Die Bedeutung von Zeit in Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung: Textimmanentes Postulat eines Zeitverständnisses beim Leser

2. Was ist Zeit? Versuch einer Einheit auf physikalischer, philosophischer und literarischer Definition

3. Spiel mit erzählter Zeit und Erzählzeit

4. Phänomenale Zeitlichkeit gegenüber einer übergeordneten Innerzeitlichkeit

5. Bedeutung der Industrialisierung für die Zeit und die Geschwindigkeit der Charaktere im Roman

6. Die Eiswelt als Materialisierung der Ewigkeit

7. Die Zeit im Franklinschen System: Bedeutung der Langsamkeit
a. Verständnis von Zeit in Dr. Ormes Abhandlungen
b. Zeitraffung durch Langsamkeit
c. Kontrastierung von John Franklins Welt und der Welt der Gesellschaft durch Zeit
d. Wandel des Selbstverständnisses von John Franklin durch seinen Umgang mit Zeit
e. Exkurs: Begegnung mit dem Tod durch Langsamkeit

8. Rückbesinnung: Was ist und was bedeutet Zeit?

9. Literaturangaben

1. Einleitung: Textimmanentes Postulat eines Zeitverständnisses beim Leser

Sten Nadolny fokussiert in seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“[1] einen der wohl kompliziertesten und komplexesten Momente der Menschheit: Die Zeit. Durch den postmodernen Umgang mit der Relation Mensch und Zeit in seinem Werk, wirft er mehrere Ebenen von möglichem Verständnis der Zeit in den Raum und intendiert ebenso vielfältige Interpretationsmöglichkeiten beim Leser. Nadolnys Protagonist John Franklin interagiert – im Gegensatz zum historischen John Franklin[2] - durch die Besonderheit der Langsamkeit mit der textimmanenten Zeit: „John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. (...) Vielleicht war in ganz England keiner, der eine Stunde und länger nur stehen und eine Schnur halten konnte.“[3]

Da der Autor den Leser schon auf der ersten Seite mit der Besonderheit der Situation und dem damit zusammenhängenden Verständnis von Zeit konfrontiert, wird dadurch bereits implizit vom Leser die Konstruktionsarbeit bezüglich eines eigenen Zeitverständnisses als Maßstab für den weiteren Handlungsverlauf gefordert. Indem Nadolny seine Romanfigur immer wieder selbstreflexive Überlegungen zu dessen Zeitverständnis und dem daran angeknüpften Weltbild anstellen lässt, zwingt er den Leser durch diese Technik dazu, sein eigenes Verständnis des Komplexes mit in Frage zu stellen: „Er fühlte sich so jung, dass er direkt darüber nachdenken musste: Vielleicht war er es wirklich! Woher weiß ich denn, dachte er, dass ich auf dieselbe Weise über dreißig bin, wie die anderen? Wenn ich nachgehe wie eine Uhr, dann dauert es auch länger, bis ich abgelaufen bin. Also bin ich vielleicht erst zwanzig.“[4] Insofern kann es keineswegs verwundern, wenn der Schriftsteller die Multiplexität der Thematik in einer mehrschichtigen Struktur behandelt. So kontrastiert er die Langsamkeit des Protagonisten im - bis dato - vermeintlich schnellsten Zeitalter der Menschheitsgeschichte, nämlich der Industrialisierung, während er zugleich die Schnelllebigkeit des Entwicklungsprozesses der Gesellschaft einer naturgewaltigen Welt des „ewigen Eises“ gegenüberstellt, in der weder Zeit noch Geschwindigkeit irgendeine relevante Bedeutung erfahren. Durch die Divergenz in der Figur John Franklins durch sein angeborenes Geschwindigkeitsdefizit einerseits und dem diesbezüglich scheinbar opponierenden Erfolg in der Gesellschaft andererseits, wird eine interaktionierende Spannung zwischen der intrapersonalen Welt der Hauptfigur und der historistischen Romanwelt als Rahmenbedingung geschaffen. Der Romanheld wird hier zu einem personifizierten Anachronismus, der nicht aus seiner Zeitachse ausbricht, sondern diese nur alternativ rezipiert: „Wie lange etwas dauert und wie plötzlich es anders sein kann“, sagte Franklin, „steht nicht fest, es hängt vielmehr von jedem einzelnen ab. Ich hatte genug Mühe damit, das zu akzeptieren: meine eigene Geschwindigkeit, und die Art, wie sich die Welt für mich bewegt.“[5] Im Roman treffen folglich Zeitbegriffe aus Wissenschaft und Technik auf die Vorstellung von Zeit in philosophischen Selbstreflexionen, die kosmische Zeit in Form von Zeitstrukturierung durch Intervalle steht der natürlichen Zeit sowie der erlebten oder gefühlten Zeit gegenüber und der Terminus selbst wird immer wieder mit Geschwindigkeit, Langsamkeit und Wahrnehmung in einen Kausalzusammenhang gestellt. Neben der textimmanenten Unsicherheit des Zeitbegriffs wird der Leser noch durch das Autorenspiel mit erzählter Zeit und Erzählzeit angeregt, ebenso wie von Gedankenanstößen zu fiktiver und historischer Zeit, um am Ende festzustellen, dass die Zeit des Romans durch die Lesedauer nicht überwindbar war.[6]

