Industrialisierung und Antisemitismus

Die Entwicklung von Rassismus und Antisemitismus in Europa im Zeitalter der Industrialisierung bis hin zu Antizionismus


Essay, 2009

9 Seiten, Note: Gut


Leseprobe

Industrialisierung und Antisemitismus

Die Entwicklung von Rassismus und Antisemitismus in Europa im Zeitalter der Industrialisierung, bis hin zum Antizionismus.

Seit 1895 erfasste die Industrialisierung durch einen produktionsintensiven industriellen Kapitalismus alle europäischen Länder und begann die gesellschaftlichen und politischen Strukturen grundlegend umzugestalten (vgl. Mommsen 1969: 43).

Spätestens ab diesem Zeitpunkt war für die Mehrheit der europäischen Bevölkerung der Lebensunterhalt nur mehr durch kategoriale Arbeitsteilung in produktionsintensiven, industriellen Betrieben zu bestreiten. Inwiefern diese veränderten Lebensbedingungen mit dem erstarkenden Antisemitismus korrelieren, möchte ich im Laufe dieser Arbeit näher ausführen.

Entwicklung von Antisemitismus aus Rassismus

Um kurz zu definieren welcher Rassismusbegriff meiner Arbeit zu Grunde liegt, möchte ich die Definition Bielefeld’s zitieren. Bielefeld meint „ Rassismus rationalisiert Ängste und Gefühle, deren Praxis der, manchmal auch gewalttätige, alltägliche Ausschluss von als fremd Definierten war “ (Bielefeld 1998: 100). Das für meine Arbeit entscheidende Element in Bielefeld’s Rassismusbegriff ist, dass Rassismus die Ausschlussformen selbst rationalisiert. Dies trifft auf die Exklusion der Juden zu. Der Rassismus machte die Juden zum Sinnbild für den neuen, fremden Kapitalismus und rationalisierte sich selbst durch die scheinbar rationale Kapitalismuskritik.

Robert Miles (vgl. 1991) erklärt die praktische Angemessenheit des Rassismus dadurch, dass dieser gedanklich bestimmte beobachtete Regelmäßigkeiten widerspiegelt und eine kausale Interpretation konstruiert, die als mit diesen Regelmäßigkeiten übereinstimmend dargestellt werden kann und zur Lösung wahrgenommener Probleme dient. Nach Miles besteht eine Existenzbedingung von Ideologien darin, „ dass sie für diejenigen die sie verwenden, die Welt einleuchtend erklären “ (ebda: 107), oder anders beschrieben sind die Ideologien per definitionem in ihrer Totalität falsche Erklärungsweisen, können aber dennoch durch wahre Elemente enthalten.

So kann die Ideologie des Rassismus, als dem Antisemitismus verwandte Ideologie, für manche Teile der Bevölkerung ihre Erfahrungsweise von der Welt als Beschreibung und Erklärung dienen (vgl. ebda: 107).

Nun möchte ich aber auf die Ursprünge des Rassismus und des Antisemitismus eingehen. Mosse (vgl. 2006: 185) hat für die Entwicklung der rassistischen Ideologie in Europa einen historisch begründeten Erklärungsansatz. Mitteleuropa scheint bei der Entwicklung des Rassismus während des 19. Jahrhunderts ein zentraler Schauplatz gewesen zu sein. Die einzelnen Elemente des rassischen Mystizismus schienen vor allem die Sehnsucht nach einer echten nationalen Gemeinschaft und nach einer wesenhaften Einstellung zu Leben und Politik zu erfüllen. Die Bausteine des Rassismus kamen allerdings aus ganz Europa, er war nicht nur auf Deutschland oder Österreich beschränkt.

