Skizzen zum Anarcho-Konservativismus und Nihilismus

Das spenglersche Konzept von „Takt und Spannung“ als Ausgangspunkt einer pessimistischen Philosophie


Essay, 2011
32 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Was ich meine

Erster Teil: Die anarcho-konservative Weltsicht
I) Ausgangslage
II) Spengler
1) Die Ablehnung der Idee einer linearen und fortschreitenden Entwicklung von Geschichte
2) Takt und Spannung: „Sei Held oder Heiliger!“
III) Genesis
1) Die Vertreibung aus dem Paradies
2) Das Kainsmal

Zweiter Teil: Die praktischen Schlüsse aus der anarcho-konservativen Weltsicht
I) Politische Abstinenz
1) Die Irrtümer der emanzipatorischen Bewegungen
2) Die negative Direktive
II) Hefe
1) Der Prozess der Integration des Vierten Standes
2) Der „Fünfte Stand“ als letzte nicht-integrierbare Gesellschaftsgruppe
III) Am Ende

Was ich meine

Dieser Text ist Produkt meines ganz persönlichen Lernprozesses im letzten Jahr. Im Laufe dieser Zeit gelang es mir (bis auf Weiteres), meine inneren Anliegen, die schon lange durch meine Veranlagung und meine Biographie vorgezeichnet waren, in mein bewusstes Denken zu integrieren und ihm dadurch eine neue, mir besser entsprechende Richtung zu geben.

Ich hatte schon lange das Gefühl, aus meinem persönlichem Welterleben heraus, eine systemkritische Position einnehmen zu müssen. Hier bieten sich verschiedenste verbalradikale Konzepte an, die allesamt durch eine positive Utopie auf eine bessere zukünftige Welt verweisen.

Ich, für meinen Teil, wurde zu einem eigenwillig unsozialen Sozialisten, einer Art Linken. Die Entwicklung der eigenen revolutionären Weltsicht chronologisch danach gegliedert, was ich, im Laufe der Jahre, dafür hielt.

Hinter allen Ideologisierungen, sei es im politischen oder im sozialen Bereich, denen ich im Laufe der Zeit ausgesetzt war und auf den Leim ging, vermutete ich immer eine gähnende Leere. Es ist wohl eine allgemeine Schwäche des Menschen, aufkommende Zweifel an der einmal als Wegweiser für das eigene Leben akzeptierten Ideologie, zuallererst mit einer wachsenden Hinwendung zu den moralischen Werturteilen dieser Ideologie zu kompensieren. An Wahrheiten soll man glauben. Geistige Systeme liefern sie im Gesamtpaket.

Trotz allem vermute ich in den Menschen meines Schlages, hinter aller Ergebenheit für die Facetten der Ideologie (Moral, geschlossener Wertekanon, positive Utopie), pessimistische Skeptiker, wie ich einer geworden bin, die sich im Grunde ihres Herzens im Klaren darüber sind, dass sich die Welt nicht von guten Absichten dazu bewegen lässt, besser zu werden.

Von dieser Erkenntnis und ihren Früchten handelt der folgende Text.

Erster Teil: Die anarcho-konservative Weltsicht

I) Ausgangslage

Als enttäuschte Utopisten und frischgebackene Pessimisten suchen wir nach einer Erklärung für den Umstand, dass bisher alle Experimente zur Schaffung einer besseren Welt scheitern mussten.

Wer sich von den Allgemeinplätzen über die – angeblich angeborene – Schlechtigkeit der Menschen nicht beeindrucken lassen will, könnte auf den Gedanken kommen, dass die Utopien, welche uns über die Jahrhunderte angeboten wurden, auf dem Boden der Zustände gewachsen sind, die sie ändern wollten. Des Weiteren könnte man auf die Idee kommen, dass sich der momentane, als schlecht empfundene Zustand und die positive Utopie, die ihn ändern zu wollen vorgibt, innerlich in dem Maße ähnlich sind, dass ihre Umsetzung nichts Wesentliches an der gängigen Praxis ändern, oder schlimmer, dass sie eine vorgezeichnete Entwicklung beschleunigen würde.

Zum ersten Mal kam ich vor einem Jahr mit diesen Ideen in Berührung. Vor knapp hundert Jahren führte sie Oswald Spengler, ein deutscher Geschichtsphilosoph, in seinem Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ aus. Bei Spengler ist dieser Gedanke nur eine von vielen und steht im Schatten seiner Betrachtungen über eine angenommene Morphologie der Weltgeschichte.

Für mich, als jemanden, der nach einer Neubewertung von positiven Utopien strebte, wurde seine Idee eines unterschiedlichen Welterlebens, seine Idee eines Dualismus von „Takt und Spannung“, zum Ausgangspunkt einer meinem Wesen entsprechenden Weltsicht.

Dem Nein-sagen, dem anarchistisch-konservativen Nihilismus. Oder wie das heißt.

II) Spengler

1) Die Ablehnung der Idee einer linearen und fortschreitenden Entwicklung von Geschichte

In seinem Hauptwerk, es erschien in zwei Bänden 1918 bzw. 1922, beschäftigt sich Oswald Spengler ausgiebig mit der theoretischen Einordnung und Deutung von „Weltgeschichte“. Sein wesentlicher Beitrag ist die Problematisierung der gängigen Einteilung „Altertum-Mittelalter-Neuzeit“[1] und damit auch des linearen und progressiven Geschichtsverständnisses der Moderne.