Von entscheidender Relevanz wird sowohl für John Franklin als auch für den Leser die Tatsache, dass Zeit als Komplex nur in Abgrenzung zu einer definierten Materie verstanden werden kann. Die Romanfigur versteht Zeit intrapersonal als Manifestation der eigenen Langsamkeit, gemessen an der Geschwindigkeit der Anderen oder der Gesellschaft als solchen. Funktionalistisch sieht Franklin die Zeit als messbare Größe, der beizukommen durch Intervallisierung allein bewerkstelligt werden kann und die sich somit in ihrer eigenen Funktion erschöpft, aber dennoch und trotz aller Bemühungen nicht greifbar wird und von der Subjektivität der Emotionalität nicht gelöst werden kann: „Dann die Chronometer (...)-, und jeder ging auf seine Weise ein wenig vor oder nach. Nur gemeinsam verbürgten sie Genauigkeit. Durch ständiges Vergleichen kam jede Eigenwilligkeit des einzelnen sofort an den Tag. Uhren waren Geschöpfe.“[7] Für den Leser dagegen bleibt nur die Möglichkeit, das eigene Zeitverständnis in den Hintergrund rücken zu lassen und die Zeit durch die Augen von Franklin zu sehen und aus seinem Wechselspiel mit der Historizität seiner (Roman-)Welt heraus zu begreifen zu suchen. Folgerichtig muss sich der Leser für das Verständnis dieses Werks ein neues Zeitverständnis konstruieren, das sich zwar an bekanntem Wissen und an Vorverständnissen orientieren kann, aber die Besonderheiten der textimmanenten Blickwinkel als Konstituenten benötigt.

