Rassismus und Fremdenfeindlichkeit - Eine Sozialgeschichte


Ausarbeitung, 2009

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangspunkt

2. Überblick: Rassismus und Rasse
2.1 Zum Begriff „Rassismus“
2.2 Zum Begriff „Rasse“
2.3 Zur Entstehung des Rassismus
2.3.1 Der genealogische Adelsrassismus
2.3.2 Die Anthropologie als Wissenschaft vom Menschen
2.4 Zwischenfazit

3. Rassen- und Volkstumstheorien
3.1 Arthur Comte de Gobineau
3.2 Johann Gottfired Herder
3.3 Houston Stewart Chamberlain
3.4 Zwischenfazit

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Ausgangspunkt

„Den Rassismus zu definieren heißt also, seine Geschichte zu schreiben“ (Karin Priester 2003: 9).

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und den Enthüllungen über den Völkermord an den Ju- den begann vor allem in den westlichen Ländern der Kampf gegen Rassismus. Insbesondere die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) sollte der Vorreiter eines solchen Kampfes werden. Ob in Politik, Sport, den Medien oder in der Schule - mit Anti-Rassismus-Kampagnen und einer Aufklärungspolitik wurde eine Groß- offensive gegen Rassismus gestartet. Trotz allem stellte die Weltkonferenz gegen Rassismus, einberufen von den Vereinten Nationen im September 2001 fest, dass essentielle Ziele bei der Bekämpfung des Rassismus durch die internationale Gemeinschaft nicht erreicht wurden (vgl. Weltkonferenz 2001: 1). Laut Hund (2007: 5) liege dies an der „komplexen Struktur und den vielfältigen Erscheinungsformen des Rassismus“.

Wenn in der Öffentlichkeit von Rassismus gesprochen wird, werden Facetten und Entwick- lungen des Phänomens meist nicht hinterfragt. Was aber genau ist Rassismus? Wie und wa- rum konnte er entstehen? Was beschreibt „Rasse“ und wie konnte daraus Rassismus werden? Und schließlich, wie konnte Rassismus wissenschaftlich legitimiert werden? Um diese Fragen beantworten zu können, liefert die vorliegende Arbeit in Kapitel 2 einen Abriss über wichtige Entwicklungsetappen des Phänomens. Zunächst wird erörtert, wie sich der „junge“ Begriff „Rassismus“ seit seinem Aufkommen ausgebildet hat (Kapitel 2.1). Da- nach wird auf die Entstehung des Rassenbegriffs vor dem Hintergrund der Einteilung der Menschen in Spanien des 15. Jahrhundert als Voraussetzung für die Entstehung des Rassis- mus eingegangen (Kapitel 2.2). Schließlich wird in Kapitel 2.3 die erstmalige Begründung des Rassismus mit Hilfe des genealogischen Adelsrassismus und der Anthropologie im 18. Jahrhundert behandelt.

In Kapitel 3 folgen einflussreiche Rassen- und Volkstumstheorien des 19. Jahrhunderts. Der moderne Rassismus, von George L. Mosse (1990: 26) als ein europäisches Phänomen verstanden, wurde von Gelehrten, wie Arthur Comte de Gobineau (Kapitel 3.1), Johann Gottfried Herder (Kapitel 3.2) und Houston Stewart Chamberlain (Kapitel 3.3) wissenschaftlich begründet. Kultur, Natur, Volk und Nation waren darin Bezugsgrößen, die unterschiedlich ausgelegt worden waren. Im Anschluss an Kapital 2 und 3 fasst je ein Zwischenfazit die wichtigsten Ergebnisse beider Kapitel zusammen.

Zum Schluss werden in Kapitel 4 in Anlehnung an den „neuen Rassismus“ und an Samuel Huntingtons Werk „Clash of Civilizations“ zukünftige Entwicklungen des Phänomens Rassismus kritisch hinterfragt.

2. Überblick: Rassismus und Rasse

Der Begriff „Rassismus“ ist jünger als das Phänomen, das er bezeichnet. Er durchlief seit sei- nem Aufkommen mehrere Entwicklungen, die in Kapitel 2.1 erörtert werden. Sein Ursprung ist insbesondere mit der Einteilung der Menschen in „Rassen“ verbunden. Daher wird in Ka- pitel 2.2 auf die Herausbildung der „Rasse“ im 15. Jahrhundert eingegangen, um daran an- knüpfend in Kapitel 2.3 die Voraussetzungen für die Entstehung von Rassismus zu klären.

2.1 Zum Begriff „Rassismus“

Das erste Auftreten der Wortschöpfung „Rassismus“ kann nicht exakt datiert werden. Vermutlich entstand diese in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und bezog sich „kritisch auf die Propaganda und Politik der Nationalsozialisten“ (Zerger 1997: 63). In dem 1938 in London erschienenen Werk „Racism“ versucht Magnus Hirschfelder1, die Rassentheorien des 19. Jahrhunderts zu widerlegen und trug so zur weiteren Verbreitung des Begriffs bei. Jedoch liefert er wie auch andere, die vor allem Termini wie beispielsweise „Rassenhass“ verwendeten, keine Definition (vgl. ebd.: 63f).

