Die neue Eva - Die männliche Version einer neuen Frau im technischen Zeitalter

Am Beispiel "Die Eva der Zukunft" von Villiers de l’Isle-Adam


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Motiv des künstlichen Menschen
1.1 Die ewige Eva

2. Die »künstlichen« Frauen
2.1. Evelyn - die verkleidete Femme fatale
2.2 Alicia - die falsche Venus

3. Die »wahren« Frauen
3.1 Hadaly - die imaginierte Weiblichkeit
3.1.1 Die Rebellion der Androide
3.2 Sowana / Mrs. Anderson - die gute Seele

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Arbeit ist im Rahmen des von mir im Wintersemester 2008/2009 besuchten Seminars Puppen - Körper - Automaten entstanden und beschäftigt sich explizit mit dem Roman Die Eva der Zukunft von dem französischen Autor Auguste Villiers de l’Isle-Adam.

Dieser verspätete romantische Schauer- und frühe Science-Fiction Roman diskutiert die Möglichkeit einer technisch konstruierbaren Frau.

Als Fortsetzungsroman wurde die Geschichte erstmalig in einer Zeitschrift im Jahre 1880/81 unter dem Titel L’Ève nouvelle publiziert. Die erste deutschsprachige Version Edisons Weib der Zukunft erschien 1909. In den 70er Jahren sicherte sich der Suhrkamp Verlag die Rechte an dem Roman und verlegte ihn in seiner Taschenbuchreihe Phantastische Bibliothek. Seit März diesen Jahres wird der Roman vom Manesse Verlag unter dem Titel Die künftige Eva erneut publiziert.

Seit vielen Jahren genießt der Roman einen gewissen Kultstatus im kultur- und literaturwissenschaftlichen Diskurs um den künstlichen Menschen. Denn bei Villiers werden auf faszinierende Weise zeitgenössische Geistesströmungen wie Fortschrittsglaube und Technikhörigkeit aufgenommen und ironisch gebrochen. Der Leser von heute, in Zeiten der Biotechnologie, erkennt, dass die aktuellen Fragen die Alten sind.

Im gesamten Roman wird der weibliche Körper fast ausschließlich sprachlich, genauer im Dialog zwischen den beiden Protagonisten, hergestellt. „Dadurch erweist sich der Körper nicht mehr als von der Natur Gegebenes, Unveränderliches, sondern als gesellschaftlich und kulturell Konstruiertes, und zwar von den Protagonisten der Geschichte Fabriziertes.“[1] Ausführlich werden über die Figuren verschiedene Modelle des Weiblichen diskutiert und somit zugleich verschiedene Varianten des männlichen Selbstverständnisses erörtert.

Zu Beginn der Arbeit wird zunächst eine kleine Einführung über das Motiv des künstlichen Menschen im Allgemeinen und seiner literarischen Verarbeitung im 19. Jahrhundert im Speziellen gegeben. Nach einer kurzen Darstellung der Symbolik der Eva-Figur widmet sich der weitere Verlauf dieser Ausarbeitung ihrer Schwerpunktsetztung: die Darstellung der weiblichen Figuren des Romans aus der Perspektive der männlichen Protagonisten. Abschließend werden meine Beobachtungen noch einmal zusammenfassend dargestellt.

1. Das Motiv des künstlichen Menschen

Das Motiv des künstlichen Menschen hat wandelbare Funktionen und kann sowohl als Metapher gelesen werden als auch ganz wörtlich gelten und erlaubt somit viele Lesarten. Oftmals evoziert es

„[...] Auseinandersetzungen mit Formen des menschlichen

Selbstverständnisses, der Geschlechterverhältnisse und/oder sozialem, individuellem, künstlerischem oder technisch-wirtschaftlichem Handeln:

Marionetten, Puppen, Automaten oder Maschinen lassen sich als Metapher für besondere menschliche Befindlichkeiten oder die allgemeine anthropologische Konstitution lesen.“[2]

Der künstliche Mensch taucht bereits in den frühesten Überlieferungen der griechischen und römischen Antike sowie jüdischen Tradition auf. Für das Thema dieser Arbeit von Bedeutung erscheinen besonders Hesiods Pandora- und Ovids Pygmalionmythos. Sie folgen beide der Struktur eines patriarchischen Gründungsmythos, deren Quintessenz darauf beruht, dass alles Böse auf der Welt von der Weiblichkeit ausgeht. Häufig hat dabei die „[...] künstliche Frauengestalt die in der Geschichte des Motivs immer wieder verwendete Funktion, einen Menschen in Liebe an sich zu fesseln“[3] und ihn dabei ins Unglück zu stürzen.