2. Was ist Zeit? Versuch einer Einheit auf physikalischer, philosophischer und literarischer Definition

Als Voraussetzung für das Verständnis des Zeitinterferenzproblems in Nadolnys Werk sollen im folgenden Kapitel einige Perspektiven auf den Themenkomplex Zeit differenziert dargestellt und unter Licht des Romans gegeneinander abgegrenzt werden. Zunächst hat sich im Laufe der jahrhunderte- und jahrtausendelangen Beschäftigung mit der Thematik immer wieder ergeben, dass kaum eine fachwissenschaftlich trennscharfe Möglichkeit besteht, um zu Ergebnissen zu kommen. Aurelius Augustinus hat sich bereits im Jahr 398 in seinem Werk „confessiones“ mit der Frage beschäftigt, was Zeit ist. Sein theologisch-philosophischer Ansatz wurde noch im 20. Jahrhundert von führenden Physikern in nicht unbedeutenden Punkten bestätigt und liefert in dieser Kombination immer noch eine unermessliche Stofffülle an Adaptionsvorlagen für die Literatur. Auch wenn sich Augustinus selbst an mehrfacher Stelle[8] eingestehen muss, kein Verständnis oder keinen Begriff von Zeit zu haben, so findet er doch zu der Vorstellung, dass die gefühlte Vorstellung von Länge und Kürze von Zeit keiner realen Zeit entspricht, da Zeit nur der ins unendliche verkürzte Augenblick dessen ist, was wir Gegenwart nennen: „Die gegenwärtige Zeit aber hat keine Dauer.“[9] Damit widerspricht Augustinus einem anderen großen Philosophen der Antike, nämlich Aristoteles, der sagt „die Zeit ist nicht die Bewegung, sondern das Abzählbare an ihr.“[10] Aristoteles erfasste Zeit als das, was sie auch im Alltagsverständnis der Moderne immer noch ist: Als eine Einteilung des phänomenologisch wahrnehmbaren Vergehens in Intervalle[11]. Augustinus wollte für sich selbst ein darüber hinausreichendes Verständnis von Zeit entdecken und fragte nach „Kraft und Wesen der Zeit.“[12] An diesem Punkt ist der Bischof von Hippo Regius[13] mit seinem Latein am Ende, doch der Philosoph Immanuel Kant umgeht dieses Problem durch die Antinomie der reinen Vernunft, indem er Zeit nicht als empirische Realität versteht, sondern als a posteriorische Form unseres Bewusstseins.[14] Philosophisch stößt die oder besser eine Definition von Zeit also an ihre Grenzen, weil sie immer der eigenen Wahrnehmung unterworfen bleibt. Nichtsdestoweniger haben die Physiker und Naturwissenschaftler auf den Überlegungen der Philosophen aufbauend das Problem auf eine andere Ebene gehoben und entsprechende Lösungen präsentiert: Isaak Newton war der erste, der zwischen absoluter und relativer Zeit differenzierte und so Zeit in eine Abhängigkeit von Geschwindigkeit stellte, mit dem Ergebnis, dass Aristoteles´ Postulat nach Zeitmessung zumindest in einem absoluten Sinn nicht mehr als sicheres Wissen gelten kann.[15] Als Albert Einstein seine Relativitätstheorie entwickelte, stellte er damit die Größen Raum und Zeit in einen unauflöslichen Kausalnexus und gab der Zeit physikalisch gesehen sogar eine Form.[16] Da Einstein bewiesen hat, dass Raum und Zeit in ihrer Interdependenz Veränderung im Sinn von Raum-Zeit-Krümmung wiederfahren kann, bringt dies das Potential von Veränderung in die bis dato angenommene Konstanz der Thematik. Die Forscher Penrose und Hawking haben schließlich bewiesen, dass es mit der Singularität des Raumes auch die der Zeit geben muss und geben damit wiederum Kirchenvater Augustinus Recht, der bereits gesagt hat, vor der Erschaffung der Welt gab es keine Zeit.[17] Die neueste Forschung arbeitet mit der Hypothese von imaginärer Zeit, die zwar durch irreale Voraussetzungen Schlussfolgerungen für die Realität ausschließt, aber empirisch dennoch immer wieder Bestätigung erfährt.[18] Der krönende Höhepunkt im Kontext mit Nadolnys Roman ist hierbei, dass unter der Berechnung eines Universummodells, welches auf imaginären Zahlen besteht, die Zeit an Nord- und Südpol stehen bleiben würde.[19]