Erst 1940 fixierte Ruth Benedict2 eine der ersten Definitionen. Diese wie auch die erste lexikalische Definition in Meyers Lexikon aus dem Jahr 19423, die spürbar unter NS-Einfluss entstand, steht in engem Zusammenhang zur „Rassenpolitik“ im Dritten Reich und beinhaltet „Rasse“ als Bezugsgröße (vgl. Hund 2007: 6). Mit diesen ersten Versuchen, eine allgemeine Definition zu liefern sowie Begriffsbestimmungen anderer Autoren, wurden „eine Reihe ungelöster begrifflicher Probleme“ (ebd.) des Phänomens Rassismus sowie „die Schwierigkeit seiner begrifflichen Eingrenzung“ (Priester 2003: 8) deutlich.

„Den Rassismus zu definieren heißt also, seine Geschichte zu schreiben“ stellt die Soziologin Karin Priester (ebd.: 9) in diesem Zusammenhang fest. Demnach seien zunächst die Voraus- setzungen sowie die Ziele für das Auftreten von Rassismus zu untersuchen (vgl. ebd.), um danach einen Definitionsversuch zu wagen. Eine bedeutende Etappe auf dem Weg zur Entste- hung des Rassismus ist die Festlegung von „Rassen“.

2.2 Zum Begriff „Rasse“

Die Herausbildung des Rassenbegriffs wurde insbesondere durch die historischen Entwick- lungen des 15. und 16. Jahrhunderts, die den Beginn der Neuzeit markieren, begünstigt. Zu diesen Ereignissen gehört unter anderem die Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 durch Christoph Columbus, womit die europäische Expansion nach Übersee sowie die Versklavung der dort lebenden Menschen zum Nutzen der Europäer4 begann. Auch die Reformation und damit die Aufspaltung des Christentums ist ein weiterer Eckpunkt der beginnenden Neuzeit. Weiterhin sind die Erfindung des Buchdrucks und die mediale Ausbreitung des Wissens aus- schlaggebend für die damit einhergehende Bildung einer neuzeitlichen Wissenschaft, die sich von der Theologie emanzipierte. Von herausragender Bedeutung für die Einteilung der Men- schen in Rassen als Voraussetzung für die Entstehung des Rassismus war der Abschluss der Reconquista, die Rückeroberung durch die Monarchie und Rekatholisierung der Iberischen Halbinsel (vgl. Geulen 2007: 32f).

Bevor die Reconquista 1492 offiziell zum Abschluss gekommen war, lebten 700 Jahre lang Araber, Juden und Christen friedlich und erfolgreich auf der Iberischen Halbinsel zusammen. Im gleichen Jahr wurde das Edikt erlassen, das die Juden in ganz Spanien zur Bekehrung zum Christentum zwang. Im Gegensatz zur Bekehrung im Mittelalter5 wurden jedoch alle konver- tierten Juden verdächtigt, ihren Glauben im Innern weiterzuleben. Schon vor Erlass dieses Edikts nahmen die katholischen Machthaber konvertierte Juden als Kollektiv wahr6. Um das Ziel eines einheitlichen katholischen Spaniens „natürlicher Reinheit“ zu erreichen, wurde eine Politik des Verdachts geführt und die Inquisition eingerichtet, da die Kriterien der Zugehörig- keit zum Christentum unsicher geworden waren. Auf diese Weise veränderte sich die Frage nach der „Reinheit des Glaubens“ in die des Blutes, wodurch ein „Übergang von einem kultu- rell-religiösen Ausschlusskriterium zu einem biologischen“ (Priester 2003: 27) führte. Die Suche nach dem „unreinen Blut“ erwies sich aufgrund der langen Dauer der Reconquista so- wie des Zusammenlebens dreier Religionskulturen als schwierig, denn alle konnten betroffen sein. In diesem Zusammenhang tritt zum ersten Mal der Begriff „Race“7 auf. So wurde eine „neue, scheinbar natürliche Kategorie der Zugehörigkeit erfunden“ (Geulen 2007: 35), um zu bekehrende Gruppen aufzuspüren. Die Abstammung galt nun als zentrales Merkmal von Zugehörigkeit, das Glaubensbekenntnis wurde damit in den Hintergrund gerückt.

2.3 Zur Entstehung des Rassismus

Im 18. Jahrhundert wird der Rassismus erstmals begründet. Seine Durchsetzung wird, ähnlich wie die Herausbildung des Rassenbegriffs, durch seinen geschichtlichen Kontext beeinflusst. Das Ende des Ancien Régime, die absolutistische Herrschaftsform in Frankreich, ist eines der Merkmale der Aufklärung. Das Bürgertum entwickelte ein wachsendes Selbstbewusstsein, was schließlich zur Französischen Revolution 1789 führte. Hinzu kamen neue durch die Phi- losophie der Aufklärung gesetzte Maßstäbe, denn mit Hilfe der Vernunft wurden nun Sach- verhalte begründet und neues Wissen geschaffen. Außerdem gewannen die Naturwissenschaf- ten an Bedeutung und bildeten die Grundlage zur Begründung des Rassismus im 18. Jahrhun- dert.

