Führte der Aufstand der ‚Zapatistas’ 1994 zu einem sozialen Wandel in Mexiko?

Eine Abhandlung nach Dahrendorfs Konflikttheorie


Seminararbeit, 2009

19 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung
1.1 Theoretisches Konzept und Hypothesen
1.2. Operationalisierung

2. Wirtschaftliche Entwicklung Mexikos 1970-1994
2.1. Beitritt Mexikos zu GATT und NAFTA
2.2. Aufstand der ‚Zapatistas’

3. Konflikttheorie nach Dahrendorf
3.1. Allgemeine Einführung
3.2. Dahrendorf’s Begriff der ‚Lebenschancen’
3.3. Die ‚Anrechte’ der ‚Zapatistas’

4. Sozialer Wandel in Mexiko?
4.1. Begriff der Revolution
4.2. Politische und zivilgesellschaftliche Veränderungen
4.3. Aktuelle Konfliktsituation

5. Resümée

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

Im Moment steht unsere moderne Gesellschaft unter dem Einfluss des Globalisierungsprozesses, der durch Kapitalismusexport geprägt ist. Diese Systemideologie des Kapitalismus kann zu system-ideologischen Konflikten führen. In Mexiko wurde die bäuerlich-indigene Aufstandsbewegung EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) bald nach ihrem Aufstand in der Neujahrsnacht 1994 zum Referenzpunkt der Neuen Sozialen Bewegungen in Mexiko. Der Aufstand erfolgte direkt nach der Bekanntgabe des Beitritts Mexikos zum Freihandelsabkommen NAFTA.

Trotz der Verhandlungen die 1995 zwischen der Regierung und der EZLN aufgenommen wurden, ist der Konflikt noch immer als manifester Konflikt eingestuft (Conflict Barometer 2009: 43). Für besonders interessant erachte ich den Zapatista-Aufstand wegen seiner system-ideologischen Prägung. Die ‚Zapatistas’ artikulieren ihre Kritik auf viel grundlegenderer Ebene als andere spezifischere Aktionsbündnisse. So verknüpfen sie die Forderungen von Autonomie und Partizipation (Boris 1996: 210). Generell wurde im Jahr 2009 wie im Jahr zuvor den meisten Konflikten ein system-ideologischer Hintergrund zugeordnet (Conflict Barometer 2009: 3), was eine Analyse des Zapatista- Aufstands wertvoll für die Analyse gleichartiger Konflikte macht.

Ich möchte nun konkret herausfinden warum der Aufstand der ‚Zapatistas’ aufgetreten ist und ob dieser Konflikt einen Effekt auf die Gesellschaft hatte, beziehungsweise ob er einen sozialen Wandel in Mexiko bedingt hat.

1.1. Theoretisches Konzept und Hypothesen

Die theoretische Grundlage bildet die Konflikttheorie von Ralf Dahrendorf (Dahrendorf 1974, 1994). Seine Konflikttheorie bezieht sich auf den Wandel einer Gesellschaft. Vor allem seine Weiterentwicklung der Konflikttheorie um die Erweiterung bzw. Verteidigung der Lebenschancen soll der Beantwortung der Fragestellung dienen. Kann man diesen sozialen Konflikt als Reaktion auf die neoliberalen Modernisierungsprozesse in Mexiko deuten, oder liegen hier andere Gründe vor? Ich werde davon ausgehen, dass die Sozialbewegung der ‚Zapatistas’ eine Reaktion auf die neoliberale Politik darstellte. Weiters behaupte ich, dass die ‚Zapatistas’-Bewegung einen sozialen Wandel darstellt, der direkten Einfluss auf Mexikos Wirtschaftsmodell hat.

1.2. Operationalisierung

Der Untersuchungsgegenstand wird zum einen die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos von Beginn der 1970er Jahren bis 1994 sein und auch strukturelle Reformen mit einbeziehen. Zum anderen werde ich die sozialen Dynamiken in diesem Zeitraum versuchen konflikttheoretisch einzuordnen.