Alle physikalischen Erkenntnisse, philosophischen Überlegungen und „spekulativen Wahrheiten“ werden in der Literatur wiederum ganz anderen Regeln unterworfen: „Erzählen ist ein Modus subjektiver Zeiterfahrung“[20]; dem Roman gelingt, was dem Menschen der Realität verwehrt bleibt: Das Spiel mit der Zeit wird zur unendlichen Möglichkeit, ebenso wie das kognitive und emotionale Verständnis davon durch den Leser. Nadolny arbeitet in seinem Werk basierend auf einem allgemeinverständlichen Zeitbegriff eine fiktive Situation aus, in der sich die vermeintlich gültigen Vorstellungen von Zeit sowohl für die Protagonisten wie auch für den Leser langsam auflösen und neu konstruiert werden: Zeit wird zu einem „vom Beobachter abhängigen sozialen Konstrukt.“[21] John Franklin wird vom Leser ebenso wie von seiner intratextuellen Umwelt als langsam wahrgenommen und entwickelt daraufhin – indem er sich selbst an seiner Umwelt misst – sein eigenes Verständnis von Zeit und Geschwindigkeit. Nadolny bricht eine Konvention allgemeingültigen Verständnisses auf, wenn er einen als konstant gedachten Faktor mittels veränderter Komparationsmöglichkeiten auf die Ebene der Unsicherheit hebt. Der Leser wird dadurch mit der Situation konfrontiert, dass er darüber nachdenken muss, woran er seine eigene Geschwindigkeit messen kann und ihm schlussendlich – wie John Franklin – nur die Möglichkeit zum Vergleich mit Anderen bleibt, nicht aber mit der Eigentlichkeit der Zeit: „Im Sprechen über die Zeit reflektiert der Mensch sein Verhältnis zu sich selbst, zur Natur und zu der geschichtlichen Welt des Sozialen im Horizont von Dauer und Wechsel, von Wiederholung, Veränderung und Verlust, von Erinnerung und Erwartung, und zwar vor allem dann, wenn diese Verhältnisse problematisch werden und neuer Bestimmung und Sinngebung bedürfen.“[22] In diese Situation und damit in die Unsicherheit der Lebenswelt von John Franklin wird der Leser eingeführt und bis zum Romanende nicht mehr freigelassen, als der Protagonist in seinen einleitenden Gedanken die Kirchturmuhr betrachtet: „Nur einen Zeiger gab es, und der musste dreimal am Tag vorgerückt werden. John hatte eine Bemerkung gehört, die ihn mit dem eigensinnigen Uhrwerk in Verbindung bracht. Verstanden hatte er sie nicht, aber er fand seitdem, die Uhr habe mit ihm zu tun.“[23]

3. Spiel mit erzählter Zeit und Erzählzeit

Der Autor reguliert das romanimmanente Zeitsystem auf mehreren funktionales Ebenen und findet immer wieder adäquate Möglichkeiten, interferierende Zeitsysteme zu verknüpfen oder zu kontrastieren. Bereits im ersten Kapitel des Werkes wird der Leser mit der Langsamkeit des Romanhelden vertraut gemacht, indem es ihm erlaubt wird, den Gedanken John Franklins in dessen Eigentümlichkeit zur Geschwindigkeit der Anderen Romanfiguren abgegrenzt mitzuerleben: „Während John das noch zu sehen meinte, zog ihn jemand von hinten an den Haaren. Wie war Tom dorthin gekommen, da fehlte schon wieder ein Stück Zeit.“[24] Während der Leser an Franklins Innensicht teilnehmen darf, fehlt ihm wie dem Protagonisten selbst das Geschehen der Romanumwelt, damit wird der Leser in die gleiche Langsamkeit gezwängt, die der Hauptfigur zu eigen ist. Diese theoretisch selbstverständliche Tatsache der literarischen Innenperspektive bekommt bei Nadolny eine besondere Konnotation, da der Leser durch diese Technik die Besonderheit der Romanfigur miterleben kann. John Franklin als Erzähler neutralisiert die historische Zeit, er ist frei von den Bindungen, die die Wiedereinschreibung der erlebten Zeit in die kosmische Zeit regulieren.[25] Der Leser wird insofern vom Erzähler davon mitbefreit und kann in das romanimmanente Zeitsystem eintauchen. Der Unterschied dieses eigentlich gängigen Verfahrens in seiner Anwendung im Vergleich zu anderen Werken liegt darin, dass der Autor bewusst die Funktion der Technik verdoppelt: Dem zeitlichen Miterleben mit einer Romanfigur wird das Nachvollziehen der Zeitinterferenz in der Erzählung beigefügt. Nadolny bewirkt durch diese Besonderheit, dass der Leser John Franklin wirklich als langsam erlebt, die ganze Erzählung bekommt eine Eigentümlichkeit der Langsamkeit.[26] Der Erzähler zeigt dem Leser die Welt durch seine Augen und weist auf die vielfachen Besonderheiten hin, die der Wahrnehmung eines schnelllebigen Betrachters entgehen würde: Symptomatisch dafür ist die Situation, als er einen dänischen Soldaten tötet, indem er ihn erwürgt und der Leser währenddessen jeden einzelnen Gedanken in Franklins Kopf auf zwei Romanseiten verfolgen kann, während innerhalb der Romanzeit kaum ein paar Sekunden vergangen sein dürften.[27] Analog nutzt Nadolny auch die umgekehrte Situation, indem er ganze Jahre und Jahrzehnte aus Franklins Leben mit einem Satz überspringt und ein Spiel mit der Zeit als vorgeschützte Begründung liefert: „Zehn Jahre lang überließ er die wichtigste Entscheidung, die über das eigene Leben, seiner Seekiste. Das wäre beinahe eine zu lange Zeit geworden.“[28] Durch den Pluralismus an Zeitvorstellungen, der auf unterschiedlichen Ebenen romanintern angeregt beim Leser aufgebaut wird, „werden nicht nur Erzählzeit und erzählte Zeit in neue Abhängigkeiten getrieben, sondern Zeit und Zeitbewusstsein werden als solches einem Wandel unterworfen.“[29] Ein anderer Punkt, der nicht gänzlich vernachlässigt werden darf ist die Tatsache, dass es sich um einen historischen Roman handelt, was sowohl durch die realhistorischen Bezüge[30] wie auch die intratextuellen Jahres- und Zeitangaben, die immer wieder auftauchen, belegt wird. Doch jede historische Zeit bildet – wie für einen historischen Roman üblich[31] – nur den Rahmen, während die literarischen Freiheiten innerhalb dieses Rahmens deutliches Übergewicht bekommen: „Irreale Personen (...) machen irreale Zeiterfahrung.“[32]

