Gregorius als sozialer Grenzgänger

Gesellschaftliche Auf- und Abstiege in der Erzählung Hartmanns von Aue


Seminararbeit, 2011

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Probleme bei der Analyse gesellschaftlicher Themen in mittelalterlicher Literatur

2. Analyse der Übergangssituationen
2.1. Aquitanien I - Inzestkind
2.2. Klosterinsel - Findelkind und Klosterschüler
2.3. Aquitanien II - Ritter und Herzog
2.4. Felseninsel - Büßer
2.5. Rom - Papst

3. Symbolsprache Hartmanns
3.1. Fahrt über das Wasser
3.2. Ratssituationen
3.3. Kleidersymbolik

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hartmann von Aue thematisiert in seinem Gregorius zentrale theologische und philoso- phische Themen wie Schuld und Buße. Gregorius, als Inzestkind eines adeligen Ge- schwisterpaares geboren, scheint zeit seines Lebens mit einer der größten Sünden über- haupt beladen zu sein, obwohl er selbst nicht Schuld daran ist. Die Frage nach der Schuld ist jedoch nicht von zentralem Interesse für diese Hausarbeit. Vielmehr soll hier thematisiert werden, wie Hartmann seinen Gregorius als gesellschaftlichen Grenzgänger zeichnet. Als Inzestkind geboren, als Klosterschüler aufgewachsen, danach Ritter und Herzog, nach Bekanntwerden der inzestiösen Ehe mit seiner eigenen Mutter schließlich Büßer auf der Felseninsel, ehe er zum Papst auserwählt wird. Gregorius beschreitet alle gesellschaftlichen Ebenen: Von ganz unten (als Inzestkind ja sogar unterhalb dessen, was als zur Gesellschaft zugehörig gilt) über einige Umwege bis ganz nach oben zum wohl höchsten Amt seiner Zeit.

Diese Entwicklung mag absurd und zynisch anmuten, doch innerhalb des Werkes ist es die logische Konsequenz, dass Gregorius schlussendlich zum Papst erwählt wird. Zudem versteckt Hartmann allerlei Polemik und Kritik an der ständisch geprägten Gesellschaft seiner Zeit, in der genealogische Herrschaftsfolgen zentral und gesellschaftliche Aufstiege mehr oder weniger ausgeschlossen sind.

Es ist bemerkenswert, dass Hartmann in einer im 12. Jahrhundert entstandenen Erzäh- lung das Konzept der sozialen Mobilität1 derart explizit thematisiert. Gleichzeitig bleibt er dabei aber auf einer sehr theologischen Ebene, was wohl auch dem Zeitgeist entspro- chen haben muss - gesellschaftliche Normen dürften sich mit theologischen weitgehend gedeckt haben.

Zunächst sollen kurz einige Probleme der Analyse der gesellschaftlichen Auf- und Ab- stiege Gregorius angesprochen werden. Danach folgt eine Schilderung der jeweiligen Übergänge. Hier steht im Vordergrund, wie es zu der Veränderung der gesellschaftlichen Stellung kommt, welche Bedeutung der neuen Stellung beigemessen wird und inwiefern Gregorius auf den Übergang Einfluss hat. Danach folgen einige Überlegungen zur Symbolik Hartmanns, mit der Gregorius‘ soziale Grenzüberschreitungen und die Manifestation gesellschaftlicher Normen dargestellt wird.

1.1. Probleme bei der Analyse gesellschaftlicher Themen in mittelalterlicher Lite- ratur

Wie oben schon angedeutet, scheint es im Hochmittelalter eine große Schnittmenge zwischen gesellschaftlichen und theologischen Normen zu geben. Sicherlich haben christliche Werte auch heutige gesellschaftliche Normen geformt und werden dies wei- terhin tun, jedoch dürfte der Einfluss der Institution Kirche auf das gesellschaftliche Ge- füge zur Zeit Hartmanns bedeutend größer gewesen sein als heute. Cormeau/Störmer bemerken hierzu, es „kann davon ausgegangen werden, daß die Normen christlicher Re- ligion im Mittelalter im allgemeinen mehr Autorität besaßen als in neueren Epochen

(…)“2, jedoch habe es hier auch im Hochmittelalter Spannungen gegeben, so dass „ge- sellschaftliche[n] Wertsetzungen (…) auch damals in der Praxis die Oberhand behalten konnten“3.

Jedoch deuten Cormeau/Störmer auch an, dass die Rekonstruktion gesellschaftlicher Normen und Werte der Zeit Hartmanns eher schwer fallen und nur als „Wahrscheinlich- keitsschluß“4 möglich sind. Im Gegensatz zu theologischen Wertvorstellungen, die über religiöse und klösterliche Schriften weit zurückverfolgt werden können, dürften rein gesellschaftliche Normen nur schwach dokumentiert und daher schwer rekonstruierbar sein.

2. Analyse der Übergangssituationen

Es folgt eine Beschreibung der einzelnen Vorgänge des Übergangs Gregorius in eine andere gesellschaftliche Schicht. Bei der Untergliederung der Erzählung orientiere ich mich an Strohschneiders Konzept mit den fünf Abschnitten Aquitanien I (Vorgeschichte, Geburt), Klosterinsel, Aquitanien II (Ritter, Herzog, Inzestehe), Felseninsel und Rom.5

Dieses Schema bildet er aufgrund der jeweils zwischen den Stationen liegenden Fahrt über das Wasser. Genauere Ausführungen hierzu folgen weiter unten.

