Charakterisierung der Hagenfigur im Nibelungenlied mit Fokussierung seiner Handlungsmotive


Examensarbeit, 2007
87 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Hagen – eine Figur und ihre Motivation

2) Charakterisierung der Hagenfigur
a. Die Vorgeschichte Hagens und das Wissen über seine Person
b. Das Bild Hagens aus Perspektive anderer Handlungsträger und in der Wertung des Verfassers des Nibelungenliedes
c. Mythologische Verortung Hagens
i. Exkurs: Hagen als Symbol
d. Hagens vorhandenen und nicht vorhandenen Grundcharakterzüge
i. Exkurs: Parallelen zwischen Hagen und Siegfried
e. Hagen: Ein Vasall ohne Pflichten?

3) Hagens Handlungsmotive
a. Grundmotivationen
b. Hauptmotive
i. Macht und Demonstration von Macht
ii. Kontrolle und Voraussicht
iii. Neid und Hass
iv. Eigenmächtigkeit (untriuwe)
v. Exkurs: Vermeintliche Motive und ihre Relativierung
c. Hagens Provokationen
d. Hagens irrationalen Handlungen und „blinde Motive“
i. Exkurs: Hagens Rückschläge und Niederlagen
e. Fokus I: Spezielle Motive für den Mord an Siegfried
f. Fokus II: Spezielle Motive für die Vorantreibung des Untergangs der Burgunder
i. Exkurs: Hagens Lügen und Täuschungshandlungen
g. Fokus III: Versuch einer Bewertung Hagens im Vergleich der Handschriften B und C
i. Exkurs: Die Schuldfrage
h. Die „Uninterpretierbarkeit“ Hagens und die daraus resultierende Mystifizierung

4) Hagens Polarisierung

5) Literaturverzeichnis

1) Hagen – eine Figur und ihre Motivation

Hagen von Tronje polarisiert. Diesen Eindruck gewinnt der Rezipient beim Lesen des Nibelungenliedes und er wird widergespiegelt in den zum Teil sehr konträren Forschungsmeinungen. So gehen die Ansichten über ihn, vom Paradevasall, „der aus Treue tötet und aus Treue in den Tod geht“[1] über den „niederträchtigen Intriganten“[2] hin zur „demonic presence“[3], deutlich auseinander. Doch nicht nur für den Hörer, beziehungsweise heute den Leser, hat Hagen diese Wirkung, sondern auch intratextuell wissen die anderen Protagonisten ihn nicht eindeutig einzuordnen: Kriemhild durchschaut ihn erst, als es viel zu spät ist, die Meinung der Könige über ihn schwankt, zumindest zeitweise, Freunde und Verwandte wie Volker, Dankwart oder Rumolt solidarisieren sich ohne Abstriche mit ihm, während er sich am Hunnenhof, trotz seines vorauseilenden und durchaus heldenhaften Rufes, schnell Feinde macht. Die daraus resultierende Vielschichtigkeit Hagens hat in der Forschung des vergangenen Jahrhunderts immer wieder dazu verleitet, „zwei Hagens“ anzunehmen, einen vor und einen nach dem Donauübergang. Dass sich sein Verhalten im Verlauf des Nibelungenliedes zum Teil in radikaler Form verändert oder verschärft hat, ist nicht zu bestreiten. Doch daraus die Annahme abzuleiten, dass Hagen mit zwei Maßstäben interpretiert werden muss, untergräbt von vornherein die Möglichkeit einer Charakterisierung dieses Protagonisten: … the idea of two Hagens and two Kriemhilds is unacceptable.[4]

Die Aufgabe dieser Arbeit soll darin liegen, ein Charakterkonzept Hagens zu erstellen, welches seine ambivalenten Handlungen und sein polarisierendes Verhalten erklärt und in einen Gesamtzusammenhang stellt mit seinem Umfeld. Die Annahme geht dahin, dass Hagen nach einem in sich schlüssigen Konzept entwickelt ist und seine Rolle keinem grundlegenden oder sogar sprunghaften Wandel unterliegt, sondern einem dynamischen Prozess folgt, der jedoch nicht über die Grenzen seines von Beginn an angelegten Charakterprofils hinausgeht. Deshalb konzentriert sich der Schwerpunkt der Arbeit auf die Motive, die Hagen zu seinen Handlungen veranlassen, seien sie charakterintern angelegt oder situativ bedingt. Die Komplexität dieses Epos´ konstituiert sich nicht zu Letzt aus der Vielschichtigkeit seiner Protagonisten und der Interaktionen miteinander, insofern ist es legitim, die Tiefe der Rollen und Charaktere, und in diesem Fall der Hagens, zu ergründen, um sich einem Gesamtverständnis weiter anzunähern. Gerade der Tronjer wirft eine Vielzahl von, auf den ersten Blick, schwer zu interpretierenden Fragen auf: Warum treibt er mir solchem Fatalismus den Untergang der Burgunder voran? Warum quält er Kriemhild bei jeder Gelegenheit, nachdem er Siegfried ermordet hat? Warum handelt er überhaupt so, wie er handelt, anstatt sich, seinem Status entsprechend, als loyaler Vasall zu verhalten? Oder tut er genau dies in letzter Konsequenz? Lassen sich (…) andere Formen der Verknüpfung als eine kausal motivierende ausmachen?[5] Die Handlung einer Geschichte wird durch das Agieren ihrer Charaktere bedingt, diese wiederum werden durch ihre Motivationsstrukturen konstituiert. Insofern kann es ein Ansatzpunkt einer Interpretation sein, über die Motive der Rollen Zugang zu einem Gesamtverständnis einer Figur und des Geschehens zu bekommen, und dieser Weg soll in dieser Arbeit beschritten werden.

An dieser Stelle bleiben noch einige „technische“ Anmerkungen zu machen: Zum einen werden für die Interpretation die „Leithandschriften“[6] B und C zu Grunde gelegt, auch wenn ein gelegentlicher Blick auf die Fassung A geworfen wird. Alle anderen Textgrundlagen werden bewusst außer Acht gelassen, um einen angemessenen Rahmen zu schaffen und sich nicht in einer zu detaillierten Textforschung zu verlieren. Und obwohl Fassung C vermeintlich einen „ursprünglicheren“[7] oder „älteren Text“[8] bietet, wird als Grundlage für diese Arbeit primär auf Handschrift B zurückgegriffen, da sie eine weniger pejorative Konnotation auf die Charaktere, insbesondere Hagen, legt. Natürlich werden die Schlüsselstellen ohnehin im Vergleich beider Fassungen gelesen, um ein umfangreiches Verständnis entwickeln zu können. Zum anderen werden für die Schreibung die Namen der handelnden Rollen zu Gunsten eines einheitlichen Bildes egalisiert und Abweichungen finden sich nur in den Quellen oder der zitierten Sekundärliteratur.

Des weiteren werden stoffgeschichtliche Zusammenhänge zur zeitnahen Literatur, vor allem der Edda und der Thidrekssaga eine Rolle spielen, deren Kenntnis beim unbekannten Verfasser des Nibelungenliedes historisch zwar nicht nachgewiesen werden kann, deren inhaltlicher Nexus zum hier behandelten Epos aber nicht von der Hand zu weisen ist. Insofern darf durchaus unterstellt werden, dass dieser Sagenkreis im ausgehenden 12. Jahrhundert beziehungsweise in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bei den Dichtern allgemein bekannt war. Diese Sagen für Hintergrundwissen heranzuziehen, ist dementsprechend keine Spekulation, sondern unabdingbarer Bestandteil der Forschung, wenn man ein möglichst umfangreiches und vor allem vollständiges Bild eines Textes, oder, wie in diesem Fall, eines Handlungsträgers erarbeiten will.

2) Charakterisierung der Hagenfigur

a. Die Vorgeschichte Hagens und das Wissen über seine Person

Obgleich Hagen einer der wenigen Charaktere des Nibelungenliedes ist, über dessen Abstammung und Vorgeschichte detailliertere Angaben gemacht werden als die Nennung des Vaternamens und des Heimatortes, so weiß man aus heutiger Sicht über ihn als Person doch weit mehr durch die literarischen Überlieferungen aus dem zeitlichen Umfeld des Epos´. Im Nibelungenlied selbst wird Hagens direkter Vorfahre erst in Vers B 1750,2 (B 1753,2) erwähnt:

er ist geborn von Tronege, sin vater hiez Aldrian[9]

Es lässt sich noch eine kleinere Genealogie mit seinem Bruder Dankwart und seinem Neffen Ortwin erstellen[10], doch damit endet unser Wissen um Hagens verwandtschaftliches Umfeld. Anders jedoch muss es dem mittelalterlichen Hörer ergangen sein, der die Charaktere und Kernpunkte dieses Epos´ nicht nur aus einer Textfassung gekannt haben dürfte[11]. Ohne den mittelalterlichen Rezipienten eine Selbstverständlichkeit an weiterführendem Wissen um die Handlungsträger und Wirkungsgeschichte des Nibelungenliedes suggerieren zu wollen, muss es doch zumindest graduell als gegeben angenommen werden, wenn man die Tragweite des Stoffes bedenkt. So wird die Nennung Aldrians als Hagens Vater zu einer beinahe zynischen Anspielung auf seinen mythologischen Hintergrund, schließlich kennen sowohl die Thidrekssaga[12] als auch die verschiedenen Lieder der Edda[13] den Helden als Bastardsohn eines Alben. Auch wird Högni in der Thidrekssaga zu einem Halbbruder Gunters und Grimhilds erhoben[14], während die Snorra Edda ihn sogar als leiblichen Bruder des Königs kennt.[15] Das Nibelungenlied bleibt in dieser Hinsicht dagegen sehr vage: Zwar bezeichnet Gunter Hagens Neffen Ortwin in B 536,1 (B 539,1) als liebem næven min[16], was damit auch seinen Oheim Hagen zum Blutsverwandten des burgundischen Königs machen würde[17], doch sollte die Tragweite einer solchen Bezeichnung nicht überinterpretiert werden. Vielmehr machen sowohl der Text in seiner gesamten Konzeption, aber auch die zeitnahen anderen Überlieferungen der Thematik deutlich, dass Hagen auch ohne dass er als „ mac[18] des Königshauses definiert ist, den Status eines solchen genießt[19].

