Die Inuit Circumpolar Conference

Indigener Widerstand und indigene Hoffnung zwischen Kolonialsystemen und Selbstverwaltung


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

15 Seiten, Note: 1

Josef Eichstätt (Autor)


Leseprobe

Gliederung:

I. Einleitung
1. Exkurs: Begriffsklärung

II. Die Vorgeschichte
II.1. Die Vorgeschichte der Gründung der ICC

III. Die Gründung der ICC
III. 1. Der Gründer der ICC: Mayor Eben Hopson
III. 2. Die Vorbereitungen zur ersten ICC-Konferenz

IV. Aufgaben und Ziele der ICC

V. Die ICC heute

VI. Literaturverzeichnis
VI.1. Literatur
VI.2. Weiterführende Literatur

I. Einleitung

Um etwa 4000 v. Chr. hat die Besiedlung der Arktis begonnen. In diesem Gebiet, das sich von Teilen Sibiriens über Alaska, die Aleuten, das arktische Kanada bis nach Grönland erstreckt, hat sich eine relativ homogene Kultur gebildet: die „Eskimos“, wie sie früher genannt wurden.

1. Exkurs: Begriffsklärung:

Lange Zeit wurde der Begriff „ Eskimo “ generell verwendet. Dieser Begriff wurde von dem Missionar Biard 1611 geprägt, dem von einem Volk im Norden erzählt wurde, den „ Esqimaux “ 1 . Seit einiger Zeit geht man mittlerweile davon aus, da ß „ Eskimo “ ein Schimpfwort der Algonquin und anderer Indianer ist, das soviel wie „ Rohfleisch(fr)esser “ bedeutet. Mittlerweile existiert die sprachwissenschaftliche Theorie, da ß der „ Eskimo “ -Begriff wahrscheinlich aus dem Algonquinwortstamm „ Iscimew “ oder „ Ayassimew “ stammt, was soviel wie „ Leute, die eine andere Sprache sprechen “ bzw. „ Fremde “ , im ü bertragenen Sinn, hei ß t (vgl. Stoll 1991, S. 8).

Die einzelnen Gruppen nennen sich aber z. B. „ Yuit “ (Sibirien), „ Yupik “ (S ü dwestalaska), „ Sugpiag “ (S ü dostalaska), „ Inupiat “ (Nordalaska) und „ Inuvialuit “ (Mackenzie-Delta), im Osten der Arktis herrscht dagegen die Bezeichnung „ Inuit “ vor. Die „ Eskimos “ Gr ö nlands bezeichnen sich aber nicht unbedingt als „ Inuit “ , sondern eher als „ kallaler “ (Gr ö nländer)2.

Im allgemeinen wird mittlerweile der ostkanadische Terminus „ Inuit “ (in etwa „ Menschen “ ) f ü r alle Gruppen verwendet. Die Inuit selbst haben f ü r sich 1977 auf der ersten Inuit Circumpolar Conference entschieden, da ß sie als Gesamtheit „ Inuit “ genannt werden wollen -und nicht anders. Dort wird „ Inuit “ definiert als „ indigenous members of the inuit homeland, recognized by Inuit as being members of their people, and include such regional groups as Inupiat, Yupik (Alaska), Inuit, Inuvialuit (Canada), and Kalaallit (Greenland)3. ” 4

Die extremen Klimaverhältnisse von teilweise bis -50°C im Winter und 5°C im Sommer verlangen starke Anpassungsfähigkeit und Erfindungsreichtum5. Der Mangel an brennbaren Materialien machte die Erfindung von Tranlampen notwendig, bei denen Tran - also Fett- verbrannt wird. Der Mangel an Baustoffen führte zur teilweisen Verwendung von Walfischknochen oder Schnee („Iglu“), neben Holz und Erde, für Häuser.

Jagd auf Landsäuger wurde unter anderem ermöglicht durch die Erfindung des Schlittens bzw. des Hundeschlittens. Außerdem wurde etwa das Kajak für die Jagd vom Boot aus und das „Umiak“ (Frauenboot) für die Waljagd und den Transport erfunden. Jagd fand innerhalb eines bestimmten Jahres- Jagdzyklusses statt6.

Das Überleben zu sichern halfen auch Praktiken wie Polyginie und Polyandrie oder Frauentausch. In Zeiten starker Not konnten unproduktive Esser teilweise nicht ernährt werden, deshalb kam es wohl zu Infantizid (besonders von Mädchen) oder zum Aussetzen von Alten7.

Das Leben heutiger Inuit ist modern. Es unterscheidet sich nur wenig vom Leben und den Vorstellungen in den USA oder in Mitteleuropa. Es gibt Baustoffe aus den USA oder aus Dänemark. Die Elektrifizierung fand statt und es gibt Pizza, Hamburger, etc., wie überall in der westlichen Welt. Man ist nicht mehr nur auf die (gesündere) Nahrung aus der Jagd oder dem Fischfang angewiesen. Aber einige Unterschiede sind immer noch gegeben, diese liegen weitgehend im politischen und wirtschaftlichen Bereich.

