Beginn Christentum – Ende Heidentum?

Ab wann waren die bekehrten Wikinger wirkliche Christen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

24 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A: Die Wikinger – das zuletzt christianisierte Volk Europas

B: Beginn Christentum – Ende Heidentum? Ab wann waren die bekehrten Wikinger wirkliche Christen?
1. Wie lange dauert die Übernahme einer neuen Religion?
2. Wie passt das Christentum in das heidnische Weltbild?
a. Der Monotheismus im Polytheismus
b. Die Toleranz der Heiden
c. Das „praktische“ Christentum
3. Wie wirkt sich das Christentum im Alltag aus?
a. Änderung der Kulte
b. Funktion der Taufe
c. Auch die Bekehrer waren keine Heiligen
4. Die Archäologie widerspricht der raschen Christianisierung:
a. Thors Hammer versus Kreuz
b. Heidnische versus christliche Bestattungen
5. Der Fortbestand heidnischer Momente
a. Die Weiterführung heidnischer Namen
b. Die „zu spät verfasste“ Edda
c. Das spät zerstörte Uppsala
d. Die Lebensweise Helgi´s
6. Allgemeine Zweifel an der „schnellen“ Christianisierung: Die aufoktroyierte Religion

C. Das Christentum beendet das Heidentum – im Lauf der Zeit. (S. 21)

D. Anhang

Beginn Christentum – Ende Heidentum?

Ab wann waren die bekehrten Wikinger wirkliche Christen?

A: Die Wikinger – das zuletzt christianisierte Volk Europas

Schon mit ihrem ersten Auftritt auf der Bühne der Weltgeschichte machten die Wikinger Bekanntschaft mit dem Christentum: Sie überfielen und plünderten das Kloster in Lindisfarne im Jahre 793 n.Chr.[1]

Doch sollte es zum Teil noch 250 Jahre dauern, bis die Parteien dieses ersten Treffens einen Weg der dauerhaften und friedlichen Co-Existenz fanden.

Zunächst folgte die Blütezeit der Wikingerraubzüge bis in die Mitte des folgenden Jahrhunderts. Zwar ließ sich bereits 826 Harald von Dänemark als erster Herrscher der Wikinger taufen[2], doch bis auch die zum Rückfall ins Heidentum neigenden Schweden endgültig die neue Religion offiziell angenommen hatten, musste sich die Kirche bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts gedulden.[3]

Zwischen diesen Eckdaten der Christianisierung des nördlichen Europas lag viel mühselige Bekehrungsarbeit, es galt einige Rückschläge hinzunehmen und von Seiten der Kirche musste der eine oder andere Kompromiss eingegangen werden, beispielsweise im Jahre 1000 in Island:

„Und so wurde für Island das Gesetz verkündet, dass alle Einwohner sich taufen lassen sollten. Allerdings sollte die isländische Möglichkeit der Kindesaussetzung noch nicht abgeschafft werden und auch der Genuss von Pferdefleisch war noch erlaubt. Wer weiter seinen heidnischen Göttern opfern wollte, sollte dies heimlich tun, oder er riskierte die Verbannung.“[4]

Schon allein wegen des arithmetischen Zeitraums von mindestens 200 Jahren lässt sich nicht von einer „schnellen Christianisierung“ sprechen, wie Boyer es postuliert[5], und auch diese Zeitangabe will noch mit Vorsicht genossen sein:

Auch wenn es sich die Kirchengeschichte mit ihren Chronisten zu eigen gemacht zu haben scheint, dass ein Land in dem Moment als christlich gilt, da ihr Herrscher getauft wurde, so dürfte die Übernahme einer neuen Religion von einem ganzen Volk in der Realität etwas komplexer und problematischer verlaufen sein.[6]

B: Beginn Christentum – Ende Heidentum? Ab wann waren die bekehrten Wikinger wirkliche Christen?

Doch wenn nun die offizielle Christianisierung, festgehalten durch kirchliche Chronisten und die tatsächliche Übernahme des Christentums, festzustellen durch die Änderung der Lebensweise und Mentalität der Bevölkerung im Sinne von Anspruch und Wirklichkeit divergieren, welche Zeitspanne umfasst dann dieser Prozess?