Der landläufigen, auch heute noch weit verbreiteten Auffassung, von einer kontinuierlichen Entwicklung hin zu einem „Höher“ und „Besser“, wie sie vor allem das fortschrittsgläubige 19. Jahrhundert prägte, setzt er eine differenzierte Sicht auf die organische Entwicklung einzelner „Kulturen“ entgegen.[2] [3]

Diese, es sind insgesamt acht[4], beschreibt er als Lebewesen, verhaftet in der sie umgebende Landschaft. Man könnte also von Pflanzen sprechen.[5]

Die Entwicklung der einzelnen Kulturen folgt einem innerlich immer gleich bleibendem Muster von Wachsen und Vergehen. Spengler nennt diese zwei Phasen „Kultur“ und „Zivilisation“.

Die Phase der „Kultur“ ist geprägt von schöpferischen Impulsen und genuinen Entwicklungen[6] in allen Künsten[7], der Entwicklung hin vom städtelosen Land zur kulturschwangeren „Großstadt“[8] [9] und einer politischen Entwicklung vom staatenlosen „ewigen“ Bauern[10], über die sich aus dem Bauerntum entwickelnde Aristokratie, den Klerus als Stand der „Spannung“[11] (siehe nächstes Kapitel) und der Entstehung des „Nichtstandes“ der Städtebürger[12], zu den Anfängen des modernen Nationalstaates und der Wende zur „Zivilisation“[13] (im Abendland um das Jahr 1800)[14].

Die Phase der „Zivilisation“ wird bestimmt durch eine Rezeption und Nachahmung früherer künstlerischer Stile und den Import fremder Ornamente und Themen[15], der Herausbildung belehrender oder moralisierender Ausdrucksformen[16], der Entwicklung eines Kunsthandwerks, sowie der Entwicklung von der Großstadt mit Umland über die Welt-[17] und Hauptstadt[18], die den Rest des Landes veröden lässt, zur spätzivilisierten entvölkerten Steinwüste (z.B. Rom in Spätantike und Frühmittelalter für die griechisch-römische Zivilisation)[19].

Der kulturellen Verarmung steht eine, während der Kulturphase undenkbare, Verfeinerung der Kunst des Herrschens gegenüber.[20] [21] Politisch ist jede „Zivilisation“ anfangs geprägt vom Kampf für eine - vermeintliche - Ausdehnung des politischen Mitspracherechtes auf möglichst alle gesellschaftlichen Schichten. In ihrer frühen Phase entwickelt sich die „Demokratie“ als angestrebte „Herrschaft der Meisten“. Berufspolitiker prägen eine neue Kunst des Regierens. Im Abendland findet sie ihren Ausdruck in den Parlamenten. Auch entsteht dort eine Parteienlandschaft und eine „freie Presse“, Die öffentliche Meinung wird zum Motor politischer Veränderung. Ihre Bearbeitung erfolgt durch den Journalisten. In Folge dessen kommt es zu einem vermehrten Auftreten von populistischen Politikern und Demagogen. Die Einflussnahme auf die Bevölkerung geschieht immer direkter, bis hin zum offenen Stimmenkauf und zur Bestechung (z.B. während der antiken hochzivilisierten Phase im Rom der Bürgerkriege und der ersten Caesaren).[22]

Schließlich gelingt es Einzelnen, die volle Macht zu usurpieren und den gesamten Staat ihren Privatinteressen dienstbar zu machen. Damit steht auch die politische Entwicklung vor ihrer Vollendung und damit ihrem Ende.[23] Es folgt eine imperialistische Phase („die Welt als Beute“) und an deren Ende das Zeitalter des „Weltfriedens“, der Dominanz starker Einzelherrscher über die gesamte Zivilisation (z.B. in der spätzivilisierten Phase der chinesischen Kultur, der Kaiserzeit).[24] Dies alles wird dialektisch beschleunigt durch die Einmischung der „Spannungsmenschen“, Gelehrter und Philosophen, in die ihnen fremde, „taktbestimmte“ Welt der Politik (siehe nächstes Kapitel).

Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass Spengler der Auffassung anhängen würde, Geschichte wiederhole sich. Im Gegenteil:

Eine seiner Grundpostulate ist die Unvergleichbarkeit von Antike und abendländischer Kultur[25], was bereits in der Ablehnung der Idee von „Altertum-Mittelalter-Neuzeit“ zum Ausdruck kommt. Der Charakter dieser (pflanzenhaften) Kulturen[26] ist von der Form der sie umgebenden Landschaft[27] abhängig. Hier unterscheidet er zwischen drei Grundformen. Einerseits dem „magische“ Kulturtypus, er hat seine Stammlandschaft in der Einsamkeit der nahöstlichen Wüsten; magische Kulturen sind: die ägyptische, die babylonische, die „arabische“ (mit der charakteristischen Persönlichkeit Jesu an ihrem Beginn und ihrer spätzivilisierten Ausprägung im Osmanischen Reich und den modernen Aschkenasim)[28]. Dann der „apollinischen“, der diesseitigen und dinglichen Kulturen, allen voran die griechisch-römische Antike. Schließlich, als Sonderfall und Gegenpol zur Antike, der „faustischen“ Kultur, dem Abendland, mit seiner Tendenz zur Unendlichkeit im Denken und Fühlen.

