Realität und Medienrealität und die Verantwortung der Medienmacher


Magisterarbeit, 2004

101 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Stellung der Medien im politischen System
2.1 Deutschland – ein Zeitungsland
2.2 Die Presse im Rechtssystem der Bundesrepublik
2.3 Die Medien als Propagandamittel
2.4 Die Entwicklung der Presse nach dem Zweiten Weltkrieg
2.5 Funktionen der Presse
2.5.1 Die Meinungsbildung
2.5.2 Ansprüche der Gesellschaft
2.6 Funktionale Realisierungsprobleme
2.7 Sind Medien die „Vierte Gewalt“?
2.8 Kontrolle von Pressefusionen

3 Medienökonomie und Redaktionsmanagement

4 Realität und Medienrealität
4.1 Die konstruierte Wirklichkeit
4.2 Die primäre Realität
4.3 Die mediale Realität
4.4 Theorie versus Praxis
4.5 Medien und Objektivität

5 Medienkritik

6 Mediendemokratie oder Medien und politische Prozesse
6.1 Lokale Berichterstattung
6.2 Die Politikberichterstattung in Tageszeitungen

7 Kriegsberichterstattung und „embedded journalists“
7.1 Drei Modelle von Kriegsberichterstattung
7.2 Friedensjournalismus

8 Die Wirkung von Printmedien
8.1 Zwei Fallstudien
8.1.1 Der Fall Björn Engholm
8.1.2 Deutsch-polnische Verhandlungen (1970)

9 Resümee

10 Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

„Mehr als das Gold hat das Blei die Menschengeschichte verändert.

Mehr als das Blei aus den Flinten, das des Setzkastens.“

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Physiker und Schriftsteller

Johannes Gutenberg legte um 1440 mit der Erfindung des Buchdrucks den Grundstein für eine beispiellose Entwicklung. Die Entstehung und die Geschichte des Pressewesens stellen eine wichtige Größe im politischen und gesellschaftlichen Wandel dar.

Die Massenmedien erfüllen im politischen System der Bundesrepublik Deutschland eine wichtige öffentliche Aufgabe, indem sie einen entscheidenden Beitrag zur unabhängigen Information, zur freien Meinungsbildung, zur demokratischen Auseinandersetzung, zur kulturellen Entfaltung und zur Identität unserer Gesellschaft leisten.

Damit die Medien ihrer öffentlichen Aufgabe gerecht werden können, wird ihnen eine spezielle rechtliche Stellung innerhalb des politischen Systems zugewiesen. Diese besondere rechtliche Stellung soll unter Berücksichtigung der zugrunde liegenden Rechts- und Verfassungsnormen einer genaueren Betrachtung unterzogen werden.

Die vielfältigen Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Leben von Individuen verleiht der schreibenden Zunft ein hohes Maß an Verantwortung. Durch ihre Berichterstattung erzeugen Journalisten[1] Wirklichkeiten; denn wir sehen die Welt mit ihren Augen: Journalisten geleiten uns tagtäglich durch einen nahezu unüberschaubaren Dschungel an Neuigkeiten. Ob in der Tageszeitung, dem Fernsehen, Hörfunk oder in anderen elektronischen Medien – Journalisten verkaufen uns die Realität aus ihrer Sicht. Dass dieser Blick durch politische Präferenzen getrübt sein kann, können Medien-Konsumenten nicht immer durchschauen.

Journalisten agieren nicht unabhängig von wirtschaftlichen Zwängen: Im Spannungsfeld zwischen Verleger-Interessen und dem journalistischen Anspruch auf eine möglichst objektive Berichterstattung öffnet sich die Schere zwischen Anspruch und Realität. Deshalb stellt sich die Frage, ob Medien die Wirklichkeit dar- oder herstellen. Einem Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit gilt die Analyse, ob Printmedien ihre Leser objektiv informieren oder die Wirklichkeit durch Selektion und die Art ihrer Präsentation inszenieren. Da Objektivität ein zentraler Begriff im journalistischen Bereich ist, wird der Anspruch auf Objektivität im vierten Kapitel kritisch hinterfragt werden.