Weiterführende Informationen zu Hagens Vorgeschichte lassen sich aus Etzels Aussage entnehmen, dass Aldrian sein Vasall war[20]. Dass Hagen als Kind als Bürge[21] am hunnischen Hof war und vom König später in seine nicht näher spezifizierte Heimat geschickt wurde[22], wird im Zusammenhang mit dem entflohenen Walter genannt. Diesen Kontext wiederum beleuchtet erneut die Thidrekssaga, denn dort verliert der junge Hagen ein Auge als er eben jenen Flüchtigen im Auftrag des Königs zurückbringt.[23] Im Nibelungentext wird Hagen nicht als einäugig dargestellt, doch die wiederkehrende Beschreibung seines Äußeren als unansehnlich[24] wird legitimerweise von manchen Autoren als Anspielung auf die diesbezügliche Entstelltheit seines Gesichtes verstanden.[25] Allerdings erfüllt die Einäugigkeit Hagens noch einen weiteren Zweck, indem sie dem Helden bereits äußerlich eine mythologische Nuance verleiht und eine Parallelisierung zum nordischen Gott Odin erlaubt.[26]

So darf es angesichts der mythologischen Verortung Hagens durch andere Texte mit der Nibelungenthematik nicht verwundern, dass seine Charakterisierung über-menschlich und sagen-haft im jeweils wörtlichsten Sinne des Wortes ausfällt und sein Tod in der Strophe 24 des Atli-Liedes den Klimax in der Spannungskurve des eigenen Mythos darstellt, wenn er lacht während ihm das Herz herausgeschnitten wird.[27] Als Sohn eines Alben und einer betrunkenen Königin[28], mit dem „göttlichen Makel“ der Einäugigkeit, während der Kindheit einem Troll ähnlicher als einem Menschen[29] und mit den vielen weiteren mythologischen und moralisch zweifelhaften Charakteristika[30] seiner Person wurde Hagen von den frühesten Interpretationen des Nibelungenliedes[31] bis in die jüngste Forschung mit Attributen wie Hinterhältigkeit, Verrat und Mordgier stigmatisiert, wozu folgender Ausspruch als Paradebeispiel dienen mag:

Albisch aber heißt fast so viel wie teuflisch.[32]

Festzuhalten bleibt, dass für einen Hörer aus dem 13. Jahrhundert ein deutlich besseres Bild von der Figur des Hagens bestanden haben dürfte, als es das Nibelungenlied dem heutigen neuzeitlichen Leser vermitteln kann. Insofern scheint es durchaus legitim, das einschlägige Hintergrundwissen um Hagen aus den genannten Sagen und Epen für eine Charakterisierung der Hagenfigur des Nibelungenliedes heranzuziehen und bei der Interpretation seiner Handlungsmotive einzubeziehen.[33]

b. Das Bild Hagens aus der Perspektive anderer Charaktere und in der Wertung des Verfassers des Nibelungenliedes

Nicht nur die Forschung[34] hat im Laufe der Zeit Hagen ambivalent beurteilt, sondern auch innerhalb des Nibelungenliedes selbst opponieren bezüglich seiner Person die Meinungen derer, die ihn kennen oder zu kennen glauben. Dieser Dissens wird bereits vom Dichter impliziert, der Hagen mit beinahe sprunghaftem Wechsel be- und verurteilt[35]. Schon äußerlich erfüllt er einerseits ein Schönheitsideal eines altgermanischen Kriegers mit seiner Größe, seiner breiten Brust, seinen langen Beinen und seinem hêrlîchen ganc[36], doch andererseits wirkt er so Furcht einflößend, dass die Frauen (in B 1662,3-4 (B 1665, 3-4) ist es Rüdegers Tochter) vor ihm zurückweichen:

ir vater hiez in chvssen; do blichte si in an.

er dvhte si so vorhtlich, daz siz vil gerne hete lan.[37]

Dass Hagen antonyme Attribute wie grivlich[38] und herlich[39] in seiner Anatomie vereinigt[40], spiegelt sich im gleichermaßen gegensätzlichen Urteil der beiden großen Königshäuser außerhalb des Reiches der Burgunder[41] über seine Person wider: Sigmund belegt Hagen in nur einer Zeile, B 52,2 (B 54,2), mit den Untugenden der vbermvte[42] und der hohverte[43] und beschreibt ihn damit mit einer deutlich negativen Konnotation, während Etzel, trotz aller Warnungen, Hagen nicht einmal für grimmech[44] hält. In der Beurteilung durch eher zweitrangige Meinungen wie beispielsweise der des Küchenmeisters Rumolt deutet sich in B 1462 (B 1469)[45] Hagens hoher moralischer Status an, welcher in B 1523,2 (B 1526,2)sogar pauschalisiert wird, wenn Hagen, vermeintlich der niederträchtige Intrigant[46], der Vertreter der dunklen Mächte[47], der goldgierige(…) Verräter[48] und nachgewiesenermaßen der Mörder Siegfrieds zum helflicher trost[49] der Nibelungen erklärt wird. Der daraus resultierende Ruf bringt ihm bei den Hunnen zunächst sogar einen eher aufgewerteten Nimbus ein, denn beim Einzug an Etzels Hof ist Hagen der mit Spannung erwartete Held, trotz oder gerade wegen des vollen Bewusstseins, dass er den ersten Mann ihrer jetzigen Königin slvch[50]. Erst durch ihre Treuepflichten zu ihrer Landesherrin wird Hagen für die Hunnen zum dark hero[51] stilisiert und zum Staatsfeind ihres Hofes erhoben. Doch mag Hagen, der als einer von nur drei Personen des Nibelungenliedes als tivfel[52] bezeichnet wird, auch die treibende Kraft des Burgundenuntergangs[53] und somit der Hauptverantwortliche für über 10 000 Tote auf eigener Seite[54] sein, so stehen dem ungebrochene und tiefgehende persönliche Verknüpfungen mit einzelnen anderen Protagonisten gegenüber, die in der Wichtigkeit einer Rollenhierarchie im Nibelungenlied auf der obersten Stufe einzuordnen sind: Immerhin bewahrt er sich bis zum sprichwörtlich bitteren Ende ein unantastbares Vertrauen des Burgunderkönigs Gunter, entwickelt ein breites und gegenseitiges Verständnis mit seiner Parallelfigur an Etzels Hof, Rüdeger, und übersteigert die ohnehin bedingungslose Freundschaft mit seinem „Wahlbruder“ Volker zum alter Ego seiner Selbst[55].

Hagen erhält auf diese Weise als Charakter eine Komplexität, die handlungsfördernd wirkt und die Struktur des Nibelungenliedes mit zusammenhält. Und so fällt auch das Urteil des Autors gleichermaßen ambivalent aus, wenn er Hagen einmal den Superlativ des Verrats vorwirft[56], aber ihm am Ende sogar noch post mortem Rache in radikaler Form für den verwehrten Heldentod zugesteht[57]. Dadurch wird der vermeintliche Bösewicht humanisiert, während seine Taten (auch die Verbrechen) relativiert werden.

c. Mythologische Verortung Hagens

So wie die nordischen Sagen, die die Gestalt Hagens kennen und überliefern, ihn als Teil einer mythologischen Welt beschreiben, so zeigt ihn auch das Nibelungenlied eher als mythischen denn als höfischen Helden. Zwar bezieht ein Mythos seine Legitimation darüber, dass er in der Götterwelt spielt[58], doch werden die Fokussierungen dieses Kapitels zeigen, dass Hagen sich deutlich vom Standard des „natürlichen“ Menschen hin zu einem „Übernatürlichen“ abhebt.

Zunächst einmal zeichnet sich Hagen am Wormser Hof als einziger „Unchrist“ aus was er durch seinen Mordanschlag auf den Kaplan untermauert: Hagen setzt das Leben des Vertreters der christlichen Kirche aufs Spiel, um den Wahrheitsgehalt einer Weissagung heidnisch-mythischer Wesen zu erfahren.[59] Dabei hätte er schließlich auch sein Schwert ziehen und den Priester töten können. Dies wäre die einfachste und sicherste Methode gewesen, die Prophezeiung abzuwenden. Doch wählt Hagen einen schicksalhafteren Weg und nimmt nach dieser ersten Bestätigung der Voraussage die Determination ihres Inhaltes als unumstößlich an. Interessanterweise misst er den mythischen Meerfrauen wesentlich mehr Bedeutung zu, als den Träumen der Frauen am Wormser Hof. Denn der Inhalt von Utes Traum[60] und die Prophezeiung der Nixen[61] vermitteln die gleiche, später Realität werdende Aussage. Doch während er die mythologisch begründete Information in obig beschriebener Weise überprüft und damit sein mystisches Verständnis beweist[62], hat er für den Traum der Königin nur Verachtung übrig:

„Swer sich an trovme wendet“, sprach do Hagene,

„der enweiz der rehten mære niht ce sagene,[63]

Dabei ist Hagen von Beginn des Nibelungenliedes an unverzichtbarer inhaltlicher Bestandteil der Träume am Wormser Hof: Immerhin wird Hagen bereits in Kriemhilds Albtraum vom Falken[64] als einer der Adler eingeführt, auch wenn die Auflösung dieses Bildes erst sehr viel später statt finden sollte.

Doch nicht genug damit, nur der passive Teil literarischer Vorausdeutungen zu sein, grenzt sich Hagen aktiv von der Seite des historischen und höfischen Vasallen ab, hin zum überlegenen Handlungstreiber mit tiefgehendem Verständnis von Mythologie und Symbolik.