Nicht umsonst umspannt die faustische Kultur heute, noch in der ersten Hälfte ihrer Zivilisationsphase, den gesamten Erdkreis.[29] Sie drückt mit ihren Ansichten und Werten[i], der Arbeit, dem Nationalstaat, der wirtschaftlichen Expansion, der Welt ihren Stempel auf. Ihre zivilisatorischen Höhepunkte werden Arbeitsethik bis zur Arbeitspflicht, Etatismus bis zum Totalitarismus[30] und ein „Weltfriede“, dem totale Kriege vorausgehen werden sein[31].

2) Takt und Spannung: „Sei Held oder Heiliger!“

Im Verständnis Spenglers gibt es innerhalb des Zeitalters des „höheren“[32], das heißt, des innerhalb einer Kultur lebenden, aus der Vorzeit in die Geschichte tretenden, Menschen zwei Formen menschlichen Erlebens und zwei verschiedene daraus folgende Weltsichten.

Einerseits ist dies die Sphäre des Taktes. Sie ist das Pflanzenhafte, im Kosmos aufgehobene, durch die Umstände geprägte.[33] Als „ewige“ Form menschlichen Welterlebens ist sie älter als die Kultur, an deren Beginn sie ihr ihren aus der die Menschen umgebenden Landschaft entstandenen Charakter vermittelt. Sie überdauert diese auch.[34]

Als das nicht Bewusste und gleichzeitig an den „Tatsachen“ orientierte (das bedeutet bei Spengler, das die Dinge so hinnehmende, wie sie scheinen), ist die Taktseite charakteristisch für den politischen Urstand Adel[35]. Seine Bräuche und Überzeugungen entwickeln sich am Anfang der Kulturphase aus den gefühlten Werten des „ewigen“ Bauern der jeweiligen Weltregion. In späteren Zeiten ist das Weltgefühl des Taktmenschen allen Machthabern der Kultur- und Zivilisationsphase eigen. Sie manifestiert sich im Abendland unserer Zeit in den Realpolitikern und Populisten und ihrem Gespür für das Machbare bzw. der Ideologie ihrer Zeit[36].

Auch die totalitären Caesaren der zivilisatorischen Spätzeit des Abendlandes werden Taktmenschen sein[37]. Andererseits steht am Beginn jeder Kultur die Herausbildung einer genuinen Form eines betont selbstbestimmten, von den „Tatsachen“ abgelösten und nach der Erkenntnis von „Wahrheiten“ strebenden Art des Welterlebens. Spengler nennt diese, nur in Kulturen existente Erscheinung, die Sphäre der Spannung.

Mit der Herausbildung des Urstandes der Geistlichkeit[38] beginnt sich das tierhafte[39], selbstbestimmte, spannungsgeladene Welterleben zuerst kraftvoll zu artikulieren. Alle Philosophen, Gelehrten, Wissenschaftler und weltanschaulichen Theoretiker der späteren Zeiten sind „Spannungsmenschen“[40]. Ihr prinzipielles Streben nach allgemein gültigen „Wahrheiten“ unterscheidet sie zu allen Zeiten von den politisch und „historisch“ empfindenden „Taktmenschen“. Ihnen ist die Macht- und Herrschaftspraxis innerlich fremd. Sie sind ungeeignet für ein Leben als „Politiker“.

[...]


[1] In gedrängter Form erscheint dieses Postulat vor allem in der Einleitung seines Hauptwerkes „Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“; mir vorliegend in der ungekürzten Sonderausgabe in einem Band, erschienen bei C.H. Beck in München 1981 (ab nun kurz „Untergang“ genannt) (genauer SS 29-43).

Spengler geht in seiner Geschichtsphilosophie von der Unanwendbarkeit unserer, der abendländischen, Wertmaßstäbe auf die Geschichte der Antike aus. Jeder weitere Schluss auf die Unterschiedlichkeit aller Kulturen/Zivilisationen, beruht auf der Problematik der Verschiedenartigkeit von Antike und Abendland und daher auf der Auflösung der Einteilung Antike-Mittelalter-Neuzeit.

[2] „Kulturen sind Organismen. Weltgeschichte ist ihre Gesamtbiographie.“ (Untergang; S 140)

[3] An alle Faktologen und historisierenden Naturwissenschaftler, sowie an alle Biologisten richtet sich folgende Definition. Weltgeschichte, Art, Dauer, Protagonisten: „ Eine unübersehbare Masse menschlicher Wesen, ein uferloser Strom, der aus dunkler Vergangenheit hervortritt, dort, wo unser Zeitgefühl seine ordnende Wirksamkeit verliert und die ruhelose Phantasie – oder Angst – in uns das Bild geologischer Erdperioden hingezaubert hat, um ein nie zu lösendes Rätsel dahinter zu verbergen; ein Strom, der sich in eine ebenso dunkle und zeitlose Zukunft verliert […]. Der einförmige Wellenschlag zahlloser Generationen bewegt die weite Fläche. Glitzernde Streifen breiten sich aus. Flüchtige Lichter ziehen und tanzen darüber hin, verwirren und trüben den klaren Spiegel, verwandeln sich, blitzen auf und verschwinden. Wir haben sie Geschlechter, Stämme, Völker, Rassen genannt. Sie fassen eine Reihe von Generationen in einem beschränkten Kreise der historischen Oberfläche zusammen. Wenn die gestaltende Kraft in ihnen erlischt – und diese Kraft ist eine sehr verschiedene und bestimmt von vornherein eine sehr verschiedene Dauer und Plastizität dieser Bildungen - , erlöschen auch die physiognomischen, sprachlichen, geistigen Merkmale, und die Erscheinung löst sich wieder in dem Chaos der Generationen auf. Arier, Mongolen, Germanen, Kelten, Parther, Franken, Karthager, Berber, Bantu sind Namen für höchst verschiedenartige Gebilde dieser Ordnung.

