Finanzkrise und kein Ende

Chancen für eine Regulierung des amerikanischen Finanzmarktes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 1,3

Simon Fritz (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Finanzkrise in den USA
2.1 Die Entstehung
2.2 Der Blick in den Abgrund
2.3 Retter und Schuldige – Rełorm- und Stimulipolitiken

3. Finanzkrise und kein Ende?
3.1 Die Rückkehr des Staates
3.2 Die Krise als Chance verstehen
3.3 Das Policy-Window schließt sich
3.4 Systemproblem?

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: EINIGE KENNZAHLEN ZU DEN USA QUELLE: AB 2008: THE ECONOMIST; VOR 2008: OECD 7

ABBILDUNG 2: ARRA AUSGABEN QUELLE: COMMITTEE FOR RESPONSIBLE FEDERAL SPENDING

ABBILDUNG 3: KREDITKARTENSCHULDEN USA QUELLE: HTTP:ƒƒWWW.MYBUDGET360.COMƒ

1. EINLEITUNG

Die Finanzkrise, die mit dem Platzen der Dotcom-Blase bereits ihren Anfang nahm, hat sich zur größten Wirtschaftskrise, seit den 1930er Jahren entwi- ckelt. Sie hat uns auf brutale Art und Weiße verdeutlicht, wie macht- und hilflos Politik und Wirtschaft bis heute dem Marktversagen gegenüber ste- hen. In diesem Zusammenhang hat sie auch die Diskussion um Steuerungs- fähigkeiten staatlicher Politiken im Wirtschaftsbereich enorm angeheizt: Während einige die Rückkehr des Staates als Regulierungs- und Steuerungs- element beteuern, sehen andere den Staat nach wie vor als Spielball der Wirt- schaft an.1 Angesichts der rekordverdächtigen Verschuldung vieler OECD- Länder muss jedoch davon ausgegangen werden, dass die Nationalstaaten, und insbesondere die USA, langfristig ihre Handlungskompetenzen für Steu- erungs- und Regulierungspolitik einschränken.

Viele Wissenschaftler sehen in der Krise auch eine Chance: Die Chance zu einem Kurswechsel oder gar einem Neuanfang.2 In Anbetracht der Policy - Entwicklungen in den USA, zeigt sich aber ein komplexeres Bild: Betrachten wir die bisherigen „Reformen“ und Eingriffe3 in den amerikanischen Markt, so wird deutlich, dass die Entscheidungsträger in Krisen zwar schnell han- deln, dennoch langfristige Politiken meiden. Dieser Beitrag wird herausstel- len, dass die amerikanischen Entscheidungsträger im Weißen Haus und im Kongress aus verschiedensten Gründen in Krisen zu kurzfristigen und schnellen Lösungen neigen.

Zudem wird sich zeigen, dass die Politik tatsächlich meist nur in der Lage ist ein Problem zu erkennen und zu lösen. Folgend dem Multiple Stream Framework sind Individuen aufgrund ihrer kognitiven und biologischen Ein- schränkungen zu einem bestimmen Zeitpunkt nur in der Lage ein bestimmtes Problem wahrzunehmen und anzugehen.4 In diesem Kontext ist es zudem möglich, dass die Politik durch einen Overload von Problemen in ihrer Problemlösungskompetenz eingeschränkt wird. Zudem könnte eventuell eine Lösung auf nationaler Ebene zur Regulierung der Finanzwelt zu kurz greifen oder schlicht unerreichbar sein.

Der erste Teil der Arbeit wird sich einer präzisen Darstellung der Kern- punkte der Krise in den USA widmen. Am Schluss steht eine Analyse der bis- her implementierten Krisenpolitik in den USA. Der zweite Teil dieses Bei- trags setzt sich mit den bereits angedeuteten Thesen genauer auseinander, und prüft inwiefern diese auf das amerikanische System zutreffen.

2. DIE FINANZKRISE IN DEN USA

Bevor wir uns den Thesen dieser Arbeit zuwenden, wollen wir vorab einen Überblick über die Krise gewinnen. In diesem Kontext gilt es herauszuarbei- ten, welche Akteure Einfluss auf den Krisenverlauf hatten und diesen auch genutzt haben. Welchen Weg haben die Akteure eingeschlagen und aus wel- chen Motiven?