So dürfte sich Hagen alleine die Bedeutung der Donauüberquerung als einzigem voll und ganz erschließen. Er erkennt die Parallelen zwischen der gegebenen Situation der Burgunder, wobei der mehrfach weisgesagte Tod aller Reisenden sicher einen nicht unerheblichen Beitrag leistet, und dem germanischen Glauben, in dem als Trennungslinie von Totenreich und Reich der Lebenden häufig ein Fluss[65] fungiert. Aus diesem Verständnis heraus lässt sich auch die weitere Interpretation von Haymes nachvollziehen, den Angriff Hagens auf den Fährmann als Angriff auf den Tod zu verstehen.[66] Wenn er sich danach selbst zum Fährmann aufschwingt und mit übermenschlicher Leistung[67] die Burgunder übersetzt, so wird er wiederum selbst zum Zentrum mythischer Vorausschau: Die Donau wird zum Totenfluss, das Hunnenland zum Totenreich und er selbst stilisiert sich zur sprichwörtlich treibenden Kraft, die den Untergang in diesem symbolischen Verdichtungspunkt des Gesamtzusammenhangs[68] einleitet. Somit erklärt sich auch die scheinbar motivlose Zerschlagung der Fähre[69]: Aus dem Reich der Toten gibt es kein Zurück.

Von diesem Moment an treten die mythologisch bedingten Züge im Charakter Hagens deutlicher zu Tage: Zwar sollten weder die Masse der Personen, die er mit der Fähre übersetzt, noch später die feindlichen Hunnen, die entweder vor ihm zurückweichen oder von ihm getötet werden, numerisch mit übertriebener Akribie interpretiert werden, doch rücken ihn diese Hyperbeln konzeptionell näher an die Gestalt eines Drachentöters Siegfrieds, als an die breite Masse namenloser Ritter. Tatsächlich ist bereits der direkte Vergleich mit Siegfried ein wiederkehrendes Instrumentarium des Autors für die Mythologisierung Hagens. So steht die Erwähnung des Drachens, den Siegfried erschlagen hat, immer in direktem Kontext mit seinem späteren Mörder.[70] Auch die Tatsache, dass Hagen nicht wie alle anderen vor Siegfrieds vermeintlicher Unbesiegbarkeit zurückweicht[71], sondern im Gegenteil dazu anbietet, Brünhilds Ehrverlust zu rächen, bevor er weiß, wie Siegfried zu töten ist, impliziert seine Einbettung in die mythologische Welt: Er weiß, dass jeder Held seine „Achillesferse“ hat[72] und zögert nicht, Siegfried, der die praktischen Fähigkeiten der „Zauberwelt“ hat, mit seinem theoretischen Wissen darüber auszustechen.

Einen letzten diesbezüglichen Höhepunkt erreicht das Nibelungenlied während des Gemetzels an Etzels Hof, als Hagen den Nibelungen[73] rät, ihren Durst mit dem Blut der Gefallenen zu stillen:

Do sprach von Tronege Hagene: „ ir edel ritter gvt,

swen twinge dvrstes not, der trinche hie daz plvt.[74]

Diese Stelle kann nur symbolisch interpretiert werden[75], auch wenn sowohl bei den Skythen[76], als auch in der Gesta Francorum[77] historische Parallelen zu finden sind. Doch ist das Bild, in dem Hagen, der gleich Odin, dem Gott der Schlachten und des Todes[78] die Burgunder systematisch in den Untergang getrieben hat, nun im Blutrausch christliche Interaktionsformen pervertiert[79], nicht von der Hand zu weisen. So dürfte es sich auch verbieten, Hagen mit den christlichen Maßstäben von „Gut“ und „Böse“ zu beurteilen[80], da er offensichtlich kein christlicher Held ist. Die moralisierenden Urteile der Forschung über Hagen dagegen entspringen einem modernen oder zumindest christlich angelegten Maßstab, dem innerhalb des Nibelungenliedes die Legitimation entzogen wird. Hagens Hintergründe als auch seine Beweggründe sind für eine solch einseitige Interpretation zu individuell und, wie Sattel richtig festgestellt hat, wird er, nur weil er mit den Nixen spricht ebenso wenig zu einem dämonischen Wesen wie ihn die Aufforderung an die Burgunden, den Gottesdienst zu besuchen (…), zu einem vorbildlichen Christen werden lässt.[81]

i. Exkurs: Hagen als Symbol

Der Umgang Hagens mit Symbolik in jeder Form lässt keinen anderen Schluss zu, als dass er sich jederzeit der Symbolhaftigkeit seines Handelns bewusst ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob er mit kleineren Gesten wie der mittelalterlichen Richterpose[82] in B 1780 (B 1783)oder auch seiner Reaktion auf Kriemhilds frostige Begrüßung (den helm er vaste gebant[83]) deutlich macht, dass er jede noch so kleine höfische Gepflogenheit oder deren Verletzung kennt und zur Kenntnis nimmt oder ob er selbst zur Inkarnation des alten germanischen Sagenhelden[84] erhoben wird. Nicht nur dass Hagen um die bereits aufgezeigte Symbolik der Donauüberquerung weiß, er wird auch vom Autor näher an eine Personifizierung des Todes selbst gerückt, denn sowohl der Tod selbst, wie Krausse meint, als auch Hagen werden mit dem Epithet „grimme“ umschrieben[85]. Schließlich ist Hagen der Verantwortliche für den einzigen Toten im so genannten ersten Teil des Nibelungenliedes, aber auch für die Auslöschung ganzer Herrschaftshäuser im zweiten Teil. Er hat nie versucht zu verhehlen, dass er den Tod bringt, weder nach der Ermordung Siegfrieds[86], noch als sie in das Land Etzels reisen und er dort ihrer aller Ende ankündigt: wir en chvmen nimmer wider in Bvrgonden lant.[87] Von Seiten des Autors wird die symbolhafte Verknüpfung der Figur Hagens noch verstärkt, sowohl durch die bereits zitierten Träume von Kriemhild und Ute, aber auch durch Vorausdeutungen wie in B 1417,4 (B 1420,4): mit im was manigem degene ze grimmem tode widerseit.[88]

Insofern mag sogar Hagens schwarze Kleidung in diesen Kontext einbezogen sein[89] als weiteres Zeichen seines Verhaltens mit dem Tod: Hagen ist (…) eine Symbolfigur für Todesangst – dies gerade deshalb, weil er mit dem Tod so professionell umgeht.[90]

Es scheint zwar etwas übertrieben zu sein, wie Heinzle aus Hagen eine merkwürdige Zwittergestalt[91] zu machen, doch muss dieser Charakter dennoch einen Spagat zwischen höfisch-heroischem und mythologisch-heroischem Hintergrund bewerkstelligen, um sich seinen Status als Zentralfigur mit allwissenden Tendenzen zu erhalten.

d. Hagens vorhandenen und nicht vorhandenen Grundcharakterzüge

Bezüglich einer attributiven Charakterisierung Hagens muss man sich von vornherein auf eine Differenzierung einlassen zwischen der Kategorie der vorhandenen Charakteristika auf der einen Seite, und der Charakterzüge, die Hagen nicht hat, welche man aber von ihm erwarten würde. Letztere fallen zwar nicht primär ins Auge, sollen aber dennoch zuerst fokussiert werden. Von Hagen, dem ersten Vasallen am Hofe Worms, dem engsten Vertrauten des Königs Gunter und dem Träger verschiedener wichtiger Ämter[92] würde man gewisse höfische Tugenden erwarten, wie sie Bumke beschreibt: guot, reine, biderbe, vrum, lobesam, tiure, wert, ûz erwelt.[93] Diese Werte werden dadurch definiert, dass sie von dem mit ihnen ausgestattetem Helden gegenüber seinem Lehnsherren, gegenüber den frouwen bei Hofe, aber auch innerhalb des höfischen Systems allgemein mit Überzeugung gelebt werden. Zwar ist es in der mittelhochdeutschen Literatur häufig Teil der Handlungskonzeption, dass der Held diese Werte erlernen oder wiedergewinnen muss, doch verhält sich der Sachverhalt bei Hagen etwas anders: Der typische höfische Held ist motiviert, sich diese Tugenden zu erarbeiten und zu erhalten, während Hagen diese Tugenden nur vereinzelt vorweist, und zwar dann, wenn sie ihm zum Vorteil gereichen. Jedoch ist es zu keinem Zeitpunkt des Nibelungenliedes ersichtlich, dass sie mit seiner Grundmotivation oder seinen tatsächlichen Charakterzügen konform gehen. Auch die vermeintlich allgemeingültige, charakterisierende Terminologie eines Helden der mittelhochdeutschen Literatur mit Begriffen wie triuwe, mâze und stæte[94], ist auf Hagen angewandt mit Vorsicht zu genießen. Durch die Vielschichtigkeit und Weitsicht in seinem Handeln ist man verführt, ihm die genannten typischen Charakteristika zuzugestehen, wenn auch mit Abstrichen, doch verdecken diese im Regelfall sehr viel eigennützigere Motive, die ganz anderen Werten entspringen. Die besten Beispiele dafür finden sich in seinen Ratschlägen, die er Gunter immer so unterbreitet, dass dieser darin Hagens Treue und Sorge um das burgundische Königreich erkennen muss. Tatsächlich jedoch lenkt Hagen in außergewöhnlich subtiler Weise von seinen wahren Motiven ab. So überredet er Gunter, in die Beseitigung Siegfrieds einzuwilligen, mit Verweis auf den Machtgewinn für den Wormser Hof (B 867/B 870), weil sein erstgenanntes Motiv (die in B 864 (B 867)beschriebene Beleidigung der Königin) für den König nicht schwer genug wiegt.