4. Phänomenale Zeitlichkeit gegenüber einer übergeordneten Innerzeitlichkeit

Die bereits mehrfach angesprochene Divergenz des eigenen Zeitverständnisses des fiktiven John Franklins im Vergleich zu seiner Lebenswelt zeichnet sich in der unterschiedlichen Form der jeweiligen Wahrnehmung aus. Um diesem Phänomen Herr zu werden, versucht der Protagonist die Zeit mittels Messungen und Einteilungen in einen Rahmen zu zwängen: „John hätte sogar nachts Logleine und Sanduhr mit in die Koje genommen, wenn er hätte messen können, wie schnell ein Mensch schlief oder wie viel Fahrt seine Träume machten.“[33] Was für jeden Anderen im Mantel des Alltags verschwunden wäre, wird für Franklin zur Obsession, da er durch seine Einzigartigkeit – sowohl im positiven wie negativen Sinn- keine andere Möglichkeit hat, als sich und seine Welt darüber zu definieren. Er grenzt sich damit gegen die im Roman überwiegenden „Hochgeschwindigkeitstypen“[34] ab und wird gerade durch den Kontrast zu anderen Geschwindigkeitstypen innerhalb seiner eigenen Geschwindigkeit zur einzigen dynamischen Figur.[35] Franklins Langsamkeit wird für den Roman zur gültigen Zeitlichkeit erhoben, während die Zeit als kosmisches Phänomen nur noch ein Rahmenprogramm bildet. Für das Verständnis dieser franklinschen Zeitlichkeit werden damit die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen und Geschwindigkeiten sowie die interferierenden Zeitebenen paradigmatisch, da genau daran und nur daran das Zeitverständnis von John Franklin wahrgenommen werden kann. Franklin wird zur Personifizierung der phänomenologischen Tatsache, „dass die Schläge von Big Ben keineswegs eine neutrale und allen gemeinsame Zeit skandieren, sondern eine jeweils andere Bedeutung für jede der Personen haben (...).“[36] Franklin wird somit zu einem gewissen Widerspruch in sich selbst, wenn er auf der einen Seite eine Chronologisierung der Welt anstrebt und „Tabellen (...) mit gleichbleibenden Maßen für alle erdenklichen Geschwindigkeiten“[37] fordert und andererseits seinen „eigenen Rhythmus“[38] gefunden haben will.

