"There were Skinheads. These People liked Ska and Ska is the best..."

Die Rezeption jamaikanischer Musik durch europäische Subkulturen, am Beispiel der Skinheads


Hausarbeit, 1998
23 Seiten, Note: 1
Josef Eichstätt (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der jamaikanischen Musik
2.1. Zur Geschichte Jamaikas Exkurs: Die Maroons
2.2. Zu den Ursprüngen jamaikanischer Musik
2.3. Von Calypso und Mento zu Rhythm and Blues (R’n’B)
2.4. Vom Ska zum Reggae

3. Die Rezeption jamaikanischer Musik durch europäische Subkulturen, am Beispiel der Skinheads
3.1. „Die Skinheads waren da!“ -Vom Ska zu Skins
3.1.1. Die Vorgeschichte: Die Entwicklung verschiedener Jugendsubkulturen im England der 50/60er Jahre
3.1.2. Zur ü ck zum Ska
3.1.3. Zur Entstehung des Skinheadkultes
3.1.4. Ska, Skinhead-Reggae und die Skins
3.1.5. „ Der gro ß e Reggae-Krieg “

4. Statt eines Schlußes: Kurzer Abriß der weiteren Entwicklung der SkinheadSubkultur

5. Abkürzungsverzeichnis

6. Bibliografie

1. Einleitung

„There were Skinheads. These people liked Ska and Ska is the best …“1, äußerte Derrick Morgan, der karibische Reggae-Musiker, 1993 in einem Interview. Skinheads und Ska, also „schwarze“ Musik? Schließt sich das nicht aus?

Derrick Morgan sagte das 1993. Anfang der 90er war die Zeit, als alle Medien über Skinheadgewalt gegen Ausländer berichteten. Es war die Zeit der Krawalle von Rostock, Hoyerswerda und den Morden an Asylanten in Mölln.

Skinheads und karibische Musik? Und trotzdem die Aussage Derrick Morgans „There were Skinheads. These people liked Ska …“2 ?

Vielleicht eine geschmacklose Verirrung eines Einzelnen?

Aber es war kein Einzelfall: zahlreiche Lieder schwarzer Ska- und Reggaestars huldigten den Skinheads. Es gibt dafür viele Belege, etwa Laurel Aitkens „Skinhead Train“, „Skinhead Shuffle“ von „The Mohawsks“, „Skinheads don’t Fear“ von den „Hot Rod Allstars“ oder „Skinhead Revolt“ von „Joe the Boss“3.

Wenn die Verbindung von Skinheads und Ska kein Zufall ist, muß es dafür eine Erklärung geben.

In dieser Arbeit soll versucht werden, diesen Verbindungen nachzuspüren - und möglicherweise sogar eine Erklärung zu finden.

Dies erwies sich als relativ schwieriger Versuch, da wichtige Bücher zu diesem Thema nur schwer erhältlich oder vergriffen sind, so etwa „Boss Sounds“ von M. Griffiths. Mit Büchern zu Reggae und besonders zu Bob Marley lassen sich einige Regalmeter füllen. Halbwegs brauchbare, halbwegs objektive Bücher dagegen zum Themenbereich Ska bzw. Ska und Skins oder gar zu sogenanntem „Skinheadreggae“ gibt es dagegen kaum. Die meiste Literatur ist parteiisch und stark subjektiv, entweder von Skins selbst oder von - teilweise entsetzlich uninformierten -Journalisten bzw. Wissenschaftlern geschrieben (vgl. etwa den Artikel von Hachel 1997)4.

Als erster Schritt dieser Arbeit soll die Entwicklung der Musik Jamaikas nachgezeichnet werden. Um Verständnis für das Besondere der karibischen bzw. jamaikanischen Musik aufzuzeigen, wird zuerst auf die Geschichte Jamaikas und ihrer Besonderheiten eingegangen.

In einem weiteren Schritt wird dann die weitere Entwicklung dieser Musik von den Anfängen bis zum Reggae dargestellt.

Wie diese Art Musik in Europa Verbreitung fand und wie sie schließlich u.a. Teil einer Subkultur wurde, soll dann in 3. dargestellt werden. In 4. wird die Geschichte und Entwicklung der Skinhead-Subkultur verdeutlicht.

Unter „Subkultur“ soll, im Kontext dieser Arbeit, eine Gruppe verstanden werden, die sich von einer Gesamtgesellschaft, von der sie Teil ist, - zumindest partiell - abgrenzt. Diese Gruppe kann eigene Wertvorstellungen, eigene Regeln und eigene Lebensstile haben. Sie muß sich aber nicht in allen Bereichen von der Gesamtgesellschaft abgrenzen, da sie weiterhin partiell Teil der Gesamtgesellschaft bzw. deren Kultur bleibt. Eine Subkultur kann allerdings auch international sein, etwa wenn zum Beispiel die prägenden Elemte dieser Subkultur in ein anderes Land importiert werden.

Der Begriff „Kultur“ wird im weiteren Sinne verwendet, d. h. als Kultur gilt die Gesamtheit aller Verhaltensweisen und Kenntnisse, die eine Gesellschaft kennzeichnen (vgl. etwa Panoff 1982, S. 175f: „Kultur“).

2. Die Entwicklung der jamaikanischen Musik

2.1. Zur Geschichte Jamaikas

Schon früh wurde Jamaika von den Europäern entdeckt. Christoph Kolumbus setzte 1494 als erster Weißer seinen Fuß auf den Boden Jamaikas (vgl. Vieth 1981, S. 12ff). Schon damals wurde der Reichtum der Insel - für die Europäer - erkannt.

Die Indigenen Jamaikas, die Awarak, waren wehrlos der spanischen Invasion ausgesetzt.

Die Eroberer dezimierten die Indigenen durch Alkohol, Krankheiten und durch Zwangsarbeit, etwa auf den Plantagen oder Minen, (vgl. Vieth 1981, S. 13f). Die Ausrottung der Indianer, und ihre bedrohliche Situation, brachte spanische Mönche dazu, sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts für die ursprünglichen Bewohner Jamaikas einzusetzen. Sie waren erfolgreich, die Versklavung der Indianer wurde verboten (vgl. ebd.).

Nicht nur humane Gründe waren dafür verantwortlich. Die Indianer waren stark dezimiert und sie galten als eher „unbrauchbar“ für die harte Arbeit (vgl. ebd.).

Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts begannen Importe von schwarzen Sklaven, vor allem aus Westafrika, nach Jamaika (vgl. ebd.). Unter ihnen waren viele Menschen der Ashanti Fante-, Dahomey-, Ibo-, Mamprussi-, Nankansi- und Coromanteevölker (vgl. Vieth 1981, S. 14). In Jamaika wurden viele Sklaven benötigt, aber Jamaika war nicht nur ein Zentrum der Sklavenarbeit, sondern auch ein Umschlagplatz für Sklavenhandel. Die Insel lag günstig als Zwischenstation für den Handel zwischen Amerika und Afrika.

Es entstand eine regelrechte Dreieckspassage. Waren wurden per Schiff aus Europa nach Westafrika geschafft. Dort wurden sie gegen Sklaven verkauft oder getauscht. Von dort wurden die meisten Sklaven nach Amerika verschleppt. Ein Teil der Sklaven jedoch kam nach Jamaika. Auf dem Rückweg nach Europa wurden häufig Waren aus Jamaika, wie Zuckermelasse, Gold oder Rum, mitgenommen (vgl. ebd.).

Die ganze Dimension des Sklavenhandels ist nicht wirklich überschaubar. Wieviele Menschen beim Raub, auf den langen und harten Transportwegen oder auf den Plantagen und Minen selbst starben, ist nicht genau feststellbar. Man muß von vielen Millionen Menschen ausgehen5.

Diese Menschen, sofern sie den Transport überstanden, hatten ein erbärmliches Leben. Die Arbeitszeit war lang und die Arbeits- und Lebensbedingungen sehr schlecht. Die Lebenserwartung war gering (vgl. Vieth 1981, S.15f).

Dazu kam der Verlust der Heimat und der eigenen kulturellen Identität. Die Sklaven lebten oft in Gruppen bei ihren Besitzern, die keine Rücksicht auf Sprache, Religion, Stand, etc. der Afrikaner nahmen.

Die Sklaven wurden christianisiert, aber im Verborgenen konnten Teile der alten Religionen erhalten werden6. Davon abgesehen blieb nur die Musik7. Wobei allerdings viele religiöse und musikalischen Traditionen verloren gingen.