Die Zeit um 1800 markiert, bedingt durch eine breite Rezeption der mystischen Stoffe, einen Höhepunkt der literarischen Auseinandersetzung mit den von Menschenhand geschaffenen künstlichen Menschen. Geprägt von technischen Errungenschaften der Zeit, spielt hierbei zunehmend eine technische Reproduzierbarkeit von Menschen eine entscheidende Rolle. Der Geschlechterdiskurs zu dieser Zeit ordnet das weibliche Geschlecht der Natur zu, während dem männlichen die Technik zuteil wird. Bei dieser Zuordnung sind der Natur Vokabeln wie wild, unbändig, unkontrollierbar und gefährlichen zugeschrieben. Mit zwei männlichen Strategien wird die natürliche Weiblichkeit nun zu zähmen versucht:

„Einerseits haben die herrschenden Geschlechterdiskurse Natur weiblich konnotiert und damit als das Andere vom männlichen Subjekt weg definiert, und andererseits entwickelten die westlichen Gesellschaften immer ausgeprägtere Techniken der Naturbeherrschung, Produktion und schließlich auch Reproduktion.“[4]

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und im Zuge der zunehmenden Industrialisierung wird die Angst vor der selbst erschaffenen Technik jedoch immer größer. Die Technik, geschaffen um Gefahren zu bannen und um die Natur berechenbar zu kontrollieren, kehrt sich um in das Gegenteilige. Sie bedroht damit auch ihren Schöpfer, dem zur Abwehr die alte Strategie bleibt: „Das Ängstigende wird als das Andere, das Fremde und damit oft als das Weibliche kategorisiert.“[5] Die künstliche Frau wird zu einer beliebten Reflexionsfigur.

Auch findet die „komplementäre Dichotomie der Geschlechter“ zu dieser Zeit in „zunehmend dominant werdenden Wissenschaftsdiskursen“ ihren Niederschlag.[6] Gefangen im Spannungsverhältnis von alter und neuer Rollenverteilung wird sich um einen alternativen Umgang der Geschlechter miteinander, sowohl in der Literatur als auch im Leben, bemüht. In der Literatur wird diese Umbruchsituation der Geschlechtergrenzen oft mit dem Motiv des Maschinenmenschen zum Ausdruck gebracht.

Im Allgemeinen forciert das Motiv im 19. Jahrhundert Identitäts- und Wahrnehmungskrisen, reagiert auf soziokulturelle Umbruchprozesse und setzt sich daher oftmals mit der Frage der Selbstbestimmung des Menschen auseinander. Im Speziellen verdeutlicht die Diskussion um und die Konzentration auf weibliche Automaten „zum einen das Selbstkonstruierte unserer Welt und zum anderen das Mediale unserer Wahrnehmung.“[7] Die Androiden als Romanfiguren versinnbildlichen daher einen posthumanen, technisch manipulierten Menschen in einer patriarchalischen Ordnung. „Nicht nur ist ihnen die klar umgrenzte Persönlichkeit versagt, in ihrer fluktuierenden Unbestimmtheit verschmelzen sie zur hybriden Gestalt der Ewigen Eva, deren Merkmale traditionellen Klischeevorstellungen entstammen.“[8]

1.1 Die ewige Eva

In der christlichen Theologie begegnet uns, neben dem wahrhaftigen und ersten männlichen Schöpfergott, mit dem ersten Menschenpaar in Eva die erste Frau der Welt. Von Gott aus einer Rippe Adams erschaffen soll sie ihm (Adam) zur Gesellschaft dienen.

Während die reale Rolle der Frau stets von den ihrer Zeit / Epoche entsprechenden Bildungsbegriff und Zivilisationsideal geprägt wird, gilt das Wesen Evas als ein von gesellschaftlichen Konditionen befreites.