Nichtsdestoweniger lassen sich die tatsächlichen Wertmaßstäbe und Handlungsmotive Hagens unter ihrer Tarnung herausarbeiten und zunächst in einige Grundcharakteristika kategorisieren. Allen voran trifft man dabei auf die Begriffe übermuot und hohvârt, die im Nibelungenlied über 50mal verwendet werden.[95] Hagen, der alleine 16mal mit dem Begriff übermuote bezeichnet wird[96], erfährt diesbezüglich eine relativ eindeutige Konzeptionalisierung. In seiner Person werden diese Untugenden, die typischerweise zum Anlass des Schuldigwerdens herangezogen werden, zwar als Schuld für die Handlungen im Nibelungenlied ausgelegt, doch müssen sie dennoch in einem erweiterten Kontext analysiert werden. Denn der christliche Wertmaßstab anhand der zu übermuot und hohvârt parallelen Superbia-Todsünde[97] lässt sich bei Hagen nicht so einfach anwenden, schon allein deshalb, weil er kein christlicher Held ist. Auch ist Hagen weder intrinsisch noch extrinsisch motiviert, seine Charakterzüge in irgendeiner Weise christlich oder auch nur moralisch zu verbessern. Für ihn muss bezüglich dieser Begriffe vielmehr ein literarischer Maßstab angesetzt werden, welcher ihn irgendwo zwischen „Selbstvertrauen“ und „Selbstüberschätzung“ ansiedelt.[98] Zwar ändert es nichts daran, dass das Untergangsgeschehen im NL durch den „übermuot“ der Figuren[99] angetrieben wird und aus christlicher Interpretationsperspektive besagte Todsünde in den Untergang führt, doch aus der Sicht Hagens bleibt sie eine seiner konstitutiven Eigenschaften, die in der germanischen beziehungsweise nordischen Kultur, in der er verwurzelt ist, kein charakterlicher Fehler ist.[100]

Interessant dabei ist, dass Hagen diese Charakterzüge bei sich selbst bedingungslos akzeptiert, während in vielen seiner Handlungen eine Bestrafung seiner jeweiligen Opponenten für ihre Superbia mitmotiviert zu sein scheint: So tötet er Siegfried nicht zuletzt wegen seiner vermeintlichen Hochmut, aufgrund des Prahlens über eine Nacht mit Brünhild (B 861,2-3 (B 864,2-3): do sagte si im div mære. er lobt ir sa cehant, daz ez erarnen mvse der Criemhilde man,)[101] und auch im Hunnenland scheint er seine Provokationen immer dann auf die Spitze zu treiben, wenn es aus seiner Sicht Zeit wird, Kriemhild von ihrem hohen Ross zu holen, beispielsweise als er der mit einer Übermacht an Hunnen aufmarschierenden Kriemhild ihren angestrebten Triumph nimmt, indem er wie zufällig Balmung in ihr Sichtfeld rückt, wohl wissend, welche Wirkung zu erwarten ist: ez mante si ir leide; weinen si began. ich wæne ez hete dar vmbe der chvne Hagen getan.[102]

Natürlich lässt sich die Rolle des Hagens nicht mit diesen wenigen, ausgewählten Begriffen erfassen, doch stellen sie ein adäquates Fundament dar für die weitere Charakterisierung seiner Person, die sich im Verlauf der Analyse seiner Handlungsmotivation mit ergeben wird.

i. Exkurs: Parallelen zwischen Hagen und Siegfried

Gerade am Begriff der übermuote bietet es sich an, einen Vergleich zwischen diesen beiden Helden des Nibelungenliedes zu ziehen, die in einem mythologischen Kontext anzusiedeln sind.[103] Vor allem nach dem Tod von Siegfried wird Hagen durch eine Vielzahl von Parallelen zu dessen Pseudo-Nachfolger stilisiert, wobei er zwar einerseits einige von Siegfrieds Fehlern wiederholt, wenn auch aus anderen Beweggründen heraus, ohne jedoch andererseits in die beinahe bemitleidenswerte Naivität Siegfrieds zu verfallen, der zu keinem Zeitpunkt des Nibelungenliedes Herr über eine Situation ist, sogar wenn er sie mitgestaltet.[104] So verhält sich Hagen in vielen Dingen an Etzels Hof so, wie Siegfried bei der ersten Begegnung mit Gunter: Übermütig, arrogant, ohne Angst, als würde der Hof ihm gehören [105] Dazu zeigen beide (Siegfried aus Unkenntnis, Hagen in voller Absicht) eine Tendenz, höfische Regeln zu übertreten: Während der Jagd ist es Siegfried, der die Tafel aufhebt (B 967,2/B970,4), an Etzels Hof ist es Hagen (B 1958/B 1961: Der Angriff auf Ortlieb beendet das Festmahl), während es in beiden Fällen Sache des jeweiligen Regenten gewesen wäre: Die ungewollte Konsequenz von Siegfrieds Handeln endet mit seinem eigenen Tod, während die intendierte Folge von Hagens Geste den Burgunder Untergang einläutet. Doch bereits vor Siegfrieds Ermordung handeln beide auf ähnliche Art und Weise, wenn Siegfried Brünhild ein Vasallenverhältnis vorspielt um Gunter zu erhöhen und Hagen Kriemhild eine ähnliche Lüge unterbreitet, um an das Geheimnis von Siegfrieds Verletzbarkeit zu gelangen.[106]

Die Liste der parallelen Handlungen zwischen den beiden Charakteren ließe sich beinahe beliebig lange erweitern: Beide blicken auf einen mythologischen Hintergrund zurück, beide genießen zeitweilig die alleinige Kontrolle über den Nibelungenhort, beide besitzen Balmung, beiden eilt an fremden Höfen ihr Ruf voraus[107], beide sterben wegen Kriemhild und beide instrumentalisieren ihren Dienst als List[108].

Am deutlichsten sticht jedoch heraus, dass Siegfried Hagen nach kurzer Zeit von seinem Posten als wichtigster Mann am Wormser Hof verdrängt hat. Doch an diesem Forschungskonsens ansetzend, kommt man nicht umhin zuzugestehen, dass Hagen sich seinen Platz in aller Deutlichkeit zurückerobert. Und mit jeder Handlung, die Siegfried ausgezeichnet hat und von Hagen re-inszeniert wird, überlagert dieser die Erinnerung an seinen ermordeten Gegner – und tötet ihn noch einmal.

e. Hagen: Ein Vasall ohne Pflichten?

Die Meinungen über Hagen von Tronje divergieren zwischen der Verurteilung als „übelster Schurke“[109] und dem Inbegriff loyalen Vasallentums[110] im Zuge der viel beschworenen Nibelungentreue. Natürlich lassen sich für beide Standpunkte Argumente finden, doch impliziert bereits eine Auflistung von Hagens Handlungen ein deutliches Konzept seiner Absichten und seines Charakters im Allgemeinen, welches beide Meinungsbilder miteinander verflechtet. In diesem Punkt soll gezeigt werden, dass Hagen trotz polarisierender Handlungsweisen weder dämonisiert noch idealisiert werden darf, da beides die Komplexität der Figur herabwürdigt und sie in einer eindimensionalen Strukturierung zu interpretieren versucht, mit der dieser Charakter nicht zu erfassen ist.

Das Nibelungenlied kennt Hagen als Vasallen des Burgunder Könighauses, wobei seine formelle Stellung der Erwähnung nicht Wert zu sein scheint.[111] Aus dem Gesamtzusammenhang des Epos´ wird allerdings schnell deutlich, dass Hagen unter den Vasallen den ersten Platz einnimmt: Er ist so etwas wie der Kanzler der Burgunden[112]. Die Frage, die sich im Lauf der Erzählung stellt, muss sogar eher lauten, ob er nicht über dem Status eines Vasallen steht, beziehungsweise der Pflichten eines Solchen ledig ist. Denn unabhängig davon, welcher Terminologie von Vasallentum[113] man folgen möchte, bleiben doch gewisse Merkmale konstitutiv, z.B. dass der Schwache dem Starken als Vasall dient, als Gegenleistung für Schirm und Beistand[114]. Tatsächlich jedoch gewinnt man kaum einmal den Eindruck, dass Gunter der Überlegene und Hagen der Abhängige in ihrem Verhältnis wäre. Einer dieser seltenen Momente ergibt sich in Handschrift B 117 (B 119), als auf Siegfrieds ungestüme Herausforderung nur Ortwin ebenso aufbrausend Paroli bietet, während von Hagen zur Enttäuschung Gunters (!) keine Reaktion kommt:

daz der so lange dagete, daz was dem kvnege leit.[115]

Auch reagiert er nicht auf den Vorwurf der Feigheit durch Siegfried wenige Verse später[116], mit einer Begründung durch den Autor, der das Verbot von Gernot dazwischen schiebt.

Streng genommen wäre es an Hagen gewesen, seine Herren zu verteidigen, anstatt seinen jungen Neffen walten zu lassen. Dafür wird Hagen hier, in einer emotional aufgeladenen Situation, mit seiner wichtigsten Eigenschaft ausgestattet dargestellt: Er bewahrt kühle Logik, die er später zu kaltblütiger Logik steigern wird. Er hält sich zurück und er tritt bereits das erste Mal nicht für seinen König ein, obwohl er es müsste. Was sich in einer unscheinbaren Situation andeutet, wird im weiteren Verlauf des Epos paradigmatisch für die Dialektik zwischen dem „Vasall“ und dem „König“ werden.

Möglicherweise findet sich in dieser Szene auch bereits die Grundsteinlegung für die sukzessive folgende Ablösung Hagens als wichtigster Berater des Königs durch Siegfried, denn augenscheinlich geht Siegfried aus diesem ersten Aufeinandertreffen als der Überlegene hervor. Im weiteren Verlauf zeichnet sich dann immer deutlicher ab, dass Hagen keineswegs gewillt ist, der stille Erfüllungsgehilfe seines Königs oder gar der von Siegfried zu werden. Er baut seine Dominanz trotz des neuen Konkurrenten durch seine eher eigenmächtigen als loyalen Handlungen langsam auf: So widersetzt er sich in Island der dortigen Etikette, nicht Gunter, indem er sich zunächst weigert, seine Waffen abzulegen (B 404/B 406) und lehnt sich bezüglich Gunters Auserwählter verbal sehr weit aus dem Fenster:

der ir da gert ce minnen, div ist des tivels wip.[117]

Sein Eigensinn erreicht in der 9. Aventiure einen ersten kleinen Höhepunkt, als er sich einem Befehl Gunters direkt verweigert und den angetragenen Botendienst geschickt auf Siegfried abwälzt[118], doch zum offenen Konflikt kommt es (bzw. müsste es kommen), als Kriemhild sich ihr Erbe ausbittet und ihre Wahl unter anderem auf Hagen fällt: Rechtlich war das völlig in Ordnung, denn die Dienstleute gehörten zum Eigentum (…).[119] Doch nicht nur, dass Hagen es ablehnt, seine Pflicht als Vasall zu erfüllen, er gewan dar vumbe (…) ein zornlichez leben[120], er wettert gegen Kriemhild als ob sie etwas völlig Absurdes verlangt hätte. Er wiederum bettet diese Ablehnung in die Erhöhung seiner Bindung an Gunter zu einer Schicksalsgemeinschaft[121] ein, die nicht einmal der König lösen kann. Dieser steckt damit im Zwiespalt: Hagen verletzt die höfische Regel, was Gunter eigentlich nicht dulden dürfte.[122] Doch andererseits erhält er von seinem alten und neuen ersten Vasallen ein Lippenbekenntnis der Treue, das Seinesgleichen sucht. Wieder einmal geht Hagen einen Schritt zu weit, doch wieder einmal tut er dies so geschickt, dass jeder potentiellen Konsequenz noch im gleichen Moment vorgebeugt wird.