In einen Kausalnexus gestellt ist Zeit also an Zeitempfinden gekoppelt, diese wiederum an interpretierte Wahrnehmung und Wahrnehmung an Bewusstsein: „Es ist unser Ich, das dauert.“[39] Von der Vorstellung einer gültigen Zeit oder auch nur einer definierten Zeit muss sich der Leser bei Nadolny schnell verabschieden, doch die Vertiefung in die Thematik führt –analog wie für den Protagonisten – zu immer mehr Fragen als zu Antworten. Die Sicherheit, die dem Leser bleibt bezüglich des Zeitverständnis, ist die Unsicherheit: „Zeit und Erfahrung von Zeit stellen keine absoluten, zeitlosen Größen dar.“[40] So wird der Rezipient angehalten, beim Protagonisten zu verweilen und sein Zeitverständnis für den Roman über diesen zu definieren.

5. Bedeutung der Industrialisierung für die Zeit und die Geschwindigkeit der Charaktere im Roman

Die beiden fundamentalen Rahmenkomplexe zwischen denen der Protagonist mit seiner inneren Zerrissenheit zu kämpfen hat, stehen ganz im Zeichen von Zeit und ihren Ausformungen in Geschwindigkeit und Langsamkeit, nämlich dem historisch-gesellschaftlichen Entwicklungsprozess zu Lebzeiten des John Franklin im 19. Jahrhundert, bekannt unter dem Terminus Industrialisierung, welche polarisiert wird zum gedanklich und geographisch anderem Ende der Welt, nämlich der Nord-West-Passage im „Ewigen Eis“.

Zunächst sollen die spezifischen Eigenheiten des industriellen Fortschritts, ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Romanfiguren und die daraus resultierenden Konsequenzen aufgezeigt werden, bevor im folgenden Kapitel die Kontrastierung durch die Eiswelt erfolgt.

Mit dem Begriff Industrialisierung wird der Zeitraum bezeichnet, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzte und sich bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert fortsetzte. Charakteristisch für dieses Zeitalter ist der explosionsartige Anstieg an Erfindungen, technischen Neuerungen und den daraus resultierenden Veränderungen in den europäischen Systemen und Gesellschaften. Insbesondere die Erfindungen der Dampfmaschine (1769) und des mechanischen Webstuhls (1785)[41] leisteten einen fundamentalen Beitrag dazu, dieses Zeitalter einzuläuten. England, Heimatland des John Franklin und immer wieder angelaufene Station innerhalb des Romans, war dabei allen anderen europäischen Nationen einige Jahre voraus und verschaffte sich zumindest kurzzeitig einen technischen Vorsprung. Durch die Technisierung der Arbeits- und Lebenswelt änderte sich für die Menschen das bis dato gekannte Weltbild und damit ihr Alltag. Die technische Verwirklichung der Eisenbahn (in England realisiert seit 1830[42] ) brachte Städte und Menschen näher zusammen. Wenn noch kurz zuvor 30 km eine Tagesreise waren, konnten bald große Strecken zurückgelegt werden, sowohl für Einzelpersonen als auch in großem Stil für den Handel. Es entwickelte sich ein neues Raum-Zeit-Verhältnis, frühere Unmöglichkeiten wurden durch technischen Fortschritt realisierbar. Diese Veränderung postuliert auch für die Literatur ein Umdenken, will sie sich mit der Thematik beschäftigen: „Die Zeit verdichtet sich hierbei, sie zieht sich zusammen und wird auf künstlerische Weise sichtbar; der Raum gewinnt Intensität, er wird in die Bewegung der Zeit, des Subjekts, der Geschichte hineingezogen. Die Merkmale der Zeit offenbaren sich im Raum, und der Raum wird von der Zeit mit Sinn erfüllt und dimensioniert.“[43]

