Emil Noldes „Das Leben Christi“

Analyse und Rezeption eines umstrittenen Werks


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

28 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Noldes Einstellung zur Religion

3. Die religiösen Bilder

4. „Das Leben Christi“
4.1 Die Entstehung des Werks auf Alsen und in Berlin
4.2 Bildanalyse

5. Die Rezeption der biblischen Werke
5.1 Das neunteilige Werk in den 1910er und 1920er Jahren
5.2 Die Rezeption von Noldes Bildern im Nationalsozialismus
5.2.1 Der Bibelzyklus in der Ausstellung „Entartete Kunst“

6. Das Werk in der Nolde Stiftung Seebüll

7. Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bildanhang

1. Einleitung

Die Gemälde des Künstlers Emil Nolde sind durch eine ausdrucksstarke Farbgebung und seinen expressiven Stil charakterisiert. Insbesondere seine Blumenstillleben und Gartenimpressionen verhalfen dem Maler durch den Einsatz kräftiger Farben zu großer Beliebtheit. In der zweiten Lebenshälfte malte Nolde immer wieder Bilder mit biblischen Sujets, bei denen der Farbeinsatz jedoch nicht weniger zurückhaltend ausfiel und in diesem Kontext zunächst befremdlich wirken kann. Aus dem religiösen Oeuvre Noldes ist das monumentale Polyptychon Das Leben Christi (Abb. 1) vielleicht eines der meist beeindruckenden, zweifelsohne aber auch eines der umstrittensten Werke Noldes. Diese vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit jenem neunteiligen Werk, dessen einzelne Gemälde 1911/1912 auf der Insel Alsen als auch in Berlin entstanden sind. Neben der Untersuchung des Bibelzyklus’ liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf dessen Rezeption. Es soll die Resonanz aufgezeigt werden, die das Werk in den 1910er und 1920er Jahren erfahren hat. Ergänzend dazu wird die folgenschwere Diffamierung expressiver Kunst im Nationalsozialismus im Kontext zu Noldes Werk betrachtet. Die ambivalente Rolle, die der Maler in dieser Zeit einnahm, wird ebenfalls Bestandteil der Untersuchung sein.

Zu Beginn der Arbeit wird auf die religiöse Einstellung des Malers Emil Nolde eingegangen, die für das Verständnis der Schaffensentwicklung seiner biblischen Kunstwerke, die im zweiten Abschnitt skizziert wird, unabdinglich ist.

Das Leben und Werk des Künstlers Emil Nolde und auch speziell seine religiösen Bilder sind in der kunsthistorischen Literatur umfangreich behandelt worden. Insbesondere dank der Nolde Stiftung Seebüll wurden zahlreiche Forschungsarbeiten ermöglicht. Das Leben Christi und auch die Rezeption des Gemäldes ist mehrfach thematisiert worden. Zu erwähnen ist der Ausstellungskatalog der Hamburger Kunsthalle „Emil Nolde. Legende, Vision, Ekstase. Die religiösen Bilder“[1], der im Jahr 2000 anlässlich der gleichnamigen Ausstellung herausgegeben wurde.

Quellengrundlage dieser Arbeit bieten vor allem die Äußerungen und Beschreibungen des Künstlers selbst. Die Existenz eines umfassenden Nachlasses Emil Noldes, dem autobiographischen Werk des Malers[2] und etlichen Briefe an seine Frau Ada sowie an Sammler und Freunde, ermöglicht eine profunde und eingehende Forschungsarbeit.

2. Noldes Einstellung zur Religion

Die religiösen Werke Emil Noldes wurden nicht als Auftragsarbeiten für sakrale Umgebungen gemalt, sondern entstanden frei aus dem Schaffen des Künstlers.