Durch Hagens Dominanz wird Gunters Rolle zur Kulissenhaftigkeit eines Königs Artus degradiert[123], der „Vasall“ drängt dem König die Entscheidungen auf und gibt damit die Richtung vor. Er beweist bereits in den kleinen und alltäglichen Situationen der ersten Aventiuren des Nibelungenliedes, dass er die Personifikation der Stärke Burgunds ist[124] und den Status Quo dieser Konstellation beibehalten will. So deutet sich schon ab der Einführung der Protagonisten an, was Hagen in den Rahmenhandlungen um den Mord an Siegfried und den Untergang der Burgunden herum um ein vielfaches verstärkt und wiederholt beweist: Er (…) ist weit mehr als ein einfacher Vasall.[125]

Eine neue Dimension des „Übergehens“ seines Königs erreicht Hagen, als er sich nach dem so genannten „Streit der Königinnen“ für den Dienst an Brünhild und damit gegen seine Vasallenpflicht gegenüber Gunter entscheidet. Denn dieser hatte den Streit bereits beendet, als er Siegfried zu einem wohl formulierten Schwur drängte und ihm diesem im letzten Moment ersparte.[126] Für Brünhild allerdings war der Fall noch nicht erledigt und für Hagen noch weniger. Gemäß seines sozialen Status´ hätte das, was Gunter genügt, auch für seinen Vasallen ausreichend sein müssen. Brünhilds Seelenqual wäre bezüglich des Machtgefüges am königlichen Hof in diesem Fall selbstverschuldet[127] und ginge Hagen noch weniger an. Umso ungeheuerlicher wiegt der Tatbestand, dass er von sich aus und gegen den Willen Gunters das Leid seiner Königin rächen will (B 861/B 864):

Er vragete waz ir wære; weinende er si vant.

do sagte si im div mære. er lobt ir sa cehant,

daz ez erarnen mvse der Criemhilde man,

oder er wolde nimmer dar vmbe vrolich gestan.

In diesem Fall ist er zwar nicht der einzige, der die Entscheidung des Königs in Frage stellt, denn auch Gernot und Ortwin fordern den Sifrides tot[128]. Doch Hagen ist es, der Gunter solange unnachgiebig bedrängt, bis dieser den Rat annimmt und zum Plan seines Ratgebers zustimmt. An dieser Stelle wird auch erstmalig vom Autor klar ausgesprochen (und mit einer Bewertung untermalt), wer im Gespann aus Gunter und Hagen die Richtlinienkompetenz besitzt:

Der chvnich gevolgete vbele Hagenem sinem man.[129]

Von diesem Zeitpunkt an hält Hagen die Fäden der Kontrolle fest in der Hand: Er plant und organisiert den Mord an Siegfried[130], wobei er im Gegensatz zu Gunter auch keine Reue zeigt, und er spinnt eine weitere Intrige gegen Kriemhild, die mit dem Gewinn des Nibelungenhortes für die Könige und letztlich für Hagen allein endet: E daz der chvnich riche wære wider chomen, di wile hete Hagene den shaz vil genomen.[131] Handschrift C unterstellt ihm in diesem Kontext sogar explizit egoistische Motive, wenn der Verfasser suggeriert:

Er wande in niezen eine;[132]

Dann allerdings muss er einen Rückschlag hinnehmen: Kriemhild darf Etzel heiraten, sie zieht ins Hunnenland und lebt ihr Leben weiter. So zumindest scheinen es die Hunnen zu verstehen und genauso sehen es ihre Brüder und Verwandten am Burgunder Hof. Und als eines Tages die Einladung von Kriemhild zu ihrer Sippschaft nach Worms getragen wird, scheinen die Ereignisse, seit denen numerisch 26 Jahre vergangen sind, für alle Beteiligten in einer bedeutungslos gewordenen Vergangenheit zu liegen. Einzig Hagen erkennt sofort die Tragweite der Botschaft, die seine einstige Intimfeindin gesandt hat: Für ihn und Kriemhild hat sich seit dem Tag des Mordes nichts geändert. Diese beiden Figuren scheinen bezüglich der erzählten Zeit vom intratextuellen Wissen der anderen Rollen ausgenommen zu sein und rücken so näher an den Hörer des Epos heran, welcher dadurch in die Möglichkeit der Nachempfindung der beiden Protagonisten versetzt wird: Der Hörer erlebt, wie es Hagen und Kriemhild empfinden, nämlich so als wäre der Mord erst vor kurzem geschehen.

Von diesem Moment an erfährt Hagen in seinen Eigenmächtigkeiten eine Radikalisierung mit fatalistischen Zügen: Was er einst unter einem Mantel mit der Aufschrift „Vasallentum“ verschleiert hat, trägt er nun peu á peu offener zu Tage. Zwar kann man Dickerson mit seiner folgenden pauschalisierenden Bewertung nur unter Vorbehalt zustimmen, doch gibt er für den Burgunder Untergang im Nibelungenlied doch eine sehr zutreffende Grundstimmung bezüglich des „treuesten Vasallen“[133] von Gunter wieder, wenn er sagt: Hagen is loyal and truthfull to no one.[134] Denn wie im weiteren Verlauf gezeigt werden wird, gehen die Treuebindungen, die für Hagen nach der Donauüberquerung noch von Relevanz sind, keineswegs konform mit denen, die seinem Status oder den Erwartungen sowohl von Seiten der Beteiligten als auch von der Seite der Hörer entsprechen.

Bereits bei der ersten wichtigeren Zwischenstation auf der Reise zu Etzel handelt Hagen nur noch im Eigeninteresse: Die Prophezeiung der merwip, ab B 1538 (B 1541) behält er zunächst einmal für sich, solange bis er mit der Zerschlagung der Fähre symbolisiert, dass es nun kein Zurück mehr gibt. Spätestens an dieser Stelle sind seine Handlungen nicht mehr mit denen eines treuen Vasallen in Einklang zu bringen: Seine Pflicht wäre es gewesen, seine Könige mit aller Macht an der Weiterreise zu hindern, denn dem mythologisch versierten Hagen war zweifellos seit dem Mordversuch auf den Kaplan klar, dass die Prophezeiung zu einer determinierten Realität werden würde. Hinter der versuchten Beseitigung des Priesters steht allerdings noch mehr: Indem Hagen, der einzige offizielle Nicht-Christ der Burgunder, den einzig erwähnten klerikalen Beistand sprichwörtlich über Bord wirft, entledigt er sich zugleich moralischer und christlicher Instanzen. Von nun an gelten andere Rechte, z.B. bietet er Gelpfrat als Entschädigung für den erschlagenen Fergen ein Wergeld an, um Blutrache zu vermeiden[135], und über den darauf folgenden Kampf würde sein König, dem er immerhin Rechenschaft schuldet, überhaupt nichts erfahren, wenn dieser es nicht selbst bemerken würde. Auch die in Handschrift C 1624 angekündigte Strafe für Hagens Vergehen bleibt eine leere Versprechung:

Do sprach der künig Günther zu seinem capplan:

„ez wirt euch wol gebüßt waz euch hat getan

Hagen in seinem tzorn,[136]

Realiter muss man zugestehen, dass Gunter zu diesem Zeitpunkt des Epos längst nicht mehr genug Kontrolle über Hagen hat, als dass er ihn hätte bestrafen können.

Auch im weiteren Verlauf zentriert sich die Handlung immer mehr um Hagen, während Gunter an den Rand gedrängt wird. Das Ehebündnis zwischen Giselher und der Tochter von Rüdeger wird mit Unterstützung Hagens, nicht mit der Gunters, der es nach geltendem Recht zu entscheiden gehabt hätte, geschlossen (B 1675/B 1678) und bei dem einzigen Geschenk, das dem Dichter in diesem Kontext eine nähere Beschreibung Wert ist, handelt es sich um den Schild den Hagen sich ausbittet und mit dem für Rüdeger und seine Frau eine tiefe emotionale Verbundenheit besteht. Ob er hier intentional seine spätere Schildbitte und die damit verbundene Treulosigkeit gegenüber Gunter vorbereitet, kann nur gemutmaßt werden. Sicher ist dagegen, dass er seine Kompetenzen eklatant überschreitet, als er aufgrund des Freundschaftsbündnisses mit Rüdeger mit diesem einen Nichtangriffspakt schließt: Beide sind sie offiziell Vasallen und aufgrund dessen keineswegs legitimiert zu einem solchen Vertrag. Und doch räumt Hagen Rüdeger nicht nur einen Sonderstatus ein, sondern stellt ihn sogar über alle Verpflichtungen, die er gegenüber den Burgundern hat – das in Kauf Nehmen ihres Todes eingeschlossen:

„Nv lon ich iv der gabe“, sprach Hagene der degen,

„daz ich mich alles vbeles will gein iv bewegen,

daz nimmer ivch gervret in strite hie min hant,

ob ir alle slvget die von Bvrgonden lant.“[137]

Prompt töten sich Rüdeger und Gernot gegenseitig (B 2218,2/B 2221,2), doch Hagen bekommt von Niemandem und zu keiner Zeit den Vorwurf zu hören, dass er es hätte verhindern können und müssen. Dabei bedeuteten seine Handlungen auch nach mittelalterlichem Verständnis nichts anderes als Hochverrat. Angedeutet hatten sich Hagens Eigenmächtigkeiten schon lange und er hat sich nie die Mühe gemacht, seine Absichten zu verhehlen. Dennoch schaffen es die anderen Handlungsträger, in den entscheidenden Momenten immer wieder wegzusehen und Hagen in der Ausarbeitung des von ihm gewählten Endes gewähren zu lassen, so lange bis ein Eingreifen von Außen unmöglich gemacht und die Alternativen verbaut sind.[138]

So ist das Ende, welches Hagen provoziert, nur konsequent: Taktisch versiert bringt er Kriemhild dazu, ihren Bruder Gunter töten zu lassen und streift damit die letzten Fesseln seines Vasallenstatus´ ab. Alternative Erklärungsmodelle greifen in dieser Situation nur bedingt: Man kann Hagen nur die Intention unterstellen, dass Gunter von Kriemhild getötet werden soll, denn zum Einen ist das Gespräch um den Hort schon als solches eine Farce[139] und bildet nur den Boden, auf dem das finale Duell zwischen Hagen und Kriemhild ausgetragen wird, zum Zweiten ist die vorgeschobene Begründung Hagens, an einen Eid gebunden zu sein, nach all seinen vorangegangenen treuelosen Handlungen bestenfalls zynisch zu nennen und zum Dritten kann man bei der Intelligenz und Weitsicht von Hagen unter keinen Umständen eine Unbedachtheit in seiner Äußerung annehmen.