Vorab gilt es zu klären, welche Protagonisten auf den modernen Finanzmärkten überhaupt agieren oder Einfluss nehmen können: Nationale Notenbanken, Regierungen, Geschäftsbanken und Entwickler von neuen Finanzprodukten hatten alle einen Anteil an der Krise.5 Zuletzt wären noch die Anleger zu nennen, die zwar weder einen direkten Einfluss auf die Regulierung der Märkte, noch auf die Entscheidungen an den Märkten haben, allerdings als willige Kapitalgeber unabdingbar für die Finanzwelt sind.

2.1 Die Entstehung

Ausschlaggebend für die Finanzkrise in den USA war die Entscheidung der Federal Reserve Bank (Fed) die Zinsen seit Jahren niedrig zu halten. Ausge- hend von dem wirtschaftlichen Abschwung nach dem Platzen der „Dotcome“- Blase6 und nach den Anschlägen am 11. September auf das World Trade Cen- ter, begann die Fed die Zinsen zu senken und eine expansive Geldpolitik zu betreiben.7 Die Zeit des „billigen Geldes“ begann und brachte zwei verhee- rende Folgen mit sich: Erstens waren die Geschäftsbanken fortan in der Lage sich äußerst günstig Fremdkapital zu beschaffen und folglich ihre Kredit- vergabe auszuweiten. Zweitens waren Anleger automatisch dazu gezwungen risikoneutraler Geld anzulegen, das heißt, um ihre angestrebten Zinsen zu erreichen, mussten Anleger künftig ein höheres Risiko eingehen, als dies bis- her der Fall gewesen war.8

Mit dem Sinken der Zinsen (die phasenweise nicht einmal mehr die Infla- tion deckten) begann ein Boom im Immobilienmarkt: Die niedrigen Kredit- zinsen sorgten dafür, dass sowohl der kurzfristige Konsum, als auch der Kauf von Eigenheimen mit Kreditunterstützung bei Banken, anwuchs. So kam es, dass immer mehr Banken Kredite freizügiger an Kunden vergaben, die sie in einer anderen Situation nicht als Kreditwürdig eingestuft hätten (subprime mortgages). So stiegen die Immobilienpreise 2002 am Vorabend der Krise, um mehr als 10 Prozent.9 Hier zeigte sich nun der starke Einfluss der Pro- duktentwickler auf den zukünftigen Kurs der Banken, denn jede Geschäfts- bank unterliegt einem Zielkonflikt: Die Bank kann zum einen konservativen Kurs setzen, sich mit einem hohen Eigenkapital absichern, hierbei aber ihre Profite geringer halten. Oder zum anderen, das Eigenkapital möglichst klein halten, um durch mehr Spekulationen einen größeren Umsatz zu erwirtschaf- ten. Die Produktenwickler gaben nun vor mit der „Verbriefung“ und „Struk- turierung“ diesen Zielkonflikt gelöst zu haben. Durch die Verbriefung werden nicht handelbare Kredite in Wertpapier-Pakete geschnürt und dann an Versi- cherungen oder Investmentfonds verkauft. Hierdurch kann die Bank über den Verkauf ihrer vergebenen Kredite ihren Kapitalstock erhöhen und dadurch weitere Kredite vergeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einige Kennzahlen zu den USA Quelle: ab 2008: The Economist; vor 2008: OECD

Wie bereits erläutert wurden in diese Pakete allerdings Kredite verpackt mit hohem Ausfallrisiko, wie mache ich nun derartige Pakete attraktiv? Indem ich sie strukturiere. Hierzu wird eine Hierarchie in der Verlustübernahme geschaffen: Käufer der untersten Tranche („ Equity “ ) tragen alle Verluste bis der Tranche verbraucht ist. Daraufhin folgen die beiden anderen Tranchen („ Mezzazine “ & „ Senior “). Durch diese Methodik wurden Wertpapiere er- schaffen, die von den Rating-Agenturen als „sehr sicher“ klassifiziert wurden. Dabei wurden aber nicht nur die Spekulationsmöglichkeiten der Geschäfts- banken erweitert, sondern jeder Tranchenkäufer wurde automatisch auch zu einem Kreditgeber, fer jedoch legal außerhalb des Überwachungsschirmes der Bankenaufsichten agierte. Hinzu kam, dass der amerikanische Boom auch von dem steigenden Haushaltsdefizit durch die Regierung mitfinanziert wurde. Außerdem hatten die USA auch in dieser Phase eine negative Außen- handelsbilanz, die Wirtschaft konnte nicht aus eigener Kraft den Konsum ihrer Kunden decken, die Importe stiegen an (siehe Abbildung 1: Einige Kennzahlen zu den USA Quelle: ab 2008: The Economist; vor 2008: OECD). Und damit nahm das Unheil seinen Verlauf, nicht zuletzt auch weil die Staaten im Bereich der Verbriefung und Strukturierung nicht zeitnah handelten, und derartige Techniken nicht streng regulierten.10

