Die kontextuelle Bedeutung des Grals für den Parzivalroman von Wolfram von Eschenbach


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
21 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Die sukzessive Einführung des Grals in die Geschichte

2. Der Gral ist gekennzeichnet von heilsgeschichtlicher und () mythologischer Märchenmotivik
2.1.Heilsgeschichtlicher Hintergrund
2.2. Legendenhafte und arabische Züge im Gral
2.3. Ursachen und Gründe für die Vermischung arabischer und () abendländischer Motive im Gral

3. Welche Erlösungsgedanken sind in der Gralswelt impliziert?
3.1. Erlösung Parzivals durch den Gral
3.2 Erlösung der Gralswelt durch Parzival

4. Der Gral als Fiktionalitätshinweis

5. Textuelle Bewertung des Grals

6. Literaturangaben

1. Die sukzessive Einführung des Grals in die Geschichte

Der Gral[1] in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ ist deutlich von den Varianten zeitgenössischer Darstellungen wie Chretien de Troyes „Percerval“[2], der gesamtkonzepttonal als Vorlage des deutschen Dichters gilt oder Robert de Borons „Le Roman du Saint-Graal“[3] abzugrenzen: Bereits die komplexe Einführung und Weiterstilisierung des Grals auf mehrschichtiger Ebene deuten auf die Bedeutung dieses Moments für das Gesamtwerk hin:

Zum einen wird der Gral sukzessiv in die Geschichte eingeführt, zum anderen werden sowohl die literarische Gestalt Parzival wie auch die literarischen Rezeptenten – seien es Hörer oder Leser[4] – an dieses zentrale Thema herangeführt. Dem scheint zunächst die Handlung des V. Buches zu widersprechen, wenn sowohl Protagonist wie auch Leser vom plötzlichen Auftreten, um nicht zu sagen der kurzzeitigen Zentralisierung des Grals überrascht und zeitgleich überfordert werden. Doch beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass bereits zuvor Andeutungen zur Gralsthematik gemacht werden, wenn etwa der Protagonist bereits im Prolog mit „wunders vil des dran geschiht“[5] in Verbindung gebracht wird, Parzival im Buch IV für die Beendigung einer Hungersnot mitverantwortlich zeichnet (was wiederum eine Parallele zur Wundereigenschaft des Grals ist) oder der junge Held mit übermenschlichen Fähigkeiten assoziiert wird: „daz er bî dem tage reit,/ ein vogel hetes arbeit,/ solt erz allez hân erflogen.“[6] Auch die vielzitierte „tumpheit“[7], der Parzival die versäumte Frage beim Gral zu verdanken hat, wird einerseits bereits bei der Einführung des Helden deutlich, andererseits vor dem eigentlichen Treffen mit dem Gral vermeintlich aufgehoben: „sît er tumpheit âne wart“[8]. Auch schafft erst das Versagen des Protagonisten beim ersten direkten Kontakt mit dem mystischen Stein die literarische Vorraussetzung für die weitere Entwicklung von einerseits der Person Parzivals selbst, als auch andererseits des Handlungskomplexes innerhalb der Gesamtstruktur.

So erweist es sich als durchaus schwierig, ein erstmalig als Handlungsinstanz zu wertendes Auftreten des Grals oder den Moment der Erkenntnis des Grals als Normhorziontes für die Gesamthandlung zu punktieren. Vielmehr arbeitet Wolfram durch geschicktes Einsetzen von Voraus- und Andeutungen[9] eine unterschwellige Vereinnahmung für den Leser durch den Gral aus, die sich im V. Buch bei Anfortas durch das Auftreten des Steins und im IX. Buch bei Trevrizent durch die Aufklärung über den Stein konkretisiert.

Wichtig wird die Sukzessivität bei der Gralseinführung unter anderem dann, wenn es gilt Parzivals Verhalten im Bezug auf seine Sünden (wie das Frageversäumnis) oder die Bewertung seiner „tumpheit“ zu eruieren. Denn eben aufgrund der angedeuteten Verhältnisse über den Gral wird sein Verhalten zu einem Scheitern an sich selbst und die Entwicklung zum späteren Charakter kann ihren Weg nehmen. Der Reife- und Erkenntnisprozess Parzivals[10] wird ebenso vom Gral ausgelöst wie er auch in ihm und der damit verbundenen Gralsherrschaft endet. Dabei wird sowohl dem Leser wie auch Parzival erst im Buch IX und den darin enthaltenen Ausführungen Trevrizents zum Gral klar, dass sich dieser selbst mit der ihn umgebenden Welt längst unterschwellig zum bedeutungsvollen Normhintergrund verselbstständigt hat. Die im höfischen Roman zu erwartende Werteinstanz des Artushof wird damit schnell von der übergeordneten Rolle der Gralsgemeinschaft abgelöst. Durch die schrittweise Einführung des Grals und vor allem durch die immer wiederkehrenden Andeutungen auf die Bedeutung seiner Norm grenzt sich dieser auch literarisch von anderen Thematiken im Parzivalroman ab, die in einzelnen Kapiteln behandelt und dann durch ihre sekundäre Wertigkeit wieder vernachlässigt werden. Ebenso ist der Gral sowohl in der Parzival wie auch in der Gawanhandlung zentrales Motiv, was ihm wiederum ein gesteigertes Eigengewicht verleiht.