Vor diesem Hintergrund kristallisierten sich zwei unterschiedliche Tendenzen heraus: „der genealogische Adelsrassismus und die Anthropologie als Wissenschaft vom Menschen mit ihrem Beitrag zum Thema“ (Priester 2003: 43). Deren beider Kerngedanke wird im Folgen- den aufgegriffen.

2.3.1 Der genealogische Adelsrassismus

Die Ursprünge des modernen Rassismus liegen für Priester (2003: 45) im 17. und frühen 18. Jahrhundert. In dieser Zeit „hatte der Rassismus die fest umrissenen Konturen einer Doktrin angenommen, die sich eines Ursprungsmythos bedient, um die rassisch-biologische Überle- genheit einer Gruppe zu legitimieren“ (ebd.). Grundlage hierfür bildeten die zunehmende Verarmung des Adels sowie sein Verlust an wirtschaftlicher, politischer und vor allem militä- rischer Bedeutung. Der Franzose Henry de Boulainvilliers8, der als der erste Rassentheoreti- ker gelten kann, entwarf in seinen „Essais über den französischen Adel“ zwei getrennte Ras- sen: den Adel und das Volk (vgl. Geulen 2007: 49). Er sah die adlige Minderheit als rechtmä- ßige Eroberer und fordert mit dem Hintergrund „gemeinsamer Blutzugehörigkeit und germa- nischer Abkunft“ (Priester 2003: 47) ihre Wiedereinsetzung. Dadurch wurde ein Standesras- sismus begründet, der später von Gobineau im 19. Jahrhundert aufgegriffen wird.

[...]


1 Berliner Arzt, Sexualforscher und Publizist (1868-1935).

2 Amerikanische Ethnologin (1887-1948).

3 „Rassismus, urspr. Schlagwort des demokr.-jüd. Weltkampfes gegen die völkischen Erneuerungsbewegungen und deren Ideen u. Maßnahmen, ihre Völker durch Rassenpflege zu sichern und das rassisch wie völkisch und politisch-wirtschaftlich zerstörende Judentum sowie anderweitiges Eindringen fremden Blutes abzuwehren und auszuschalten, als unhuman und ihre Träger als Rassisten zu verleumden. Die Anwendung des Schlagwortes im urspr. Sinne wurde durch gelegentliche fanatische und wirklichkeitsfremde Überspitzung des Rassengedankens erleichtert. Heute wird in manchen Ländern das Wort R. allgemein auch in zustimmendem Sinne gebraucht.“ (Meyers Lexikon 1942: 78; Hervorhebung im Original).

4 Wie noch zu sehen sein wird, wurde diese Art der Versklavung rassistisch motiviert. Die Institution der Sklave- rei gab es zwar bereits in der Antike, jedoch war diese noch nicht rassistisch begründet, denn das Sklavendasein war „meist Folge eines verlorenen Krieges und nicht einer spezifischen Zugehörigkeit“ (Geulen 2007: 19).

5 Die Bekehrung und Verfolgung von Juden im Mittelalter war nicht rassistisch motiviert, da der Übertritt zum Christentum einen Ausweg für die Juden darstellte und sich das Christentum aus seinem Selbstverständnis heraus als intolerant gegenüber anderen Religionsgemeinschaften versteht (vgl. ebd.: 32).

6 Conversos wurden diejenigen Juden genannt, die im Erwachsenenalter konvertierten. Als Marranen wurden die Nachkommen schon konvertierter Juden bezeichnet (vgl. ebd.: 34).

7 Bis dahin wurde der Begriff in der Pferdezucht und in der Verherrlichung adeliger Geschlechter verwendet.

„Rasse“ kommt nicht aus der Biologie oder Zoologie. Erst durch den Menschen gezüchtete Tierarten werden als Rassentiere bezeichnet (vgl. Geulen 2007: 13f).

8 Dem französischen Adel angehörender Historiker, Politiker, Philosoph und Astrologe (1658 - 1722).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit - Eine Sozialgeschichte
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Soziologie)
Veranstaltung
Theorien der Kulturverschiedenheit und Interkulturellen Kommunikation
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V172190
ISBN (eBook)
9783640921492
ISBN (Buch)
9783640921713
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Rasse, Standesrassismus, Adelsrassismus, Henry de Boulainvilliers, Arthur Comte de Gobineau, Johann Gottfried Herder, Houston Stewart Chamberlain, Kultur, Zivilisation, Natur, Volk, Nation
Arbeit zitieren
Diplom-Sozialwissenschaftlerin Anette Rößler (Autor), 2009, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit - Eine Sozialgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172190

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit - Eine Sozialgeschichte



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden