Tugend und Laster

Eine Untersuchung der Romanfiguren Seymour und Derby in Sophie von La Roches "Geschichte des Fräuleins von Sternheim"


Seminararbeit, 1996

13 Seiten


Leseprobe

Inhalt

I. Vorbemerkung

II. Intention der Autorin

III. Lord Seymour

IV. Lord Derby

V. Resümee

VI. Literaturverzeichnis

I.Vorbemerkung

Die Personen Lord Seymour und Lord Derby, mit denen Sophie von La Roche ihr "papiernes Mädchen"[1] Sophie von Sternheim konfrontiert, bewirken eine Veränderung ihrer Persönlichkeit. Bevor auf die Charaktere von Seymour und Derby eingegangen werden kann, ist es wichtig, deren Funktionen für die "Geschichte des Fräuleins von Sternheim" herauszustellen. Hierzu erfolgt eine kurze Untersuchung der Intention von Sophie von La Roche.

Anschließend erfolgt eine Charakterisierung der Personen Seymour und Derby. Ein Interesse der Untersuchung gilt der Frage, welche Schuld Seymour und Derby an Sophies Leidensweg trifft. Zu eigenen Interpretationen werden einige Forschungsansichten hinzugezogen und bewertet werden. Dabei fällt auf, daß die Forschung sich insbesondere mit der Person des Lord Derby in der Rolle des klassischen Libertin auseinandergesetzt hat. Des weiteren ist zu sagen, daß eine Charakterisierung des Lord Seymour erschwert wird, da er im Gegensatz zu Lord Derby einen schwachen Charakter hat und nicht aktiv in Erscheinung tritt.

Abschließend wird das Ergebnis der Untersuchungen in einem Resümee dargestellt werden.

II. Intention der Autorin

Sophie von La Roche konfrontiert in ihrer autobiographischen Geschichte ihre Romanheldin Sophie von Sternheim mit zwei gegensätzlichen Personen, um ihre weibliche Leserschaft auf unterhaltende Art über vernunftgemäße und sittliche Lebensführung zu unterrichten.

Barbara Becker-Cantarino, Herausgeberin der Reclam-Ausgabe, faßt in ihrem Nachwort die Intention der Autorin sehr gut zusammen:

"Der Roman beruhte teilweise auf ihren persönlichen Beobachtungen, Erfahrungen und

Gelesenem, aber vor allem zeichnete er ein gefühlvolles Seelenbild einer tugendhaften Frau, und zwar ganz aus der Perspektive dieser Frau, die ein Vorbild für die Töchter und Frauen des begüterten Bürgertums werden sollte."[2]

Zuerst lernt Sophie einen empfindsamen, tugendhaften Engländer kennen. Durch ihn sollen Sophie und die Leser erkennen, daß ein Mensch nur aufgrund seiner inneren Werte liebenswert ist. Sophie stellt ihre Einstellung zur Liebe wie folgt dar:

Schönheit und Witz haben keine Gewalt über mein Herz, [...] eine feurige Leidenschaft

und zärtliche Reden auch nicht [...]. Die Achtung für die guten Neigungen meines Herzens und für die Bemühungen meines Geistes, [...] dieses allein rührt mich, weil ich es für ein

Zeichen einer gleichgestimmten Seele und der wahren dauerhaften Liebe halte [...].[3]

Durch die zweite Person, einen skrupellosen Engländer, stellt die Autorin Sophies Tugend auf die Probe."[4] Zugleich wird die Gefährdung von Tugend und Moral durch ausschweifende Sexualität aufgezeigt, die ihre Erfüllung nicht im Rahmen einer Ehe findet.

Eng an ihr Vorbild, Samuel Richardsons "Clarissa", angelehnt, verfaßte Sophie von La Roche einen moralisch-empfindsamen Roman der Aufklärung. Wie Richardson in "Clarissa", so stellt auch Sophie von La Roche in ihrem Roman die erotisch-sinnliche Liebe negativ dar, die "de[n] empfindsame[n] Roman auf dem Kontinent zum Prüfstein des menschlichen Werts erhebt"[5]. Die wahre Liebe beschränkt sich bei Sophie von Sternheim auf die inneren Werte wie Moral und Tugendhaftigkeit.

In den Gestalten des Lord Seymour und des Lord Derby stellt die Autorin den bürgerlich-empfindsamen Liebesbegriff dem höfischen gegenüber, um die Unvereinbarkeit der Liebeskonzeptionen des Hofes und des Bürgertums herauszustellen.[6]

III. Lord Seymour

Lord Seymour wird im Briefwechsel zwischen Sophie von Sternheim und Emilia vorgestellt und charakterisiert. Eine weitere Darstellung seiner Person erfolgt in Briefen, die Lord Derby und Lord Rich verfassen.

Carl Seymour ist Sophie von Sternheim bereits durch Erzählungen bekannt, bevor er sie zum ersten Mal auf dem Hof in D. besucht. Von Fräulein C* erfährt Sophie von seinem Charakter, der Sophie als vortrefflich erscheint. Das Bild von einem ehrenhaften Mann, das sie sich aufgrund der verbalen Darstellung von Seymour anfertigt, sieht Sophie bei seinem Anblick bestätigt.