Neben den Rechten sollen aber auch die Pflichten der Presse betrachtet werden. Dabei sollen mögliche Abhängigkeitsverhältnisse der Presse untersucht werden. Da die Medien staatlich unabhängig organisiert sind, was durch einen kurzen historischen Exkurs im zweiten Kapitel nachhaltig bekräftigt wird, stehen sie in der Verantwortung, zu ihren eigenen Kontrolleuren zu werden.

In den Untersuchungen soll der Bogen von innenpolitischen Entscheidungsaspekten über außenpolitische Vorgänge bis hin zur lokalen Berichterstattung gespannt werden. Da politische Entscheidungen den Bürger erst in seinem Umfeld einholen, erscheint eine ergänzende Untersuchung der lokalen Berichterstattung besonders wichtig.

Die Rolle der Presse bei innen- und außenpolitischen Prozessen wird anhand von zwei ausgewählten Fallbeispielen im letzten Kapitel mit Blickpunkt auf die Wirkungen von Printmedien beleuchtet.

In das Zentrum der Betrachtungen werden in dieser Arbeit ausschließlich deutsche Printmedien gestellt. Bei den Printmedien wird hierbei die seriöse Presse von der Boulevard-Presse unterschieden. In der vorliegenden Arbeit wird eine thematische Auseinandersetzung ausschließlich im Hinblick auf seriöse Printmedien und speziell auf Tageszeitungen erfolgen.

Da die Autorin der vorliegenden Magisterarbeit persönlich seit acht Jahren journalistisch tätig ist, werden die Untersuchungen nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit in der Praxis erfolgen.

Da trotz vielfältiger Medienangebote 77 Prozent aller Bundesbürger täglich zur Tageszeitung greifen, wird abschließend der Frage nachgegangen, welche Möglichkeiten Printmedien zur Sicherung von journalistischer Qualität haben.

Die Literaturauswahl zum Thema Medienrealität lässt den Schluss zu, dass sich die Forschung mehr mit elektronischen Massenmedien befasst. In der Medienforschung werden die Printmedien in den Hintergrund gedrängt; dadurch kann der oberflächliche Eindruck entstehen, dass die Presse ihren Stellenwert als Informationsträger verloren hat. Die Einordnung der Printmedien in das politische System, ihre besondere rechtliche Stellung, ihre sozialen sowie politischen Funktionen und ihre wichtigen herausragenden Möglichkeiten besonders unter dem Aspekt der Berichterstattung über Kriege soll abschließend die Frage klären, ob sich die Presse neben elektronischen Medien behaupten kann oder nicht sogar behaupten muss.

Die Motivation für diese Untersuchung basiert nicht zuletzt auf einem Zitat von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue: „Wenn die demokratische Gesellschaft funktionieren soll, dann ist sie auf Journalisten angewiesen, die viel können, die viel wissen und ein waches und nobles Bewußtsein für ihre Verantwortung besitzen.“ (SCHNEIDER1996: 14)

2 Die Stellung der Medien im politischen System

Die technische Einrichtung zur Vermittlung von Aussagen und Nachrichten an ein großes Publikum (wie es zum Beispiel auf die Presse, den Hörfunk, auf Fernsehen und auf das Internet zutrifft) ermöglicht es, dass aus Medien Massenmedien werden, die einen nachhaltigen Einfluss auf die öffentliche Meinung haben. Bevor die Möglichkeiten der Einflussnahme von Massenmedien – speziell von Printmedien – auf die öffentliche Meinung untersucht werden, wird die wirtschaftliche und die politische Lage von Tageszeitungen in Deutschland vorgestellt.

2.1 Deutschland – ein Zeitungsland

In den 60er und 70er Jahren wurde ein regelrechtes „Zeitungssterben“ befürchtet; dennoch ist Deutschland trotz des stark gewachsenen Anstiegs alternativer Medienangebote im internationalen Vergleich ein Zeitungsleser-Land geblieben.

Im Zeitraum von 1954 bis 1976 reduzierte sich die Anzahl der publizistischen Printangebote von 225 auf 121; von dieser Entwicklung waren Zeitungen mit einer Auflage von unter 40.000 Exemplaren besonders betroffen. Im gleichen Zeitraum stieg die Anzahl der publizistischen Einheiten mit einer Auflage von 150.000 Exemplaren von 18 auf 42 (vgl. PÜRER1994: 123).

