Zum Gebrauch der Mundart während der Mainzer Fastnacht

Dialektgebrauch am Beispiel einer Büttenrede


Seminararbeit, 2011
18 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Mainzer Mundart - Ein rheinhessischer Dialekt

3. Mundartliches in der Bütt
3.1 Die Büttenrede
3.2 Sprachliche Merkmale
3.2.1 Laute
3.2.2 Morphosyntax
3.3.3 Wortschatz
3.3 Probleme bei der Textanalyse

4. Funktionen des Fastnachtfeierns und deren Auswirkung auf die Wahl der Sprachvarietät
4.1 Funktionen
4.2 Der Dialekt als Stilmittel
4.2 Zentrale Begriffe der Fastnacht übertragen auf den Dialektgebrauch
4.3 Dialektgebrauch und Rücksichtnahme auf Gastnarren

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Karten

Büttenrede: Seppel Glückert „Unsern höchste Feiertag“

1. EINLEITUNG

Die Fassenacht ist ein wichtiges Kulturgut der Stadt Mainz und sie wird neben Köln und Düsseldorf in keiner anderen deutschen Stadt so zelebriert. Die Mundart gehört zur närrischen Zeit und so hört man das Määnzer Gebabbel zwischen November und März häufig in der Bütt. In Anbetracht dessen, dass während der Fünften Jahreszeit 1 Mundartliches sehr präsent ist auf Fastnachtssitzungen, während der Vorbereitungen zu den Fastnachtsumzügen, im lokalen Radio, in lokalen Zeitungen und uff de Gass, soll die Verbindung von Mundart und Fastnacht näher erörtert werden.

Diese Arbeit wird, nach Einordnung der Mainzer Mundart in die deutsche Dialektlandschaft, einige mundartliche Besonderheiten anhand einer Büttenrede herausarbeiten und näher erläutern. Bei dieser Gelegenheit wird unter anderem der Aufbau und die Rolle der Büttenrede in der Fastnacht kurz betrachtet. Bei der eigentlichen Analyse der Rede werden Besonderheiten unterschiedlicher sprachlicher Ebenen berücksichtigt. Bei der Analyse phonetisch-phonologischer Phänomene wird allerdings auf eine phonetische Transkription verzichtet und ausschließlich die Standardorthografie für Erläuterungen verwendet.

Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, in wie weit und mit welcher Motivation die Fastnacht die Mundart als Ausdrucksmittel nutzt.

2. DIE MAINZER MUNDART - EIN RHEINHESSISCHER DIALEKT

Teilt man Deutschland dialektal grob in ober-, mittel- und niederdeutschen Sprachraum auf, so liegt Mainz im mitteldeutschen, genauer im westmitteldeutschen Raum. Als Grenzen des Westmitteldeutschen werden im Süden die Appel/Apfel - Isoglosse, im Norden die maken/machen-Isoglosse und im Osten die Pund/Fund- Linie angesetzt.2 Die Isoglossenbezeichnungen zeigen bereits, dass die mitteldeutschen Mundarten die zweite Lautverschiebung3 nur teilweise durchgeführt haben.4 Innerhalb des Westmitteldeutschen ergibt sich weiter eine kleinräumige Staffelung der Lautverschiebungsergebnisse, eingeteilt durch den sogenannten „Rheinischen Fächer“.5

Die „verschiedene(n) Linien des Rheinischen Fächers dienen der sprachlichen Binnendifferenzierung des westlichen Mitteldeutschen“6 und teilen den Sprachraum in Rheinfränkisch, Moselfränkisch und Ripuarisch.

Innerhalb des Westmitteldeutschen wird das Rheinfränkische durch die dat/das - Isoglosse vom Moselfränkischen abgegrenzt.7 Der rheinfränkische Sprachraum umfasst geografisch die Regionen Eifel, Hunsrück, Pfalz und Rheinhessen.8 Der Mainzer Dialekt wird dem Rheinhessischen zugeordnet, wobei anzumerken ist, dass je kleinräumiger die Untergliederung, desto verschwimmender werden die sprachlichen Unterschiede zur Nachbarregion. Es ließe sich diese Einteilung zwar weiterführen bis zur Auffächerung der einzelnen Mainzer Ortsdialekte, doch fehlen dieser Arbeit dafür die empirischen Belege.

3. MUNDARTLICHES IN DER BÜTT

3.1 DIE BÜTTENREDE

Im Folgenden werden einige Merkmale der Mainzer Mundart an Auszügen einer Büttenrede dargestellt. Die Büttenrede ist konzeptionell mündlich und entfaltet ihre volle Wirkung auch nur bei medial mündlicher Übertragung. Sie wird in Prosa oder Versform vorgetragen, wobei die Mehrheit der gereimten Versform folgt. Die Rede dauert gewöhnlich acht bis fünfzehn Minuten und wird begleitet bzw. unterbrochen von Musiktuschs.9 Der Gebrauch der Mundart dominiert zwar den Großteil der Vorträge, doch lassen sich nach Stahls Auswertungen Abstufungen im Dialektgebrauch feststellen, die vom „fast reinen, für Nicht-Mainzer nahezu unverständlichen Dialekt bis zum ganz leicht gefärbten Hochdeutsch“10 reichen.