Handschrift C bestätigt diesen Interpretationsansatz[140] indem der Autor Hagens Motive für die Handlung in dieser Szene formuliert - eine der wenigen Situationen, in denen Einblick in Hagens Gedanken ermöglicht wird:

Er vorhte, so si hete im sinen lip genomen,

daz si danne ir brvder lieze heim ze lande chomen.[141]

Hier wird der Gipfel der Untreue[142] deutlich und Hagen schließt mit seinem letzten Verrat an Gunter den Spannungsbogen: Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt im Nibelungenlied hat Hagen Gunter enttäuscht, bei ihrem letzten zeichnet er verantwortlich für dessen Tod.

Ob Hagen deshalb wirklich the living presence of evil[143] ist, sei, bis zur Klärung der Motive, aufgeschoben, doch eines lässt sich schon an dieser Stelle mit Sicherheit resümieren: Dass Hagen nicht ausschließlich zum Vorteil des Herrschers[144] handelt. Sein Vasallenstatus scheint im Nibelungenlied also eher formeller Natur zu sein, doch seine Eigenmächtigkeiten beginnen nicht erst im Zuge des Untergangsgeschehens an Etzels Hof. Tatsächlich tritt Hagens Charakter von Beginn des Epos´ an deutlich zu Tage, es findet keine Verwandlung in seiner Person vom ersten zum zweiten Teil statt. Vielmehr treten seine Charakterzüge schärfer zu Tage durch die sich zu spitzenden Ereignisse. Offen muss an dieser Stelle die Frage bleiben, warum Hagens Umgebung, allen voran sein Lehnsherr, nicht genügend Sensibilität aufweist, um einerseits seine mangelnde Loyalität zu bemerken und andererseits dagegen einzuschreiten. Doch warum Hagen nicht seine Pflichten als Vasall erfüllt, sondern sich selbst zum omnipotenten Kontrolleur des Geschehens stilisiert und letztlich zur Zentrifugalkraft der Vernichtung[145] wird, soll in den nachfolgenden Kapiteln anhand der hinter seinen Handlungen stehenden Motivationen untersucht werden.

3) Hagens Handlungsmotive

a. Grundmotivationen

Einführend sollen zum einen solche Beweggründe zusammenfassend geklärt werden, die sich aus Hagens formellen, aber auch emotionalen Bindungen ergeben, zum anderen jene Motive, die aus dem systemischen Kontext, dem Hagen entspringt, zu erwarten wären.

Wie bereits analysiert, wären von Hagen vasallentypische Handlungen anzunehmen, die aus seinem (pseudo-)offiziellen Status heraus motiviert sein sollten: Doch Hagen scheint diesen Aufgaben nur nachzukommen, wenn er seinen persönlichen Nutzen daraus zieht. So gibt er während des Nibelungenliedes lange Zeit seine Position als Ratgeber nicht auf, allerdings gibt er sein Wissen nur gezielt Preis und instrumentalisiert es, um sich seine truchsessengleiche Stellung zu sichern. So handelt er als Truppenkommandant, Heerführer (…), als Reisekämmerer der Burgunder[146], aber auch als Ferge und Sprecher für seinen König. Auffällig ist, dass er nur solche Positionen erfüllt, die ihn nahe dem Zentrum des Geschehens sein lassen, den bereits erwähnten Botengang, welcher ihn aufgrund der geographischen Entfernung der Einflussnahme auf das Geschehen berauben würde, lehnt er schlichtweg ab.

Interessanter als seine formellen Einbindungen, sind die überaus ambivalenten Beziehungsgeflechte, die er mit den Personen in seiner Umgebung eingeht:

Als Burgunderkönig könnte Gunter die uneingeschränkte Loyalität von Hagen erwarten und einfordern. Inkludiert wäre dabei nur die Königsfamilie, was Hagen mit der Zurechtweisung Kriemhilds verdeutlicht: Sie ist durch ihre Verbindung mit Siegfried aus diesem Kreis ausgeschlossen worden. Sie selbst scheint allerdings nicht zu bemerken, dass sie von nun an zu einem anderen Hof gehört und Siegfried glaubt sich sogar bis zu dem Moment, da ihn der Speer durchdringt in Freundschaft mit Hagen. Dieser dagegen entscheidet in höchstem Maße individuell, wem gegenüber seine Treue Gültigkeit besitzt: So wird während der Reise zu Etzels Hof urplötzlich Volker zu seinem Busenfreund und längst vergangene Bindungen aus Hagens Jugend werden heraufbeschworen. Der Auslöser für das Gemetzel am Tisch von Etzel wird von Dankwart, seinem Bruder, hereingebracht und die Entscheidung von Hagen getroffen: Über die Köpfe der fast apathisch zusehenden Könige. Und dass Hagen auf dem Schlachtfeld mit Rüdeger paktiert, ist die Klimax der Freiheiten, die er sich selbst zugesteht.

Problematisch bei Hagens scheinbar willkürlichen Einzelhandlungen ist das Finden eines roten Fadens der Grundhandlungsmotivation. Letztlich scheint dieser darin angelegt zu sein, dass Hagen einem anderen Personentypus angehört, als alle anderen Burgunder. Er ist verhaftet in einer alten, im Vergleich zu seinem Umfeld antiquierten Lebensweise, die für den mittelalterlichen Hörer noch befremdlicher angemutet haben dürfte als für den modernen Leser, für den beide Lebensarten ungewohnt sind. Denn während Gunter, seine Brüder und alle anderen Handlungsträger des Nibelungenliedes von höfischem Brauchtum geprägt sind, bleibt Hagen der heroischen beziehungsweise archaischen Lebensführung treu. Die daraus entspringenden Regeln und Verhaltensmuster bilden die Grundlage für seine Motive. Doch begnügt sich Hagen nicht damit, dieses Heroentum selbst zu leben, sondern er oktroyiert es mit all seinen Konsequenzen seiner Umgebung, sowohl durch die Dominanz seiner Person im Allgemeinen, als auch im Einzelnen durch die Durchgeplantheit seiner Handlungen. Auf diese Art gelingt ihm nicht nur die Manipulation seines Herrschers, sondern auch die Beeinflussung der Handlungsstrukturen seiner Gegenspieler.

[...]


[1] Vgl. Hansen, Walter: Die Spur der Helden, Bergisch Gladbach 1988, S. 89.

[2] Vgl. Fechter, Werner: Siegfrieds Schuld und das Weltbild des Nibelungenliedes, Hamburg 1948, S. 41.

[3] Vgl. Dickerson, Harold jr.: Hagen – A negative view, S. 43 – 59, in: Semasia 2 (Hrsg. Anderson, R. u.a.), Amsterdam 1975, S. 51.

[4] Ebd., S. 44.

[5] Müller, Jan-Dirk: Motivationsstrukturen und personale Identität im Nibelungenlied, S. 221 – 256, in: Nibelungenlied und Klage (Hrsg. Knapp, F.P.), Heidelberg 1987, S. 224.

[6] Vgl. Becker, Peter Jörg: Helden- und Dietrichsepik, S. 40 – 57, in: Becker, P.J./Overgaauw, E. (Hrsg.): Aderlass und Seelentrost, Mainz 2003, S. 41.

[7] Vgl. Betz, Werner: Plädoyer für C als Weg zum älteren Nibelungenlied, S. 331 – 342, in: Mediævalia litteraria (Hrsg. Hennig, U.) Festschrift für Helmut deBoor zum 80. Geburtstag, München 1971, S. 44.

[8] Vgl. Heinzle, Joachim: Zweimal Hagen oder: Rezeption als Sinnunterstellung, S. 21 – 42, in: Die Nibelungen – Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum (Hrsg. Heinzle, J.), Frankfurt a.M. 1991, S. 27.

[9] Batts, Michael (Hrsg.): Das Nibelungenlied – Paralleldruck der Handschriften A, B und C nebst Lesarten der übrigen Handschriften, Tübingen 1971, S. 533.

[10] Vgl. Hucker, Bernd Ulrich: drier künege man – königliche Hofämter im Nibelungenlied, S. 103 – 122, in: Breuer, J. (Hrsg.): Ze Lorse bi dem münster, München 2006, S. 106.

[11] Vgl. Heinzle: Zweimal Hagen, S. 21.

[12] Vgl. Lönnendonker, Norbert: Als die Götter noch jung waren, Berlin 2003, S. 189.

[13] Vgl. Lapp, Norbert: Faszination Nibelungen, Frankfurt 2005, S. 154.

[14] Vgl. Reichert, Hermann: Nibelungenlied und Nibelungensage, Wien/Köln 1985, S. 104.

[15] Vgl. ebd. S. 90.

[16] Batts: Nibelungenlied, S. 165.

[17] Vgl. Smits, Kathryn: Die „Stimmen“ des schweigenden Königs, S. 23 – 46, in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 27 (Hrsg. Kunisch, H.), Berlin 1986, S. 24f.

[18] Singer, Johannes: Mittelhochdeutscher Grundwortschatz, Paderborn 2001, S. 46.