2.2 DER BLICK IN DEN ABGRUND

Die Geschäftsbanken vergaben immer mehr Kredite, die zunehmend über die Eigenheime der Kunden abgesichert wurden, welche diese in den meisten Fällen nicht einmal komplett abbezahlt hatten.11

Ab Mitte 2004 begann die Fed hingegen die Zinsen zu erhöhen, da die New Economy Crisis und die Krise nach dem 11. September überstanden schien. Durch die schrittweise Erhöhung konnten nun aber einige Kredit- nehmer ihre Zinsen nicht mehr bedienen. Immer mehr Kreditnehmer muss- ten daher ihre Eigenheime verkaufen. Dadurch schossen die Immobilienprei- se in den Keller und für die nun risikobehafteten Subprime Mortgages fan- den sich keine Käufer mehr. Der Markt der verbrieften Wertpapiere brach zusammen, sie waren nun faktisch wertlos. Somit mussten nun Geschäfts- banken und die Equity -Tranche beginnen den Wertverlust der Papiere zu decken.12

Schließlich kam es zu einem Bank Run13: Alle Kunden begannen auf ein- mal ihre Einlagen abzuziehen, die Banken werden zahlungsunfähig, sie konn- ten mit ihrem verblieben Eigenkapital kurzfristig nicht mehr ihre Kredite de- cken, da sie ihre Kapital langfristig angelegt hatten. Weiterführend begannen nun Geschäftsbanken sich auch gegenseitig keine Kredite mehr zu gewähren, was dazu führte, dass die Geschäftsbanken auch an die Wirtschaft keine Kre- dite mehr vergeben konnten. So wurde aus der Finanzkrise eine Wirtschafts- krise. Wir müssen erkennen, dass unsere heutige Gesellschaft ohne liquide Geschäftsbanken undenkbar ist. Ohne eine Finanzierung bricht nicht nur die Wirtschaftswelt zusammen, sondern auch jede private Person nutzt Banken zur Sicherung seines Einkommens und Deckung seiner Ausgaben.14

Am 2. April 2007 forderte die Finanzkrise ihr erstes Opfer in den USA: Der US-Hypothekenfinanzierer New Century Financial geht mit einem aus- gewiesenen Verlust von 450 Millionen Dollar pleite.15 Ihm sollten noch weite- re Pleiten folgen: Bear Stearns, Goldman Sachs, Fannie Mae und Freddie Mac werden de facto verstaatlicht, AIG bekommt einen 85 Milliarden Dollar Kredit von der US-Notenbank, um nur einige zu nennen. Die Politik versuch- te nun zunehmend Herr der Lage zu werden und begann in den USA die wertlosen Kredite aufzukaufen. Mit dem Troubled Asset Relief Program (TARP) wurden wertlose Papiere mit 700 Milliarden US-Dollar aufgekauft.16 Durch die wenigen verfügbaren Kredite, die zumeist auch mit hohen Zinsen belastet waren, mussten die Unternehmen Investitionen zurückstellen oder waren gar nicht mehr liquide. So sank die Gesamtnachfrage und die Produk- tion und die Arbeitslosigkeit nahm zu (siehe:Abbildung 1: Einige Kennzahlen zu den USA Quelle: ab 2008: The Economist; vor 2008: OECD) Die Wirtschaftskrise war geboren.

[...]


1 Vgl. Renate Mayntz, „Die Handlungsfähigkeit des Nationalstaats bei der Regulierung der Finanzmärkte.“Leviathan, Nr. 38 (2010): 175-187; Wolfgang Streeck, „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren. Der Nationalstaat nach der Finanzkrise.“Leviathan, Nr. 38 (2010): 137-159 & Sabine Donner, Hauke Hartmannund Andrea Kuhn, „Introduction: The Centrality of Governance.“ in Managing the crisis: A comparative analysis of eco- nomic governance in 14 countries, hrsg. von Bertelsmann-Stiftung, 6-8 (Güters- loh: Verl. Bertelsmann Stiftung, 2010).

2 Vgl. Stormy Mildner, „Abschied vom Markt?“SWP-Aktuell, 78 der Gesamtfolge (2008): 1-8.

3 Als Beispiele können genannt werden: Troubled Asset Relief Program (TARP); dem Bail-out von Banken; Rettung der Automobilindustrie.

4 Vgl. NikoIaos Zahariadis, „The Multiple Stream Framework: Structure, Limitations, Prospects.“ in Theories of the Policy Process, hrsg. von Paul A. Sabatier (Chica- go: Westview Press, 2007), 68.

5 Vgl. Hanno Beck und Helmut Wienert, „Anatomie der Weltwirtschaftskrise: Ursachen und Schuldige.“Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20 (2009): 7-12. http://www.bpb.de/publikationen/BX7JDP,0,Anatomie_der_Weltwirtschaftskrise:_Ur sachen_und_Schuldige.html (letzter Zugriff: 22. Juni 2010), 7.

6 Vgl. Anatol Locker, „Als die Dotcom-Blase platzte.“. http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/18/0,3672,8049234,00.html (letzter Zu- griff: 29. Juni 2010).

7 Vgl. Andreas Falke, „USA Country Report.“ in Managing the crisis: A comparative analysis of economic governance in 14 countries, hrsg. von Bertelsmann-Stiftung, 1-20 (Gütersloh: Verl. Bertelsmann Stiftung, 2010), 2.

8 Vgl. Stormy Mildner, „Wirtschaft und Finanzen.“ in L ä nderbericht USA: Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, hrsg. von Peter Lösche. 5., aktualisierte und neu bearb. Aufl., 471-533, Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung 690 (Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 2008); Kapitel C, 528 ff.

9 Vgl. Andreas Falke, „USA Country Report.“ in Managing the crisis (s. Anm. 7), 4ff.

10 Vgl. Beck und Wienert, „Anatomie der Weltwirtschaftskrise: Ursachen und Schuldige“, 7-9.

11 Vgl. Stormy Mildner, „Wirtschaft und Finanzen.“ in L ä nderbericht USA (s. Anm. 8), 528-532.

12 Vgl. Beck und Wienert, „Anatomie der Weltwirtschaftskrise: Ursachen und Schuldige“, 10.

13 Siehe Huberto M. Ennis, „Economic Fundamentals and Bank Runs.“Federal Reserve Bank of Richmond Economic Quarterly 89, Nr. 2 (2003): 55-71, 56 ff.

14 Vgl. Andreas Busch, Banking regulation and globalization (Oxford: Oxford Univ. Press, 2009). http://www.gbv.de/dms/zbw/57245158X.pdf, 23.

15 Michael Kröger, „Kredite: New Century Financial beantragt Gläubigerschutz.“. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,475330,00.html (letzter Zu- griff: 29. Juni 2010).

16 Vgl. Jane G. Gravelle, Thomas L. Hungerfoldund Marc Labonte, „Economic Stimulus: Issues and Policies.“Congressional Research Service (2009): 1-25. http://assets.opencrs.com/rpts/R40104_20091209.pdf (letzter Zugriff: 29. Juni 2010).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Finanzkrise und kein Ende
Untertitel
Chancen für eine Regulierung des amerikanischen Finanzmarktes
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Wirtschaftspolitik und Staatsfinanzen: Staat und Markt im internationalen Vergleich - Politikfelder und aktuelle Krisenpolitik
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V173562
ISBN (eBook)
9783640937950
ISBN (Buch)
9783640937707
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finanzmarkt, USA, Obama, Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Regulierung, Handlungsspielraum
Arbeit zitieren
Simon Fritz (Autor), 2010, Finanzkrise und kein Ende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173562

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