Die gereimten Texte sind zudem in der Mainzer Fastnacht stark an die vortragende Persönlichkeit gebunden. Diesen kommt innerhalb der hierarchisch strukturierten Fastnacht zusammen mit den repräsentativen Amtsträgern (Vereins-, Sitzungspräsident, Komiteemitglied) das höchste Ansehen zu. Jeder Narr hat seinen eigenen Stil und behandelt eine bestimmte Thematik, mit der er alljährlich in Verbindung gebracht wird. Es gibt dennoch einige schriftlich fixierte Büttenreden, welche zum Teil in Sitzungsprotokollen, oder in Mainzer Heimatliteratur zum Thema Fastnacht zu finden sind. Diese Arbeit nutzt zur Analyse einiger mundartlicher Merkmale Auszüge aus einer Büttenrede von Seppel Glückert, entnommen aus der Sammlung Gelacht, gebabbelt un gestrunzt von Hans-Jörg Koch.

Exkurs: Seppel Glückert

Seppel Glückert (geboren 1891 in Mainz, gestorben 1955 ebenda) war Mainzer Schreibwarenhändler, Büttenredner und von 1947 bis zu seinem Tod Präsident des Mainzer Carneval Vereins (MCV).

1925 trat Glückert in den MCV ein und wurde dort drei Jahre später zum Protokoller. Es war der Beginn seiner Karriere in der Fastnacht. Seine Redekünste ermöglichten ihm den Sprung zum Büttenredner und er wurde zu einem der populärsten Mainzer Fastnachter. Er hielt während des Nationalsozialismus an seinem Interesse fest und trat bereits in der Nachkriegszeit unter französischer Besatzung wieder auf.11 Vom Spiegel wurde er 1948 als „König der Büttenredner“12 bezeichnet und er bleibt bis heute eine wichtige Figur in der Geschichte der Stadt Mainz. In der Mainzer Innenstadt gibt es daher eine Straße in der Fußgängerzone, die nach ihm benannt wurde: Seppel-Glückert-Passage.

Unsern höchste Feiertag13

Frag de Säugling in sei’m Chaisje,
Frag de Schulbub mit sei’m Ränzje, […]

Stell an wen du willst die Frag‘,
Welches unsern Feiertag,
Unsern allerhöchste wär‘,
Dann fällt kääm die Antwort schwer!
In drei Worten ist’s gesagt:
Unser Määnzer Fassenacht!

Dauert aach drei Tag sie bloß,

Tun mir Määnzer, klää wie groß,

Doch uns freie - ohne Bluff -

Zwääundfünzig Woche druff!

[…]
Sie verzicht‘, die Fraa, die gut,
Uff’s nei Klääd, de neie Hut,
Bloß damit ihrn liebe Mann
Ääner mehr noch trinke kann. […]

Im Nachttischschränkche, newerm Dippche. […]

Un tut kreische: Ritzambaan
Morje geht die Fassenacht an!
Alles singt in höchste Tön:
„Warum ist’s am Rhein so schön“:
Darum weil schun ew’ge Zeit
Unser goldig Määnz dran leiht!

3.2 SPRACHLICHE MERKMALE

3.2.1 LAUTE

In dem Auszug wird den konsequent apokopiert zu „de“ (Z.1,2,14). Es lassen sich noch weitere Apokopierungen finden, wie z. B. „Frag“ (Z.3), „wär“ (Z.5), so wie Synkopierungen („sei’m“ Z.1 f. und „ew‘ge“ Z.22). Außerdem unterliegt bei einem Aufeinanderfolgen von ist und es Letzteres der Aphärese und es erfolgt eine Kontraktion („ist’s“ Z.7,21). Diese Phänomene sind allerdings wenig spezifisch für die Mainzer Mundart und treten in vielen Regionen im gesprochenen Substandard auf. Da sie zudem klassische Stilmittel der Antike sind, können die hier gebrauchten Variationen auch bedingt durch die lyrische Form der Rede sein.14

Wie im Hochdeutschen dient das Suffix - chen auch der Mainzer Mundart zur Bildung des Diminutivs. Allerdings wird der stimmlose palatale Frikativ (geschrieben ch) in der Mundart tendenziell eher als stimmhafter palataler Approximant realisiert,15 was der Autor durch die Schreibung „-j-“ („Chaisje“ Z.1, „Ränzje“ Z.2) darzustellen versucht.

Die Diphthonge ai und ei werden in Mainz lautlich oft stärker nasal realisiert und betont lang ausgesprochen. Der Autor verwendet hierfür die Schreibung „ää“ („kääm“ Z.6, „Määnzer“ Z.8,10, „klää“ Z.10, „Zwääundfünzig“ Z.12, „Klääd“ Z.14, „Ääner“ Z.16).16

Der Diphthong au hingegen wird oft monophthongiert und als Langvokal â realisiert (vgl. „aach“ Z.9 = auch, „Fraa“ Z.13 = Frau).