[19] Tatsächlich hat er – wie die weitere Untersuchung zeigen wird - nicht nur einen solchen Status inne, sondern übertrifft ihn in seinen Eigenmächtigkeiten sogar weitestgehend.

[20] B 1752,1 (B 1755,1) in: Batts: Nibelungenlied, S. 533.

[21] In B 1753,2 (B 1756,2) wird Hagen als gisel bezeichnet, doch der freundschaftliche um nicht zu sagen sentimentale Ton in Etzels Erinnerungen legt die Annahme nahe, dass er eher die Funktion eines Bürgen als die einer Geisel erfüllt hat, vgl. Batts: Nibelungenlied, S. 535.

[22] B 1753, 2-4 (B 1756, 2-4) in: ebd., S. 535.

[23] Vgl. Badenhausen, Rolf: Die Nibelungen. Dichtung und Wahrheit, Bielsko-Biala 2005, S. 66.

[24] Beispielsweise in B 1731 in Batts: Nibelungenlied, S. 527.

[25] Vgl. Ehrismann, Otfried: Das Nibelungenlied, München 2005, S. 58.

[26] Vgl. Lönnendonker: Als die Götter…, S. 189.

[27] Vgl. Häny, Arthur (ÜS): Die Edda: Götter- und Heldenlieder der Germanen, Zürich 1987, S. 427.

[28] Vgl. Lapp: Faszination Nibelungen, S. 154.

[29] Vgl. Fechter: Siegfrieds Schuld, S. 62.

[30] Vergleiche dazu die folgenden Kapitel.

[31] Zum Beispiel bereits in der Nibelungenklage in B 1301: ez wære von sînen schulden. Bumke, Joachim (Hrsg.): Die Nibelungenklage – Synoptische Ausgabe aller vier Fassungen, Berlin 1999, S. 208.

[32] Fechter: Siegfrieds Schuld, S. 63.

[33] An dieser Stelle sei der Vollständigkeit halber noch angemerkt, dass es für die Konzeption dieser Arbeit unnötig zu sein scheint, sich auf Spekulationen um eine geographische Verortung der Herkunft Hagens einzulassen und den damit verbundenen Namen Tronege bzw. Trony zu ergründen. Diese Figur erhält ihre Komplexität und Tiefedurch ihre mythologische und kontextuelle Dichte und nicht durch einen bestenfalls vagen historischen Bezug.

[34] Vgl. Sattel, Sabine: Das Nibelungenlied in der wissenschaftlichen Literatur zwischen 1945 und 1985, Frankfurt 2000, S. 377ff.

[35] Vgl.: Hoffmann, Werner: Das Nibelungenlied, S. 5 – 136, in: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur (Hrsg. Roloff, H.-G.), Frankfurt 1987, S. 61.

[36] B 1731 in: Batts: Nibelungenlied, S. 527.

[37] Batts: Nibelungenlied, S. 507.

[38] B 411,1 (B 413,1) in Batts: Nibelungelied, S. 127.

[39] B 1731,4 (B 1734,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 527.

[40] Vgl. Ehrismann, Otfried: Strategie und Schicksal – Hagen, S. 89 – 116, in: Literarische Symbolfiguren (Hrsg. Wunderlich, W.), Bern/Stuttgart 1989, S. 91.

[41] Der Hof Sigemunds und der Hof Etzels.

[42] Vgl. Batts: Nibelungenlied, S. 19.

[43] Ebd. S. 19.

[44] B 1751,1 (B 1754,1) in Batts: Nibelungenlied, S. 533.

[45] nach iwer selbes willen, wand ir habet vollen rat. ich wæne niht daz Hagene ivch noch vergiselt hat. Batts: Nibelungenlied, S. 445.

[46] Fechter: Siegfrieds Schuld, S. 43.

[47] Stout, J.: und ouch hagene, Groningen 1963, S. 230.

[48] Stecher, Sabine: Die Personengestaltung im Nibelungenlied im Spannungsfeld von Stofftradition und Erzählstruktur (Magisterarbeit Universität Regensburg), Regensburg 1983, S. 54.

[49] Batts: Nibelungenlied, S. 465.

[50] B 1730, 2 (B 1733,2) in: Batts: Nibelungenlied, S. 527.

[51] Haymes, Edward R.: The Nibelungenlied – History and Interpretation, Chicago 1986, S. 79.

[52] B 2308,4 (B 2311,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 703.

Zwar müssen die meisten Stellen des Nibelungenliedes, in denen vom tivel gesprochen wird, als unbedachte Ausrufe angenommen werden, jedoch gibt es – vor allem im Zusammenhang mit Hagen – auch tatsächlich ernst gemeinte Vergleiche mit dem Teufel, Vgl.: Kuhn, Hans: Der Teufel im Nibelungenlied, S. 333 – 366, in: Nibelungenlied und Kudrun (Hrsg. Rupp, H.), Darmstadt 1976, S. 333f.

[53] Vgl. Haymes: The Nibelungenlied, S. 73.

[54] Vgl. Kofler, Walter: Ideologie des Totschlagens, S. 441 – 469, in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft Band 9 (Hrsg. Hartmann, S. u.a.), Frankfurt 1996/1997, S. 441.

[55] Vgl. Schwab, Ute: Tötende Töne. Zur Fidelmetaphorik im „Nibelungelied“, S. 77 – 122, in: Geist und Zeit (Hrsg. Gottzmann, C.) Festschrift für Roswitha Wisniewski, Frankfurt 1991, S. 114.

[56] Vgl. B 903 (B 906) in Batts: Nibelungenlied, S. 273.

[57] Vgl. B 2372f (B 2375f) in Batts: Nibelungenlied, S. 721.

[58] Vgl. Stech, Julian: Das Nibelungenlied – Appelstrukturen und Mythosthematik in der mittelhochdeutschen Dichtung, Frankfurt 1993, S. 27f.

[59] Wisniewski, Roswitha: Das Versagen des Königs. Zur Interpretation des Nibelungenlieds, S. 170 – 186, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, 95. Band (Hrsg. Schmidtke, D.) Festschrift für Ingeborg Schröbler zum 65. Geburtstag, Tübingen 1973, S. 181f.

[60] Vgl. B 1506/1507 (B 1509/1510) in Batts: Nibelungenlied, S. 459.

[61] Vgl. B 1529 (B 1532) in Batts: Nibelungenlied, S. 469.

[62] Vgl. Müller, Gernot: Symbolisches im Nibelungenlied (Inauguraldissertation), Heidelberg 1968, S. 229.

[63] B 1507, 1-2 (B 1510,1-2) in Batts: Nibelungenlied, S. 459.

[64] B 11 (B 13) in Batts: Nibelungenlied, S. 5.

[65] Müller: Symbolisches im Nibelungenlied, S. 232.

[66] Vgl. Haymes, Edward: Das Nibelungenlied – Geschichte und Interpretation, München 1999, S. 111.

[67] Vgl. Gephart, Irmgard: Der Zorn der Nibelungen, Köln 2005, S. 120.

[68] Müller: Symbolisches im Nibelungenlied, S. 255.

[69] Und das damit verbundene fadenscheinige Argument, potentielle Deserteure an der Flucht zu hindern, Vgl. B 1580 (B 1583)in Batts: Nibelungenlied, S. 481.

[70] Vgl. Tally, Joyce Ann: The dragons progress: The significance of the dragon in “Beowulf”, “The Volsunga saga”, “Das Nibelungelied” and “Der Ring des Nibelungen” (Dissertation), University of Denver 1983, S. 105.

[71] B 867,1 (870,1): Sin gevolgete niemen, niwan daz Hagen in Batts: Nibelungenlied, S. 263.

[72] Ebenbauer, Alfred: Achillesferse – Drachenblut – Kryptonit. Die Unverwundbarkeit der Helden, S. 73 – 102, in: Philologica Germanica 26 – Das Nibelungenlied und die europäische Heldenlieddichtung (Hrsg. Ebenbauer, A.) 8. Pöchlarner Heldenliedgespräch, Wien 2006, S. 93.

[73] In B 1520,1 (B 1523,1) werden die Burgunden zum ersten Mal „Nibelungen“ genannt, während sie in B 1519,1 (B1522,1) noch Bvrgonden tituliert wurden. Der Wechsel von einem Begriff auf den Anderen geschieht ohne jegliche Begründung und wird zu keinem Zeitpunkt thematisiert, Vgl. Batts: Nibelungenlied, S. 463ff.

[74] B 2111,1-2 (B2114,1-2) in Batts: Nibelungenlied, S. 645.

[75] Vgl. Schwab, Ute: Hagens praktische Todesregie, S. 187 – 242, in: triuwe. Studienbuch zur Sprachgeschichte und Literaturwissenschaft (Hrsg. Kraft, K.-F.), Heidelberg 1992, S. 211: Die Wunden der Toten müssten ähnlich wie bei der Bahrprobe, wieder anfangen zu bluten, damit eine reele Möglichkeit für das Trinken des Blutes gegeben wäre.

[76] Vgl. Schwab: Hagens praktische Todesregie, S. 205.

[77] Vgl. Bertau, Karl: Deutsche Literatur im Europäischen Mittelalter I, München 1972, S. 191.

[78] Haymes: Das Nibelungelied, S. 107.

[79] Wyss, Ulrich: Nibelungische Irritationen. Das Heldenepos in der Literaturgeschichte, S. 261 – 271, in: Philologica Germanica 23 – 800 Jahre Nibelungenlied (Hrsg. Zatloukal, K.) 6. Pöchlarner Heldenliedgespräch, Wien 2001, S. 271.

[80] Vgl. Firges, Jean: Das Nibelungenlied, Annweiler am Trifels 2001, S. 21.

[81] Sattel: Das Nibelungenlied, S. 396f.

[82] Botschau, Marcus: Der eigenmächtige Vasall – Typisierung und Individualisierung der Figur Hagen von Tronje im „Nibelungenlied“ (Magisterarbeit Universität Erlangen-Nürnberg) 2005, S. 87.

[83] B 1734,4 (B 1737,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 529.

[84] Firges: Nibelungenlied, S. 17.