Über diese Fläche hin aber ziehen die großen Kulturen ihre majestätischen Wellenkreise. Sie tauchen plötzlich auf, verbreiten sich in prachtvollen Linien, glätten sich, verschwinden, und der Spiegel der Flut liegt wieder einsam und schlafend da.“ (Untergang; SS 142f)

[4] Chronologisch geordnet: die altägyptische, babylonische, indische, chinesische, griechisch-römische (Antike), arabische, mittelamerikanisch-indianische (mexikanische) und die westliche Kultur/Zivilisation.

[5] Vgl. Untergang; S 143

[6] „Am Anfang steht der verzagte, demütige, reine Ausdruck einer eben erwachenden Seele, die noch nach einem Verhältnis zur Welt sucht […]. Dann folgt der jauchzende Aufschwung in der hohen Gotik [(Abendland)], der konstantinischen Zeit [(arabische Kultur)] mit ihren Säulenbasiliken und Kuppelkirchen, und den reliefgeschmückten Tempeln der 5. Dynastie [(ägyptische Kultur)]. Man begreift das Sein […]. Aber der Rausch geht zu Ende. Aus der Seele selbst erhebt sich ein Widerspruch. Renaissance, dionysisch-musikalische Feindschaft gegen die apollinische Dorik [(Spengler ist ein Schüler Nietzsches, dieser führte in seinem Frühwerk 'Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik' die Idee einer solchen Dialektik für die griechische Kultur ein)] […] bedeuten einen Augenblick der Auflehnung und der versuchten oder erreichten Zerstörung des Erworbenen […]. Damit tritt das Mannesalter der Stilgeschichte in Erscheinung. Die Kultur wird zum Geist der großen Städte, die jetzt die Landschaft beherrschen; sie durchgeistigt auch den Stil. (Untergang; SS 266f)

[7] Zu der Einordnung einzelner Stile in einzelnen Kulturen vgl. Untergang; SS 245-281

[8] „Es ist eine ganz entschiedene und in ihrer vollen Bedeutung nie gewürdigte Tatsache, daß alle großen Kulturen Stadtkulturen sind. Der höhere Mensch des zweiten Zeitalters [,d.h. der Kulturphase, als Phase zwischen Nomadentum und Zivilisation,] ist ein städtebauendes Tier.[...] Weltgeschichte ist Geschichte des Stadtmenschen. Völker, Staaten, Politik und Religionen, alle Künste, alle Wissenschaften beruhen auf einem Urphänomen menschlichen Daseins: der Stadt.“ (Untergang; S 661)

[9] Zur Rolle der Stadt in der Kulturphase vgl. Untergang; SS 660-666

[10] „Der ursprüngliche Mensch ist ein schweifendes Tier[.] […] Eine tiefe Wandlung beginnt erst mit dem Ackerbau – denn dies ist etwas Künstliches, wie es Jägern und Hirten durchaus fern liegt: er gräbt und pflügt, will die Natur nicht plündern, sondern abändern. Pflanzen heißt etwas nicht nehmen, sondern erzeugen. Aber damit wird man selbst zur Pflanze, nämlich Bauer. Man wurzelt in den Boden, den man bestellt. Die Seele des Menschen entdeckt eine Seele in der Landschaft; eine neue Erdverbundenheit des Daseins, ein neues Fühlen meldet sich. Die feindliche Natur wird zur Freundin. Die Erde wird zur Mutter Erde. […] Und als vollkommener Ausdruck dieses Lebensgefühls entsteht überall die sinnbildliche Gestalt des Bauernhauses, das in der Anlage seiner Räume und in jedem Zuge seiner äußeren Form vom Blut der Bewohner redet. […]

Dies ist die Voraussetzung jeder Kultur, die selbst wieder planzenhaft aus ihrer Mutterlandschaft emporwächst und die seelische Verbundenheit des Menschen mit dem Boden noch einmal vertieft.“ (Untergang; S 660)

[11] „Jeder Adel ist ein lebendiges Symbol der Zeit, jede Priesterschaft eins des Raumes. Schicksal und Heilige Kausalität, […] Rasse und Sprache, Geschlechtsleben und Sinnesleben: das alles kommt darin zum höchstmöglichen Ausdruck. Der Adel lebt in einer Welt von Tatsachen, der Priester in einer Welt von Wahrheiten; jener ist Kenner, dieser Erkenner, jener Täter, dieser Denker.“ (Untergang; S 971)

Dieses Zitat verweist schon auf das mir so wichtige spenglersche Konzept von „Takt und Spannung“ als grundlegend entgegengesetzte Formen des Welterlebens, das im nächsten Kapitel ausführlich und von der Dimension der Urstände entkoppelt besprochen wird.