John Franklin wird literarisch – ebenso wie sein historisches Vorbild – mit diesem Prozess konfrontiert und erlebt dessen Anfänge und Entwicklung in den - aus historischer Distanz beurteilt entscheidenden Momenten – mit: „London dampfte. Der Zuwachs an Apparaten, Maschinen und Eisenkonstruktionen wurde täglich größer, man nannte es den Fortschritt.“[44] Besonders interessant gestaltet sich dabei, dass Franklin nicht in die Situation kommt, die Entwicklung des Fortschritts gemäß seiner eigenen Natur „langsam“ mitzuerleben, sondern durch seine langen Kriegsdienste auf See, die Forschungsreisen und später die Gouverneurszeit gezwungen wird, die Industrialisierung als eine „industrielle Revolution“[45] zu erleben. Wenn noch in seinen Jugendjahren einige Jahre auf See kaum eine Veränderung für die Heimkehrer bedeuteten, hat sich sein Geburtsort sehr verändert, als er als Erwachsener wieder einmal seine Heimat besuchen will: „Spilsby?“ fragte der Kutscher. „Das muss ein langsamer Ort sein.“ (...) Jeder Ort hieß langsam, wenn er nur selten von der Postkutsche angelaufen wurde.“[46] Der Protagonist erlebt mit, wie die Industrialisierung an seiner Heimatstadt vorbeizieht: Ausgerechnet die Stadt, in der er seine ganzen Kindheit hindurch als zu langsam gegolten hatte, war plötzlich selbst zu langsam. Innerhalb des Romans gewinnt die Industrialisierung immer dann an Bedeutung, wenn für die Hauptfigur eine längere Phase der Abwesenheit von der schneller werdenden Gesellschaft zu Ende geht. Damit kontrastiert sich umso mehr die Veränderung zwischen der Welt und Franklin, die sich gegenseitig nicht verstehen: „Jetzt waren die Londoner Zifferblätter weiß. Viele Uhren hatten Sekundenzeiger wie vorher nur die Schiffschronometer. Uhren und Menschen waren genauer geworden. John hätte das gutgeheißen, wenn daraus mehr Ruhe und Gemessenheit entstanden wäre. Statt dessen beobachtete er überall nur Zeitknappheit und Eile. Oder wollte nur für ihn, John, niemand mehr seine Zeit opfern? Nein, es musste eine allgemeine Mode sein. Der Griff zur Uhrkette war häufiger geworden als der zum Hut. Man hörte kaum Flüche, der Ausruf: Keine Zeit! War an ihre Stelle getreten. (...) Hinzu kam, dass er selbst viel zuviel Zeit hatte.“[47] Der Protagonist lebt in einer Welt, in der er sich seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Zeit suchen muss und lange Jahre damit verbracht hat, sich in dem opponierenden System der eigenen Zeit und der Weltzeit zurecht zu finden. Aufgrund der Industrialisierung wird wiederum an seinem System gerüttelt und Franklin „geht wieder einmal nach“. Aber auch hier findet sich in der Hauptfigur selbst eine Divergenz zwischen Pro und Contra der Industrialisierung: Auf der einen Seite lehnt er es aus seinem eigenen Zeitverständnis heraus ab, dass die Welt schnell und hektisch wird, auf der anderen Seite trägt er mit seinen Forschungen und seinem Theoretisieren z.B. über den Bilderwälzer von Dr. Orme dazu bei, dass sich die Gesellschaft weiter beschleunigt.[48] Ebenso macht er sich die Errungenschaften der Technik für die Schifffahrt nur allzu gern zu Nutze, z.B. der Uhr als einem Medium um die lineare Zeit in Intervalle zu zerlegen, auch wenn er sich der Nachteile durchaus bewusst ist: „Ging ein Zeithüter nur um eine Minute nach, so vertat man sich bei der Positionsberechnung schon um fünfzehn Seemeilen.“[49]

[...]


[1] Nadolny, Sten: Die Entdeckung der Langsamkeit, München 1987.

[2] Vgl.: Kohpeiß, Ralph: Oldenburg Interpretationen zu Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit, München 1995, S. 33ff.

[3] Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S 9.

[4] Ibid, S. 193.

[5] Ibid, S. 278.

[6] Vgl.: Holl, Oskar: Der Roman als Funktion und Überwindung der Zeit, Bonn 1968, S. 198ff.

[7] Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S. 81.

[8] Vgl.: Augustinus, Aurelius: Was ist Zeit? (Confessiones 11), Hamburg 2000, S. 23ff.