[85] Krausse, Helmut: Zur Darstellung des Todes im Nibelungenlied, S. 245 – 257, in: Neophilologus 61 (Hrsg. Vos, A.L. u.a.), Groningen 1977, S. 254. Diesbezüglich sei noch angemerkt, dass der Fährmann der Totenkulte ebenfalls mit dem Attribut „grimmig“ belegt wird. Vgl. Gephart: Zorn der Nibelungen, S. 121.

[86] Zu diesem Zeitpunkt überlegen die Mannen Gunters gerade, wie sie Hagen ein Alibi verschaffen können, vgl. B 996 (B 999)in Batts: Nibelungenlied, S. 301.

[87] B 1584,4 (B 1587,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 485.

[88] Batts: Nibelungenlied, S. 431.

[89] Vgl. Schieder, Dietlind: Farbe und Licht im Nibelungenlied (Inauguraldissertation), Freiburg 1962, S. 40.

[90] Ehrismann: Strategie und Schicksal, S. 114.

[91] Heinzle: Zweimal Hagen, S. 26.

[92] Zum Beispiel scarmeister, vgl. B 170,4 (B 172,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 53.

[93] Bumke, Joachim: Höfische Kultur, München 1997, S. 418.

[94] Ebd. S. 418.

[95] Hempel, Wolfgang: Übermuot diu alte… Der Superbia-Gedanke und seine Rolle in der deutschen Literatur des Mittelalters, Bonn 1970, S. 217.

[96] Ebd. S. 222.

[97] Hempel, Wolfgang: Superbia als Schuldmotiv im Nibelungenlied, S. 1-12 in: Seminar 2 (Hrsg. Farquharson, R.H.), Toronto 1966, S. 7.

[98] Vgl. ebd. S. 3.

[99] Jönsson, Maren: Verspielte Alternativen im Nibelungenlied, S. 223 – 237, in: Studia Neophilologica 73 (Hrsg. Müller, G.), Norwich 2001, S. 225.

[100] Vgl. Firges: Nibelungenlied, S. 21.

[101] Batts: Nibelungenlied, S. 261.

[102] B 1781,3-4 (B 1784,3-4) in Batts: Nibelungenlied, S. 543.

[103] Brünhild wäre zwar ebenfalls noch im mythologischen Bereich einzuordnen, doch zum einen gehört sie nicht in die Kategorie des „Helden“, zum zweiten verliert sie ihren übernatürlichen Bezug nach ihrer Hochzeitsnacht.

[104] Vgl. Schweitzer, Edward: Tradition and Originality of Siegfried´s Death in the Nibelungenlied, S. 355 – 364, in Euphorion 66 (Hrsg. Gruenter, R.), Heidelberg 1977, S. 360.

[105] Vgl. Hasty, Will: Conquest: Das Nibelungenlied, S. 101 – 122, in: Art of arms (Beiträge zur älteren Literaturgeschichte), Heidelberg 2002.

[106] Vgl.: Jönsson, Maren: „Ob ich ein ritter wære“ Genderentwürfe und genderrelatierte Erzählstrategien im Nibelungenlied, Uppsala 2001, S. 178.

[107] Vgl. Gephart: Zorn der Nibelungen, S. 135.

[108] Quast, Bruno: Wissen und Herrschaft, S. 287 – 302, in: Euphorion 96 (Hrsg. Adam, W.), 3. Heft, Heidelberg 2002, S. 300.

[109] Vgl. Sattel: Nibelungenlied, S. 377.

[110] Stecher: Personengestaltung, S. 45.

[111] Während bereits bei der ersten Nennung Hagens und der anderen Vasallen Rumolt als chvchenmeister (B 8,1/B 10,1), Dankwart als marscalch (B 9,1/B 11,1) und Gere bzw. Ekkewart zumindest noch mit ihrem Titel marcgrave (B 7,3/ B 9,3) eingeführt werden, endet Hagens Vorstellung mit seinem Namen. Er scheint keinen Titel zu besitzen und ihm wird von Situation zu Situation ein Amt übertragen, z.B. wird er als scarmeister (B 170,4) genannt, als die Burgunder gegen die Sachsen in den Krieg ziehen.

[112] Martin, Bernhard: Nibelungen im Spiegelkabinett des deutschen Nationalbewusstseins – Studie zur literarischen Rezeption des Nibelungenliedes in der Jugend- und Unterhaltungsliteratur von 1819 – 2002, München 2004, S. 193.

[113] Vgl. weiterführend dazu: Bumke, Joachim: Ministerialität und Ritterdichtung, München 1976, S. 7.

[114] Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Lehnsherrschaft, Stuttgart 1989, S. 30.

[115] Batts: Nibelungenlied, S. 39.

[116] Vgl. Brevart, Francis: Die Reizreden im Nibelungelied, in der Chanson de Roland und im Beowulf-Epos (Dissertation, mikrofishe-Veröffentlichung), Montreal 1976, S. 24.

[117] B 436,4 (B 438,4) in Batts: Nibelungenlied, S. 133.

[118] Vgl. B 527 (B 530)ff.

[119] Hucker: drier künige man, S. 108.

[120] B 695,3 (B 698,3) in Batts: Nibelungenlied, S. 211.

[121] Vgl. Botschau: Vasall, S. 23f.

[122] Vgl. Müller, Jan-Dirk: Das Nibelungenlied, Berlin 2002, S. 59.

[123] Vgl. Lecouteux, Claude: Die burgundische Königsfamilie im Nibelungenlied und die drei indogermanischen Funktionsebenen: Überlegungen zum Fortleben einer mythologisch-epischen Struktur, S. 279 – 290, in: Euphorion 91 (Hrsg. Adam, W.), Heidelberg 1997, S. 279.

[124] Vgl. Rollnik-Manke, Tatjana: Personenkonstellation in mittelhochdeutschen Heldenepen, Frankfurt 2000, S. 8.

[125] Brinker-von der Heide, Claudia: Hagen – valant oder trost der Nibelungen? Zur Unerträglichkeit ambivalenter Gewalt im „Nibelungenlied“ und ihrer Bewältigung in der „Klage“, S. 122 – 144, in: Der Mord und die Klage. Das Nibelungenlied und die Kulturen der Gewalt (Hrsg. Bönnen, G.), Worms 2003, S. 125.

[126] Vgl. B 854ff.

[127] Ebenso wie die Seelenqual Kriemhilds, denn die Eitelkeiten und Rangfolgestreitigkeiten der Frauen stünden immer zweitrangig hinter der Ehre ihrer Männer und Könige. So gesehen handelt Siegfried als einziger epochen- und situationsgemäß, wenn er Kriemhild dafür züchtigt, dass sie seine Ehre in den Schmutz gezogen hat.

[128] B 862,2 (B 865,2)in Batts: Nibelungenlied, S. 261.

[129] B 873,1 (B 876,1) in Batts: Nibelungenlied, S. 265.

[130] Paradoxerweise fällt niemandem im Beziehungsgeflecht des Wormser Hofes die Absurdität der Situation auf, dass Hagen von Kriemhild vrlovp (B 888,4/B 891,4) nimmt, bevor er in den fingierten Krieg gegen die Sachsen zieht, der gleichen Kriemhild, der er energisch seinen Vasallendienst verweigert und damit klar gemacht hat, dass Brünhild jetzt die Königin von Worms und somit seine Bezugsinstanz ist. Nur Hagen scheint mit ihrer Naivität zu rechnen (ebenso wie mit der von Siegfried im weiteren Verlauf), denn sein ganzer Plan steht und fällt mit der Information, die ihm nur Kriemhild geben kann.

[131] B 1134,1-2 (1137,1-2) in Batts: Nibelungenlied, S. 345.

[132] C 1152,4 in Batts: Nibelungenlied, S. 344. Sowohl die Handschrift A als auch B verzichten auf den Hinweis eine, weswegen man sich dort den Interpretationsspielraum zugestehen könnte, Hagen als treuen Vasallen zu sehen, der zum Wohle Burgunds handelt. Doch die Tatsache, dass auch in den Handschriften A und B von Hagen im Singular als Nutzer des Schatzes gesprochen wird, würde diesen Ansatz doch sehr euphemistisch konnotieren. (Vgl. A 1077,4 und B 1134,4/B 1137,4 in Batts: Nibelungenlied, S. 344/345.

[133] Kuhn: Teufel im Nibelungenlied, S. 344.

[134] Dickerson: Hagen – A negative view, S. 49.

[135] Vgl. Zacharias, Rainer: Die Blutrache im deutschen Mittelalter, S. 167 – 201, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 91 (Hrsg. Schwietering, J.), Wiesbaden 1961/1962, S. 187.

[136] Batts: Nibelungenlied, S. 482.

[137] C 2258, in Batts: Nibelungenlied, S. 670.

[138] Vgl. Jönsson: Verspielte Alternativen, S. 228ff.

[139] Kriemhild kann niemals ernsthaft erwartet haben, dass Hagen ihr im letzten Moment noch den Hort übergibt. Die Vielzahl der Gründe dafür rechtfertigt eine ausgelagerte Analyse, welche im weiteren Verlauf dieser Arbeit an verschiedener Stelle thematisiert werden wird.

[140] Mit einer Strophe, die sowohl in A als auch B fehlt.

[141] C 2427 (C 2428) in Batts: Nibelungenlied, S. 718.

[142] Kuhn: Teufel im Nibelungenlied, S. 348.

[143] Dickerson: Hagen, S. 57.

[144] Stecher: Personengestaltung im Nibelungenlied, S. 46.

[145] Weber, Gottfried: Das Nibelungenlied. Problem und Idee, o.O. 1963, S. 52.

[146] Hucker: drier künege man, S. 104.

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Charakterisierung der Hagenfigur im Nibelungenlied mit Fokussierung seiner Handlungsmotive
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
87
Katalognummer
V174603
ISBN (eBook)
9783640950973
ISBN (Buch)
9783640951369
Dateigröße
790 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hagen, Tronje, Motive, Nibelungen, Burgund, Etzel, Verrat
Arbeit zitieren
Simon Baar (Autor), 2007, Charakterisierung der Hagenfigur im Nibelungenlied mit Fokussierung seiner Handlungsmotive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174603

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