Den katholischen Rassismus hat es in Frankreich eigentlich schon immer gegeben und er hatte den Boden für den Rassismus bereitet. Der traditionelle christliche Antijudaismus entwickelte sich im Zeitalter der europäischen Revolutionen von 1750 bis 1850 zum modernen Antisemitismus (vgl. Claussen 1992: 10). Die Hauptrichtung des französischen Antisemitismus versuchte Nationalismus mit sozialer und politischer Reform zu verbinden. Die Antisemiten waren vor allem an der nationalen Einheit interessiert. Sie lehnten den Klassenkampf ab und befürworteten die Klassenintegration, ohne jedoch die bestehende kapitalistische und bürgerliche Ordnung anzuerkennen. Sie wünschten eine gleichmäßigere Verteilung des Reichtums und forderten, dass alle Klassen der Bevölkerung am politischen Prozess teilnähmen (vgl. Mosse 2006: 185).

Seit der Mitte des Jahrhunderts wurde diese Ansicht als Nationalsozialismus bekannt, die Hitler für seine Partei übernahm, als sie bereits längst allgemeingültiger Ausdruck für eine politische Theorie war, die eine soziale wie nationale Regierung anstrebte. Die Feindschaft des ursprünglichen Nationalsozialismus richtete sich einzig gegen den Finanzkapitalismus, gegen die Banken und Börsen. Die Abschaffung der Zinsknechtschaft sollte sowohl soziale Gerechtigkeit als auch nationale Einheit herstellen. Kurz nach 1870 beschrieb Edouard Drumont die Ängste, die die Nationalsozialisten plagten:

„ Die Enteignung durch den Finanzkapitalismus findet mit einer Regelm äß igkeit statt, die einem Naturgesetz gleicht. Wird innerhalb der kommenden fünfzig bis hundert Jahre nichts unternommen, diesen Prozess aufzuhalten, dann wird die gesamte europäische Gesellschaft ein paar hundert Bankiers auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. “ (ebda: 186).

Diese Entwicklung aufzuhalten hieß die Juden aus dem nationalen Leben auszuschalten, denn sie waren zum Symbol für die Vorherrschaft des Finanzkapitalismus geworden.

Der bürgerliche Antisemitismus hat nach Adorno und Horkheimer (vgl. 2008: 182-183) einen spezifischen ökonomischen Grund: die Verkleidung der Herrschaft in Produktion. Waren in früheren Epochen die Herrschenden unmittelbar repressiv, sodass sie den Unteren nicht nur die Arbeit ausschließlich überließen, sondern die Arbeit als die Schmach deklarierten die sie unter der Herrschaft immer war, so verwandelt sich im Merkantilismus der absolute Monarch in den größten Manufakturherrn. Produktion wird hoffähig. Der Jude ist der Sündenbock, dem das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet wird.

Obwohl die einzelnen europäischen Nationen von 1885 bis 1914 in verschiedenen Graden von der Industrialisierung erfasst wurden, wurden sie alle mit großer Gewalt in den Sog dieser neuen Entwicklungen hineingezogen. Nationale Schutzzollmauern, konnten nicht verhindern dass sich die einzelnen nationalen Volkswirtschaften Europas in das multilaterale System der Weltwirtschaft einfügten. Unter dem Einfluss der europäischen politischen und wirtschaftlichen Expansion nach Übersee, beeinflussten die Weltmärkte die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung in den einzelnen Ländern. Diese wurden gezwungen ihre traditionellen Gewerbe und Produktionsmethoden den Errungenschaften des technologischen Fortschritts anzupassen und neue Industrien aufzubauen. Es ergab sich eine bis dahin unbekannte Abhängigkeit der einzelnen Volkswirtschaften von dem Auf und Ab der internationalen Wirtschaftsentwicklung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Industrialisierung und Antisemitismus
Untertitel
Die Entwicklung von Rassismus und Antisemitismus in Europa im Zeitalter der Industrialisierung bis hin zu Antizionismus
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
RingVO Quer zur Wirklichkeit – Kritische Theorie und Gesellschaftskritik
Note
Gut
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V173035
ISBN (eBook)
9783640931422
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bibliographiee ~8
Schlagworte
Rassismus, Antisemitismus, Antizionismus, Industrialisierung, Europa
Arbeit zitieren
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth (Autor), 2009, Industrialisierung und Antisemitismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173035

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Industrialisierung und Antisemitismus



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden