Das Phänomen des autoritären Staates

Am Beispiel Deutschlands Mitte des 20ten Jahrhunderts


Seminararbeit, 2007

20 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ideologie des Faschismus
Definition
Der Grundstock des Faschismus
Rassismus als grundlegendes Element der europäischen Kulturentwicklung
Vergleich autoritärer und faschistischer Herrschaft

Aufkommen des Faschismus in Deutschland
1. Weltkrieg
Niedergang der Demokratie
Verunsicherung der Bevölkerung

Machtübernahme der NSDAP
Gründung der NSDAP
Kooperation mit konservativen Eliten
Subsidiarität des Rechts
Gleichschaltung

Resümée

Literaturverzeichnis

Einleitung

Staatstheorien sind in den unterschiedlichsten Prägungen entstanden, oder angedacht worden. Der Inhalt der meisten dieser Theorien ist es, das beste System vorzuschlagen, unter dem optimale Bedingungen für das Zusammenleben einer Gemeinschaft möglich sind. Dem entgegenzusetzen sind Theorien wie die der Aristokratie, die wohl eher optimale Bedingungen für wenige, anstatt vieler geschaffen hat, oder die des Absolutismus, die einem Souverän Macht über alle verleiht. Um eine Ideologie zu verstehen die wohl noch nie erfolgreich das Zusammenleben aller begünstigt hat, da sie genau auf ihrem Gegenteil beruht, nämlich einer aggressiveren Form des Sozialdarwinismus1, werde ich das Phänomen des autoritären Staates unter faschistischer Ideologie betrachten.

Als Fallbeispiel liegt Deutschland unter dem Nationalsozialismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahe, da das Regime in erschreckendem Maße machtvoll war und somit wohl als erfolgreiche, faschistische Herrschaft gesehen werden kann. In meiner Forschungsfrage werde ich untersuchen, wie sich das Modell eines autoritär-faschistischen Staates gegen den demokratischen Sozialismus durchsetzen konnte.

Weiters werde ich im Rahmen dieser Forschungsfrage versuchen, den Ansatz Franz Neumann’s anzuwenden, der prolongiert, dass eine Theorie der Geschichte Vorbedingung für ein adäquates Verständnis gesellschaftlicher Phänomene sei. Nach Neumann gehen politische Entscheidungen aus den objektiven Gesetzten, die den geschichtlichen Prozess regierten hervor. Somit stelle ich die These auf, dass der aufkommende Faschismus in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts, durch eine Studie der Geschichte gesellschaftlichen Wandels, hätte vorhergesagt werden können.

Ideologie des Faschismus

Definition

Um der Entstehung des Faschismus in Deutschland nachzugehen, werde ich zuerst den Begriff Faschismus an sich versuchen abzugrenzen. Paxton definiert Faschismus wie folgt:

„ Faschismus ist eine Form des politischen Verhaltens das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Besch ä ftigung mit Niedergang, Dem ü tigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, St ä rke und Reinheit, wobei eine massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer, aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten demokratische Freiheiten aufgibt und mittels einer als erl ö send verkl ä rten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschr ä nkungen Ziele der inneren S ä uberung und ä u ß eren Expansion verfolgt. “2

Ein treibendes Element ist also die „innere Säuberung“ der Gesellschaft. Politische Theorien, oder besser Ideologien, die einem solchem Sozialdarwinismus (die Auswahl der Stärkeren) zu Grunde liegen, gibt es schon seit den griechischen Philosophen und wahrscheinlich auch davor.

Der griechische Philosoph Platon beschrieb schon im 5. Jahrhundert v. Chr. die sophistische Denkweise, welche behauptet: „ Das Gerechte ist nichts anderes als der Nutzen des St ä rkeren. “ 3

Macht findet ihre Entsprechung in der Gerechtigkeit, denn der Umstand der Durchsetzungsfähigkeit rechtfertigt den Glauben an Rechtmäßigkeit. In seinem Werk über den Peleponnesischen Krieg skizziert der griechische Historiker und Philosoph Thukydides, die sophistische Denkweise, die damals die attische Denktradition prägte und stellt sie unverblümt im „Melierdialog“ dar. Gleich zu Beginn berufen sich die Athener auf das Naturrecht des Stärkeren.

„ Wir glauben n ä mlich, dass der Gott wahrscheinlich, der Mensch ganz sicher allezeit nach dem Zwang der Natur ü berall dort, wo er die Macht hat herrscht. “4

Der Grundstock des Faschismus

Dem Faschismus liegen, neben der „Lehre des Stärkeren“, einige wesentliche Elemente zugrunde, aus denen er erwachsen ist. Zum einen herrscht ein überwältigendes Krisengefühl in der Bevölkerung, jenseits aller traditionellen Handlungsoptionen. Hinzu kommt Angst vor dem Niedergang der Gruppe durch die „zersetzenden“ Effekte von individualistischem Liberalismus, Klassenkonflikten und Einflüssen aus dem Ausland. Dem Individualismus wird der Glaube an die Vorrangstellung einer Gruppe entgegengesetzt, gegenüber der man Pflichten hat, die über jedem Rechts stehen - sei es individuell oder universell - und die die Unterordnung des Individuums fordert. Kombiniert wird dies mit einer Ästhetik der Gewalt und der Kraft des Willens, wenn diese für den Erfolg der Gruppe eingesetzt werden.5 Das ideologische Fundament ist, wie schon im antiken Sophismus, andere ohne die Schranken irgendeines menschlichen oder göttlichen Gesetzes zu beherrschen, ein Recht, das einzig nach dem Kriterium der Tapferkeit der Gruppe in einem darwinistischen Kampf zugemessen wird. Hinzu kommt meist noch der „Führerkult“, indem die Überlegenheit der Instinkte des Führers über abstrakte und universelle Vernunft gestellt wird.6

Rassismus als grundlegendes Element der europäischen Kulturentwicklung

Das grundlegende Element, das dem Faschismus zu Grund liegt, ist der Rassismus. Dies erfordert eine nähere Betrachtung um diesen Kerngedanken des Faschismus, besser nachvollziehen zu können.

