Die normativen Freundschaftskonzepte von Aristoteles und Kant und ihre Anwendbarkeit im Kontext des kommerziellen sozialen Netzwerks ꞌFacebookꞌ


Hausarbeit, 2011
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die kleine Geschichte der Freundschaft

3. Der aristotelische Freundschaftsbegriff
3.1 Der vollkommen gute Freund
3.2 Das Streben nach Glück in Faceboo

4. Die Freundschaft bei Kant
4.1 Von autonomer Gesetzgebung zu fremder Glückseligkeit
4.2 Die vollkommene Zweieinigkeit

5. Die Ökonomisierung der Freundschaft

6. Zusammenfassung und Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Wenn derzeit von Freundschaft gesprochen wird, stellt sich die Frage, was sie heute eigentlich noch bedeutet. In folgender Arbeit wird zunächst anhand der Abhandlung des Kulturgeschichtlers Hermand eine exemplarische Übersicht der Herkunft und Entwicklung des Freundschaftsbegriffes aufgestellt, um im Anschluss zwei wichtige philosophische Freundschaftskonzepte genauer zu beleuchten.

Herausgehoben werden demnach die bis heute prägenden Freundschaftsbegriffe aus der Antike und der Neuzeit. Aristoteles arbeitete in der Nikomachischen Ethik eine Defini- tion der vollkommenen Freundschaft heraus, die allein zwischen den Tugendhaften in der Gemeinschaft zu finden ist. Ist die Freundschaft am guten Handeln orientiert, führt sie zum telos der Glückseligkeit. Aristoteles differenziert für wen wahre Freundschaft zu erreichen ist und konstatiert drei Formen von Motivationen: Wert, Lust und die wahre Freundschaft.

Nach Kant befördert eine selbstgesetzte Ausrichtung der Tugend eigene Vollkommen- heit und fremde Glückseligkeit. Aus dem moralischen Gefühl den Anderen zu achten und der praktischen Liebe, als ein Wohltun aus Pflicht folgt die zwischenmenschliche Liebe der Freunde. Es herrscht in Anwendung der kantischen Kategorien die Pflicht, die Freundschaft als vollkommene Zweieinigkeit, in welcher Freunde in gleicher und wechselseitiger Liebe und Achtung zueinander verbunden sind, als Ideal anzustreben.

Die Freundschaftsumgebung1 Facebook ist das größte soziale Netzwerk2 der Welt. Alle Mitglieder zusammen würden schon heute die Einwohnerzahl Brasiliens übertreffen (vgl. Faerman 2010: 22). Es ergibt sich die Frage, ob und in welcher Weise in dieser ‚Gemeinschaft‘, wo Freundschaften geschlossen und gepflegt werden, vollkommene Freundschaften möglich sind. Desweiteren wird geprüft, ob der Gründer dieses Netzwerkes sein Versprechen in der Realität halten kann, dass Facebook ein Netzwerk ist „in dem man Freunde trifft“ (Zuckerberg zit. in Faerman 2010: 37) und wie die Definition von Facebook-Freundschaften in Zeiten postmoderner Vereinzelung mit den traditionellen Konzepten von Freundschaft zu vergleichen ist.

Der folgende Text eruiert, inwieweit Kants Maßstäbe bezüglich des Freundschaftsbegriffes in diesem Netzwerk Anwendung finden, oder ob sich vielmehr mit den aristotelischen Vorstellungen von Nähe, Tugend und Glückseligkeit die Freundschaft im Web 2.0. definieren lässt.

Unternehmen betrachten die Freunde als Wirtschaftsfaktoren und es gilt zu hinterfragen inwiefern sie einen Störfaktor darstellen, wenn es um die Aspekte Vertrauen, Vernunft, Achtung und Kritikfähigkeit geht. Überdies werden die Grenzen der Freundschaft bei Facebook aufgezeigt. Hierbei wird zudem die Entwicklung der Beziehungen der Menschen betrachtet, ob sie in eine Richtung tendieren, in der diese nur noch aus einem reinen Nutzenaspekt bewertet werden.

Der nachfolgende Teil wird aufzeigen, wo der heutige Freundschaftsbegriff geschicht- lich einzuordnen ist und wie er sich aus den Ursprüngen der Antike bis heute entwickelt hat.

