Lore und Grete - Zwei ungleiche Schwestern?

Eine Charakterisierung der weiblichen Protagonisten in Arno Schmidts "Brand's Haide"


Seminararbeit, 1998

17 Seiten


Leseprobe

INHALT

I. VORBEMERKUNG

II. DAS FRAUENBILD ARNO SCHMIDTS

III. CHARAKTERISIERUNG DER UNDINE

IV. CHARAKTERISIERUNG DER BERTALDA

V. CHARAKTERISIERUNG VON LORE UND GRETE

VI. RESÜMEE

VII. VERWENDETE LITERATUR

I. VORBEMERKUNG

Die Handlung von "Brand' s Haide" basiert in erster Linie auf der Dreieckskonstellation des Erzählers mit den Protagonisten Lore und Grete. Mit der Vorstellung der beiden Frauen wird nicht nur indirekt Fouqués "Undine"-Thema angesprochen, sondern auch erweitert. Der Erzähler Schmidt muß sich nicht nur zwischen zwei Frauen entscheiden, sondern auch zwischen Liebe und Kunst.

Obwohl der Erzähler den Namen des Autors Arno Schmidt trägt, darf er nicht mit diesem gleichgesetzt werden. Schmidt ist ein fiktionaler Erzähler, der jedoch autobiographische Züge trägt.

In der vorliegenden Seminararbeit sollen die Charaktere von Lore und Grete in bezug auf die Eigenschaften von Undine und Bertalda aus Fouqués "Undine" untersucht werden.

Um die Charaktere möglichst genau vorzustellen, werden die Figuren Undine und Bertalda zuerst einzeln betrachtet und später in einem größeren Zusammenhang in "Brand' s Haide" eingebunden werden. Vor der Analyse der Charaktere Lore und Gretes wird kurz auf das Frauenbild des Erzählers Arno Schmidt eingegangen, da es bedeutend für sein Verhältnis zu den beiden Frauen ist.

Die Untersuchung der weiblichen Hauptpersonen wird dadurch erschwert, daß die Forschung ihren Funktionen nur wenig Beachtung geschenkt hat.

Da Lore und Grete nur durch den Erzähler vorgestellt werden, ist zu berücksichtigen, daß die Charakterisierung sehr einseitig und besonders subjektiv ist.

Schmidts Sympathien gelten vorrangig Lore, so daß ihre Person in seinen Notizen einen größeren Raum einnimmt. Bei der Analyse der Rollen soll herausgestellt werden, warum sich Schmidt für Lore und nicht für Grete entscheidet. Ein Interesse der Seminararbeit gilt der Frage, ob es Zufall ist, daß Schmidt schließlich doch eine Beziehung mit Grete eingeht. In einem abschließenden Resümee soll das Ergebnis der Untersuchungen dargestellt und in Bezug auf die Intention des Autors vertieft werden.

II. DAS FRAUENBILD ARNO SCHMIDTS

Der Erzähler Arno Schmidt kennt die Frau nicht als gleichberechtigte Partnerin an.

Sein Frauenbild entspricht dem typischen Rollenverständnis, in dem die Frau das schwache Geschlecht verkörpert. Da Schmidt die Frau nicht als Partnerin, sondern als Objekt betrachtet, übernimmt sie für ihn automatisch eine dienende Funktion.

Bert Blumenthal hat Schmidts Einstellung zum weiblichen Geschlecht sehr gut gedeutet:

„[S]ie hat die Rolle einer Statistin zu spielen, die dauernd zur Hand ist, wenn der Hauptdarsteller sie benötigt, sei es zur Liebe oder als Sekretärin, zur Zerstreuung oder als Haushälterin.”[1]

Die vorgestellten Überlegungen lassen darauf schließen, daß die Lebensgefährtin des Helden mehrere Funktionen ausführen müßte: Als Hausfrau hätte sie für seine leibliche, als Gattin für seine sinnliche Befriedigung bereit zu sein, und als Hilfskraft des Künstlers wäre sie Sekretärin und Vertreterin zur Außenwelt.[2]

Bei der ersten Kontaktaufnahme Schmidts zu Lore und Grete könnten „Handfeger und Kehrschaufel” (Seite 12) symbolisch für die Frauen als die alltäglichen Dinge verstanden werden, die das Leben erleichtern. Der Erzähler hat konkrete Ansichten zur Rolle der Frau in der Gesellschaft und zu ihren typischen Aufgaben:

(„Wäsche auswinden ist k e i n e Frauenarbeit, s kann Einer sagen, was er will!)”[3]

Nach seiner Ansicht dürften Frauen nicht arbeiten.[4] Besonders deutlich wird Schmidts Frauenbild auf Seite 103: „Lore: jeder-Mann kommt mit einer Frau aus: es muß allerdings die Richtige sein. - (Und sie muß wissen, daß sie nicht bei jedem Mal ein Kind angehängt bekommt [...]. )”[5]

Seinem Frauenbild entsprechend "besitzt" er die Frauen, solange er es für angenehm hält und läßt sie frei, sobald sie seinen geistigen Zielen im Wege stehen. Sein Verhalten gegenüber Lore und Grete ist für ihn nicht typisch, läßt sich aber aufgrund der gemeinsamen Not erklären.