Die Musik und die Religion hatten daher essentielle Bedeutung für die Versklavten8. Allerdings wurden die „ Trommeln … den Sklaven unter Todesstrafe verboten, weniger um angeblichen heidnischen Unsinn im Keim zu ersticken, sondern weil man hinter dem unheimlichem ‘ Nigger-Tam-Tam ’ ein heimliches Kommunikationssystem vermutete. “ 9

Am 10. Mai 1655 landete ein britisches Expeditionskorps auf Jamaika. Die Insel wurde britische Kolonie. Für die Sklaven änderte sich dabei nichts.

Wegen den miserablen Lebensbedingungen kam es immer wieder zu Aufständen und Revolten. Viele Sklaven entliefen in die schwer zugänglichen Gebirge und versteckten sich dort. Sie gründeten eigene Siedlungen und kämpften gegen die weißen Siedler (vgl. 2.1.1.). 1833 beschloß das Parlament in London das Verbot der Sklaverei. Dies führte zu zahlreichen Pleiten von Plantagen und zu Aufständen der Siedler.

1962 erlangte Jamaika seine Unabhängigkeit, die wirtschaftliche und politische Situation blieb dennoch von Krisen gekennzeichnet (vgl. etwa Vieth 1981, S. 173ff). In der Zeit der Sklaverei liegen die Wurzeln heutiger jamaikanischer Identität. Traditionen aus Afrika bzw. deren neue, veränderte Formen, bilden gemeinsam mit dem europäischen Einfluß eine wichtige Grundlage jamaikanischer Kultur.

2.1.1. Exkurs: Die Maroons

Die unmenschlichen Bedingungen der Sklaverei führten dazu, daß viele Sklaven entliefen. In den Bergen schlossen sie sich zusammen und gründeten Siedlungen. Sie nannten sich selbst „Maroons“, eine anglisierte Form von „cimarones“, mit der Bedeutung von „entlaufener Sklave“ (vgl. Vieth 1981, S.17). Sie führten einen Guerillakrieg gegen die britischen Truppen und ihre ehemaligen Besitzer. Ein Ziel der Maroons war die Wiederbelebung der alten Riten und Bräuche (vgl. Vieth 1981, S. 17f). In einem Friedensvertrag von 1739 wurde den Maroons schließlich, nach langen, harten Kämpfen, das Recht auf Freiheit und sogar das Recht auf einen eigenen Staat, mit eigener Rechtsprechung, zugesprochen. Dafür mußten die ehemaligen Sklaven allerdings entlaufene Sklaven an ihre Besitzer zurückbringen (vgl. ebd.). Die Maroons hatten diese Rechte zumindest per Gesetz, faktische Gültigkeit hatten sie nicht unbedingt, wie am zweiten Maroon-Krieg von 1795 zu sehen ist. Auch heute noch haben sie offiziell das Recht auf eine eigene Rechtsprechung10 (vgl. ebd.).

2.2. Zu den Ursprüngen jamaikanischer Musik

Wie in 2.1. zu sehen ist, war für die Geschichte Jamaikas die Sklaverei und ihre Folgen von großer Bedeutung. Afrikanische Kultur und Musik kam dadurch nach Jamaika. Und vor allem in „ ihrer [gemeint sind die Sklaven -d. Verf.] Musik lebte die Erinnerung an Afrika weiter. Diese Selbstvergewisserung ihrer kulturellen Identität erm ö glichte den deportierten Afrikanern das existentielle Minimum an Selbstbewu ß tsein. “ 11

Bestimmte Merkmale afrikanischer Musik12 wurden von den Sklaven übernommen, so etwa das „call and response“ -Prinzip, bei dem „ sich ein Solosänger und ein Chor abwechseln, indem der Chor die gesungenen Sätze des Solisten ‘ kommentiert ’ . “ 13 Außerdem wurde die Vermeidung größerer Tonschritte und das stilistische Mittel der Wiederholung beibehalten (vgl. Wynands 1995, S.19). Von besonderer Bedeutung waren Rhythmusinstrumente, wie Trommeln oder Rasseln (vgl. ebd.).

