"Culture of poverty" - Armutsdiskurse und deren Kritik


Seminararbeit, 2011
17 Seiten
Jens Petersen (Autor)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: „Das süße Leben eines Sozialschmarotzers, bezahlt mit unseren …Steuergeldern.“

2. Darstellung des theoretischen Konzepts: “culture of poverty“

3. Empirische Untersuchung der Theorie

4. Kritik am Kulturbegriff

5. Politische Folgen und Instrumentalisierung des „culture of poverty“- Ansatzes

6. Fazit und Zukunftsprognose

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: „Das süße Leben eines Sozialschmarotzers, bezahlt mit unseren Steuergeldern.“ (Hendrich 2008)

Debatten zum Thema Armut sind nach wie vor aktuell und werden sehr emotional und moralisch aufgeladen geführt. Zurzeit wird dabei oft die Eigenverantwortung der von Armut Betroffenen in den Mittelpunkt gestellt und postuliert, dass die Armen für ihre Situation selbst verantwortlich wären. Strukturelle Gegebenheiten innerhalb des Kapitalismus werden kaum thematisiert. In der medialen Auseinandersetzung wird vielmehr öffentlichkeitswirksam über Schmarotzer und Drückeberger debattiert, welche die arbeitenden Bevölkerung nach Strich und Faden betrügen und den Sozialstaat ausnutzen. Die Diskussionen gehen unter anderem der Frage nach, ob Hartz IV Empfänger wirklich faul sind oder erörtern die Möglichkeiten einer Arbeitspflicht und Sanktionen bei Arbeitsverweigerung, welche die Armen wieder auf Kurs bringen sollen (vgl. Thewalt 2010; Ronzheimer 2010). Oft wird Bedürftigkeit skandalisiert. Armut wird in der Hauptsache nicht als Problem für die Menschen die davon betroffen sind gesehen, sondern vielmehr als Problem für die Gesellschaft selbst, welche diese Menschen unterstützen muss.

Die Debatten über weit verbreitete Armut und deren dauerhaftes Auftreten, welche zurzeit in Deutschland geführt werden, wurden in den USA schon seit Anfang der 1960er behandelt (vgl. Scharenberg 2007: 183). Ein wichtiger und kontrovers debattierter Erklärungsansatz stellt dabei, das von Oscar Lewis (1967) entwickelte Konzept der „culture of poverty“ dar. Diese Theorie soll in dieser Arbeit dargestellt, sowie einer Kritik unterworfen werden. Die Hypothese von der „culture of poverty“ besitzt Implikationen sowohl auf wissenschaftlicher, als auch auf politischer Ebene (vgl. Goetze 1970: 337) und Vertritt die Sichtweise, dass die Existenz und das Fortbestehen von Armut zum Teil in den Eigenschaften der Armen selbst liegt (vgl. Salentin 2000: 117). Die darin vertretene Sichtweise war über Jahrzehnte dominant in Regierungsanalysen und der damit zusammenhängenden politischen Gestaltung und Praxis innerhalb der USA (vgl. Coward/Feagin/Williams Jr. 1974: 622), wobei Ansätze auch in der heutigen deutschen Debatte über Armut zum Tragen kommen. Darüber hinaus geht es um eine generelle Kritik am Diskurs im Zusammenhang mit Armut und den Zuschreibungen, welchen sich Menschen ausgesetzt sehen, wenn sie von Armut betroffen sind.

2. Darstellung des theoretischen Konzepts: “culture of poverty“

Der von Oscar Lewis erstmalig geprägte Terminus der „culture of poverty“ dient als Mittel zur Beschreibung und Analyse von Bevölkerungsgruppen mit Fokus auf Kern- und erweiterte Familien, welche wirtschaftlich von Benachteiligungen betroffen sind (vgl. Goetze 1970: 338). Lewis stellt in diesem Zusammenhang die Hypothese auf, dass sich Handlungsmuster, Werte und Normen von Armen in erheblichen Umfang, von denen des Restes der Gesellschaft unterscheiden (vgl. Gursslin/Roach 1967: 384). Zudem werden diese über mehrere Generationen via Internalisierung im Sozialisationsprozess (vgl. Goetze 1970: 340) weitergegeben, was zur Aufrechterhaltung von Armut führt (vgl. Abell/Lyon 1979: 602) und aufgrund ihrer zunehmenden Verfestigung bzw. deren Weitergabe als Bestandteile einer Kultur gedeutet werden (vgl. Salentin 2000: 117). Von Bedeutung ist es, ob Menschen nur vorübergehend oder dauerhaft arm sind, da dieses entscheidenden Einfluss darauf hat wie gesellschaftliche Partizipationschancen vom einzelnen Individuum beurteilt werden (vgl. Scharenberg 2007: 184). Anhänger dieser Theorie formulierten im Zusammenhang mit der Betroffenheit von Armut verschiedene Prämissen, welche eine Kultur bzw. eine Subkultur der Armut bestimmen sollten. Ausgangspunkt waren zumeist Studien, welche zeigten, dass Arme sich häufig mit ähnlichen Lebenssituationen z.B. schlechter Bildungs-, Wohn- und Einkommenssituation, gekoppelt an einen Mangel an ökonomischen Mitteln auseinanderzusetzen hatten (vgl. Gursslin/Roach 1967: 384). Eine „culture of poverty“ tritt dann auf, wenn innerhalb einer Gesellschaft eine kapitalistische Produktion vorherrschend ist, kombiniert mit hoher Arbeitslosigkeit, niedrigen Löhnen und kaum Möglichkeiten zur politischen Organisation der Armen. Gesamtgesellschaftlich herrscht darüber hinaus ein Wertekonsens, welcher persönliches Eigentum und persönlichen (materiellen) Erfolg als zentrales Bewertungskriterium des individuellen Handelns sieht (vgl. Goetze 1970: 339). Das Streben nach Profit gilt als gesellschaftliches Hauptmotiv (vgl. Eames/Goode 1970: 481).