Statt des Wortes auf verwendet die Mainzer Mundart das Wort „uff“ ( „Uff’s “ Z.14). Dies lässt sich darauf zurückführen, dass sich der mhd. Kurzvokal u nicht wie der mhd. Langvokal û zu einem Diphthong (au oder ou) entwickelte.17 Dieses Phänomen zeigt sich in der Rede außerdem an dem Wort „druff“ (Z.12) anstelle von drauf. Weiter fallen die Worte „freie“ (Z.11 = freuen), sowie „nei“ (Z.14 = neue) und „neie“ (Z.14 = neuen) auf. Der Autor nutzt eine Schreibweise mit „ei“. Es wäre allerdings an dieser Stelle interessant die lautliche Realisierung der Rede zu hören, da sich in der Region um Mainz der mhd. Diphthong iu (Bsp.: mhd. niuwe)18 eigentlich zu „ai“ (rheinh. „nai“) entwickelte19 und auch bei Dialektsprechern im Alltag oft so zu hören ist.

[...]


1 Bezeichnung für die Fastnachtszeit.

2 Siehe Anhang S.14: Karte 1 „Dialektgliederung des Deutschen“.

3 Die 2. Lautverschiebung verlief zw. dem 5. und 8.Jhdt. und bezeichnet den Wandel bestimmter Konsonanten in Abhängigkeit von deren Stellung im Wort: am Wortanfang, sowie generell nach Konsonanten und in der Verdopplung entwickelte sich germanisch (germ.) p, t, k zu hochdeutsch (hochd.). pf, z/tz, kch. Nach Vokal: germ. p, t, k zu hochd. f(f), s(s), ch. In Folge entwickelte sich germ. d zu hochd. t und germ. b, g entwickelte sich im bairischen und alemannischen zudem zu t, k. Unbeachtet hier: Sonderent-wicklungen (vgl. DRENDA, Georg: Kleiner linksrheinischer Dialektatlas. Sprache in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2008, S.16 f.).

4 keine Lautverschiebung bei wmd. Appel statt hochd. Apfel und wmd. Pund statt hochd. Pfund.

5 Die hier vorgenommene sprachgeografische Gliederung und die Bezeichnungen folgen den Ausführungen von DRENDA (2008), S.17-20.

6 Ebd., S.19.

7 Siehe Anhang S.15: Karte 2 „Rheinischer Fächer“.

8 Siehe Anhang S.15: Karte 3 „Landschaften und Regionen“.

9 Vgl. STAHL, Bianka: Formen und Funktionen des Fastnachtfeierns in Geschichte und Gegenwart, dargestellt an den wichtigsten Aktivitäten der Mainzer Fastnachtsvereine und -garden. Mainz 1980, S.231.

10 Ebd., S.231.

11 Vgl. GLÜCKERT, Wilhelm: Das war Seppel Glückert. Protokolle, Vorträge, Anekdoten. Mainz: Kunze 1962, S.18.

12 SPIEGEL, DER: Mit Anstand feiern. In: Der Spiegel 14. Februar 1948; 7. http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=44415483&aref=image036/2005/12/13/sp1948 0703-T2P-004.pdf&thumb=false. [Zugriff 04.03.2011].

13 GLÜCKERT, Seppel: Unsern höchste Feiertag. In: Koch, Hans-Jörg (Hg.): Gelacht, gebabbelt un gestrunzt. Fr ö hliche Mundart zwischen Rhein und Donnersberg. Mainz: Will und Rothe KG 1964, S.38-41. [Komplette Rede siehe Anhang S.16].

14 Im Folgenden werden alle hochd. und mhd. Begriffe, Schreibweisen und Laute kursiv geschrieben und alle dialektalen Ausdrücke, Schreibweisen und Laut in Anführungszeichen gesetzt.

15 Zur Analyse herangezogen: LINKE, A. / NUSSBAUMER, M. / PORTMANN, P.R.: Studienbuch Linguistik. Tübingen: Niemeyer 52004. (=Reihe Germanistische Linguistik, Bd. 121), S.477-481.

16 An dieser Stelle wäre es interessant zu untersuchen ob der Laut eher wie „ä“ oder wie „e“ realisiert wird, da bei anderen Mainzer Mundart Autoren oft eine Schreibung mit „ee“ zu lesen ist. Es überschreitet jedoch den Rahmen dieser Arbeit.

17 Vgl. DRENDA (2008), S.33.

18 hochd. neu

19 Vgl. DRENDA (2008), S.95.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zum Gebrauch der Mundart während der Mainzer Fastnacht
Untertitel
Dialektgebrauch am Beispiel einer Büttenrede
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V174405
ISBN (eBook)
9783640948567
ISBN (Buch)
9783640948345
Dateigröße
1159 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gebrauch, mundart, mainzer, fastnacht, dialektgebrauch, beispiel, büttenrede
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Zum Gebrauch der Mundart während der Mainzer Fastnacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174405

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