Bert Blumenthal hat richtig erkannt:

„Nur zu Zeiten gemeinsamer Not war Verständigung ansatzweise möglich, als man inmitten raffsüchtiger Individualisten sich zur Lebensgemeinschaft verbinden mußte. Doch während in "Brand' s Haide" Armut und Mitleid zwar die emotionale Basis der Liebenden sind, wird die entfremdete Rollenaufteilung der Geschlechter wie gewohnt propagiert: Indem die hauswirtschaftlichen Unternehmungen die Frauen voll beanspruchen, kann der Mann beim Materialsichten und Dichten seine intellektuellen Fähigkeiten weiterentwickeln.”[6]

Schmidts Frauenbild steht im engen Zusammenhang zum romantischen Selbstverständnis, das den Künstler zum Außenseiter macht und eine enge existenzielle Verbindung seines Lebens mit der Literatur postuliert. Die Worte Detlef Kremers, „[d]er romantische Künstler hängt mit allen Fasern seines Körpers und seines Geistes am und im Text"[7] führen zu der Annahme, daß Schmidts Charakter im romantischen Selbstverständnis einzuordnen ist.

Da Lore Schmidt zuerst verläßt, erfährt der Leser nicht, wie lange Schmidt die Beziehung fortsetzen wollte. Schmidt kann Lore nicht halten, da er sich ihr nicht mit ganzem Herzen hingeben kann: „Selbst in den intimsten Stunden offenbart er sich ihnen nie gefühlsmäßig, weshalb sie den blondgewellten reifen Mann nie hingebungsvoll lieben können [...]”.[8] Blumenthal hat Lores Entschluß treffend analysiert:

„Falls sie ihn verlassen, geschieht das weniger aus eigenem freien Entschluß, eher aus Angst vor seiner Stärke oder aus plötzlicher Einsicht, daß er ihrer mittlerweile überdrüssig geworden ist. Nie dauert die sexuell betonte Liebesbeziehung an, nie ist sie handlungsbestimmendes Moment; die kurzen stürmischen Begegnungen machen dagegen dem Protagonisten sein Leiden am Dasein noch bewußter, weil ihr notwendig tragisches Ende die Spanne erweitert, welche den Künstler von den sinnesfrohen Menschen trennt.”[9]

Lore entscheidet sich gegen die Liebe zu Schmidt, um ein sorgloses Leben bei ihrem reichen Vetter führen zu können. Bert Blumenthal hat eine besonders gute Erklärung dafür gefunden, daß Schmidt sich frei fühlt, nachdem Lore ihn verlassen hat[10].

Schmidts Freiheitsgedanken erklärt er wie folgt:

„Primäres Ziel des reifen Mannes nach der Überwindung des Totalitarismus ist - der Jugenderinnerung entsprechend -, vollkommene Aktions- und Entscheidungsfreiheit wiederzugewinnen, um ein von den eigenen Interessen erfülltes Leben führen zu können. Deshalb entzieht er sich der behördlichen Überwachung teilweise durch Ausübung eines freien Berufes, bleibt unverheiratet und ohne Freunde. Sein Freiheitsgedanke bezieht sich somit vorwiegend auf eine rein persönliche Freiheit, auf den nur-privaten Bereich des Individuums; - wie politisch- gesellschaftliche Selbstbestimmung und Gleichheit erwirkt werden kann, kümmert ihn nur nebenbei.”[11]

III. CHARAKTERISIERUNG DER UNDINE

In Friedrich de la Motte Fouqués Erzählung "Undine" werden der Protagonistin zwei verschiedene Charaktere verliehen. Undine erlebt eine tiefe Wandlung, nachdem sie durch die Hochzeit mit Huldbrand eine Seele empfangen hat.