2. Die kleine Geschichte der Freundschaft

Der griechische Begriff für Freundschaft philia verweist zugleich auf die Liebesgöttin und war schon im klassischen Altertum wichtiger Gegenstand der Moralphilosophie. Philia, die „Kraft, die Elemente verbindet“ (Gerschmann 2008: 190), ist, als persönliche Bindung zweier Menschen, in ihrer Form von Aufeinanderbezogenheit mit der der Liebe gleichzusehen (vgl. Forschner 2008: 87). Nach Aristoteles verwirklicht sich Freundschaft als Tugend in der privaten und öffentlichen Gemeinschaft, im guten Handeln um des Anderen willen und führt zur Glückseligkeit, zur eudaimonia (vgl. Gerschmann 2008: 190, vgl. Forschner 2008: 87). Bis ins späte Mittelalter bleibt dieses „allgemein-menschliche Phänomen“ (Hermand 2006: 1) der Freundschaft als eines zu verstehen, welches sich an moralischen Kriterien und im angemessenen zwischen- menschlichen Handeln an Gut oder Böse orientierte. Auch im Christentum3 fand diese Ausrichtung ihre Anwendung (vgl. Hermand 2006: 1). Mit der Renaissance vollzog sich ein Bedeutungswandel der Freundschaft, die von der individuellen Liebe aus Sympathie in eine solidarische Brüderlichkeit überging (vgl. ebd., S. 2). Immanuel Kant als Philo- soph der Aufklärung warnte vor der Überemotionalisierung der Freundschaft aufgrund allzu gefühlsbetonter Auslegungen durch die Literaten. Stattdessen betrachtet er sie moralisch, als eine „durch gleiche wechselseitige Liebe und Achtung“ (Kant zit. nach MST4, S.608 in Gerschmann 2008: 190) bestimmte Pflicht.

Im 19. Jahrhundert werden Genossen und Arbeitskameraden als Freunde bezeichnet (vgl. Hermand 2006: 2). Nach Ende Zweiten Weltkrieges orientiert sich Freundschaft weg von nationaler Bindung und Kollektivvorstellungen, sondern gelangt zurück auf den Weg zum privaten Ich mit selbstgesetzten Beziehungen (vgl. ebd., S. 3). In der Postmoderne stehen zwischenmenschliche Bindungen immer mehr in Konkurrenz zueinander (vgl. ebd., S. 4).

Durch die marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaft werden sozialethische Impulse erschwert. Andererseits sieht Hermand eine Entwicklung, welche auf eine ausdifferenziertere Bindung hinzielt, in der die private Freundschaft wieder an Bedeutung hinzugewinnt (vgl. ebd., S. 5). Aufgrund der wachsenden Mobilität und damit verbundenen höheren Quantität der Begegnungen entwickelt sich ein autonomeres und individualisierteres Selbst, dem die Freundschaft wieder wichtiger wird. In dieser Form lassen sich die aktuell ausgeprägten Selbstverwirklichungstendenzen besser ausleben als beispielsweise in einer eingeengten Ehe (vgl. ebd., S. 6f).

Demnach ist die Freundschaft bis heute ein Konstrukt, dem es an Komplexität nicht mangelt. Unter anderem können sich Bindungen innerhalb des Arbeitsumfeldes ausbreiten, die als professionelle Freundschaften die Karriere fördern und stabilisieren (vgl. ebd., S. 187). Obsolet und selten geworden scheint dagegen die innige Freund- schaft, die im Sandkasten beginnt und auf die selbst in Lebensphasen von Ehekrisen und Gesundheitsproblemen zurückgegriffen werden kann (vgl. ebd., S. 181). In der heutigen Zeit ist Teamarbeit besonders in den Vordergrund gerückt und ein Sich- anpassen an die „herrschenden Konventionen der Berufsgruppe“ (Hermand 2006: 183) erforderlich geworden. Freundschaftliche Beziehungen laufen Gefahr im Rahmen von Networking5 zu notwendigen Nutzenfaktoren zu entarten (vgl. ebd.).

Folglich wird untersucht wie der Mensch der westlichen Kultur, der einen Großteil seiner Zeit bei der Arbeit verbringt und einen Großteil seiner Freizeit im Internet, seine Freundschaften beginnt und pflegt.

Ein diesbezüglich nicht mehr zu ignorierendes Phänomen ist das soziale Netzwerk Facebook. Im Jahr 20046 wird es als virtuelle Kommunikationsumgebung für Harvard- Studierende gegründet und hat mittlerweile eine Nutzerzahl von über 500 Millionen Mitgliedern erreicht7. Der Gründer Mark Zuckerberg charakterisiert seine Innovation folgendermaßen: „Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.“8 und verspricht, dass dies eine „Plattform [ist], in der man Freunde trifft“ (Zuckerberg zit. in Faerman 2010: 37). Ob sich auf dieses Netzwerk tatsächlich die Freundschaftsbegriffe aus der antiken und neuzeitlichen Moralphilosophie anwenden lassen, soll im Weiteren untersucht werden.

