Funktionale Differenzierung der Gesellschaft

Skript über die Gesellschaftstheorie der funktionalen Differenzierung nach Niklas Luhmann


Skript, 2011

12 Seiten


Leseprobe

Niklas Luhmann - funktional differenzierte Gesellschaft

Skript zur Diplomprüfung

Prüfungsgebiet

Gesellschaftstheorie: Theorie des politischen Systems - funktionale Differenzierung

Literatur

- Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft: Differenzierung. Zweiter Teilband, Kapitel 4, Frankfurt a.M.
- Luhmann, Niklas (1981): Politische Theorie im Wohlfahrtstaat, München/Wien.
- Wimmer, Hannes (1996): Evolution der Politik. Von der Stammesgesellschaft zur modernen Demokratie, Wien: WUV.

Funktional differenzierte Gesellschaft

Der Modernisierungsprozess der Gesellschaft besteht aus der Umstellung von Stratifikation (soziale Schichtung) auf funktionale Differenzierung. Diese moderne Form der Gesellschaft entstand durch einen langsamen evolutionären Prozess, beginnend im Europa1 des 16. Jh's.

Die Evolution von Gesellschaftssystemen (vgl. Wimmer 1996):

segmentären Gesellschaften (z.B. Afghanistan) Stammesgesellschaften; diese sind unterteilbar in Big-Man-Systeme (competitive Leadership) und Chiefdoms (Macht durch Rangvergesellschaftung)

hierarchisch-stratifizierte Gesellschaften sind politisch dezentralisiert (vgl. europ. Feudalismus, indisches Kastenwesen2 ), oder staatlich organisiert (Stadtstaaten, Niklas Luhmann - funktional differenzierte Gesellschaft Imperien wie z.B. China) f unktional differenzierten Gesellschaften mit Funktionssystemen wie in modernen Demokratien oder auch bürokratisch-autoritären Regimes (Militärdiktaturen)

Die funktionale Differenzierung (vgl. Luhmann 1996) ist nun die primäre Differenzierungsform der Gesellschaft. Weitere Differenzierungsformen wären soziale Ungleichheiten, segmentäre Differenzierung, Schichtung. Die Hauptthese Luhmann's allerdings ist, dass die gesellschaftliche Struktur der modernen Gesellschaft nicht von Schichtung geprägt wird. So ist ein System ohne Zentrum, ein System mit hoher Selbstorientierung aber ohne Zentralorientierung entstanden. Auf der Ebene des politischen Systems3 entspricht dem ein Übergang von zweistelliger (oben und unten) zu dreistelliger Differenzierung. Die fortgeschrittenen politischen Systeme der Gegenwart beruhen auf der dreistelligen Differenzierung in die Funktionsgruppen Politik, Verwaltung und Publikum (Staatsorgane: Parlament, Regierung/Verwaltung, Wäherschaft).

Die Gesellschaft, die in Funktionssysteme gegliedert ist, verfügt über keine Zentralorgane. Sie ist eine Gesellschaft ohne Spitze und ohne Zentrum. Man kann eine funktional differenzierte Gesellschaft nicht auf Politik zentrieren, ohne sie zu zerstören [in den geschichteten Gesellschaftssystemen der alten Welt war genau dies die Funktion des Adels gewesen]. Die Differenzierung des Gesellschaftssystems hat Auswirkungen auf dessen Umwelt, auf naturale und motivationale Ressourcen, auf Dinge und Menschen, sodass die Umwelt zum zentralen Zukunftsfaktor zu werden beginnt.

Es gibt drei Typen sozialer Systeme: Interaktionen, Organisationen, Gesellschaften. Die Bedingungen des Aufbaus von Organisation sind zugleich Bedingungen der Differenzierung von Organisation und Gesellschaft. Der Grund dafür ist: dass Recht und Geld als Kommunikations- und Systembaumittel nur funktionieren, wenn sie auch in der Umwelt des Systems funktionieren. Ihr Gebrauch setzt also eine systemübergreifende Einheit, eben Gesellschaft voraus.