Für den Leser durchläuft der Gral mehrere Stufen von Konkretisierung und Abstrahierung, wenn etwa im V. Buch der Gral manifestiert als Stein in Erscheinung tritt, aber Bedeutung und Komplexität im Verborgenen bleibt und umgekehrt bei Trevrizents Erläuterungen der Gral seine Rolle als Norminstanz zugeschrieben bekommt und auch für Parzival die erste Erkenntnis über den Gral deutlich wird, doch der Gral selbst wieder zum unerreichbaren Abstraktum geworden ist. Auch wird bei der Bezeichnung für den Gral eine schrittweise Einführung bzw. Heranführung gewählt: In Vers 235,23 wird er als „ein dinc“[11] bezeichnet, im Späteren mehrfach als Stein und letztendlich als „lapsit exilis“[12] in Vers 469,1.[13] Dabei wird eine Klimax des Grals stilisiert, die in der Begegnung zwischen Trevrizent und Parzival ihre volle Bedeutung entfaltet.

Wolfram bleibt gerade bei der Gralsthematik oft vage, sei es mit der Funktion oder den Eigenschaften des Grals, sei es durch die Andeutungen oder Vorrausdeutungen die sowohl die Figurenrede zentraler Gestalten wie Sigune betreffen wie auch die direkte Anrede des Lesers durch den Erzähler/Autor[14], so zum Beispiel im Buch IX: „Swer mich dervon ê frâgte/ unt drumbe mit mir bâgte,/ ob ichs im niht sagte,/ umprîs der dran bejagte./ micht batez helen Kyôt/ wand im diu âventiure gebôt,/ daz es immer man gedaehte,/ ê ez d´âventiure braehte/ mit worten an der maere gruoz/ daz man dervon doch sprechen muoz.“[15]

Dasselbe gilt für den Verweis des Erzählers auf seine „neuen“ Quellen: Es dürfte kaum Zufall sein, dass ausgerechnet im Gralskontext Wolfram seine offenkundige Vorlage Chretien diffamiert und die schwer fassbaren Quellen Kyot und Flegetanis einführt. Diese spalten nicht nur die Gralswelt in christlichen und heidnischen Hintergrund[16] sondern auch noch die neueste Forschung in sogenannte Kyotleugner und An-Kyot-Glaubende[17]: „Seine Informanten – falls es mehrere waren – versteckt er unter dem Sammelpseudonym ´Kyot´.“[18] Ungeachtet der Diskussion ob diese Quellen fiktiv oder authentisch sind hebt sich die Gralsthematik damit auch äußerlich vom übrigen Werk ab und bedingt und rechtfertigt auf diese Weise eine eigene Einführung. So erscheinen neben den ohnehin nebulösen Quellen die literarischen Figuren in Gralsnähe wieder authentischer oder wenigstens passender, wenn man dabei z.B. an die in ihrer Liebe zum getöteten Gemahl Schionatulander beinahe grotesk wirkende Sigune denkt. Sie wird Parzival im gesamten Werk vier Mal begegnen und jedes Mal einen bedeutenden Sinn- oder Handlungseinschnitt darstellen, wobei die Treffen immer von der Nähe zum Gral geprägt sind.[19]

Der Gral bleibt vom Moment der ersten Andeutung bis zum Ende des Romans ein roter Leitfaden und omnipräsente Instanz für Figuren und Leser. Die sukzessive Einführung, die damit verbundene Steigerung der Wertigkeit, die Mystifizierung der Umstände und rückblendende Aufklärung in retardierenden Momenten[20] verleihen dem Gral und der Gralswelt in jeder Hinsicht ihren „dynastisch-exklusiven Charakter“.[21]

2. Der Gral ist gekennzeichnet von heilsgeschichtlicher und mythologischer Märchenmotivik

Da der gesamte Roman Wolframs von ambivalentem Charakter geprägt ist, darf es nicht verwundern dass das große Leitmotiv in Form des Grals diesbezüglich ein Paradebeispiel darstellt. So stehen sich im Gral historische und literarische Bezüge gegenüber, ebenso wie die Momente von Erlösen und Erlöst werden, Fiktion und Authentizität, verschiedene Quellen und wohl am deutlichsten hervortretend: Christliche, arabische und märchenhafte Motive.

