Wie antidemokratisch kann Integration sein?

Potentiell antidemokratische Tendenzen in der europäischen Integration, angelehnt an Adorno’s Soziologie


Essay, 2008

9 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Wie antidemokratisch kann Integration sein? Essay

Wie antidemokratisch kann Integration sein?

Essay über potentiell antidemokratische Tendenzen in der europäischen Integration, angelehnt an Adorno ’ s Soziologie.

Weshalb sollte Integration antidemokratisch sein? Ist es nicht geradezu das Hauptanliegen eines jeden Staates, seine Bürger als ein homogenes soziales Ganzes betrachten zu können, um die Basis für eine funktionierende Demokratie zu schaffen?

In jedem europäischen Staat existieren zwar Minoritäten, seien es ethnische oder religiöse Minderheiten, die spezielle Rechte genießen, aber sie alle müssen sich dem Recht des jeweiligen Staates beugen.

Im Moment steht Europa vor einer der größten Integrationsaufgaben der Moderne, nämlich der Einbindung der wachsenden islamischen Glaubensgemeinschaften in die soziale Gemeinschaft und in die westliche Staatskultur der Säkularisierung. Auch wenn es die kirchliche Säkularisierung nicht in allen europäischen Ländern bis zur Reinform des Laizismus gebracht hat, existiert hier dennoch ein tiefer ideologischer Graben zum Islam, vor allem wenn man auch die islamistisch ausgerichteten Gruppen integrieren will.

Der Laizismus verlangt neben der Religionsfreiheit, dem friedlichen Nebeneinander der Religionen, der Neutralität des öffentlichen Raumes und dem Einhalten des Gesellschaftsvertrages, schließlich als entscheidendes Kernelement, dass die Gesetze der heiligen Schriften nicht über den staatlichen Gesetzen stehen. Sie sollen anderswo wirken, nämlich in den Herzen der Gläubigen, beziehungsweise einem Raum privater Andacht.

Dies ist wohl die größte Herausforderung bei der Integration des Islam. Nicht die religiösen Werte, sondern der Punkt, dass mit der Scharia eine eigene Gesetzgebung mitgebracht wird, die der Islamist über die jeweilige staatliche Gesetzgebung stellt.

Viele Lösungsansätze hat es hier schon gegeben, viele waren unzureichend und einer besonders fehlgeleitet. Der Ansatz des Multikulturalismus, beziehungsweise seine Auslegung, wie es in England in Teilbereichen der Fall ist.

Wie antidemokratisch kann Integration sein? Essay

In der Theorie will der Multikulturalismus vor allem das friedliche Zusammenleben von Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher ethnischer oder rassischer Herkunft, auf ein und demselben Territorium gewährleisten. Die Kriterien von Recht und Unrecht, von Verbrechen und Barbarei treten zurück, vor dem absoluten Kriterium des Respekts vor dem Anderen. Ganz nach Adorno, gibt es keine ewige Wahrheit mehr und der Glaube an sie entspringt einem naiven Ethnozentrismus.

Soweit so gut, doch in der Umsetzung in England hat man den Multikulturalismus so ausgelegt, dass die islamische Minorität, aus Respekt vor seinen Traditionen, ein anderes Gesetz befolgen kann, als der Rest des Volkes. Diese Auslegung des Multikulturalismus ist, nach Timothy Garton Ash, ein „ ( … ) Rassismus des Antirassismus. Er kettet die Menschen an ihre Wurzeln. Wenn man das gemeinsame Kriterium f ür die Unterscheidung von Recht und Unrecht aufgibt, wird jede Vorstellung von einer nationalen Gemeinschaft untergraben. “1

Ash spricht hier speziell islamistische Gesetzestexte an, die Gewalt gegen Frauen, sei es in physischer oder psychischer Hinsicht, legitimieren. Abgesehen von dem Kontrast der zwischen westlichen Werten und Gewalt legitimierenden Gesetzestexten besteht, möchte ich eine andere Frage in den Vordergrund stellen. Nämlich, ob es überhaupt sinnvoll ist, unterschiedliche Volksgruppen in einem Staatsgefüge andere Gesetze befolgen zu lassen.