Die Gesellschaft ist das umfassendste Sozialsystem, das alle möglichen Niklas Luhmann - funktional differenzierte Gesellschaft Kommunikationen zwischen Menschen ordnet. Gesellschaft besteht nicht aus einzelnen Menschen und Handlungen, sie beseteht aus Kommunikationen zwischen Menschen. Aus dieser Sichtweise begreift Luhmann die gesellschaftliche Entwicklung als Steigerung und Ausdifferenzierung von Kommunikationsleistungen, damit auch in höherer Abhängigkeit von interner Kommunikation und in Zusammenhang damit, in einer stärkeren Ausdifferenzierung von Teilsystemen im politischen System, die bei hoher wechselseitiger Interdependenz einander doch als Umwelt sehen und behandeln und den Kommunikationsprozess auf diese Weise filtrieren und vereinfachen können. Als Resultat dieser Entwicklung ist eine Vielzahl von sozialen Systemen entstanden, die hohe Sensibilität für bestimmte Sachfragen mit Indifferenz für alles übrige verbinden. Geschehnisse die sich auf sich selbst beziehen (selbstreferentielle Operationen) bilden die Grenze, die Differenz zwischen System und Umwelt (zB gehören das Wirtschafts- und Erziehungssystem zur Umwelt des politischen Systems und umgekehrt). Die moderne Gesellschaft ist polyzentrisch und heterarchisch. Es gibt keine Rangordnung in den Beziehungen der Funktionssysteme. Der Zusammenhalt einer modernen Gesellschaft ist nur durch die Interdependenzen der Funktionssysteme gegeben.

Es erfolgte, neben der Binnendifferenzierung des „Staates“ entlang dem Gewaltenteilungsschema, die Demokratisierung des politischen Systems. Die politische Macht verliert ihren eindeutig-asymmetrischen Charakter „von oben nach unten“ und wird in die Form eines dynamischen Kreislaufs gebracht. Dies führte zur Ausdifferenzierung eines politisch relevanten Publikums, welches auf der Grundlage politischer Wahlen die Politik beeinflusst. Die Politk setzt Grenzen und Prioritäten für das Entscheiden der Verwaltung (unter Einschluss der Gesetzgebung). Mit Verwaltung im weitesten, und Gesetzgebung und Regierung im engeren Sinn, wird die Gesamtheit der Einrichtungen bezeichnet, die nach politischen Gesichtspunkten oder im politischen Auftrag bindende Entscheidungen herstellen. Die Verwaltung bindet durch Entscheidungen sich selbst und das Publikum, das auf Entscheidungen wiederum in der Form von politischen Wahlen reagieren kann. Mit der Ausdifferenzierung politischer Parteien hat sich ein Sonderbereich spezifisch-politischer Kommunikation verselbstständigt, der zwischen Staat und Publikum angesiedelt ist und deren Beziehungen vermittelt. Das politische System wird verstärkt auf die in ihm selbst erzeugten Umwelten hin orientiert, um Probleme von Niklas Luhmann - funktional differenzierte Gesellschaft gesamtgesellschaftlicher Relevanz, oder Probleme anderer Funktionssysteme überhaupt noch wahrzunehmen.

Durch Innovationen wird der Vorgang der funktionalen Differenzierung beschleunigt und verstärkt. Dadurch kommt es zur Expansion der Funktionssysteme und zu einem Anstieg der Komplexität, dadurch zu einer hohen Intransparenz und Unberechenbarkeit. Diese Eigenkomplexität bedeutet eine Unüberschaubarkeit über das eigene Funktionssystem (und überhaupt für fremde Funktionssysteme).

Funktionssysteme (vgl. Luhmann 1981; 1996)

Die wichtigsten Funktionssysteme sind Politik, Recht, Religion, Wissenschaft, Wirtschaft, Erziehung, Familienleben/Intimbeziehungen, Massenmedien, medizinische Betreuung.

