungsbau.

35 Siehe Germany Trade & Invest GmbH (Bau-Russland, 2010), S. 2.

36 Siehe http://www.gks.ru/wps/wcm/connect/rosstat/rosstatsite.eng/figures/construction/, Stand: 02.12.2010.

37 Siehe Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (Förderung, 2009), S. 67 - 81.

38 Siehe Germany Trade & Invest (Konjunkturprogramme, 2010), S.

39 Siehe hierzu http://www.laenderkontakte.de/russische-foederation/wirtschaft, Stand: 14.12.2010.

40 Siehe http://russland.ru/bau/morenews.php?iditem=6, Stand, 11.12.2010.

41 Siehe Germany Trade & Invest GmbH (Bauboom, 2010), S. 1.

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Details

Titel
Standortvergleich: Russland vs. Kanada - Vor dem Hintergrund der Direktinvestitionsvorhaben (FDI) bei Multinationalen Unternehmen
Veranstaltung
Internationales Management
Autoren
Jahr
2010
Seiten
45
Katalognummer
V172002
ISBN (eBook)
9783640916856
ISBN (Buch)
9783640916665
Dateigröße
1085 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
FDI, Foreign direct investment, Kanada, Russland, Internationales Management, Canada, Russia, Direktinvestion, BRICS, Investitionsmanagement, Kapitalwertmethode, Discounted Cash Flow - DCF, Nutzwertanalyse
Arbeit zitieren
Daniel Schurke (Autor)Arlett Ruhtz (Autor), 2010, Standortvergleich: Russland vs. Kanada - Vor dem Hintergrund der Direktinvestitionsvorhaben (FDI) bei Multinationalen Unternehmen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172002

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