Traktat über die drei Betrüger: Rezension des Urwerks des Atheismus


Rezension / Literaturbericht, 2009
11 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

„Diese Überlegung führt uns dahin, dass wir unwidersprechlich anerkennen müssen, dass Gott, Teufel, Paradies, Hölle und Seele nicht das sind, als was die Religion sie darstellt, und dass die Theologen, d.h. diejenigen, die Märchen als Wahrheiten verkaufen, unredliche Leute sind, die die Leichtgläubigkeit des Volkes missbrauchen, um ihm weiszumachen, was sie wollen, als hätte das einfache Volk keinen Anspruch auf die Wahrheit oder müsste ausschließlich mit Hirngespinsten abgespeist werden, in denen ein Vernünftiger nur Unfug, Nichtigkeit und Wahnsinn erblicken kann.“ (Anonymus: 141).

Anonymus (1768): Traktat über die drei Betrüger (Übers., kritisch hrsg., Winfried Schröder 1992). Hamburg: Meiner.

Der „Traité des trois imposteurs“ (‚Traktat über die drei Betrüger’), mit denen die Propheten Moses, Jesus und Mohammed gemeint sind, kann man wohl zu einem der Schlüsseltexte der Aufklärung und des Atheismus zählen.

Worauf ich gleich zu Beginn hinweisen möchte ist, dass der Text des Traktats über die drei Betrüger weitgehend aus Entlehnungen bekannter Texte des 17. Jahrhunderts ist. Unter anderem von Lucilio [Julius Caesar] Vanini, dem Skeptiker Francois de la Mothe le Vayer, dem Mediziner Guillaume Lamy und vor allem Hobbes und Spinoza (Schröder 1992: XXIX). Derjenige der diese Texte zu dem Traktat zusammenführte bleibt bis heute unbekannt. Nach der Lektüre des Traktats wird dem Leser auch deutlich, warum sich der Autor den Decknamen „Anonymus“ geben musste. Wegen des überdeutlich anti-religiösen Inhalts wäre er zu seinen Lebzeiten wohl umgehend als Ketzer hingerichtet worden.

Der Herausgeber, Übersetzer und kritischer Kommentator des Traktats ist Winfried Schröder.

Schröder berichtet in einer über 50 Seiten langen Einleitung über die Geschichte des Traktats, den Kontext seiner Entstehung und auch wer hinter dem Autor „Anonymus“ stecken könnte. Bis heute gibt es nur mehr oder minder plausible Spekulationen. Schröder mutmaßt, das Traktat stamme von dem Freidenker Jean-Maximilian Lucas (1636/46-1697), legt sich hier aber keineswegs fest (Schröder 1992: XXVII-XXVIII).

Das Erscheinungsdatum lässt sich ebenfalls nicht endgültig bestimmen. Schröder geht vom letzten Viertel des 17. Jahrhunderts aus. Einerseits weil die Schrift auf die Frühaufklärung, die um 1650 einsetzte, folgte und andererseits weil das Traktat Schriften von bedeutenden Aufklärern des 17. Jahrhunderts paraphrasiert und übersetzt.

Schröder dokumentiert seine umfangreichen Nachforschungen in der Bibliographie und einem textkritischen Anmerkungsapparat. Er meint, dass das Traktat trotz seiner vielfältigen Quellen eine durchaus homogene Weltanschauung bietet. Er spricht vom Traktat als „Urform der Popularphilosophie des radikalen Untergrunds“ (ebda: XXIX).