[12] „[Die griechische Kolonisation rund ums Mittelmeer] ist die zeugende Begeisterung der Menschen der Stadt, die seit dem 10. Jahrhundert in der Antike und „gleichzeitig“ in den anderen Kulturen immer neue Geschlechterfolgen in den Bann eines neuen Lebens zwingt, mit dem zum erstenmal inmitten der Menschheitsgeschichte die Idee der Freiheit erscheint. Sie ist nicht politischen und noch viel weniger abstrakten Ursprungs, sondern sie bringt die Tatsache zum Ausdruck, daß innerhalb der Stadtmauern das pflanzenhafte Verbundensein mit dem Lande ein Ende hat und die das ganze Landleben durchsetzenden Bindungen zerrissen sind. […]

Das Bürgertum entsteht erst aus dem grundsätzlichen Widerspruch zwischen Stadt und Land […]. Der Begriff des dritten Standes, des 'tiers', um das berühmte Wort der französischen Revolution zu gebrauchen, ist eine Einheit lediglich des Widerspruchs und inhaltlich also gar nicht zu bestimmen, ohne eigene Sitte und Symbolik […]; und der Gedanke, daß das Leben nicht einem praktischen Zweck, sondern vor allem mit seiner ganzen Haltung dem Ausdruck der Symbolik von Zeit und Raum zu dienen habe [, wie bei den beiden Urständen Adel und Priestertum,] und allein dadurch einen hohen Rang in Anspruch nehmen dürfe, reizte gerade die städtische Vernunft zu erbittertem Widerspruch. Diese Vernunft, zu deren Domäne die gesamte politische Literatur der Spätzeit gehört, nimmt eine neue Gruppierung der Stände von der Stadt aus vor, die zunächst Theorie ist, aber durch die Allmacht des Rationalismus endlich Praxis, sogar die blutige Praxis von Revolutionen wird.“ (Untergang; SS 998ff)

[13] „An diesem Punkte, wo die Kultur im Begriff ist, Zivilisation zu werden, greift der Nichtstand [Bürgertum] entscheidend in die Ereignisse ein und zwar zum ersten Male als selbstständige Macht. […]

Das Kennzeichen jeder bürgerlichen Revolution, als deren Ort ausschließlich die große Stadt erscheint, ist der Mangel an Verständnis für die alten Symbole, an deren Platz jetzt handgreifliche Interessen treten, und sei es auch nur der Wunsch begeisterter Denker und Weltverbesserer, ihre Begriffe verwirklicht zu sehen. Wert hat nur noch, was sich vor der Vernunft rechtfertigen lässt […].“ (Untergang; S 1056)

Diese Vorgänge werden dann später zum Katalysator der politischen Prozesse der Zivilisationsphase, die im Cäsarismus enden.

[14] Zu den Ständen und dem Nichtstand in der Kulturphase vgl. Untergang; SS 970-1004

[15] „Dann erscheinen die leuchtenden Herbsttage des Stils: […] Hellste Geistigkeit, heitre Urbanität und Wehmut eines Abschiednehmens [...] .

Dann erlischt der Stil. Auf ein bis zum äußersten Grade durchgeistigte, zerbrechliche, der Selbstvernichtung nahe Formensprache des Erechtheion und des Dresdner Zwingers folgt ein matter und Greisenhafter Klassizismus, in hellenistischen Großstädten ebenso wie im Byzanz von 900 [(für die arabische Kultur)] und im Empire des Nordens. Ein Hindämmern in leeren, ererbten, in archaistischer oder eklektischer Weise vorübergehend wieder belebten Formen ist das Ende. Halber Ernst und fragwürdige Echtheit beherrschen das Künstlertum. In diesem Falle befinden wir uns heute. Es ist ein langes Spiel mit toten Formen, an denen man sich die Illusion einer lebendigen Kultur erhalten möchte.“ (Untergang; SS 267f)

[16] „Nur in der Geistigkeit der großen Städte wird der Ausdruckstrieb vom Mitteilungstrieb überwältigt. Daraus entsteht jene Tendenzkunst, die belehren, bekehren und beweisen will“ (Untergang; S 246 Fußnote)

[17] „Diese steinerne Masse [, die Weltstadt,] ist die absolute Stadt. Ihr Bild, wie es sich mit seiner großartigen Schönheit in die Lichtwelt des menschlichen Auges zeichnet, enthält die ganze erhabene Todessymbolik des endgültig „Gewordenen“ [Dazu ist zu sagen, dass für Spengler die Zivilisation das „Gewordene“, also das sich bereits Vollendete, das Tote ist]. Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist im Verlauf einer tausendjährigen Stilgeschichte endlich zum entseelten Material dieser dämonischen Steinwüste geworden.“ (Untergang; S 673)

[18] „[In jeder späten Kultur erscheint] bald der Typus der Hauptstadt. Es ist, wie der bedeutungsvolle Name sagt, die Stadt, deren Geist mit seinen politischen und wirtschaftlichen Methoden, Zielen und Entscheidungen das Land beherrscht. Das Land mit seinen Bewohnern wird Mittel und Objekt dieses führenden Geistes. Es versteht nicht, um was es sich handelt. Es wird auch nicht gefragt. Die großen Parteien in allen Ländern aller späten Kulturen, die Revolutionen, der Cäsarismus, die Demokratie, das Parlament sind die Form, in welcher der hauptstädtische Geist dem Lande mitteilt, was es zu wollen und wofür es unter Umständen zu sterben hat. Das antike Forum, die abendländische Presse sind durchaus geistige Machtmittel der herrschenden Stadt. […] Theben ist Ägypten, Rom ist der orbis terrarum, Bagdad ist der Islam, Paris ist Frankreich.“ (Untergang; SS 667f)

[19] Zur Rolle der Haupt- und Weltstadt in der Zivilisationsphase vgl. Untergang; SS 666-687