[9] Ibid, S. 49.

[10] Mainzer, Klaus: Zeit, München 1995, S. 23.

[11] Z.B. Jahre, Wochen, Tage, Stunden, Minuten usw.

[12] Augustinus: Was ist Zeit?, S. 41.

[13] Vgl.: Der Brockhaus multimedial 2002, Suchbegriff: Augustinus.

[14] Vgl.: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Köln 1995, S. 415ff.

[15] Vgl.: Mainzer: Zeit, Kap. II.

[16] Vgl.: Hawking, Stephen: Das Universum in der Nussschale, Hamburg 2001, S 42f.

[17] Ibid, S. 49f.

[18] Ibid, S. 65.

[19] Ibid, S. 69.

[20] Middeke, Martin: Zeit und Roman: Zur Einführung, S. 1-20 in: Middeke, Martin (Hrsg.): Zeit und Roman, Würzburg 2002, S. 4f.

[21] Nünning, Ansgar: Moving back and forward in time – Zur Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitstrukturen und Zeitkonzeptionen im englischen Roman der Gegenwart, S. 395 bis 425, in Middeke, Martin (Hrsg.): Zeit und Roman, Würzburg 2002, S. 399.

[22] Göttsche, Dirk: Zeit im Roman, München 2001, S. 26.

[23] Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S. 11.

[24] Ibid, S. 14f.

[25] Ricoeur, Paul: Zeit und Erzählung, Bd. III, Die erzählte Zeit, München 1991, S. 202.

[26] Keinesfalls zu verwechseln mit Langeweile!

[27] Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit, S. 63f.

[28] Ibid, S. 149.

[29] Nünning: Moving back and forward in time, S. 396.

[30] Vgl.: Franklin, John: Vorstoß in die kanadische Arktis, Leipzig 1988.

[31] Vgl.: Kohpeiß, Ralph: Der historische Roman der Gegenwart in der Bundesrepublik Deutschland, München 1993, S. 30.

[32] Ricoeur: Zeit und Erzählung, S. 202.

[33] Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit, S. 82.

[34] Kohpeiß: Oldenburg Interpretationen, S. 69.

[35] Vgl. Ibid, S. 67f.

[36] Ricoeur: Zeit und Erzählung, S. 206.

[37] Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit, S. 107.

[38] Ibid, S. 121.

[39] Mainzer: Zeit, S. 103.

[40] Middeke: Zeit und Roman, S. 1.

[41] Vgl.: Kinder, Hermann/Hilgemann, Werner (Hrsg.): dtv-Atlas Weltgeschichte, München 2000, S. 279.

[42] Bergeron, Louis/Furet, Francois/Koselleck, Reinhart (Hrsg.): Das Zeitalter der europäischen Revolution 1780 – 1848, Augsburg 1998, S. 191.

[43] Bachtin, Michail: Formen der Zeit im Roman, Berlin 1986, S. 8.

[44] Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S. 286.

[45] Auch wenn der Begriff in der historischen Forschung eher umstritten ist, scheint er für die literarische Interpretation der „Entdeckung der Langsamkeit“ umso zutreffender.

[46] Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S. 165.

[47] Ibid, S. 266f.

[48] Franklins Anmerkungen zu Matthews Arbeit über den Ausgleich der Kompassabweichung (S. 161) und in einer Vielzahl die Überlegungen zu einer Konstruktion eines Bilderwälzers (als Vorläufer eines Projektors zu verstehen), die ihn über Jahre hinweg nicht loslassen (Vgl. S. 172f, S. 179f, S. 246f, S. 342). Speziell auf den Bilderwälzer wird noch im Kapitel zum „Verständnis von Zeit in Dr. Ormes Abhandlung“ eingegangen werden.

[49] Nadolny: Entdeckung der Langsamkeit, S. 81.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung von Zeit in Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V174599
ISBN (eBook)
9783640952489
ISBN (Buch)
9783640952755
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Langsamkeit, Sir John, Zeit, Zeitlichkeit
Arbeit zitieren
Simon Baar (Autor), 2006, Die Bedeutung von Zeit in Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174599

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