George L. Mosse weist nach, dass Rassismus keine Randerscheinung ist, sondern ein grundlegendes Element der europäischen Kultur. Er stellt dabei die Geschichte des Rassismus in den Zusammenhang mit der europäischen Geschichte.

Dieser Rassismus war nicht bloß Ausdruck von Vorurteilen, noch eine simple Metapher der Unterdrückung, sonder vielmehr ein umfassendes Denksystem, eine Ideologie, wie Konservatismus, Liberalismus oder Sozialismus, mit eigener Struktur und seinen eigenen, typischen Diskursformen.7

Die mythologischen und geistigen Ursprünge der Rasse wurden mit der nationalen Herkunft gleichgesetzt. Die Vergangenheit einer Rasse und ihre Geschichte waren mit der des Volkes identisch. Von Anfang an bestand eine Verbindung zwischen Rassismus und dem Aufkommen des Nationalbewusstseins. Sprache und Geschichte eines Volkes wurden, dazu benutzt, seine rassischen Ursprünge zu erforschen.8

Während des ersten Weltkrieges hat das rassistische Denken in Europa schon das öffentliche Bewusstsein beeinflusst. In den Jahren 1918 bis 1920 stieg der Rassismus überall dort an, wo Revolutionen stattfanden oder drohten9, was auf Frankreich, wie auch auf Deutschland zutraf.

Der Rassismus zeigte sich in zwei verschiedenen Traditionen. Einmal in der mystischen Vorstellung von Rasse, die die unterschwellig stets vorhandene Subjektivität rassischen Denkens so ausdehnte, bis sie jeden Schein von Wissenschaft hinter sich gelassen hatte und dann jene die für die rassische Klassifizierung wissenschaftliches und akademisches Ansehen suchte.

Weil durch Vertreter dieses Gedankenguts versucht wurde, ihr Werk auf sichtbare Beweise biologischer, zoologischer oder statistischer Art zu stützen, neigten sie auch dazu, zum Rassismus als einer Lehre der Aggression oder der Überlegenheit eine ambivalente Haltung einzunehmen, während sie gleichwohl rassische Kategorien und Stereotypen anerkannten. Die Hauptströmung dieses so genannten wissenschaftlichen Rassismus aber war die Verschmelzung von Anthropologie, Eugenik und gesellschaftlichem Denken. Jetzt verband man diese traditionellen Konzepte mit dem Darwinismus, und dies führte dazu, dass man sich vorwiegend aus rassischer Sicht mit Vererbung und Eugenik beschäftigte, da dies für das Überleben des Tüchtigsten wesentlich war. Die Deutschen nannten diesen darwinistischen Rassismus „Rassen- und Gesellschaftsbiologie“, da es bei ihm auf die richtigen Erbfaktoren ankam.10

Exemplarisch für die Analysen von Mensch und Gesellschaft, in denen sich dieses rassische Denken versuchte, ist das Vorwort des 1904 in Deutschland neu begründeten „Archivs für Rassen- und Gesellschaftsbiologie“. Seine Vertreter behaupteten, dass das Leben des einzelnen einmal ende, die Rasse hingegen eine kontinuierliche Lebenseinheit bilde. Unter Hinweis auf Darwin behauptete man, dass das Überleben der Rasse mit dem Rassenerbgut und mit der Rassenhygiene zusammenhänge und das Rassenkonzept sei für jegliche Gesellschafts- und Volkswirtschaftslehre, für Recht, Verwaltung, Geschichte bzw. Moralphilosophie grundlegend.11

Vor dem Ersten Weltkrieg sah es paradoxerweise so aus, als ob eher Frankreich als Deutschland oder Österreich Heimat einer erfolgreichen rassistischen und nationalsozialistischen Bewegung werden würde.12 Das möglicherweise erste konkrete Beispiel für einen „Nationalen Sozialismus“ in der Praxis war der 1911 in Frankreich entstandene Cercle Proudhon, eine Studiengruppe mit dem Ziel „Nationalisten und Antidemokraten von links zu vereinen“, in einer Offensive gegen den „jüdischen Kapitalismus“.13

[...]


1 Paxton, Robert O. (2006). Anatomie des Faschismus, München, 56.

2 Paxton, a.a.O., 319.

3 Platon. Der Staat, I. 338.

Thukydides: Der Peloponnesische Krieg. Übers. Und hrsg. Von Helmuth Vretska und Werner Ringner, Stuttgart 2000. 455.

5 Paxton, ebd., 66.

6 Paxton, ebd., 66.

7 Mosse, George (2006). Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt, 7.

8 Mosse, ebd., 118.

9 Mosse, ebd., 207.

10 Mosse, ebd., 101.

11 Mosse, ebd., 102.

12 Mosse, ebd., 200.

13 Paxton, ebd., 76.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen des autoritären Staates
Untertitel
Am Beispiel Deutschlands Mitte des 20ten Jahrhunderts
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V172790
ISBN (eBook)
9783640927777
ISBN (Buch)
9783640932160
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
autoritärer Staat, Faschismus, Ideologie, Deutschland, Herrschaft, Nationalsozialismus, NSDAP, Autoritarismus
Arbeit zitieren
Marcus Wohlgemuth (Autor), 2007, Das Phänomen des autoritären Staates, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172790

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