Charakteristika dieser Kultur lassen sich dabei in vier Hauptdimensionen aufteilen:

1) Einstellungen, Werte und Charakterstrukturen der einzelnen von Armut betroffenen Individuen
2) Die Beschaffenheit der Familie
3) Die Beschaffenheit der Gemeinschaft der Armen
4) Das Verhältnis zwischen den Armen und dem Rest der Gesellschaft

Im Zentrum der Konzeption befindet sich die Auffassung, dass es eine Reihe von Werten gibt, welche nur die Armen besitzen. Diese Werte sind die unmittelbare Folge der Erfahrungen, welche im Zusammenhang mit Dauerarbeitslosigkeit und damit einhergehender gesellschaftlicher Ausgrenzung von den Betroffenen gemacht werden. Bestimmte Reaktionen und Verhaltensweisen können sich verselbstständigen und zwischen den verschiedenen Generationen der Armen vererbt werden (vgl. Scharenberg 2007: 184). Dies geschieht vor allen Dingen dann, wenn Arme erkennen, dass sie das gesellschaftliche Ideal des sozialen Aufstiegs und der Wohlstandsmaximierung nicht erfüllen können (vgl. Salentin 2000: 118) und sie in Folge dessen ihre Erwartungen auf ein realistischeres, sprich niedrigeres Level herabsetzen (vgl. Della Fave 1974: 610 ff.). Beeinflusst von diesen Werten, verhalten sich die Armen auf eine Art und Weise, welche vom Rest der Gesellschaft als von der Norm abweichend wahrgenommen wird (vgl. Della Fave 1974: 610). Neben der negativen Bewertung erweisen sich viele dieser Verhaltensweisen als Hindernis, um sich selbst aus der Armut zu befreien. Schlussendlich führt die Reproduktion und Aufrechterhaltung dieser Werte dazu, dass die vom Armut betroffenen Menschen kontinuierlich daran scheitern einen sozialen Aufstieg zu erreichen, selbst wenn die Chancen dazu erweitert werden würden und somit dauerhaft arm bleiben. Ursachen werden im mangelnden Ehrgeiz, dem Unwillen Anstrengungen auf sich zunehmen, welche Selbstdisziplin und anhaltende Leistung erfordern, gesehen. Was schließlich in der Annahme gipfelt, das Arme Arbeit in geringerem Maße als ein Mittel zur Sicherung des Lebensunterhaltes sehen, als beispielsweise Angehörige der Mittelschicht (vgl. Della Fave 1974: 610). Zudem gibt es eine Orientierung an der Gegenwart bzw. der unmittelbaren Lebensrealität, Zukunft tritt in den Hintergrund (vgl. Goetze 1970: 339). Dies ermöglicht den Armen sich frei äußern zu können und ihre Reize, oft verstanden als Triebe, schnell befriedigt zu bekommen, ohne Rücksicht auf etwaige negative Folgen. Dabei ist das Lebensgefühl der Menschen neben „Fatalismus und Apathie“ (Salentin 2000: 118) geprägt von „Hilflosigkeit, Ausgegrenztheit und Abhängigkeit“ (Scharenberg 2007: 183).

Im Bezug auf die Beschaffenheit der Familie wird festgestellt, dass Arme weder die Abscheu der Mittelschicht gegenüber Sexualität außerhalb der Ehe und unehelichen Kindern, noch gegenüber Promiskuität teilen. Ebenso wenig schrecken sie vor dem Einsatz von Gewalt in der Erziehung zurück. Frauen fungieren häufig als Familienoberhaupt, Haushalte mit nur einem Elternteil sind frequent, Beziehungen und Kontakte meist auf die eigene Familie beschränkt (vgl. Salentin 2000: 117 ff.).

[...]

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Details

Titel
"Culture of poverty" - Armutsdiskurse und deren Kritik
Hochschule
Universität Bremen
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V173912
ISBN (eBook)
9783640942176
ISBN (Buch)
9783640941933
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Klassismus, Culture of poverty, Hartz 4, Diskriminierung, Rassismus
Arbeit zitieren
Jens Petersen (Autor), 2011, "Culture of poverty" - Armutsdiskurse und deren Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173912

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