Bruckner meint hierzu, dass man mit der gesetzlichen Abschottung von islamistischen Gruppierungen, schon jede mögliche Reformregung innerhalb einer bestimmten Konfession bremst, bevor sie überhaupt beginnen kann. Wenn man einen Teil dieser Bevölkerung, meistens den Frauen, einen Minderheitenstatus gibt, erhält man „ auf subtile Weise unter dem Mäntelchen der Vielfalt die Segregation aufrecht “2.

Überdenkenswert ist auch die Diskrepanz zwischen der Eigenverantwortlichkeit von diversen Regionen und dort herrschenden, teilweise menschenfeindlichen, Gesetzen. Bruckner nennt es auch das Paradoxon des Multikulturalismus, denn wie kann man eine Andersartigkeit akzeptieren, die die Menschen ausgrenzt, statt sie Wie antidemokratisch kann Integration sein? Essay aufzunehmen? Er gewährt allen Gemeinschaften die gleiche Behandlung, nicht aber den Menschen aus denen sie sich bilden, denn er verweigert ihnen die Freiheit, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen. Es sei „ Toleranz statt mutigem Weiterdenken.“3

Großbritannien musste sich eingestehen, dass sein auf Kommunitarismus und Separatismus gegründetes Sozialmodell versagt hat. Bruckner spricht von einer Kapitulation gegenüber der Integration und betont, dass man neben dem Recht auf Vielfalt unablässig das Recht auf Ähnlichkeit bekräftigen muss. „ Was uns verbindet, ist stärker als das, was uns trennt. “ 4

Buruma Ayaan Hirsi Ali, eine nach Großbritannien emigrierte, ehemalige Muslimin und nunmehrige Vertreterin der Aufklärung, sagt zu der Thematik:

„ Der Koran ist Menschenwerk, nicht Gotteswerk. Darum m üssen wir uns frei f ühlen, ihn zu interpretieren und der modernen Zeit anzupassen, anstatt uns schmerzhaft zu verrenken, um wie die ersten Gläubigen in einer fernen und f ürchterlichen Vergangenheit zu leben. “5

Doch die entscheidende Frage der ich nachgehen will lautet, warum ist es, neben den offensichtlichen Nachteilen einer doppelten Gesetzgebung, unvernünftig den Islamisten ihre eigenen Gesetze zu lassen? Wenn man europaweit von einer, zu einem gewissen Prozentsatz vorhandenen, latenten Ausländerfeindlichkeit ausgeht, könnte eine Ungleichbehandlung von Bürgern nicht rassistische Vorurteile verstärken?

Hier haben Adorno und Horkheimer einen wertvollen Beitrag mit ihrem „Research Projekt on Anti-Semitism“ geliefert. Mit diesem interdisziplinären Forschungsprojekt sollte der allgemeine Forschungsstand über Antisemitismus auf breiter Basis aufgearbeitet und seine aktuellen Erscheinungsformen analysiert werden. Wie nützt uns nun diese Studie über aufkeimenden Antisemitismus, für die Problemstellung der Integration?

[...]


1 Bruckner, Pascal (2007): Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten? unter: http://www.perlentaucher.de, 24.01.2007.

2 vgl. ebda.

3 vgl. ebda.

4 vgl. ebda.

5 Buruma, Ayaan Hirsi Ali (2006): Mein Leben, meine Freiheit, München.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Wie antidemokratisch kann Integration sein?
Untertitel
Potentiell antidemokratische Tendenzen in der europäischen Integration, angelehnt an Adorno’s Soziologie
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
VO Politik und Ästhetik nach Adorno
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
9
Katalognummer
V173257
ISBN (eBook)
9783640934416
ISBN (Buch)
9783640934836
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integration, Multikulturalismus, Islam, Säkularisierung, Scharia, islamische Minorität, Adorno, Demokratie, Demokratiekritik, Integrationspolitik, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Gesetzgebung, England
Arbeit zitieren
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth (Autor:in), 2008, Wie antidemokratisch kann Integration sein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173257

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