Die funktionale Differenzierung bedeutet eine Verselbstständigung der Funktionssysteme und Ausrichtung an sich selbst. Soziale Systeme entstehen von selbst, sind autopoietisch 4 (produzieren und reproduzieren sich selbst), so lange Operationen eine nächste, gleichartige ermöglichen, dh sie müssen anschlussfähig sein. Aus der Notwendigkeit der Erhaltung der Fähigkeit in sich selbst immer neue Elemente zu reproduzieren, ergibt sich das Erfordernis der Selbstreferenz 5 als Bedingung für alle Operationen des Systems. Ein selbstrefentielles System kann daher Operationen nur im Selbstkontakt, das heißt unter Abstimmung mit anderen eigenen Operationen, durchführen. Jede Einzelentscheidung bezieht sich auf andere Entscheidungen desselben Systems und die Einzelentscheidung kann ihren eigenen Sinn nur in solchen internen Beziehungen erfahren, etwa als Beitrag zur Förderung oder Verhinderung anderer Entscheidungen, als Glied einer Kette. Ein solches System ermöglicht also die Elemente, aus denen es besteht, selbst. Es bezieht sie nicht aus seiner Umwelt, sondern konstituiert sie in sich selbst. Funktional differenzierte Funktionssysteme kennen keine territorialen Grenzen (mit Ausnahme der Politik), genauso wie dieses Gesellschaftsmodell sich über territoriale Grenzen hinwegsetzt (im Gegensatz zu segmentären Gesellschaften). Die Grenze eines Funktionssystems wir durch Komplexitätsgefälle zwischen Umwelt und System markiert.

[...]


1 Europa - Die politische Zerstückelung lässt Innovationen eher zu. Kapitalakkumulation einzelner Bürger war auf Grund hoher Mobilität möglich. Wirtschaftsfreundliche Politik um Kapitalabfluss nicht aufkommen zu lassen. Die Reformation war auf Grund des Buchdrucks möglich. Militärische Revolution; der Wettkampf der Staaten lässt sie vor allem im militärischem Bereich von Innovationen abhängig werden. 30jähriger Krieg (1618-1648) war ein Staatenbildungskrieg. Eine der Folgen waren klar definierte Staatsgrenzen als Zeichen des modernen Staats, während es vorher nur Grenzregionen gab. Der Adel wurde zur Aufgabe der egienen Streitmacht gezwungen und zum Teil als Ersatz in die königliche Armee oder andere Staatsapparate integriert, bspw. als Generäle oder ähnliches. Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft war unter anderem eine Folge der militärischen Entwicklung und Veränderungen.

2 Dass diese für die abendländische Entwicklung des Hierarchiegedankens typische Verknüpfung von (hierarchischer) Ordnung und Weisungsgewalt nicht die einzig mögliche ist, zeigt ein Vergleich mit dem indischen Kastensystem. Auch dort eine hierarchische Dekomposition der Gesellschaft, aber nicht auf der Basis von Befehl und Gehorsam, sondern auf der Basis von rein und unrein. Aus diesem Unterschied folgt für Indien die Möglichkeit trotz Hierarchisierung Teilsysteme weitgehend zu automatisieren und die zugelassenen Interdependenzen als Problem der Haushaltsführung abzuwickeln.

3 Systembegriff - Als System gilt ihr alles, was sich in Bezug auf eine sehr komplexe Umwelt konstant halten kann.

4 Autopoiesis ist die Fähigkeit eines Systems die Elemente aus denen es entsteht selbst herzustellen.

5 Als selbstrefentiell kann ein System bezeichnet werden, das die Elemente - im Funktionssystem Politik 'politische Entscheidungen' - aus denen es besteht, selbst produziert und reproduziert.

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Details

Titel
Funktionale Differenzierung der Gesellschaft
Untertitel
Skript über die Gesellschaftstheorie der funktionalen Differenzierung nach Niklas Luhmann
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V173264
ISBN (eBook)
9783640935406
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luhmann, funktionale Differenzierung, Gesellschaftstheorie, Funktionssysteme, Politik, Massenmedien, Wohlfahrtsstaat, Weltgesellschaft, Autopoiesis
Arbeit zitieren
Mag. phil. Marcus Wohlgemuth (Autor:in), 2011, Funktionale Differenzierung der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173264

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