2. Wirtschaftliche Entwicklung Mexikos 1970-1994

In Mexiko herrschte seit den 1940er Jahren ein Akkumulationsregime der importsubstituierenden Industrialisierung (ISI). Dieses gerät in den 1970er Jahren wegen einem chronischen Zahlungsbilanzdefizit in die Krise. Die Verschuldung Mexikos ist hoch, da Kapital im Kontext der internationalen Überschussliquidität - vor allem aus den USA - reichlich vorhanden ist. Jedoch verschleiern die Integration Mexikos in die internationalen Finanzmärkte und der ab 1976 einsetzende Erdölboom zunächst noch die schon lange vorhandenen grundsätzlichen Disparitäten im mexikanischen Industrie- und Finanzsektor. Schließlich tritt die Krise der ISI jedoch offen zutage und manifestiert sich in sinkenden Öleinnahmen, steigenden Arbeitslosenzahlen, einer rasanten Inflation, steigender Verschuldung, einem steigenden Leistungsbilanzdefizit, einer massiven Migration in die Städte und Kapitalflucht. Während auf der wirtschaftlichen Ebene der Kollaps eines Modells bevorsteht, gelingt es der seit 1929 herrschenden PRI (Partido Revolucionario Institucional) ihre Politik des Korporatismus fortzuführen. Das Staatsgefüge ist auf allen Ebenen von der Staatspartei durchzogen. Es existieren Strukturen der gegenseitigen Einbettung und Abhängigkeit, womit es der PRI nicht nur gelingt die beherrschten Klassen untereinander zu spalten, sondern sie auch an den Staat zu koppeln, sodass sie nicht gegen den Staat oder das Kapital ankämpften. Durch solche Pakte zwischen Staat, Kapital und Arbeitern waren Klassenkonflikte in Mexiko gering. Der gesellschaftliche Konsens, der durch die ökonomische Situation gefährdet war, wird durch erhöhte Staatsausgaben zeitweilig wiederhergestellt. (Soederberg 2004, 29-61)

Als 1979 der US-Leitzins angehoben wird, steigen die Zinsen der Auslandsverschuldung exponentiell an. 1982 stellt Mexiko schließlich den Schuldendienst ein. Die Zahlungsunfähigkeit Mexikos markiert „auf politischer Ebene die endgültige Abkehr von dem bislang praktizierten Entwicklungsmodell der auf den Binnenmarkt ausgerichteten importsubstituierenden Industrialisierung (ISI) und den Beginn einer dauerhaften und umfassenden Wirtschaftskrise“ (Feldbauer/Parnreiter 1999: 193).

Nach der Krise 1982 wurde die Wirtschaft drastisch umgestaltet. Liberalisierungen transformierten die mexikanische Ökonomie grundlegend und sicherten Mexiko die Anerkennung der internationalen Finanzgemeinschaft. Die neuerliche Verschuldungskrise konnte durch einen partiellen Schuldenerlass im Rahmen des Brady-Plans 1989 gemildert werden. Die ökonomischen Grunddaten besserten sich und die internationalen Finanzflüsse kehrten zurück. Die Kehrseite der neoliberalen Wende hatte jedoch bedeutende soziale Auswirkungen und damit politische Implikationen. Die folgende Sparpolitik hatte drastische Verschlechterungen des Lebensstandards eines Großteils der Mexikaner zur Folge. Die Reallöhne fielen zwischen 30 und 50% und Arbeitslosigkeit, Armut und Migration stiegen (Blecker 1996: 11-12).

Diese Entwicklung gefährdete den sozialen Zusammenhalt und erodierte die traditionelle Basis der PRI. Bis zu den Wahlen 1988 versuchte die PRI den Balanceakt zwischen neoliberaler Umstrukturierung und Erhalt des sozialen Zusammenhalts. Mit Preispakten vereinbarte man eine Art Waffenstillstand zwischen Arbeit und Regierung, der die PRI aber nicht vor dem Verlust ihrer hegemonialen Stellung schützte.

2.1. Beitritt Mexikos zu GATT und NAFTA

Das naturgemäße Interesse der neoliberalen US-Außenhandelspolitik an der internationalen Festschreibung von konzernfreundlichen Normen und dem privilegierten Marktzugang von US-Konzernen führte in Mexiko zu dem Beitritt zu Zoll- und Handelsabkommen wie dem General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) und zur Umsetzung von Freihandelsprojekten wie dem North American Free Trade Agreement (NAFTA). Mit Mexikos Beitritt zum GATT im Jahre 1986 öffneten sich die mexikanischen Grenzen für landwirtschaftliche Importe. Damit verschärfte sich allerdings die Marginalisierung der nicht-konkurrenzfähigen kleinen bäuerlichen Betriebe, was in späterer Folge zu diversen zivilgesellschaftlichen Protestbewegungen - wie die der Bauern in Chiapas - geführt hat (Kaller-Dietrich Martina/Mayer, David 2004: 62).

Dem 1992 unterzeichneten und 1994 in Kraft gesetzten NAFTA Abkommen zwischen Mexiko und den USA lagen Interessen auf beiden Seiten zu Grunde. Für die USA bedeutete es einen besseren Zugriff auf den mexikanischen Finanz- und Versicherungsmarkt und andererseits leichteren Zugang zu mexikanischen Erdölreserven. Für Mexiko hingegen war der amerikanische Markt attraktiv, da er einer der nachfragestärksten Binnenmärkte der Welt ist (Burchardt 2004: 48).