„Alles, was die französische Philosophie des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts in der theologischen Sphäre Verneinendes entwickelt hat, findet sich hier involviert und oft mit einer frappanten Kürze hingestellt“ (K. Rosenkranz: Der Zweifel am Glauben. Kritik der Schriften: De Tribus Impostoribus. Halle/Leipzig 1830, S. 26. zit. n. ebda: XXIX)

Das Traktat steht eindeutig für viele Charakteristika der Aufklärung, wie die Freiheit des Denkens, den Gebrauch des eigenen Denkens, die Bedeutung der Vernunft, Wissenschaft, Logik, Experiments und Freiheitsstrebens des Bürgers. Bedeutende Bestandteile des Traktats sind ebenso die Emanzipation von der Kirche, dem Adel und althergebrachten Autoritäten im Allgemeinen. Schröder spricht sogar von einem bis dahin nicht gekannten Radikalismus in Bezug auf Kritik, nicht nur des Aberglaubens und Wunder- und Dämonenglaube, sondern den zentralen Glaubensinhalten der christlich-jüdischen Religion. Dieser Radikalismus zeige sich „nicht nur durch die Offenbarung, sondern auch jene Lehren von Gott, die man ohne Rückgriff auf übernatürliche Quellen, allein mit philosophischen Mitteln gewonnen zu haben beanspruchte und deshalb >natürliche Theologie< bzw. >natürliche Religion< nannte, als ein Bündel von Vorurteilen entlarvt wird, die der rationalen Prüfung nicht standhalten“ (ebda: VIII)

Die vorliegende Ausgabe bietet den Text der seit 1768 mehrmals im Druck erschienenen und deshalb am weitesten verbreiteten Version des „Traité des trois imposteurs“ (ebda: XLIV)

Kapitel I - Von Gott

Im ersten Kapitel handelt der Autor die allgemeinen Vorstellungen von ‚Gott’ ab. Er bezeichnet diese als falsche Vorstellungen, die sich nur gebildet haben, da die Menschen zu schwach sind die Vernunft zu Rate zu ziehen. Der Glaube an all den Betrug und die Irrtümer, die damals verbreitetet waren, sind „aus der Unwissenheit entstanden“ (Anonymus, 1768: 17). Sie ist die „einzige Quelle der falschen Vorstellungen von Gott, der Seele, den Geistern und von nahezu allem, was die Religion ausmacht“ (ebda: 5).

Gegen das Übel der Unwissenheit wurde nichts unternommen, denn nachdem sich die falschen Vorstellungen von Gott gebildet haben, hat man nichts versäumt um das Volk dazu zu bringen an sie zu glauben, ohne ihm ihre Überprüfung zu erlauben. Der Autor hält hier ein Plädoyer für eine aufgeklärte Gesellschaft, die der Vernunft den Vorzug geben solle. Doch dies wird durch diejenigen verhindert die fürchten, dass die Vernunft das Volk zur Erkenntnis führen könne. Nur die Vernunft kann dem Volk eröffnen, „daß die landläufigen Vorstellungen von Gott falsch sind“ (ebda: 9).

Die Gottesvorstellung sei überhaupt das Bild eines sinnlich wahrnehmbaren, materiellen und allen menschlichen Affekten unterworfenen Wesens. Auf der anderen Seite wird behauptet, dass Gott nichts mit der Materie gemeinsam hat und ein Wesen ist, dass wir nicht begreifen können. Dies nennt der Autor eklatante und unsinnige Widersprüche (ebda: 16).

Es wird auch betont, dass es keinen Unterschied zwischen Aposteln und den übrigen Menschen, hinsichtlich Geburt und Lebensweise gibt.

„Zu dem Ansehen, in dem sie stehen, gelangten sie, weil sie so dreist waren, sich zu rühmen, ihre Botschaften für das Volk unmittelbar von Gott erhalten zu haben - eine unsinnige und lächerliche Erfindung, geben sie doch selbst zu, daß Gott nur im Traum zu ihnen spricht“ (ebda: 11).

Träume werden weiters als normale menschliche Eigenschaft beschrieben, durch die man eine göttliche Konversation nicht glaubhaft machen kann (ebda: 13).

Kapitel II - Ursachen der Gottesvorstellung

Hier wird wieder die Unwissenheit als Hauptgrund für die diversen Gottesvorstellungen genannt. Aus Unkenntnis der natürlichen Ursachen von schrecklichen oder ungewöhnlichen Ereignissen entstand Furcht, welche die Vorstellung schuf, dass es eine unsichtbare Macht geben muss. „Diese wahnhafte Furch vor unsichtbaren Mächten ist die Quelle der Religionen, die von einem jeden auf seine Weise zurechtgemacht werden“ (ebda: 20). Eine weitere wesentliche Aussage des Traktats, bezieht sich darauf, dass die Politik und betrügerische Machenschaften genau dies erkannt haben und ihren Nutzen aus dieser Vorstellung bezogen.