[20] Zur antiken Zivilisationsphase: „Denn was hat es zu bedeuten – was man nur mit leeren Worten bestreiten kann -, daß die Römer Barbaren gewesen sind, Barbaren, die einem großen Aufschwung nicht vorangehen, sondern ihn beschließen? Seelenlos, unphilosophisch, ohne Kunst, rassehaft bis zum Brutalen, rücksichtslos auf reale Erfolge haltend, stehen sie zwischen der hellenischen Kultur und dem Nichts. […] Griechische Seele und römischer Intellekt – das ist es. So unterscheidet sich Kultur und Zivilisation. (Untergang; S 44)

[21] Vgl. hierzu Untergang; SS 43-54

[22] Vgl. hierzu vor allem Untergang; SS 1120-1144

[23] „ Cäsarismus nenne ich die Regierungsart, welche trotz aller staatsrechtlichen Formulierungen in ihrem inneren Wesen wieder gänzlich formlos ist. Es ist gleichgültig, ob Augustus in Rom, Hoang-ti in China, Amosis in Ägypten, Alp Arslan in Bagdad ihre Stellung mit altertümlichen Bezeichnungen umkleiden. Der Geist dieser alten Formen ist tot. Und deshalb sind alle Institutionen, sie mögen noch so peinlich aufrecht erhalten werden, von nun an ohne Sinn und Gewicht. Bedeutung hat nur die ganz persönliche Gewalt […]. Es ist die Heimkehr aus einer formvollendeten Welt ins Primitive, ins Kosmisch-Geschichtslose.“ (Untergang; S 1101)

[24] Zu den spenglerschen Gedanken von Cäsarismus, Imperialismus und Weltfrieden vgl. Untergang; SS 1101-1107

[25] „Es ist ein ehrwürdiges Vorurteil, das wir endlich überwinden sollten, daß die Antike uns innerlich nahesteht, weil wir vermeintlich ihre Schüler und Nachkommen, weil wir tatsächlich ihre Anbeter waren.“ (Untergang; S 37)

Die Termini „faustisch“ (für die abendländische Kultur/Zivilisation) und apollinisch (für die griechisch-römische Antike) beschreiben bei Spengler jeweils zwei völlig konträre Sichtweisen auf das Leben. Immer wieder führt er aus, „wie unermesslich fremd und fern uns […] [die Antike] innerlich ist, fremder vielleicht, als die mexikanischen Götter und die indische Architektur.“ (ebenda)

Das gesamte erste Buch ist ein ein thematisch sehr großes Feld abdeckender Vergleich zwischen den einzelnen Kulturen. Zur unterschiedlichen Weltsicht der Antike vergleiche: Zahlenverständnisse und Mathematiken: SS 84-123; Übersichtstafel auf S 124. Das unterschiedliche Welterleben, sichtbar gemacht an den unterschiedlichen Vorstellungen vom Raum, vom Kosmos („Raumproblem“, „Ursymbol“): SS 225-241. Die Kunst als Ausdruck von unterschiedlichem Welterleben (SS 288-380). Sowie die weiteren Kapitel des ersten Buches: „Seelenbild und Lebensgefühl“ und „Faustische und apollinische Naturerkenntnis“ zu Gegensatzbegriffen wie Typus-Persönlichkeit oder Haltung-Charakter für das Drama, oder Haltungs- und Willensmoral und Stoa-Sozialismus zu den unterschiedlichen Vorstellungen von Moral. (SS 381-553)

Was denn nun an Kulturleistungen und Ausdrucksformen apollinisch, was faustisch ist, findet sich am sprechenden formuliert auf SS 234f

[26] „Man spricht vom Habitus einer Pflanze und meint damit die ihr allein eignende Art der äußern Erscheinung, den Charakter, den Gang, die Dauer ihres Hervortretens in die Lichtwelt unsrer Augen, wodurch sich jede in jedem ihrer Teile und auf jeder Stufe ihres Daseins von den Exemplaren aller andern Gattungen unterscheidet.

Ich wende diesen für die Physiognomik wichtigen Begriff auf die großen Organismen der Geschichte an und spreche von dem Habitus indischer, ägyptischer, antiker Kultur, Geschichte oder Geistigkeit.“ (Untergang; S 146)

[27] So zum Beispiel beschrieben im Vergleich zwischen altägyptischer und chinesischer Kultur (Untergang; S262)

[28] Vgl. hierzu Untergang; SS 840-880; SS 241-245; SS 268-277

[29] „Die faustische Kultur war […] im stärkeren Maße auf Ausdehnung gerichtet, sei sie politischer, wirtschaftlicher oder geistiger Natur; sie überwand alle geographisch-stofflichen Schranken; sie suchte ohne jeden praktischen Zweck, nur um des Symbols willen, Nord- und Südpol zu erreichen; sie hat zuletzt die Erdoberfläche in ein einziges Kolonialgebiet und Wirtschaftssystem verwandelt. Was von Meister Eckart bis auf Kant alle Denker wollten, die Welt 'als Erscheinung' den Machtansprüchen des erkennenden Ich unterwerfen, das taten von Otto dem Großen bis auf Napoleon alle Führer. Das Grenzenlose war das eigentliche Ziel […] und der Imperialismus.“ (Untergang; S 432)

[30] Vgl. hierzu Spenglers Überlegungen zum „ethischen Sozialismus“ (und mit ihm die Wertschätzung der Arbeit) als „letzte Weltstimmung“ der faustischen Zivilisation (Untergnag; SS 462-467)