3. Der Aristotelische Freundschaftsbegriff

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste was es gibt auf der Welt.“ Heinz Rühmann9

Aristoteles beginnt seine Ethik mit dem teleologischen Ansatz, dass das „Gut[e] das Ziel [ist], zu dem alles strebt“ (EN I 1: 25)10. Das gute Handeln des Tugendhaften führt zum höchsten Gut: der Glückseligkeit, eudaimonia, und dies ist für den griechischen Denker maßgeblich in seiner praktischen Philosophie gegeben (vgl. Fasching 1990: 11, vgl. Röttgers 2009: KE 1: 1). Durch tugendhaftes Handeln kann der Mensch arete erlangen. Hierbei dient die Sittlichkeit, zu der das Wesen des Menschen in seiner entelechialen Selbstverwirklichung bestimmt ist (vgl. Fasching 1990: 70). Als Gesellschaftswesen, zoon politikon, ist der Mensch bei seinem Tun zur Erreichung der Glückseligkeit immer auf seine Mitmenschen angewiesen (vgl. Röttgers 2009 KE1: 5, vgl. Fasching 1990: 12). Nur der Tugendhafte ist zu Freundschaft fähig, indem er sich mit bestem Handeln, auf Grundlage von Freiwilligkeit, mithilfe der Klugheit in einer harmonischen Mitte zwischen extremen Charaktereigenschaften festigt. Übt er dies in der Gemeinschaft aus, entsteht Freundschaft als Verwirklichungsweise der Gerechtigkeit (vgl. Fasching 1990: 79-81, 93, 108).

[...]


1 Bezugnehmend auf Holzapfel ist damit die Umgebung Facebook im Internet gemeint, somit der Ort, wo sich die Freunde im Internet begegnen, die Plattform innerhalb derer sie miteinander agieren bspw. chatten können (vgl. Holzapfel 2010, S.46)

2 Soziale Netzwerke oder auch „Social Media: Medien, die erst durch die Beteiligung vieler zustande kommen. Im Gegensatz zum klassischen Sender-Empfänger-Modell ermöglichen diese Plattformen Herstellung und Austausch von Inhalten von mehreren Seiten. Weitere Bezeichnungen für diese Interaktion sind oder waren Mitmach-Web, Web 2.0 oder Social Web.“ (Bernet 2010: 176-177).

3 Im mittelalterlichen Christentum vollzieht sich darüber hinaus auch die begriffliche Trennung der seelischen, göttlichen Liebe aus Mitgefühl und Freundschaft (agape) und der körperlichen Liebe (eros)

4 Mit MST wird hier und im Folgenden die Metaphysik der Sitten, Tugendlehre Kants abgekürzt mit der Seitenzahlangabe nach der Weischedel-Ausgabe.

5 Unter der Tätigkeit „netzwerken“ (networking) versteht man den Aufbau und die Pflege eines Beziehungsgeflechts einer mehr oder weniger großen Gruppe von einander „verbundenen“ Personen, die sich gegenseitig kennen, sich informieren, und manchmal unabhängig von ihren Leistungen zum Beispiel in ihrer Karriere fördern oder andere Vorteile verschaffen. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Netzwerker zuletzt geprüft am 03.05.2011.

6 http://www.facebook.com/facebook zuletzt geprüft am 16.04.2011.

7 http://www.facebook.com/press/info.php?statistics zuletzt geprüft am 21.04.2011.

8 http://w.bt.fbk.frpx.prd.miyowa.net/ (Indexseite von Facebook) zuletzt geprüft am 16.04.2011.

9 gesungen in dem Film „Die Drei von der Tankstelle“ 1930, Liedtext geschrieben von Robert Gilbert.

10 Im folgenden wird Aristoteles' Nikomachische Ethik nach der Übersetzung von Dirlmeier 1957 zitiert als EN, mit Angabe der römischen Kapitel und der Seitenzahl aus der Dirlmeier-Ausgabe, siehe Literaturliste.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die normativen Freundschaftskonzepte von Aristoteles und Kant und ihre Anwendbarkeit im Kontext des kommerziellen sozialen Netzwerks ꞌFacebookꞌ
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Philosophie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V174446
ISBN (eBook)
9783640950805
ISBN (Buch)
9783640950522
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freundschaftskonzepte, aristoteles, kant, anwendbarkeit, kontext, netzwerks
Arbeit zitieren
Christina Gießmann (Autor), 2011, Die normativen Freundschaftskonzepte von Aristoteles und Kant und ihre Anwendbarkeit im Kontext des kommerziellen sozialen Netzwerks ꞌFacebookꞌ, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174446

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