Versammlungen und Trommeln waren fast immer für die Sklaven verboten. Einzig bei Beerdigungen und an Weihnachten gab es davon Ausnahmen. Schon die traditionelle Musik aus Afrika war häufig an Riten oder sonstige religiöse Akte gebunden14. Die wenigen, und nur religiös motivierten, Ausnahmen verstärkten die Verbindung von Musik und Kult bei den Sklaven15. Eine andere, säkularisiertere Art der Musik gab es auch schon während der Sklavenzeit. Das, „Burru“-Trommeln, das während der Plantagenarbeit zum Teil als Taktgeber eingesetzt wurde (vgl. Wynands 1995, S.22). Diese Art der Musik ist ebenfalls afrikanischen Ursprungs. Charakteristisch waren drei Trommeltypen:

„ Ba ß trommel, Fundeh und Repeater. Die in mittlerer Lage gestimmte Fundeh gibt den Grundrhythmus an, während die Ba ß trommel sie rhythmisch unterst ü tzt und der hochgestimmte Repeater schnelle, synkopierte Rhythmen, die ‘ Melodie ’ , spielt. “ 16 Die Trommeln begleiteten den Gesang, der oftmals auf aktuelle Ereignisse einging und diese kommentierte (vgl. Wynands 1995, S.22f).

Viele Burru-Trommler gingen nach der Sklavenbefreiung 1838 in die Städte bzw. in die städtischen Slums, dort wurde diese Art der Musik beliebt. Häufig wurde sie etwa zur Begrüßung von entlassenen Sträflingen gespielt. Die Rastas übernahmen später, in variierter Form, das Burru-Trommeln (vgl. 2.3.).

Damit gab es zwei musikalische Strömungen auf Jamaika. Auf der einen Seite die religiös- kultischen Musiktraditionen und deren Fortführung aus der Sklavenzeit und auf der anderen Seite, vor allem ab dem 19. Jahrhundert, säkularisiertere Musikstile, wie das Burru- Trommeln.

[...]


1 Derrick Morgan zitiert nach Claudia Rhein und Manuel Zimmer: Scharfe Glatzen - Skinheads zwischen Politik und Musik. Berlin 1993. In: Rudi Mint: Film-Check. Skintonic.16, S. 23

2 Ebd.

3 Vgl. etwa V.A. 1993 und V.A. 1995

4 Zum Thema allgm. vgl. Farin 1997a und besonders Farin 1997b 3

5 Vgl. etwa Vieth 1981, S. 13ff

6 Zum Problem des Erhalts der religiösen Traditionen und deren Veränderungen vgl. etwa Fleischmann 1996, S. 15ff

7 Zur soziokulturellen und auch subversiven Bedeutung der Musik auf Jamaika vgl. etwa Wynands 1995, S. 19f

8 Vgl. etwa Wynands 1995, S. 19ff und Vieth 1981, S. 16f

9 Vieth 1981, S. 15

10 Auf die tatsächliche Gültigkeit ihrer Rechte und ihrer Rechtsprechung kann im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden.

11 Wynands 1995, S. 19

12 Es gab und gibt nie die afrikanische Musik oder gar Kultur. Afrikanische Kulturen und Musiken sind sehr unterschiedlich. Deshalb wird immer nur von bestimmten kulturellen Elementen gesprochen, die afrikanischen Ursprungs sind. Eine genauere Zuordnung zu verschiedenen Kulturen und Völkern ist im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht möglich.

13 Wynands 1995, S. 19

14 Aber natürlich nicht nur. Dies galt nur für einen Teil afrikanischer Musik.

15 Zum Beispiel bei den Myrial-, Obeahkulten oder den Jonkonnu-Prozessionen (vgl. Wynands 1995, S. 20f). Von ähnlicher Bedeutung war der Kumina-Kult und Pocomania. Beim Kumina-Kult etwa wurde getanzt. Ein Chor und Solisten sangen abwechselnd im „typischen Frage-Antwort Schema“ (Wynands 1995, S. 21). Von zwei verschieden gestimmten Trommeln wurde der Chor begleitet, der tiefklingenden „bandu“ und der führenden, hoch gestimmten „playing cas“ (vgl. Wynands 1995, S. 21).

16 Wynands 1995, S. 23

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"There were Skinheads. These People liked Ska and Ska is the best..."
Untertitel
Die Rezeption jamaikanischer Musik durch europäische Subkulturen, am Beispiel der Skinheads
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Kultur- und Sozialanthropologie)
Veranstaltung
Einführung in die Völkerkunde der West-Indies
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
23
Katalognummer
V174821
ISBN (eBook)
9783640955107
ISBN (Buch)
9783640954803
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ska, Oi!, Skinheads, Reggae, Ragga, West-Indies, Subkultur, Szene, Jamaika
Arbeit zitieren
Josef Eichstätt (Autor), 1998, "There were Skinheads. These People liked Ska and Ska is the best...", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174821

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