Jedoch ist es nicht nur die Wahrhaftigkeit, mit der sie in Verbindung gebracht wird. In erster Linie ist sie ein „Synonym für die Frau, die den Mann durch ihre Verführungskünste in Schwierigkeiten bringt.“[9] So war sie es, die sich von der Schlange verführen ließ und daraufhin Adam dazu animierte vom Baum der Erkenntnis zu essen. Eva ist daher die eigentlich Verantwortliche des biblischen Sündenfalls. Als böse Verführerin Adams zur sündigen Tat steht sie als Synonym für die Macht der Sexualität. „Sie bezeichnet aber auch den Einbruch der Zeit in die Welt, d. h. sie ist diejenige, die Zukunft eröffnet.“[10] Denn die Verbannung aus dem Paradies ist zugleich auch „eine Befreiung aus dem Paradies der Zwänge und Verbote, mithin Überwindung des unmündigen, auch räumlich beschränkten Naturzustandes und erster Schritt in die riskante Freiheit der Selbstbestimmung“.[11] Aber war sich Eva den Konsequenzen der Versuchung bewusst? Wenn ja, wird ihr Handeln zusätzlich in ein Licht der vorsätzlichen Tat gestellt, was wiederum bedeuten würde, dass die Verstoßung und die damit einhergehende Zukunft selbst gewollt und selbstverschuldet ist. Somit beginnt der Mensch Eva, denn sie ist weder Allegorie noch eine Göttin, „die Geschichte der Selbstbefreiung von unten“.[12]

2. Die »künstlichen« Frauen

Im gesamten Roman werden die wirklichen Frauen als „das Künstliche, bestehen[d] aus Masken, Fassaden, Attrappen und Verkleidungen, die das Lebendige nur vortäuschen“, dargestellt.[13] Sowohl Edison als auch Lord Ewald kennen jeder für sich ein abschreckendes Beispiel der alten Eva, welche die Konstruktion einer Neuen in ihren Augen rechtfertigten würde.

In ihren Schilderungen schlägt ihr Idealitätswille schnell in Inhumanität um. „[D]a beide sich als in der gesellschaftlichen Hierarchie bessergestellte Menschen betrachten, nehmen sie sich das Recht heraus, die niedrig denkende, verdorbene weibliche Kreatur zu bekämpfen, zu vernichten.“[14]

[...]


[1] Hilmes, Carola: Literarische Visionen einer künstlichen Eva. In: Kormann, Eva; Gilleir, Anke; Schlimmer, Angelika (Hrsg.): Textmaschinenkörper. Genderorientierte Lektüre des Androiden. Amsterdam, New York 2006, S. 94.

[2] Gilleir, Anke; Kormann, Eva; Schlimmer, Angelika: Genderorientierte Lektüren des Androiden. Eine Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Textmaschinenkörper. Genderorientierte Lektüre des Androiden. Amsterdam, New York 2006, S. 9.

[3] Frenzel, Elisabeth: Der künstliche Mensch. In: Ders.: Motive der Weltliteratur. Stuttgart 1988, S. 512.

[4] Gillier 2006, S. 16.

[5] Ebd. S. 16.

[6] Ebd. S. 10.

[7] Gnüg, Hiltrud: Kult der Käalte: Der klassische Dandy im Spiegel der Weltliteratur. Stuttgart 1988, S. 82.

[8] Hofmann, Werner: Evas neue Kleider. In: Ders (Hrsg.):Eva und die Zukunft. Das Bild der Frau seit der Französischen Revolution. Hamburg 1986, 19f.

[9] Hilmes 2006, S. 91.

[10] Hilmes, Carola: Skandalgeschichten. Aspekte einer Frauenliteraturgeschichte. Königstein/Taunus 2004, S. 81.

[11] Hofman 1986, S. 18.

[12] Ebd. S. 17.

[13] Gendolla, Peter: Anatomien der Puppe. Zur Geschichte des Maschinenmenschen bei Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, Villiers de l'Isle Adam und Hans Bellmer. Heidelberg 1992, S. 197.

[14] Gnüt 1988, S. 270.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die neue Eva - Die männliche Version einer neuen Frau im technischen Zeitalter
Untertitel
Am Beispiel "Die Eva der Zukunft" von Villiers de l’Isle-Adam
Hochschule
Universität Potsdam  (Literaturwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V174239
ISBN (eBook)
9783640945962
ISBN (Buch)
9783640946211
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frau, zeitalter, beispiel, zukunft, villiers
Arbeit zitieren
Anika Resing (Autor), 2009, Die neue Eva - Die männliche Version einer neuen Frau im technischen Zeitalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174239

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