Die christliche evangelische Religion und die biblischen Geschichten prägten vor allem das Leben des jungen Emil Hansen[3]. Die frühe intensive Religiosität und deren Einflussnahme auf den Maler bringt Nolde in seiner Autobiographie wiederholt zum Ausdruck. Die religiöse Erziehung innerhalb des Elternhauses schien zwar nicht über dem „herkömmlichen Maß“ ausgerichtet gewesen zu sein, doch war Emil Nolde durch die obligatorischen sonntäglichen Kirchengänge, regelmäßige Bibelstunden und den Konfirmandenunterricht während seiner Kindheit stets von der Religion begleitet gewesen.[4] Zunehmend beschäftigte sich der Maler zu Beginn der Pubertät mit den Überlieferungen biblischer Inhalte. In seiner Biographie erinnerte sich Nolde: „Ich wurde befangen, verschlossen, religiös und scheu“, und weiter schreibt er: „Oft saß ich oben im Heufach, denkend, träumend. Religiöse Probleme beschäftigten mich. Zuweilen bis zur Ekstase.“[5]

3. Die religiösen Bilder

Um die Jahrhundertwende setzte Emil Nolde sich erstmals auch in der Funktion des bildenden Künstlers mit biblischen Themen auseinander. Im Jahr 1900 entstand eine Serie kleinformatiger Skizzen mit alt- und neutestamentarischen Inhalten.[6] Eventuell wurde er auf seiner mehrere Monate andauernden Reise nach Paris im Jahr 1899/1900 inspiriert. Neben der Besichtigung der Weltausstellung und der dort ausgerichteten Kunstschauen hielt er sich im Louvre auf und betrachtete hier vor allem die sakralen Gemälde. Nolde berichtet von den Werken Botticellis, Tizians, Rubens und Goyas und ging „besonders gern zu Rembrandts Emmausbild“.[7]

Beeinflusst von diesem 1648 entstandenen Bild Jünger zu Emmaus, entwickelte Nolde einige Jahre später, im Jahr 1904, das Altarbild Christus zu Emmaus für die Kirche in Ølstrup in Westjütland, das er im Auftrag des Probstes Vilstrup, dem Onkel seiner Frau Ada malte.[8] Dieses Bild sollte Noldes einziges Werk bleiben, das er zum einen im Auftrag herstellte und das zum anderen dauerhaft an einem sakralen Ort untergebracht wurde.[9]

Die ausführlichere Auseinandersetzung Emil Noldes mit religiösen Bildthemen begann im Jahr 1909. Geschwächt durch eine Vergiftung, hervorgerufen durch verunreinigtes Trinkwasser, musste Nolde zeitweise um sein Leben bangen.[10] Vermutlich aufgrund des plötzlich aufkommenden Bewusstseins zum eigenen Leben und der Angst vor dem Tod, resultierte das auflebende „unwiderstehliche Verlangen nach Darstellung von tiefer Geistlichkeit, Religion und Innigkeit“.[11]

Die religiösen Arbeiten Emil Noldes basieren vor allem auf den frühen Empfindungen des Malers. Sie seien „intensive Jugenderinnerungen“, denen er „als Erwachsener Form“ gab.[12] Nolde reflektierte diese Vorstellungen, die er sich so oft als Kind und Jugendlicher von den biblischen Geschichten gemacht hatte. Er konzentrierte sich auf diese imaginären Bilder und begann sie zu realisieren, indem er sie auf die Leinwand brachte. Das Entstehen der biblischen Werke beschreibt der Maler wie im Wahn: „Ich malte und malte, kaum wissend, ob es Tag oder Nacht sei, ob ich Mensch oder Maler nur war.“[13]

Nolde wählte für seine religiösen Bilder Begebenheiten aus dem Alten und Neuen Testament sowie aus der Kirchengeschichte. Insbesondere scheinen ihn die Geschehnisse aus dem Leben Christi interessiert zu haben.

Eine genaue Übersicht zu den religiösen Werken hat der Maler selbst angelegt. 1930 entstand eine chronologische Abfolge seiner „biblischen und Legendenbilder “. Die Liste wurde nach und nach aktualisiert, sodass sie letztlich 55 religiöse Gemälde - keine Aquarelle oder Graphiken - registrierte.[14] Neben ihren Namen vermerkte er zusätzlich die Aufenthaltsorte der Bilder. Die mehrteiligen Werke wie die Triptychen Maria Aegyptiaca und Martyrium sowie das Leben Christi wurden zusammenhängend als ein Gesamtwerk gewertet. Die Gemälde Abendmahl, Verspottung und Pfingsten bilden mit dem gemeinsamen Entstehungsjahr von 1909 den Beginn der religiösen Werke Noldes. Mit dem Gemälde Jesus und die Schriftgelehrten aus dem Jahr 1951 endet die Liste. Dass er eigens und ausschließlich für die biblischen und Legendenbilder eine Liste anfertigte, zeigt, welche besondere Bedeutung Emil Nolde diesen Werken einräumte.