Vor der Hochzeit mit dem Ritter Huldbrand wird die Undine als seelenloses Naturgeschöpf beschrieben. Undine hat einen humorvollen Charakter, ist zu Neckereien aufgelegt und „im Grunde von ganzem Herzen gut”.[12] Ihre Lebendigkeit, Launenhaftigkeit und ihre Unberechenbarkeit machen ihren weiblichen Liebreiz aus. Undine ist wild, unstet, kindisch und aufmüpfig. Durch die ihr zugedachten Eigenschaften vereint Undine zugleich das Kind und die Frau in einer Person. Statt mit Scheu begegnet sie Huldbrand mit Zuneigung. Undines heidnisches Wesen wird außerdem von Eifersucht und anmutigem Zürnen bestimmt: „Er freute sich allemal herzinniglich auf ihr anmutiges Zürnen, um so mehr, da sie gewöhnlich nachher ihre üble Laune durch die holdesten Liebkosungen wiedergutzumachen suchte.”[13]

Als beseelte Ehefrau des Ritters Huldbrand ist Undine ernst, in sich gewandt, sittsam und hausmütterlich: „Sie blieb den ganzen Tag lang so; still, freundlich und achtsam, ein Hausmütterlein und ein zart verschämtes, jungfräuliches Wesen zugleich.

[...] Undine blieb engelmild und sanft.”[14]

Als liebende und leidende Frau fixiert Undine die Liebe auf den "Einzigen", gebunden an den Ort ehelicher Liebesgemeinschaft. Da sie sich von ihrer Rolle als Wassergeist distanziert, büßt sie ihre elementare sinnliche Kraft ein und verliert ihre ursprüngliche erotische Attraktivität.

IV. CHARAKTERISIERUNG DER BERTALDA

Das äußere Erscheinungsbild der Bertalda wird nicht konkret von Fouqué beschrieben. Sie wird als anmutiges Mädchen, wunderschönes Frauenbild, schönes Mägdlein und als hochmütige Maid von Huldbrand charakterisiert.[15] Einerseits hat Bertalda ein herrisches, kaltherziges Wesen und ist machtliebend, aber andererseits ist sie zu Liebe und Reue fähig. Sie zeigt sich dankbar, demütig, scheu, bescheiden und empfindet sogar Trauer über Undines Verschwinden, obwohl diese Huldbrand geheiratet hat.

Fouqué hat Bertalda als Gegenfigur zu Undine gewählt. Da ihre Lebenswege und Schicksale eng miteinander verknüpft sind, werden sie als ungleiche Schwestern bezeichnet:

„Sieh, wir wurden als Kinder miteinander vertauscht; da schon verzweigte sich unser Geschick, und wir wollen es fürder so innig verzweigen, daß es keine menschliche Gewalt zu trennen imstande sein soll. [...] Wie wir als Schwestern miteinander teilen wollen, besprechen wir dort.”[16]

Bertaldas Wesen läßt sich nicht eindeutig definieren. Die Darstellung ihrer Person irrt von böse bis bemitleidenswert hin und her. Sie ist die "Menschliche" in der Erzählung, so daß sich Huldbrand mehr zu ihr hingezogen fühlt. Bertalda wird von Fouqué nicht nur als böse Gegenspielerin, sondern als tragische Figur eingesetzt, deren negatives Verhalten zum Teil als Folge ihrer unerfüllten Liebe resultiert.

[...]


[1] Blumenthal, Bert: Der Weg Arno Schmidts. Vom Prosatext zur Privatprosa. - München: Minerva 1980, Seite 33.

[2] Vgl. Blumenthal, S. 37.

[3] Schmidt, Arno: Brand's Haide (1951). - Frankfurt/ Main 1992 (Fischer TB 9113), S. 66.

[4] Vgl. Schmidt, S. 119.

[5] Ebd., S. 103.

[6] Blumenthal, S. 35.

[7] Kremer, Detlef: Prosa der Romantik. - Stuttgart: Metzler 1996; Bd 298, S. 135.

[8] Ebd., S. 34.

[9] Ebd., S. 36.

[10] Vgl. Schmidt, S. 151.

[11] Blumenthal, S. 90.

[12] Fouqué, Friedrich de la Motte: Undine. Eine Erzählung. - Stuttgart 1983 (RUB 491), S. 9.

[13] Ebd., S. 28.

[14] Ebd., S. 42.

[15] Vgl. Fouqué, S. 21.

[16] Fouqué, S. 61.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Lore und Grete - Zwei ungleiche Schwestern?
Untertitel
Eine Charakterisierung der weiblichen Protagonisten in Arno Schmidts "Brand's Haide"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut der RWTH Aachen)
Veranstaltung
Arno Schmidts Prosa der 50er Jahre
Autor
Jahr
1998
Seiten
17
Katalognummer
V174406
ISBN (eBook)
9783640950737
ISBN (Buch)
9783640950447
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Literatur, Arno Schmidt, Charakterisierung, Brands Haide, Frauenbild, 50er-Jahre, Dreieckskostellation, Undine-Thema, Fouquet
Arbeit zitieren
Sonja Heinen (Autor), 1998, Lore und Grete - Zwei ungleiche Schwestern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174406

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