[31] Wo das hehre Ideal aller positiven Utopisten in der Geschichtstheorie Spenglers seinen Platz findet, zeigt folgendes Zitat, betreffend den Zustand der ganz späten Zivilisation mit einem voll ausgeprägten Cäsarismus: „Massen werden zertreten in den Kämpfen der Eroberer um Macht und Beute dieser Welt, aber die Überlebenden füllen mit primitiver Fruchtbarkeit die Lücken und dulden weiter. Und während man in den Höhen siegt und unterliegt im ewigen Wechsel, betet man in der Tiefe, betet mit der Frömmigkeit der zweiten Religiosität, die alle Zweifel für immer überwunden hat. Da, in den Seelen ist der Weltfrieden Wirklichkeit geworden, die Seligkeit greiser Mönche und Einsiedler, und da allein.“ (Untergang; S 1107)

[32] Vgl. hierzu das Kapitel „Zwei Zeitalter: Primitive und höhere Kulturen“ im Zweiten Buch des Untergangs (Untergang; SS 593-599)

[33] „Betrachte die Blumen am Abend, wenn in der sinkenden Sonne eine nach der anderen sich schließt […]. Der stumme Wald, die schweigenden Wiesen, jener Busch und diese Ranke regen sich nicht. Der Wind ist es, der mit ihnen spielt. […] Eine Pflanze ist nichts für sich. Sie bildet einen Teil der Landschaft, in der ein Zufall sie Wurzeln zu fassen zwang. […] Es steht der einzelnen nicht frei, für sich zu warten, zu wollen oder zu wählen.“ (Untergang; S 557)

[34] „Dieser Takt kosmischer Kreisläufe lebt und webt noch unter jeder Freiheit mikrokosmischer Bewegungen […] und löst zuweilen die Spannung aller wachen Einzelwesen in einen großen gefühlten Einklang auf.“ (Untergang; S 559)

[35] Zu Adel, Takt und Geschichte vgl. Untergang; SS 973f

[36] Eine erdrückende Mehrheit erspürt, muss nicht erdenken.

„[Die Anschauung des Taktes] ist durch und durch geschichtlich und erkennt alle Rangunterschiede und Vorrechte als tatsächlich und gegeben an. […] Jeder Mensch hat, sei er Beduine, Samurai oder Korse, Bauer, Arbeiter, Richter oder Räuber, seine eigenen, verpflichtenden Begriffe von Ehre, Treue, Tapferkeit, Rache […]. Jedes Leben hat Sitte; anders ist es gar nicht zu denken. Schon die Kinder haben sie, wenn sie spielen. Sie wissen sofort und von selbst, was sich schickt. Niemand hat diese Regeln gegeben, aber sie sind da. Sie entstehen ganz unbewußt aus dem 'Wir', das sich durch den einheitlichen Takt des Kreises gebildet hat.“ (Untergang; SS 981f)

[37] Vgl. Untergang; S 979; S 981; SS 983-986

[38] Vgl. Untergang; SS 374ff

[39] Hierzu ein Sinnbild für Spenglers Idee von schwachen, freien Individuen und großen, mächtigen Sklaven; eine der schönsten Stellen des Unterganges: „Ein Infusor, welches dem menschlichen Auge nicht mehr sichtbar im Wassertropfen ein Dasein führt, das eine Sekunde dauert und dessen Schauplatz ein winziger Winkel dieses Tropfens ist – es ist frei und unabhängig dem gesamten All gegenüber. Die Rieseneiche, an deren Blatt dieser Tropfen hängt, ist es nicht.“ (SS 557f)

[40] Vgl. Untergang; SS 986ff

[...]


[i] Nachtrag zum Ideologie- und Morlbegriff:

Ideologie ist das Schmieröl der alles und jeden versklavenden Maschinerie, die wir Gesellschaft nennen. (Vgl. Das Kapitel „Nichts glauben wollen“ in der „negativen Dirketive“)

Der Lauf der Welt wird durch die Ideologie gerechtfertigt.

Jede Moral, jeder Ethos ist eine ideologische Unterfütterung der herrschenden Zustände.

Auch die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, als späte organisatorische Spielart der faustischen Kultur/Zivilisation, ist keineswegs individualistisch oder freiheitlich, wie es ihr ideologisches Selbstbild unterstellt, sondern integrativ.

Der Akzent des faustischen Ethos liegt nicht so sehr auf der Freiheit des Individuums (natürlich nur des schaffenden Individuums), als auf der uneingeschränkt positiven Beurteilung der Arbeit.

Arbeit, auch ohne „Zweck“, nicht Freiheit, ist der letzte Grund westlicher Werte. „Faustisch“ ist dieser Ethos dahingehend, dass einerseits die Steigerung der Produktivität keine Obergrenze kennt (die industrielle Gesellschaft konnte nur innerhalb der westlichen Kultur/Zivilisation entstehen), andererseits jedoch eine Beschränkung der Tätigkeit der Menschen als unmoralisch gilt, die spätzivilisatorischen Massen also in Arbeit gehalten werden müssen, nicht aus Gründen der Notwendigkeit, sondern der Moral.

Ersteres führt zum Zwang des exponentiellen Wachstums, welches unsere (heute weltumspannende) Kultur/Zivilisation bis an ihr Ende prägen wird.