2.1. Aquitanien I - Inzestkind

Die eigentliche Handlung beginnt mit dem im Sterben liegenden Herzog, den die Frage plagt, wie es mit seinem Land und seinen Kindern weitergehen soll. Er vertraut seine Tochter ihrem Bruder an, der sich fortan „mit lîbe und mit guote“ (V. 280) um sie küm- mert. Allerdings ist es eines Nachts der Liebe zu viel - er vergewaltigt seine Schwester. In der Szene lässt Hartmann den Teufel dem Bruder einflüstern, mit ihr zu schlafen: „nû begap si der tiuvel nie / unz sîn wille an ir ergie“ (V. 351f.). Nach Ohly könnte man hier eine mögliche Kritik Hartmanns an ritterlichen Wertvorstellungen seiner Zeit herausle- sen:

Der Teufel benutzt Minne, Schönheit und Ehre, drei Hauptwerte der ritterlichen Welt, als Mittel, um die Geschwister in schwerste Sünde und größtes Leid zu stürzen.6

Jedenfalls ist der aus dieser Verbindung hervorgegangene Gregorius als Inzestkind ge- sellschaftlich bedeutungslos, er ist „die Manifestation einer unerhörten Sünde, deshalb gibt es für ihn keinen Platz in der Gesellschaft“7. Dass Gregorius eigentlich dem adeli- gen Stand angehört, da er Sohn zweier Adeliger ist, wird durch die Sünde des Inzestes eindeutig überlagert. Gleichwohl scheint es eine gesellschaftliche Norm zu geben, die vorschreibt, dass ein Kind nicht schuldig gemacht wird für die Taten seines Vaters, wie die Schwester im Gespräch mit ihrem Bruder ausführt: „ouch ist uns ofte vor geseit / daz ein kint niene treit / sînes vater schulde“ (V. 475ff.). Auch wenn Gregorius nicht persönlich Schuld an der inzestiösen Verbindung seiner Eltern ist, wird doch die Schuld auf ihn geladen. Er fungiert hier als ein „Stellvertreter“8 für die Sünde seiner Eltern. Strohschneider sieht keinen anderen Ausweg, die Gesellschaft vor den katastrophalen Folgen zu befreien, als Gregorius auszuschließen.9 Auch Cormeau/Störmer sehen hier eine „Sanktion zum Schutz der gesellschaftlichen Normen“10. Gesellschaftliche Normen können nur bestehen, wenn sie fortlaufend legitimiert werden. Ausnahmefälle, in denen das Übertreten sozialer Normen unsaktioniert bleibt, führen langfristig zur Abschwä- chung oder gar zum Verschwinden des zwanghaften Charakters einer solcher Norm.

2.2. Klosterinsel - Findelkind und Klosterschüler

Gregorius wird im weiteren Verlauf als Findelkind in einer Kiste, in der sich auch eine Tafel befindet, auf der von der Mutter Informationen über seine Herkunft festgehalten wurden, aufs Meer geschickt (V. 699ff.). Der Entschluss der Aussetzung und des Anfer- tigens der Tafel wird aufgrund des Rats des weisen Mannes gefällt. Als Findelkind hat Gregorius zwar einen ebenfalls sehr niederen sozialen Status, ihm stehen die Türen zum gesellschaftlichen Aufstieg jedoch offen.11 Er strandet schließlich an einer Klosterinsel, wo er von zwei Fischern gefunden wird, über die er zum Abt des Klosters gelangt. Cormeau/Störmer bemerken hierzu:

Ein möglicher Weg zur Legitimierung ist der Eintritt in ein Kloster. Nach traditioneller Doktrin hebt das Mönchsgelübde als geistliche Geburt jede Unzulänglichkeit der Herkunft auf; von einem Klostergelübde ist jedoch nicht die Rede.12

Es wäre demnach möglich, die tiefe Unzulänglichkeit Gregorius‘, als Kind aus einer inzestiösen Verbindung hervorgegangen zu sein, mit einem Mönchsgelübde nichtig zu machen, Gregorius legt allerdings kein solches Gelübde ab und trägt somit weiterhin diese Schande in sich. Dennoch entwickelt er sich auf der Klosterinsel zu einem hervor- ragenden Schüler, der aufgrund der durch den Abt bewirkten Verheimlichungen als Fi- scherssohn angesehen wird. Diese scheinbare Standeszuschreibung stellt Gregorius‘ bis- lang höchste gesellschaftliche Position dar. Schönbach merkt jedoch an, dass Hartmann möglicherweise Gregorius dennoch als Sonderling unter den Klosterschülern darstellen wollte, indem er „auf die grammatik zunächst das gelehrte studium der heiligen schrift folgen läßt“13, was unüblich war.

[...]


1 Der Begriff ist ein Fachterminus der Sozialwissenschaften und meint Bewegungen von Individuen oder Gruppen innerhalb des sozio-ökonomischen Paradigmas.

2 Cormeau/Störmer, S. 114

3 ebd.

4 ebd.

5 vgl. Strohschneider, S. 110ff.

6 Ohly, S. 23

7 Cormeau, S. 54

8 Strohschneider, S. 126

9 ebd.

10 Cormeau/Störmer, S. 120

11 ebd., S. 120

12 ebd., S. 120

13 Schönbach, S. 223

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Gregorius als sozialer Grenzgänger
Untertitel
Gesellschaftliche Auf- und Abstiege in der Erzählung Hartmanns von Aue
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Proseminar II
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V174683
ISBN (eBook)
9783640951857
ISBN (Buch)
9783656057444
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gregorius, grenzgänger, gesellschaftliche, auf-, abstiege, erzählung, hartmanns
Arbeit zitieren
Filipp Münst (Autor), 2011, Gregorius als sozialer Grenzgänger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174683

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