Der Lord wird Sophie als englischer Gesandtschaftsrat vorgestellt, der in Begleitung seines Oheims Mylord G. deutsche Höfe bereist. Daß sie von Lord Seymour beeindruckt ist, teilt Sophie Emilia in einem Brief mit: "[W]as ich Ihnen von ihm geschrieben, war nichts anderes, als daß ich alles Edle, alles Gute [...] in seiner Physionomie ausgedrückt sah."[7] Im gleichen Brief erfährt der Leser, daß sich Sophie dem Lord bereits verbunden fühlte, bevor sie ihn persönlich kennenlernte.

Sophie spricht auf den Gleichklang ihrer Seelen an, den sie verspürte, als Fräulein C* ihr von Seymour erzählte. Diese Art einer Seelenverwandtschaft zwischen ihr und dem Lord erinnert an die Verbindung ihrer Eltern, des Obersten von Sternheim zu ihrer Mutter Sophie P. . Seymour hat sich, ebenso wie der Oberst von Sternheim, Achtung und Liebe allein durch seine Tugendhaftigkeit erworben.

Lord Seymours Rolle für die Romanhandlung ist vergleichbar mit Sabeths Funktion in Max Frischs "Homo Faber". Beide Personen zeichnen sich durch ihre folienhaften Charaktere aus. Während Frisch durch Sabeth Unbeschwertheit und Jugend verkörpert, zeichnet La Roche in Seymour "den Idealtypus eines im vollendeten Sinne empfindsamen und tugendhaften Mannes [...]"[8] Einzig Seymours bedingungslose Tugendhaftigkeit und seine dauernde Melancholie gelten als wesentlich für seinen Charakter und sein Verhältnis zu Sophie. Dadurch, daß Sophie Seymours äußerer Erscheinung keine Beachtung schenkt, erfährt der Leser nichts über sein Aussehen oder sein Alter.

In Sophies Brief an Emilia erfolgt eine erste charakterliche Darstellung von Lord Seymour: "Wenn ich den Auftrag bekäme[,] den Edelmut und die Menschenliebe [...] in einem Bilde vorzustellen, so nähme ich ganz allein die Person und Züge des Mylord Seymour [...]."[9] Die schwärmerischen Worte, mit denen Sophie Seymours Vorzüge beschreibt, bringen ihre Verliebtheit zum Ausdruck:

Ich übergehe den sanften männlichen Ton seiner Stimme, die gänzlich für den Ausdruck

der Empfindungen seiner edeln Seele gemacht zu sein scheint, das [...] gedämpfte Feuer seiner schönen Augen, den unnachahmlich angenehmen [Hervorhebungen von mir, S. H.] und mit Größe vermengten Anstand aller seiner Bewegungen, und [...] de[n] tugendliche[n] Blick seiner Augen [...].[10]

Des weiteren spiegelt sich Seymours Persönlichkeit in seinem Verhalten und in seinen Briefen an den Doktor T** wieder.

Seymours melancholisches Gemüt kommt zum Ausdruck, als Sophie sieht, daß er sich mit "[...] tiefsinnige[r] Traurigkeit [...] an den Pfeiler des Fensters setzt[...]"[11].

Daß Seymour Zuneigung für sie empfindet, entdeckt Sophie in seinen Augen, die er "mit dem lebhaftesten Ausdruck von Zärtlichkeit"[12] auf sie wendet und "welche die einzigen sind, die [sie, S. H.] nicht beleidigten [...]"[13]. In Seymours tugendhaftem Blick spiegelt sich seine reine, moralisch unbefleckte und edle Seele wieder.

[...]


[1] vgl. La Roche, Sophie von: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Hrsg. von Barbara Becker-Cantarino. Stuttgart Reclam 1983. (RUB 7934). Seite 394.

[2] La Roche, S. 386.

[3] ebenda, S. 183.

[4] vgl. Hohendahl, Peter Uwe: Empfindsamkeit und gesellschaftliches Bewußtsein. In: JDSG 16. Jahrgang. Stuttgart. Kröner 1972., Seiten 191 - 207, hier S. 195.

[5] ebd., S.188.

[6] vgl. Heidenreich, Bernd: Sophie von La Roche - eine Werkbiographie. In: Frankfurter Hochschul-schriften zur Sprachtheorie und Literaturästhetik. Hrsg. von Dieter Kimpel. Frankfurt/M. 1986. Peter Lang. Band 5., S. 38f.

[7] La Roche, Sophie von: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Hrsg. von Barbara Becker-Cantarino. Stuttgart 1983. Reclam 7934, Seite 72.

[8] Heidenreich, S. 35.

[9] La Roche, S. 70f.

[10] ebd., S. 71f.

[11] ebd., S. 72.

[12] ebd., S. 74.

[13] ebd., S. 71.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Tugend und Laster
Untertitel
Eine Untersuchung der Romanfiguren Seymour und Derby in Sophie von La Roches "Geschichte des Fräuleins von Sternheim"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut der RWTH Aachen)
Veranstaltung
Die Schriftstellerin Sophie von La Roche
Autor
Jahr
1996
Seiten
13
Katalognummer
V174410
ISBN (eBook)
9783640950744
ISBN (Buch)
9783640950454
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Germanistik, Sophie von La Roche, Seymour, Derby, Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Arbeit zitieren
Sonja Heinen (Autor), 1996, Tugend und Laster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174410

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