Zweiteres wird im Laufe der historischen, durch den Takt determinierten Entwicklung der kommenden Jahrzehnte zum Gipfel der individuellen Unfreiheit führen. Dem von Oswald Spengler so genannten „ethischen Sozialismus“.

Die Sorge um den Mitmenschen, ob er will oder nicht.

Die Apotheose der Arbeit für sich, auch der sinnlosen, sogar der schädlichen.

Die Verpflichtung zur Arbeit, die Verpflichtung zur Sorge um den Nächsten, die Verpflichtung der Sorge des Nächsten um einen selbst ausgeliefert zu sein. Das alles ist in den moralischen Vorstellungen unserer Zeit bereits angelegt.

Ein totalitäres System. Ein ethischer Sozialismus. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“

Es ist ein Irrtum, von der Möglichkeit eines moralischen Korrektivs zu gesellschaftlichen Missständen auszugehen. Moralische Empörung ist niemals systemfeindlich. Was taktvolles Programm einer Epoche ist, das ist auch moralische Richtschur.

Wenn Empörung ein Akt des Widerstandes, der Auflehnung ist, dann ist der Begriff „moralische Empörung“ ein historischer Widersinn.

Die Geschichte ist ein Strom, wer versucht, gegen ihn anzuschwimmen, wird mitgerissen. Die einzige Chance, ihm zu entgehen, ist aus dem Flussbett zu klettern.

In einer Welt, die durch die historische Determiniertheit um jede Hoffnung auf die Verwirklichung einer positiven Utopie gebracht ist, kann der bewusste, autonome, kritische Mensch, das Individuum, der „Spannungsmensch“ nichts „Weltbewegendes“ bewirken.

Wenn wir uns selbst entsprechen wollen, können wir uns nur persönliche Freiräume schaffen, mehr nicht. Dazu bedarf es aber erst der Abkehr von der ideologischen Überhöhung des Bestehenden: der Moral.

Was ist schon die moralische Konnotation von Begriffen.

Willkür:

Die einzige Form von Macht, die dem Spannungsmenschen gerecht wird, ist die über sich selbst. Macht über Andere ist keine Einbahnstraße. Jede politische Macht erfordert, sich selbst in die herrschenden Verhältnisse einzufügen, selbst zum Werkzeug des Stromes der Geschichte zu werden. In allen Entscheidungen frei zu sein, gelingt nur dem „politisch Abstinenten“. Willkür ist Macht über sich selbst.

Faulheit:

Die Vergöttlichung der Arbeit macht jeden „Arbeitsscheuen“ zum Häretiker. Doch die Form der Arbeit, so wie sie heute vorherrscht, ist dem Menschen nicht angemessen. Lohnarbeit bleibt den Wenigsten erspart, wir alle müssen von etwas leben. Doch der Unterschied besteht in der Ideologisierung. Lohnarbeit ist Notwendigkeit, nicht erstrebenswertes Ideal. Denn: Nicht wovon wir leben ist für uns als autonome Individuen bedeutend, sondern was wir machen. Ich weigere mich, diesen Unterschied weiter auszuführen.

Nihilismus:

„Gebrauchen wir das bedenkliche Wort Freiheit, so steht es uns nicht mehr frei, dieses oder jenes zu verwirklichen, sondern das Notwendige oder nichts.“ (Untergang: S 55)

Dieser Satz aus dem Vorwort des Untergangs ist die Quintessenz der Vorstellung von einer determinierten Geschichte. Der Takt ist total. Alles, was ich im positiven Sinne in der Welt des Taktes tue, überall, wo ich politisch oder gesellschaftlich, „historisch“ handle; ich fördere und beschleunige damit das vorherbestimmte Programm der Geschichte.

Doch ein Spannungsmensch will kein Sklave des Notwendigen sein. So kann er im Bereich des Politischen und Gesellschaftlichen nicht anders, als nichts zu tun. Doch damit nicht genug. Er muss, auf Grund des Takt-Charakters alles politischen oder historischen Handelns, damit beginnen auch „nichts“ zu wollen – das Nichts zu wollen.

Töten:

Alles um uns und in uns, was Takt ist, will uns in den Strom der Geschichte integrieren. Wenn der Spannungsmensch sich selbst gerecht werden will, muss er dagegen ankämpfen.

Sich selbst aus den mitreißenden Entpersonalisierungen des Taktes auszuschließen, darauf zu verzichten, sein Ich im Wir auslöschen zu wollen, „sich selbst aus dem Feuer zu nehmen und zu erkalten“, das ist immer auch eine Form der Askese.

Askese jedoch ist ein Akt des Tötens. Den Takt in sich immer wieder abzutöten, das ist die Voraussetzung für eine Spannungsexistenz, die sich selbst gerecht wird.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Skizzen zum Anarcho-Konservativismus und Nihilismus
Untertitel
Das spenglersche Konzept von „Takt und Spannung“ als Ausgangspunkt einer pessimistischen Philosophie
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V173413
ISBN (eBook)
9783640936083
ISBN (Buch)
9783640936021
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nichts glauben wollen. Nichts erzwingen wollen. Sich nicht beherrschen lassen wollen. Die negative Direktive.
Schlagworte
Oswald Spengler, Pessimismus, Takt und Spannung, Individualanarchismus
Arbeit zitieren
Christian Planteu (Autor), 2011, Skizzen zum Anarcho-Konservativismus und Nihilismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173413

Kommentare

Im eBook lesen
Titel: Skizzen zum Anarcho-Konservativismus und Nihilismus


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden