Zakāt und Armut

Sensibilisierung der Jugendlichen gegenüber der Pflichtabgabe (Zakāt) am Beispiel der Armutsproblematik in der BRD


Hausarbeit, 2011
17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zakāt und ihre Zahlung an Nicht-Muslime

2. Der Anspruch in Deutschland - Zakāt als Alternative zur Armutsbekämpfung

3. Die Heranführung von Jugendlichen und Kindern an die Institution Zakāt als Zeichen der gesellschaftlichen Sensibilisierung an beispielhaften Unterrichtssequenzen

4. Fazit

1. Einleitung

Die gesellschaftliche Identität seit der Nachkriegszeit, durch die sich die Bundesrepublik Deutschland im Verständnis der Bevölkerung definiert hat, zeichnet sich bis heute durch die Begriffe „Sozialstaat“ und „Wohlfahrtsstaat“ aus.1 Daher lässt sich das gesamtgesellschaftliche Bild in den Köpfen der Menschen kaum verändern. Jedoch gehört auch ein anderer Aspekt mittlerweile zur Wirklichkeit Deutschlands: Die Armut.2

Sie ist schon seit langer Zeit eine Tatsache der hiesigen Gesellschaft geworden, die von der Bevölkerung nur schwer wahrgenommen wird. Armut in der BRD stößt immer wieder an die Fronten der staatlichen Sozial- und Dienstleistungen. Die Hartz IV-Reform, das Arbeitslosengeld 1, Sozialleistungen, die in allen Etappen des Alltags Unterstützung zugestehen sollen, sind als Phänomene dieses Umstands zu nennen.

Dies ist nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht die staatliche Verpflichtung zu diesen Sozialleistungen und dazu, denen, die derartige Leistungen benötigen, gerecht zu werden.

An dieser Stelle setzen die Wohlfahrtsgesellschaften ein, die bis heute eine wichtige Rolle in der Verwirklichung dieser Leistungen eingenommen haben. Hauptsächlich werden diese von kirchlichen Gemeinschaften und Trägern ausgestattet und werden auch durch diese finanziert. Wie sieht aber der Islam, der mittlerweile ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden ist, diese Angelegenheit? Kann er einen Beitrag zu den Leistungen des Sozialstaats leisten? Vielleicht sogar auf diese Weise gegen die herrschende Armut mitwirken? Kann er zu einem Instrument werden, das der Gesellschaft zu mehr Solidarität und gegenseitigem Beistand verhilft?

Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit erarbeitet und im Rahmen des Islamischen Religionsunterrichts zum Unterrichtsinstrument werden, um Schülerinnen und Schüler an die Armutsproblematik in Deutschland heranzuführen. Ziel dieser Unterrichtsthematik soll es sein, die Institution „Zakāt“, also die islamischen Sozialsteuer, als Instrument zur Armutsbekämpfung in Deutschland wahrzunehmen und Wege zur Einsetzung desselben mit den Schülern zu erarbeiten. Zakāt und Armutsbekämpfung haben ein gemeinsames Interesse: Die Armen. Die Armen sollen mit Hilfe der Definitionen der Armut erfasst und der Armut schließlich entgegengewirkt werden.

1.1 Zakāt und ihre Zahlung an Nicht-Muslime

Zwischen Menschen entsteht durch gegenseitige Hilfe eine Bindung. Die wechselseitige Hilfe wirkt sich erheblich auf die menschliche Psyche aus. Die Seelsorge und viele weitere Hilfsorgane der Religionen haben diese Wirkung erkannt und u.a. mit dem Ziel, ein Gemeinschaftsgefühl in den Gemeinden zu schaffen, ausgebaut. Die Zahlung der Zakāt, also die jährliche Abgabe einer bestimmten Menge des Vermögens an Bedürftige, ist allen Muslimen durch den Koran verordnet und gehört zu den fünf grundlegenden Pflichten eines jeden Muslimen.3 Durch die Zakāt entsteht ein Gefühl des Zusammenhalts. In diesen Zusammenhalt könnten auch Menschen mit einbezogen werden, die materiell schlechter dastehen als andere Mitglieder der Gesellschaft. Dazu ist es jedoch notwendig, dass Zakāt nicht nur als eine gottesdienstliche Pflicht angesehen wird, sondern primär als ein Mittel zur Armutsbekämpfung.

Der Anlass für die Errichtung des Zakāt-Institutes besteht in der Vermögensumverteilung. Reiche sollen Arme materiell unterstützen. Erst die Einhaltung dieser Vorgabe macht die Zakāt zu einem Gottesdienst. Demzufolge ist die Armutsbekämpfung das Hauptanliegen der Zakāt. Wenn die Menschen, welche sich zur Abgabe der Zakāt verpflichtet fühlen, sich dementsprechend verhalten und in erster Linie Menschen in ihrer Umgebung materiell unterstützen, dann kann ein wichtiger Schritt für die Armutsbekämpfung unternommen werden.

Dass das gute Zusammenleben zwischen christlichen und muslimischen Menschen in Deutschland durch gegenseitige Hilfe erheblich gestärkt werden kann, steht außer Diskussion. Doch wie könnte man eine solche Hilfsbewegung schaffen, die explizit die Armut zu bekämpfen bestrebt ist? Diese Bewegung muss den Menschen das Gefühl geben, dem „Anderen“ geholfen zu haben, so dass sie sich in diese Menschen hineinversetzen können, unabhängig welcher Religion sie angehören. Dadurch entsteht Mitgefühl, welches für ein gesundes Zusammenleben lebenswichtig ist.

Wenn in der Gegenwart Muslime gefragt werden, wem sie Hilfe leisten bzw. leisten müssten, dann wird deutlich, dass die Hilfen hauptsächlich innerreligiöser Natur sind. Dies muss sich ändern, wenn Muslime ein Teil der europäischen Gesellschaft werden sollen. Mein Apell ist es nicht, dass Muslime lediglich Christen Hilfe leisten sollten; dies ist nicht vertretbar. Nein, mein Apell ist die Möglichkeit, zu zeigen, dass die Hilfen an Nicht-Muslime gleichwertig sind; in unserer sozialen Wirklichkeit vielleicht sogar eine höhere Wertigkeit besitzen, denn der Islam empfiehlt, Hilfen zuerst in der eigenen Umgebung zu leisten. Die nächste Umgebung der deutschen Muslime ist jedoch nicht der Sudan oder Bosnien, sondern Deutschland. Dazu muss klar gemacht werden, dass Armut relativ ist und auch in Deutschland Armut herrscht.

Eine solche Sichtweise würde neben der Armutsbekämpfung in Deutschland darüber hinaus auch den Dialog und das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen erleichtern und fördern. Die christlichen Hilfsorganisationen rund um die Welt machen es vor: Die christlichen Hilfen an Muslime erinnert an den Ausspruch des Propheten Mohammed, der besagt, dass man allen Menschen unabhängig ihrer Religionen Hilfe leisten soll.4 Muslime müssen mit Zakāt-Zahlungen ihrer Umgebung unabhängig von der religiösen Angehörigkeit Hilfe leisten und versuchen die Armut in ihrer Umgebung zu beseitigen.

Die islamische Zakāt ist ein finanzielles Hilfsmittel, welches an Bedürftige gerichtet ist. Jedoch wird die Zakāt hauptsächlich von Muslimen an Muslime gezahlt. Die traditionelle islamische Rechtslehre ließ zwar eine Möglichkeit der Zakāt -Zahlung an Nicht-Muslime zu, nämlich an die „Müellefe-i Kulub“ (zum Islam angeworbene Nicht-Muslime), aber diese Zahlungen und Hilfen haben die Intention, Nichtmuslime mit finanziellen Mitteln für den Islam zu gewinnen. Jedoch wird eine solche Intention der Muslime in der Dialogarbeit nicht dialogfördernd sein. Die Zakāt, welche nur an Muslime gezahlt werden darf, bedeutet, wie Reissner auch deutlich erkannt hat, lediglich eine weitere Hervorhebung des Unterschieds von Muslimen und Nicht-Muslimen5. Des Weiteren hat der Kalif Ömer diese Zahlung an die „Müellefe-i Kulub“ mit der Begründung, dass die islamische Umma (hier: Islamische Vor-Gesellschaft) finanziell und politisch von den Nicht-Muslimen unabhängig geworden ist, mit der Zustimmung der Ulema (muslimische Gelehrte) eingestellt. Seitdem wird mehrheitlich die Meinung vertreten, dass diese Zahlung unzulässig ist und sie wurde mit mehrheitlicher Zustimmung aufgehoben. Die mehrheitliche Zustimmung (Icma) gilt als eine Rechtsquelle und ist daher bindend.

Nun steht im Koran geschrieben:

„ Wahrlich, die Almosen sind nur für die Armen (Fakir) und Bedürftigen (Miskin) und für die mit der Verwaltung (der Almosen) Beauftragten und für die, deren Herzen gewonnen werden sollen (Müellefe-i Kulub), für die (Befreiung von) Sklaven und für die Schuldner, für die Sachen Allahs und für die Reisenden; (dies ist) eine Vorschrift von Allah. “6

Der Kalif Ömer, der die Zahlung an „Müellefe-i Kulub“ eingestellt hat, legt den oben genannten Vers bezüglich der Zakāt -Zahlung überraschenderweise sehr offen aus. In dem oben zitierten Vers wird zwischen Armen (Fakir) und Bedürftigen (Miskin) unterschieden. Traditionell vertritt man die Meinung, dass arme Menschen jene sind, welche zwar Vermögen haben, aber dennoch auf Hilfe angewiesen sind. Bedürftige sind jene, welche keinerlei Vermögen besitzen bzw.

obdachlos sind. Nach dieser Argumentation ist es nicht möglich, die Zakāt an Christen zu zahlen. Die Zahlung ist lediglich unter der Prämisse erlaubt, dass die Zahlung die Bedürftigen an den Islam bindet. Nun bringt der Kalif Ömer eine Wende in diesen Gedankengang: Er vertritt die Meinung, dass mit „Armen“ Muslime und mit „Bedürftigen“ die Armen der Buchreligionen (u.a. Christen und Juden) gemeint sind. Somit eröffnet er den Weg der Zahlung der Zakāt an NichtMuslime, auch ohne die Intention zu verfolgen, deren Herzen zum Islam zu gewinnen. Dieser Gedankengang des Kalifen Ömer, dessen Aussagen auch als Rechtsquelle im Islam dienen, ist von zentraler Bedeutung.

Leider ist diese Auslegung bisher nicht verbreitet. Diese Arbeit soll sie darlegen.

Wie in dem oben zitierten Koranvers deutlich wird, besteht im Koran keine Voraussetzung dafür, dass der Hilfsbedürftige Muslim sein muss. Doch wie ist das traditionelle Rechtsverständnis entstanden, das besagt, dass lediglich an Muslime die Zakāt /Almosen gezahlt werden müssten? Zuerst muss klargestellt werden, dass die islamische Rechtslehre seit ca. 1000 Jahren eine Nachahmung des Alten ist. Die Früh-Islamischen Rechtsgelehrten, welche keinerlei Heiligkeit besitzen, haben einen enormen Einfluss auf die folgenden Rechtsgelehrten ausgeübt. Auch in unserem Fall wurden einige Gelehrtenmeinungen als Kanon angesehen und spätere soziale Veränderungen und Wirklichkeiten außer Acht gelassen. So bildete sich das weitverbreitete Rechtsverständnis.

Als Hinweis möge das klassische Werk von Merginani (h. 511-593) dienen. Sein Buch El-Hidaye ist eins der meistgelesenen Rechtswerke in der Islamischen Welt und beeinflusste viele weitere Werke.

In diesem Werk wird ein Prophetenausspruch (Hadith) zitiert, aus dem hervorgeht, dass man Almosensteuer nicht an Nicht-Muslime errichten darf, da sie lediglich bedürftigen Muslimen zusteht. In dem Hadith hieße es, dass man die Zakāt den nicht-bedürftigen Muslimen abnehmen und den bedürftigen Muslimen gewähren möge.7

[...]


1 Oschek, Erik, Ist der deutsche Sozialstaat gerecht? - Eine sozialphilosophische Betrachtung für die soziale Arbeit, Verlag Frank&Timme, Berlin, 2007, S. 16.

2 http://www.bpb.de/publikationen/BP3IF1,2,0,Vorurteile_gegen_sozial_Schwache_und_Behinderte.html Internetseiten werden ff. ohne Datumsangabe angegeben. Alle Internetseiten waren am 10.06.2011 online erreichbar.

3 Ende/Steinbach, Der Islam in der Gegenwart, Artikel: Die innerislamische Diskussion zur modernen Wirtschafts- und Sozialordnung von Johannes Reissner, Verlag C.H. Beck, München, 1984, S. 164.

4 MERGINANI, El-Hidaye Tercemesi, Kahraman YAY., Istanbul, 1992, cilt 1, S. 241.

5 Ende/Steinbach, Der Islam in der Gegenwart, Artikel: Die innerislamische Diskussion zur modernen Wirtschafts- und Sozialordnung von Johannes Reissner, Verlag C.H. Beck, München, 1984, S. 165.

6 Der Koran: Sura Al-Tauba (Die Reue), Vers 60.

7 MERGINANI, El-Hidaye Tercemesi, Kahraman YAY, Istanbul, 1992, cilt 1, S. 241 und BILMEN, Ömer Nasuhi, Feinheiten islamischen Glaubens/Islamischer Katechismus, Astec Verlag, S. 312.

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Details

Titel
Zakāt und Armut
Untertitel
Sensibilisierung der Jugendlichen gegenüber der Pflichtabgabe (Zakāt) am Beispiel der Armutsproblematik in der BRD
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V173652
ISBN (eBook)
9783640938964
ISBN (Buch)
9783640938865
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Islamische Studien
Schlagworte
zakāt, armut, sensibilisierung, jugendlichen, pflichtabgabe, armutsproblematik
Arbeit zitieren
Serkan Ince (Autor), 2011, Zakāt und Armut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173652

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