Es ist schwierig, etwas über das Leben aller Inuit zu schreiben. Die Situation etwa in Sibirien ist ganz anders als in Grönland.

Grönland war bis Ende des 18. Jahrhunderts durch die dänischen Kolonialisatoren relativ isoliert von der Welt. Erst durch die Versorgung Grönlands durch die USA konnte diese Isolationspolitik auf Dauer gebrochen werden8. Mit durch den Einfluß der USA und der Schwäche Dänemarks nach dem 2. Weltkrieg wuchs das Selbstbewußtsein und der Wille zur politischen Unabhängigkeit der Grönländer. Unterstützt wurde dies durch eine liberalere Kolonialisationspolitik der Dänen. All das führte dazu, daß Grönland 1953 dänische Provinz unter der dänischen Verfassung wurde.

In den 60er Jahren wurde aufgrund wachsenden Widerstands der Grönländer der „Grönlandausschuß von 1960“ eingesetzt. Dieser für Grönlands Geschichte sehr wesentliche Ausschuß hatte die Aufgabe, Empfehlungen zu machen, die dann auch umgesetzt werden sollten. Die Aufgabe war, „Arbeitsplätze zu schaffen, die Bevölkerungskonzentration zu fördern, die Wirtschaft zu modernisieren, der Ausbildung Vorrang zu geben und den Wohnbau zu intensivieren.“9 Der G60 -ausschuß brachte viele Veränderungen, aber es waren bei weitem nicht nur positive Veränderungen.

Die dänische Sprache wurde Unterrichtssprache, mit der Folge, daß die Kinder häufig weder richtig grönländisch, noch richtig dänisch sprachen. Aber wichtiger noch - G60 brachte einen Kulturschock und den Verlust alter grönländischer Werte. Industrialisierung, Entstehung von Privathandel, Zwangsumsiedlungen in Städte, Schließung von kleinen Siedlungen in die Städte, Bevölkerungskonzentration- und Explosionen, Ausbildungen zu Industriearbeitern und Handwerkern aus ehemaligen Jägern und Fischern waren die Ziele dieser Pläne. Das Ergebnis war aber letztendlich: „Alkoholismus und Auflösung der Familienbande waren oft das Resultat. Das Motto der Zeit hieß ‘Modernisierung’.“10

Einen endgültigen, entscheidenden Riß zwischen Grönland und Dänemark brachte der von den Grönländern abgelehnte EG-Beitritt Dänemarks. Die Grönländer befürchteten eine Ausbeutung ihrer natürlichen und der nachwachsenden Ressourcen, ohne ausreichend Einfluß oder Anteil daran haben zu können11. Dies führte dazu, daß Grönland ab dem 1. Mai 1979 die weitgehende Selbstverwaltung einführte. Unter dänischer Kontrolle sind allerdings weiterhin vor allem die Bereiche Sicherheits- und Außenpolitik. 1985 trat Grönland schließlich aus der EG aus.

Dezentralisierung und Stärkung der kleinen Siedlungen sollten das Überleben und die Unabhängigkeit der Bevölkerung von europäischen Waren garantieren. Die Umweltschutzkampagnen gegen Robbenjagd und Walfang zerstörten die Märkte für die grönländischen Jäger, die immerhin noch ca. 20% der Bevölkerung stellten12. Das hatte Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit bei immerhin ca. einem Fünftel der Bevölkerung zur Folge. Fægteborg schreibt treffend: „ Paradoxerweise waren es die Nachkommen jener Europäer, die einst im gro ß en Stil Seesäuger ausrotteten, die nun als Natursch ü tzer die gr ö nländische Siedlungspolitik zerst ö rten. “ 13

Das moderne Grönland ist ein Land mit vielen Problemen. Es gibt ein sehr großes Alkohol- und Gewaltproblem, eine extrem hohe Selbstmordrate unter Jugendlichen, Verarmung und starke Umweltprobleme14. Auf der anderen Seite hat Grönland große Rohstoffressourcen (etwa Kohle). Auch die nachwachsenden, natürlichen Rohstoffe, wie Fische, werden immer stärker genutzt. Grönlands Haupterwerbszweig ist mittlerweile die Fischerei und die große und moderne Trawlerflotte15. Eine weitere Investition in die Zukunft ist der Ausbau des Einnahmezweiges Tourismus.

1975 brachte das „James Bay und Northern Quebec Agreement“ eine stärkere politische Autonomie der dortigen Inuit. Denn „ for the price of extinguishing their land rights, the Agreement gave them immediate administrative power on the local and regional levels, and cultural recognition with some special rights, in the domain of the tradtional rights of hunting, fishing, and trapping, as also in education and justice. They received monetary compensation totaling dozens of millions of dollars. “ 16

Diese Landfläche wurde Nunavut („unser Land“) genannt. Mittlerweile sind die Verhandlungen über Nunavut abgeschlossen. Nunavut ist seit 1999 inuiteigenes Land, es hat den Status eines Territoriums Kanadas wie etwa die Northwest Territories17.