Emil Nolde war nicht der einzige expressionistische Maler, der sich mit religiösen Themen auseinander gesetzt hat.[15] Die Künstler dieser Epoche strebten einen unverfälschten Ausdruck des Gefühls und der inneren Zuwendung zum Menschen an. Das damit auch eine Zuwendung zur Religiosität einherging, die oftmals eng mit dem seelischen Empfinden zusammenhängt, liegt bei dieser Definition auf der Hand. Die Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Arbeiten standen dabei im krassen Kontrast zu den traditionellen religiösen Darstellungen, die aus der Malerei der früheren Neuzeit bekannt waren. Die Form- und Farbgebung expressionistischer Werke, die ohnehin Skepsis hervorgerufen haben, war insbesondere dann umstritten, wenn es gewagt wurde, sie auf religiöse Themen anzuwenden.

4. „Das Leben Christi“

Als Hauptwerk der religiösen Gemälde Noldes kann der Bilderzyklus Das Leben Christi betrachtet werden.

Im ersten Teil seiner Biographie, Das eigene Leben, widmet Nolde diesem neunteiligen Werk einen eigenen Abschnitt. Das Polyptychon setzt sich zusammen aus einem monumentalen Mittelstück, der Darstellung der Kreuzigung Jesu Christi, und zwei Seitenstücken, bestehend aus je vier kleineren Bildern. Der Aufbau des Werks ähnelt einem Altarretabel, allerdings gibt es keine Scharniere zwischen dem mittleren Teil und den äußeren Teilen. Die Seiten sind zum Mittelstück nicht beweglich und nicht, wie bei einem Retabel, zusätzlich auf den Außenseiten bemalt.

4.1 Die Entstehung des Werks auf Alsen und in Berlin

Die ersten drei kleinen, 1911 datierten Gemälde Heilige drei Könige, Verrat Christi und Der zwölfjährige Christus entstanden auf der Ostseeinsel Alsen[16], wo Nolde mit seiner Frau Ada ein Fischerhaus angemietet hatte. Direkt am Strand gelegen, befand sich auch sein selbst errichtetes Atelier, das Nolde stets als „Bretterbude“ bezeichnete und in dem er unter einfachsten Bedingungen arbeitete.[17] Während Nolde den Sommer auf Alsen verbrachte und neben anderen diese drei Werke malte, war Ada nach Kopenhagen gefahren, sodass Nolde sich voll und ganz auf das Malen konzentrieren konnte.[18] Bei der Entstehung der Bilder hatte Nolde noch nicht beabsichtigt, sie später in einem umfassenderen Werk zu vereinen; diese Entscheidung traf der Maler erst ein Jahr später in Berlin, wo die übrigen fünf kleineren Gemälde sowie das Kernstück entstanden sind.[19] Nolde war auch hier wieder allein in der Wohnung.[20]

Nolde zog sich zurück, hielt bei der Arbeit an den übrigen Werken die Wohnungstür in Berlin verriegelt. Er „malte und malte, Tag und Nacht; in den Nächten noch mehr als des Tags, zuweilen bis gegen den Morgen hinan“.[21] Wieder scheint es, dass er in eine Art Wahn oder Trance verfiel, als er an den Gemälden arbeitete. Dass Ada während der Entstehung der Bilder, wie auch schon im Sommer 1911, nicht anwesend war, könnte für Nolde ein wichtiger Aspekt gewesen sein. Vermutlich war genau diese Abgeschiedenheit und Isolation in Alsen als auch in Berlin Voraussetzung für das Gelingen dieses ausdrucksvollen Werks. Nolde konnte sich frei von jeglicher Ablenkung und Beeinflussung den Bildern widmen und sich auf die Erinnerungen an seine Jugend besinnen. Eben so wichtig wie die Abwesenheit Adas während des Schaffensprozesses waren für Emil Nolde aber offenbar auch ihre Wiederkehr und ihre Betrachtung des Werks. Bereits in einem Brief an seine Frau erläuterte er ihr das Kunstwerk, bevor sie es ausführlicher gemeinsam nach ihrer Wiederkehr aus Kopenhagen betrachten konnten.[22]

4.2 Bildanalyse

Die thematische Anordnung der Bilder[23], von links nach rechts verlaufend, erfolgt überwiegend der chronologischen Abfolge der biblischen Überlieferung. Die Kreuzigungsszene steht dabei im Mittelpunkt. Sie trennt die auf der linken Seite dargestellten Ereignisse zu Lebzeiten Christi von den Begebenheiten nach dem Tode Christi, im Jenseits, auf der rechten Seite.