„Diejenigen, die ein Interesse an der Disziplinierung des Volkes durch solche Hirngespinste hatten, haben für den Fortbestand dieses Keims der Religion gesorgt, aus ihm einer Gesetz gemacht und schließlich das Volk durch Androhung künftiger Schrecknisse zu blindem Gehorsam gezwungen“ (ebda: 19-21).

Auch wird die Vorstellung kritisiert, dass die Götter den Menschen ähnelten und wie sie selbst alles um eines Zweckes willen tun.

„So entwickelten die Menschen die falschen Vorstellungen von gut und böse, Verdienst und Schuld, Lob und Tadel, Ordnung und Unordnung, Schönheit und Hässlichkeit und dergleichen“ (ebda: 21).

Von der Unwissenheit, in der sich der Mensch seit seiner Geburt befindet, geht es aus, dass man die Ursachen des Wollens und Wünschens nicht kennt. „Statt klarzustellen, daß in der Natur nichts vergebens geschieht, glaubten sie, Gott und die Natur dächten wie die Menschen“ (ebda: 25). Dieser Glaube wird entkräftet, indem der Autor darauf hinweist, dass sowohl gute als auch schlechte Menschen von Gütern und Übeln stets gleichermaßen betroffen sind. Doch anstatt dies mit Vernunft wahrzunehmen, was durch Mathematik, die Physik und andere Wissenschaften erklärt werden könne, glauben die Menschen „daß die Ratschlüsse Gottes unbegreiflich seien und die Erkenntnis der Wahrheit deshalb die Kräfte des menschlichen Geistes übersteige“ (ebda: 26).

Der wahre Gelehrte sollte somit, ohne Rekurs auf die durch Unwissenheit bedingten Vorurteile, zu den natürlichen Ursachen der Dinge der Schöpfung vordringen. Gottes Wille wird als „Asyl der Unwissenden“ (ebda: 29) bezeichnet. Allerdings erkennt der Autor hier einen weiteren Grund für den Glauben der Menschen. Denn wenn die Gestalt eines Gottes nicht den Königen der Menschen und vor allem seinen Vorzügen ähnlich ist, nähme man „dem Menschen den einzigen Trost, der ihn vor der Verzweiflung angesichts des Elends in diesem Leben bewahrt“ (ebda: 39).

Als Überleitung zum nächsten Kapitel, in dem die „drei Betrüger“ entlarvt werden, beschreibt der Autor die Bibel als „ein Flickwerk aus Fetzen, die zu verschiedenen Zeiten, von verschiedenen Personen zusammengeflickt und erst nach der Genehmigung der Rabbinen veröffentlicht wurde“ (ebda: 39-41). Alle anderen Gesetze neben den ‚heiligen Schriften’ sind bloß menschliche Erfindungen, die durch die Politik der Fürsten und Priester ins Leben gerufen worden sind.

„Die einen wollten dadurch ihrer Autorität mehr Gewicht verleihen, die anderen wollten sich durch den Vertrieb unzähliger Hirngespinste bereichern, die sie den Unwissenden teuer verkaufen“ (ebda: 41).

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Traktat über die drei Betrüger: Rezension des Urwerks des Atheismus
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
VO Politik und die Entstehung und Entwicklung der modernen Wissenschaft
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2009
Seiten
11
Katalognummer
V173000
ISBN (eBook)
9783640930890
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anonymus, Traktat, Betrüger, Aufklärung, Atheismus, Jesus, Moses, Glauben, Kirche, Mohammed, Schröder, Religion, Gott, Propheten, Traktat über die drei Betrüger
Arbeit zitieren
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth (Autor), 2009, Traktat über die drei Betrüger: Rezension des Urwerks des Atheismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173000

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