In Alaska wurde den gesamten Indigenen 1971 durch den „Alaska Native Claims Settlement Act“ (ANCSA) 176.000 km² Land und 923 Millionen US $ Schadenersatz zugesprochen, die über Korporationen und Kapitalgesellschaften verteilt wurden18. Burch schreibt über ANCSA: „ No single legislative act could have dealt satisfactorily with the huge number and variety of problems related in one way or another to land claims in Alaska, and ANCSA seems to have created as many difficulties as it solved. Nevertheless, it did establish a framework within which interested parties could assert specific claims in a structured manner. [ … ] ANCSA is thus not just a piece of legislation, but a dynamic phenomenon involving several acts of Congress, a seemingly endless series of negotiations, contractual agreements, and court settlements, and a broad array of economic enterprises, political campaigns, and cultural programs. “ 19

Fest steht, daß die Indigenen Alaskas, darunter die dort lebenden Inupiaq und die Yupik, keine Möglichkeiten nach weiterreichenden Forderungen haben. Forderungen nach politischer Unabhängigkeit etwa, wie in Nunavut, können dadurch jedoch nicht durchgesetzt werden.

Über das Streben nach politischer Unabhängigkeit bei sibirischen Inuit ist kaum etwas bekannt20.

In dieser Arbeit soll die wichtigste Interessensvertretung der Inuits auf internationaler Ebene, das „Sprachrohr“ aller Inuits, die Inuit Circumpolar Conference (ICC), untersucht werden. Ausgehend von der Vorgeschichte, die zur Gründung dieser Organisation führte, werden ihre Aufgaben und Ziele, sowie, zumindest ansatzweise, deren Umsetzung bzw. den Anspruch darauf, untersucht.

[...]


1 Stoll 1991, S. 8

2 Vgl. Feest 1991, S. 7

3 Sibirische Inuit werden in diesem Dokument nicht erwähnt, weil durch den “Eisernen Vorhang” kaum Kontakt bestand. Mittlerweile werden bestimmt in aktuelleren, evtl. noch zu erstellenden, Statuten, sibirische Inuit zum „Volk“ der Inuit gezählt.

4 ICC 1980, S. 3

5 Vgl. etwa Freeman 1984, S. 36ff

6 Vgl. etwa Feest 1991, S.10ff

7 Vgl. etwa Feest 1991, S. 12

8 Vgl. Fægteborg 1991, S. 43

9 Fægteborg 1991, S. 43

10 Fægteborg 1991, S. 44

11 Vgl. Fægteborg 1991, S. 46

12 Vgl. Fægteborg 1991, S. 47

13 Fægteborg 1991, S. 48

14 Bspw. stürzte 1968 ein US-Bomber mit H-Bomben über Thule ab, der diese Gegend großräumig verstrahlte.

15 Vgl. Barüske 1990, S. 155f

16 Saladin D’Anglure 1984, S. 687

17 Vgl. ICC 1994, S. 82f

18 Vgl. ICC 1994, S.82. Nach Burch handelt es sich allerdings um „44 million acres of land…, and that $962,5 million in cash be granted to the Natives over an 11-year period.“ (Burch 1984, S. 657).

19 Burch 1984, S. 660

20 Nähere, halbwegs aktuelle Informationen über sibirische Inuit sind kaum erhältlich. Ob es Aussagen über Veränderungen im Selbstbewußtsein und in der dortigen Situation nach der Auflösung der Sowjetunion gibt, ist dem Verfasser aufgrund der äußerst marginalen Quellensituation aus Rußland nicht bekannt. Unklar ist auch, ob bzw. wie weit eine eigenständige kulturelle Identität, nach Zwangskollektivierungen und Versuchen von Seiten der Sowjets, die Kultur der einzelnen Völker im „Sowjetmenschen“ aufzulösen (vgl. etwa Hughes 1984, S. 247ff), erhalten hat.

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Details

Titel
Die Inuit Circumpolar Conference
Untertitel
Indigener Widerstand und indigene Hoffnung zwischen Kolonialsystemen und Selbstverwaltung
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Kultur- und Sozialanthropologie)
Veranstaltung
Ausgewählte Kapitel des zirkumpolaren Raumes: Politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen seit 1945
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
15
Katalognummer
V174820
ISBN (eBook)
9783640955091
ISBN (Buch)
9783640954797
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inuit, Eskimo, Inuit Circumpolar Conference, Grönland, Sibirien, Kanada, Selbstverwaltung, Entkolonialisierung
Arbeit zitieren
Josef Eichstätt (Autor), 1998, Die Inuit Circumpolar Conference, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174820

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