[...]


[1] Emil Nolde, Legende, Vision, Ekstase, die religiösen Bilder, Ausst.-Kat., Hamburger Kunsthalle in Zusammenarbeit mit der Nolde-Stiftung Seebüll, Köln 2000.

[2] Die Autobiographie besteht aus zwei Teilen. Band 1, Das eigene Leben, ist 1931 erschienen und befasst sich mit den Jahren von 1867-1902. Im 2. Band aus dem Jahr 1934, berichtet Nolde von der Zeit zwischen 1902 und 1914. Vgl. dazu Nolde 1976.

[3] Erst seit 1902 nahm der Maler Emil Hansen den Namen seines Geburtstortes Nolde bei Schleswig an. Im Folgenden wird jedoch ausschließlich der Künstlername Emil Nolde verwendet.

[4] Vgl. Reuther 2000, S. 15.

[5] Nolde 1976, S. 23.

[6] Vgl. Howoldt 2000, S. 68.

[7] Nolde 1976, S. 76.

[8] Vgl. Reuther 1987, S. 222.

[9] Zitiert bei Reuther 1994, S. 104.

[10] Vgl. Reuther 2002, S. 148.

[11] Zitiert bei Osterwold 1987, S. 28.

[12] Zitiert bei Reuther 1994, S. 101 f.

[13] Ebenda, S. 114.

[14] Vgl. Görgen 2000, S. 161.

[15] Maler wie Karl Schmidt-Rottluff, Oskar Kokoschka und Kristian Rohlfs beschäftigten sich ebenfalls mit religiösen Sujets, jedoch stand die Zuwendung zu diesen Themen ausdrücklich mit der Verarbeitung der Schrecken des 1. Weltkriegs zusammen, während sich die religiösen Themen bei Emil Nolde durch sein gesamtes Werk ziehen und aus einer anderen Intention erwachsen sind.

[16] Vgl. Nolde 1976, S. 189.

[17] Nolde beschreibt sein Atelier in seiner Biographie: „Mein kleines Atelier – diese Bretterbude am Meer – wie ich es liebte! (…) Manche meiner besten Bilder waren in diesem kleinen Raum entstanden. Ein paar Nägel in die Bretterwand eingeschlagen, ersetzten eine Staffelei, meine Handballen oft und die Finger, ein Stückchen Leder oder Pappe ersetzten die Pinsel. Die Bretter zu beiden Seiten waren ein Dunghaufen abgestrichener verschiedenartigster Farben. Vgl. Nolde S. 188.

[18] Vgl. Fluck 2000, S. 30.

[19] Vgl. Nolde 1976, S. 188 f.

[20] Neben dem Besuch ihrer Verwandtschaft nahm Ada Unterricht in Kopenhagen, „bei einem Gesangslehrer, dem sie Vertrauen schenkte.“, Vgl. dazu Nolde S. 188.

[21] Vgl. Nolde 1976, S. 188.

[22] Nolde 1976, S. 190f.

[23] Die Bezeichnungen der beschriebenen Werke weichen in der Literatur voneinander ab. Oft werden mehrere Titel angegeben und auch Emil Nolde selbst verwendete in seinen Äußerungen unterschiedliche Titel für seine Bilder. Im Folgenden werden jene Benennungen verwendet, unter denen er sie in der Liste der „Biblischen und Legendenbilder“ angegeben hat.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Emil Noldes „Das Leben Christi“
Untertitel
Analyse und Rezeption eines umstrittenen Werks
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Kunsthistorisches Institut Kiel)
Veranstaltung
Emil Nolde
Note
1,3
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V173656
ISBN (eBook)
9783640938995
ISBN (Buch)
9783640938919
Dateigröße
1399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
emil, noldes, leben, christi, analyse, rezeption, werks
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Emil Noldes „Das Leben Christi“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173656

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