Der Beitritt zur NAFTA sollte, so die Hoffnung der PRI, den eingeschlagenen neoliberalen Kurs auch extern institutionalisieren und somit die PRI vor innenpolitischen Angriffen schützen. Optimistische Wirtschaftsprognosen versprachen Mexiko sogar ein höheres Wirtschaftswachstum sowie eine raschere wirtschaftliche Entwicklung, wodurch die soziale Stabilität erhöht werden sollte (De Luna Martinez 2002: 104). Insgesamt waren diese Ambitionen nicht erfolgreich.

2.2. Aufstand der ‚Zapatistas’

Mit Beginn des Jahres 1994 kam es im südlichen Bundesstaat Chiapas zur Rebellion der Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN, deutsch: „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung“), hier weiter bezeichnet als ‚Zapatistas’, einer indigenen Bauer]nmiliz. Als Auslöser gilt das Inkrafttreten der NAFTA im Jänner 1994. Allerdings waren schon die Auswirkungen der Krise der 1970er verantwortlich für das gewachsene Konfliktpotential. Mexikos Kleinbauern gehörten zu jenem Teil der mexikanischen Bevölkerungsschicht die am meisten unter dem neoliberalen Entwicklungsmodell Mexikos litten. Während der Verhandlungen um das NAFTA- Abkommen nahm die Regierung Salinas keine Rücksicht auf die Befürchtungen und Ängste der Bevölkerung. Zudem versuchte die Regierung eine offene Diskussion in der mexikanischen Öffentlichkeit zu vermeiden. Die Entscheidung des damaligen Präsidenten Salinas de Gortari der NAFTA beizutreten war vielmehr eine Einzelentscheidung, die er als größte Errungenschaft seiner Präsidentschaft darstellte und sich dadurch erhoffte das Land noch attraktiver für ausländisches Kapital zu präsentieren (Rich 1997: 77).

Für viele kam der Aufstand der ‚Zapatistas’ in Chiapas nicht überraschend. Die Unzufriedenheit in breiten Bevölkerungsteilen war über die letzten Jahre sehr stark angewachsen. Der Beitritt zur NAFTA war der auslösende Moment. All jene Kleinbauern die vor einem überstürzten Beitritt zur NAFTA warnten und fürchteten dadurch massiv benachteiligt zu werden, fühlten sich in ihren Annahmen schließlich bestätigt. Armut und Arbeitslosigkeit stiegen in den Monaten nach dem ersten Jänner 1994 stark an und nach Ansicht der indigenen Bevölkerung und Kleinbauern war die NAFTA der Grund für diese Situation. Die durch das NAFTA- Abkommen verringerten Handelsbarrieren und der freie Handel führten außerdem dazu, dass sich mexikanische Kleinbauern fortan im Wettbewerb mit der kanadischen und US-amerikanischen Agro-Industrie messen mussten (Rich 1997: 73).

3. Konflikttheorie nach Dahrendorf

3.1. Allgemeine Einführung

Für Dahrendorf sind Gesellschaften nicht durchweg harmonische und gleichgewichtige Gefüge, sondern stets durch Auseinandersetzungen zwischen Gruppen, unvereinbare Werte und Erwartungen gekennzeichnet. Er bezeichnet Konflikt nicht nur als eine universelle soziale Tatsache, sondern sogar als ein notwendiges Element allen gesellschaftlichen Lebens (Dahrendorf 1974: 265). Die Funktion sozialer Konflikten sieht Dahrendorf darin, den Wandel globaler Gesellschaften und ihrer aufrechtzuerhalten und zu fördern.

„Als ein Faktor im allgegenwärtigen Prozess des sozialen Wandels sind Konflikte zutiefst notwendig. Wo sie fehlen, auch unterdrückt oder scheinbar gelöst werden, wird der Wandel verlangsamt und aufgehalten. Wo Konflikte anerkannt und geregelt werden, bleibt der Prozess des Wandels als allmähliche Entwicklung erhalten“ (Dahrendorf 1974: 272).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Führte der Aufstand der ‚Zapatistas’ 1994 zu einem sozialen Wandel in Mexiko?
Untertitel
Eine Abhandlung nach Dahrendorfs Konflikttheorie
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
SE Konflikttheorien in der Praxis
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V172865
ISBN (eBook)
9783640929030
ISBN (Buch)
9783640933303
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zapatista, Mexiko, Aufstand, Konflikt, sozialer Wandel, Dahrendorf, NAFTA, Subcomandante, Marcos, Chiapas
Arbeit zitieren
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth (Autor), 2009, Führte der Aufstand der ‚Zapatistas’ 1994 zu einem sozialen Wandel in Mexiko?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172865

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