Lässt sich feststellen, wann die Wikinger wirkliche Christen geworden sind und somit die christliche Lebensweise aus Überzeugung verinnerlicht und gelebt haben?

Dabei stellt sich zunächst die Frage, wie eine solche Feststellung überhaupt gemacht werden kann, schließlich wurde keine „christliche Volkszählung“[7] durchgeführt.

Dies führt zu dem Schluss, dass die Untersuchung ex negativo angegangen werden muss, d.h. es wird davon ausgegangen, dass die Verinnerlichung des Christentums dann abgeschlossen war, als keine Verehrung heidnischer Kulte mehr stattgefunden haben.

Folglich müssen jene Quellen von zentraler Bedeutung sein, die nach der offiziellen Christianisierung noch auf die Ausübung der heidnischen Religion deuten.

Die Quellenlage zur gesamten Geschichte der Wikinger erweist sich als relativ dürftig.

Bearbeitet man diese Epoche, kommt man nicht umhin – auch als Historiker – Quellen der Archäologie mit einzubeziehen, geben doch vor allem diese Einblicke in den Alltag der Menschen.

Bei den wenigen Schriftquellen stößt man auf zwei Probleme: Zum einen sind die Chronisten in den seltensten Fällen wirkliche Zeitzeugen, sondern beschreiben oft nur, was eine oder mehrere Generationen vor ihrer Zeit passierte. Zum zweiten waren die Verfasser der überlieferten Texte in aller Regel christliche Geistliche, was für den Leser bedeutet, dass er beim Studium dieser Schriften die Zeitumstände und mögliche Intention, ganz gewiss aber die Subjektivität des Autors berücksichtigen muss.

1. Wie lange dauert die Übernahme einer neuen Religion?

Bei dieser Fragestellung soll kein pauschaler Zeitabschnitt errechnet werden, der archetypisch auf alle Länder Skandinaviens oder gar gesammelt auf andere heidnische Länder anwendbar wäre, sondern es sollen im Gegenteil die bekannten Forschungsstandpunkte kritisch beäugt und in Frage gestellt werden.

Religion ist seit Jahrtausenden fester Bestandteil im Denken, Leben, Handeln und Selbstverständnis der Menschen. Ändert sich die Religion (wie hier durch die Übernahme eines neuen Glaubens), hat dies Einfluss auf den größten Teil der Lebensbereiche der Gläubigen. Diese Feststellung scheint auf den ersten Blick selbstverständlich, doch sie ist von solch entscheidender Bedeutung, dass sie bei diesem Thema nie aus den Augen verloren werden darf.

Im Hinblick auf die Forschungslage sollte zunächst Folgendes differenziert werden:

Die Übernahme der neuen Religion eines Wikingers ist nicht gleichzusetzen mit der Übernahme der neuen Religion durch die Wikinger.

Der einzelne Wikinger mag ab seiner Taufe als Christ gezählt werden, das Christentum hat er deswegen noch nicht zwangsläufig verinnerlicht, im Gegenteil stehen ihm allerlei Hindernisse im Weg: Zum einen schlichtweg die Gewohnheit (von den Vorfahren übernommen und seit Generationen im Selbstverständnis), die Umstellung von Polytheismus auf Monotheismus, die Gut-Böse-Polarisierung des Christentums, die damit verbundene Einführung der Sünde und Erbsünde in die Welt, die christlichen Gebote für den Alltag usw.

Nicht zu vergessen, dass ihm die Missionare das alles nahe bringen mussten, obwohl Wikinger und Missionar sich in der Regeln nicht einmal in derselben Sprache unterhalten konnten.[8] Mit all diesen Schwierigkeiten bepackt musste sich der Nordmann dann „nur noch“ gegen eventuelle Anfeindungen (zumindest aber Hindernisse) von dem Christentum nicht wohlgesonnenen Landsmännern durchsetzen, was nicht immer unproblematisch ablief:

„Auch wird alle neun Jahre in Uppsala ein gemeinsames Fest aller schwedischen Stämme begangen. Für dieses Fest wird niemand von Leistungen befreit. Könige und Stämme, die Gesamtheit und die Einzelnen, alle bringen ihre Opfergaben nach Uppsala, und es übertrifft jede Strafe an Härte, dass selbst diejenigen, die schon das Christentum angenommen haben, sich von diesem Kult freikaufen müssen.“[9]

Abgesehen davon stand der christlichen Lebensführung eines Nordmannes eigentlich nichts mehr im Wege und er konnte seine Kinder im Glauben an Jesus Christus erziehen.