Vorab ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein woher Wolfram seine Motive und Inspirationen gezogen hat:[22] Zum einen lebte Wolfram zur Hoch-Zeit der Kreuzzüge und der damit verbundenen Kulturvermischung christlicher und arabischer Elemente; ebenso erfuhren Ritterorden wie die Templer ihre volle Blüte zu Wolframs Lebzeiten[23]. Zum anderen war im Hochmittelalter[24] die Bibel „das Buch“ schlechthin mit absolutem Gültigkeits- und Wahrheitsanspruch. Bedenkt man dann wiederum, dass die Politik und das Leben der Zeit vom „deus vult“ untermalt war ist es durchaus verständlich wenn die Heilige Schrift die zentralen Stellen der Literatur mitkonnotiert hat. Zu guter Letzt darf auch nicht übersehen werden, dass die Entstehungszeit des „Parzival“ immer noch in einen Zeitraum der sogenannten „oral history“ fällt und deswegen ein breiteres Spektrum an Wissen über Legenden und Geschichten vorausgesetzt werden darf - zurückreichend über vermutlich viele Generationen - als es sich der moderne Leser überhaupt vorstellen kann.

2.1. Heilsgeschichtlicher Hintergrund

Die christlichen Motive lassen sich in zwei Kategorien aufgliedern: In biblisch-textuell und kirchlich-strukturell motiviert, wobei ersteres literarischer zu sehen ist als das Zweitgenannte, welches eher unter historischen Aspekten betrachtet werden muss.

Der Gral weist eine Reihe von Wundereigenschaften auf, die auf den ersten Blick zusammenhangslos und beinahe willkürlich wirken. Doch erlaubt die Bibel deutliche Rückschlüsse darauf, auf welchen Text Wolfram sich bezogen hat:

[...]


[1] Wolfram meidet den Begriff „heilig“ im Zusammenhang mit dem Gral, weswegen sich der Stil dieser Untersuchung daran orientiert, auch wenn in der wissenschaftlichen Literatur angeführtes Attribut oftmals angeführt wird. Vgl. dazu: Mergell, Bodo: „Der Gral in Wolframs Perzival“, Halle 1952.

[2] Vgl.: Chretien de Troyes: "Percervel", Stuttgart 1963.

[3] Vgl.: Robert de Boron: "Le Roman du Saint-Graal", München 1981.

[4] Im folgenden wird auf die Differenzierung zwischen mittelalterlichem Hörer und neuzeitlichem Leser verzichtet, es sei den der explizite Charakter der Thematik erfordert es (Anm. d. Verf.).

[5] Wolfram von Eschenbach: „Parzival“, Berlin 2003, 4,26.

[6] Ibid, 224,23 – 25.

[7] Vgl.: Haas, Alois: „Parzivals tumpheit", Berlin 1964.

[8] Wolfram: „Parzival“, 179,23.

[9] Vgl.: Sauer, Margret: „Parzival auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, Göppingen 1981, S. 182ff.

[10] Vgl.: Meyer, Rudolf: „Der Gral und seine Hüter“, Stuttgart 1956.

[11] Wolfram: „Parzival“, S. 239.

[12] Ibid, S. 473.

[13] Vgl.: Ruh, Kurt: „Höfische Epik des deutschen Mittelalters“, Berlin 1980.

[14] Auf eine Ausdifferenzierung zwischen mittelalterlichem Erzähler und mittelalterlichem Autor wird an dieser Stelle verzichtet und das Wissen um diese Bedeutung vorausgesetzt (Anm. d. Verf.).

[15] Wolfram: „Parzival“, 453,1-10.

[16] Vgl. Kapitel 2 dieser Untersuchung (Anm. d. Verf.).

[17] Vgl.: Ruh, Höfische Epik.

[18] Haferland, Harald: „Die Geheimnisse des Grals. Wolframs ´Parzival´als Lesemysterium?“, S. 23 – 51, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 113, Berlin 1994, S. 23.

[19] Vgl.: Weidelener, Herman: „Der Mythos von Parzival und dem Gral“, Augsburg 1994.

[20] Wie beispielsweise im Buch IX bei Trevrizent.

[21] Brall, Helmut: „Gralssuche und Adelsheil“, Heidelberg 1983, S. 278ff.

[22] Zwar gibt es abgesehen von den erwähnten Chretien, Kyot und Flegetanis keine schriftlich fixierten Hinweise, doch lassen literarische und historische Interpretationen durchaus Rückschlüsse zu auf andere Hintergründe zu die mehr als spekulativen Charakter haben.

[23] Vgl.: Forey, Alan: „Die Ritterorden 1120 bis 1312“, S. 214 – 250 in: Riley-Smith, Jonathan (Hrsg.): „Illustrierte Geschichte der Kreuzzüge“, Frankfurt/New York 1999.

[24] Wie in den meisten anderen Phasen des Mittelalters auch.

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Details

Titel
Die kontextuelle Bedeutung des Grals für den Parzivalroman von Wolfram von Eschenbach
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,6
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V174609
ISBN (eBook)
9783640950997
ISBN (Buch)
9783640950508
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gral, Parzival, Wolfram, Eschenbach
Arbeit zitieren
Simon Baar (Autor), 2005, Die kontextuelle Bedeutung des Grals für den Parzivalroman von Wolfram von Eschenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174609

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