Das bedeutet allerdings, das die ersten überzeugt christlichen Nordmänner frühestens mit der ersten bis zweiten Generation zu veranschlagen sind. Deswegen darf die Theorie Guillots von einer Generation bis zum angezweifelt werden.[10]

Kaufhold nimmt im Gegensatz dazu eine bis zur völligen Übernahme des Christentums dauernde Übergangszeit von etwa vier Generationen an:

„Der Vorgang der Konversion dauerte (...) deutlich länger, als in der jüngeren Forschung angenommen, etwa 120 Jahre.“[11]

Dieser deutliche Sprung im Vergleich zum bisherigen Forschungsstand (von ca. 30 Jahren auf etwa 120) zeigt, dass dieses Feld lange Zeit Fragen und unberücksichtigte Umstände offen ließ und bis heute offen lässt.

Wie lange es dauert, bis ein Wikinger (bzw. seine Kinder und Enkel) eine neue Religion verinnerlicht und damit angenommen haben, soll hier nicht weiter Gegenstand der Untersuchung sein, vielmehr soll der Blick nun auf die Frage gelenkt werden, wie lange die Wikinger als Volk gebraucht haben, um sich vom Heidentum loszusagen.

Mögen es wenige oder viele Nordmänner gewesen sein, die den christlichen Glauben in ein bis zwei Generationen angenommen haben, abgeschlossen war die Christianisierung damit sicher noch nicht.

Der Rahmen wurde von Guillot und Kaufhold gesetzt, jetzt gilt es herauszufinden, wann der heidnische Glaube der Wikinger endgültig sein Ende fand.

2. Wie passt das Christentum in das heidnische Weltbild?

a) Der Monotheismus im Polytheismus

Prinzipiell hatte das Christentum keine größeren Schwierigkeiten, in den Glauben der Nordmänner eingeführt zu werden, schließlich gab es mit Thor, Odin, Freya und der restlichen Göttergemeinschaft bereits eine Vielzahl an Göttern[12] die man anrufen konnte, einer mehr konnte da nur nützen.

Dies birgt andererseits in sich das Problem, dass sich „der Neue“ erst einmal gegenüber den anderen profilieren muss, da man sonst schnell zu „den Alten“ zurückkehrt.

Abgesehen davon hatten die Wikinger zu ihren Göttern ein Verhältnis, welches eher auf den Prinzipien einer Freundschaft, denn auf denen einer Gott-Mensch-Beziehung basierte.[13]

Der Vorteil aus christlicher Sicht in diesem Punkt liegt darin, dass es leichter fällt, die Nicht-Göttlichkeit der Götter zu beweisen[14] und damit im Gegenzug von der Wahrhaftigkeit des eigenen Gottes zu überzeugen, der Nachteil dürfte darin gelegen haben, dass die Wikinger zunächst das gewohnte Freundschaftsprinzip auf den neuen Gott übernommen haben dürften.

Dies würde die Rückfälligkeiten ins Heidentum in den Anfängen, zum Beispiel in Dänemark[15] miterklären. Von einer Freundschaft kann man sich schließlich lossagen.

b) Die Toleranz der Heiden

Allgemein ausgedrückt waren die Wikinger keine fanatischen „Gotteskrieger“, sie unternahmen ihre Fahrten nicht, um andere Völker zu bekehren und auch wenn uns der Wikingermythos dies glauben machen will, sie gebarten sich nicht im Namen ihrer Götter als „die wilden Männer“, im Gegenteil entsprachen sie lediglich den rauen Verhaltensweisen, die für die damalige Zeit typisch war.[16]

„Die Sache lag ja so, dass das Heidentum mit seiner Vielgötterei fremden Religionen nicht feindlich gegenüberstand.“[17]

Deswegen gab es gegen die Aufnahme des Christentums keinen prinzipiellen, erbitterten Widerstand, „man war bereit, Christus als einen mächtigen südländischen Gott anzuerkennen.“[18]

Möglicherweise war auch dies mit ein Grund, dass sich das Christentum bei den Wikingern letzten Endes durchgesetzt hat, denn „ sie waren sehr duldsam gegenüber anderen Religionen, obwohl ihnen das Gegenteil vorgeworfen wird, und sie machten keinerlei Versuche, andere Menschen zu zwingen, ihre eigene heidnische Vielgötterei anzunehmen.“[19]

[...]


[1] Nach: Rollason, D.W.: Lindisfarne, in: LexMA Bd. ?, München/Zürich 1991, Sp. 1999-2000.

[2] Nach: Vita Anskarii, c.7, c. 25-28, in Trillmich, Quellen des 9. und 11. Jh. zur Geschichte der hamburgischen Kirche und des Reiches, Darmstadt 1968, S. 31.

[3] Nach: Wührer, Klaus: Skandinavische Königreiche, in: Handbuch der europäischen Geschichte 1, hg. V. Th. Schieffer, Stuttgart 1976, S. 956.

[4] Kaufhold, Martin: Europas Norden im Mittelalter, Darmstadt 2001, S. 78.

[5] Nach: Boyer, Regis: Die Wikinger, Stuttgart 1994, S. 351.

[6] Vgl.: Kaufhold, Martin: Die wilden Männer werden fromm. Probleme der Christianisierung in der Frühzeit der Normandie, in: HJB 120 (2000), 1-38, S. 4.

[7] Damit ist gemeint, dass es keine Möglichkeit von kirchlicher Seite aus gab, die tatsächliche Bekehrung zum Christentum festzustellen. Auch die Missionare hatten nur die Möglichkeit festzustellen, ob noch heidnische Bräuche ausgeübt wurden oder nicht (Anm. d. Verf.).

[8] Vgl.: Kaufhold, Martin: Die wilden Männer werden fromm. Probleme der Christianisierung in der Frühzeit der Normandie, in: HJB 120 (2000), 1-38, S. 9.

[9] Adam von Bremen: Hamburgische Kirchengeschichte, in: Trillmich, Quellen des 9. und 11. Jh. zur Geschichte der hamburgischen Kirche und des Reiches, Darmstadt 1968, S. 473.

[10] Vgl.: Guillot, Olivier: La conversion des Normands à partir de 911, in: Histoire religieuse de la Normandie, Chambray-les-Tours 1981, 23 – 53, S.35.

[11] Kaufhold: Die wilden Männer werden fromm, S. 33.

[12] Nach Simek, Rudolf: Die Wikinger, München 1998, S.114.

[13] Vgl. Magnusson, Magnus/Forman, Werner: Der Hammer des Nordens, Freiburg 1977, S. 36ff.

[14] Von See, Klaus: Mythos und Theologie, Heidelberg 1988, S. 71.

[15] Vgl.: Kaufhold, Martin: Europas Norden im Mittelalter, Darmstadt 2001, S. 65.

[16] „In dem Maße, in dem eine neuere einschlägige Forschung die friedensstiftende Kraft der christlichen Lehre geringer veranschlagt und statt dessen die spärlichen Nachrichten über das vermeintliche tatsächliche Verhalten der Protagonisten zum Maßstab vergleichender Betrachtung macht, erscheinen die Unterschiede zwischen den Skandinaviern und den Franken geringer, zumal wir die Geisteswelt der normannischen Invasoren aus ihrer eigenen Überlieferung vor dem Übertritt zum Christentum nicht mehr rekonstruieren können:“, in: Kaufhold, Martin: Die wilden Männer werden fromm. Probleme der Christianisierung in der Frühzeit der Normandie, in: HJB 120 (2000), 1-38, S. 3.

[17] Olrik, Axel: Nordisches Geistesleben in heidnischer und frühchristlicher Zeit, Heidelberg 1925, S. 106.

[18] Ibid, S. 106.

[19] Magnusson, Magnus/Forman, Werner: Der Hammer des Nordens, Freiburg 1977, S. 36.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Beginn Christentum – Ende Heidentum?
Untertitel
Ab wann waren die bekehrten Wikinger wirkliche Christen?
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V174612
ISBN (eBook)
9783640951017
ISBN (Buch)
9783640951284
Dateigröße
2484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wikinger, Christianisierung, Heidentum, Taufe
Arbeit zitieren
Simon Baar (Autor), 2004, Beginn Christentum – Ende Heidentum? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174612

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