In den 60er Jahren kristallisierten sich fünf große Zeitungsverlage heraus. Im Jahre 1980 erschienen 45,5 Prozent der Gesamtauflage aller bundesdeutschen Tageszeitungen in den folgenden Verlagshäusern:

- Der „Springer-Verlag“, Hamburg
- Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitungsgruppe“ (WAZ-Gruppe) mit Hauptsitz in Essen
- Die „Gruppe Stuttgarter Zeitungsverlage“
- Der Verlag „DuMont-Schauberg“, Köln
- Der „Süddeutsche Verlag“, München (vgl. PÜRER1994: 124)

Diese Pressekonzentrationen machen das Ausmaß der wirtschaftlichen Macht deutlich, über die Verlagshäuser verfügen. Dass diese Machtverhältnisse nicht nur zu wirtschaftlichen, sondern auch zu politischen Einflüssen führen können, wird im Verlauf dieser Arbeit vertiefend dargestellt.

Am 1. April 1975 wurde das „Gesetz über eine Pressestatistik“ erlassen, um die Daten der Presselandschaft transparent werden zu lassen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge sind die Daten seit dem Jahre 1978 qualitativ vergleichbar (vgl. HUGLE1987: 10).

Die Auflagen der Tageszeitungen sind bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts kontinuierlich gestiegen. Im Jahre 1999 war zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung aus München mit einer Auflage von rund 424.000 Exemplaren die größte überregionale Tageszeitung in der Bundesrepublik, dicht gefolgt von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (416.500), Die Welt (223.300) und der Frankfurter Rundschau (191.100).

Unter den Straßenverkaufszeitungen, den so genannten Boulevard-Blättern, hielt die Bild -Zeitung im Jahre 1999 mit fast fünf Millionen Exemplaren die Spitzenstellung. Es folgten der Express (315.600/ Köln und Düsseldorf) und die bz Berlin (282.700) sowie die Abendzeitung München (188.200) (vgl. MEDIA-PERSPEKT.: 48f.).

Die folgende Auflagen-Tabelle macht die Verteilung der Tageszeitungen im Jahre 1999 deutlich.

Tab.1: Zeitungen 1999

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: [WOCHENSCHAU], S. 8.

Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass sich die Tageszeitungen trotz leicht rückläufiger Auflagenzahlen im Vergleich zu elektronischen Medien nach wie vor behaupten können. So präsentierte sich die Gesamtauflage der Tageszeitungen im dritten Quartal des vergangenen Jahres einschließlich der aktuellen Sonntagsausgaben sowie Sonntagszeitungen mit 26,75 Millionen Exemplaren gegenüber 26,79 Millionen Stück im zweiten Quartal des Jahres 2003 nahezu unverändert. Im Jahresvergleich ließ sich jedoch ein leichter Rückgang von 0,74 Millionen Exemplaren verzeichnen; so wurden im dritten Quartal 2002 insgesamt 27,49 Mio. Exemplare verkauft.[3]

Tageszeitungen unterscheiden sich aber nicht vorrangig durch die Höhe ihrer Auflagen, sondern in der Vielfalt hinsichtlich ihres Niveaus und ihrer politischen Richtung. Unterschieden werden:

- Überregionale Tageszeitungen mit akzentuierter politischer Linie und relativ anspruchsvollem Niveau. Zu ihnen gehören unter anderem die konservative „Die Welt“, die liberal-konservative „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die linksliberale „Süddeutsche Zeitung“ und die linksorientierte „Frankfurter Rundschau“. Als grün-alternativ orientiertes Blatt kommt „Die Tageszeitung“ hinzu.
- Regionale Tageszeitungen in größerer Zahl und mit insgesamt hoher Auflage, die den Charakter informierender Blätter mit landespolitischem Gewicht (z. B. Neue Ruhr-Zeitung, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Stuttgarter Zeitung) besitzen. Sie tendieren zu wenig politischem Profil, um Rücksicht auf ihre inhomogene Leserschaft zu nehmen.
- Lokale Tageszeitungen, deren Verbreitungsgebiet sich auf einen oder wenige Stadt- und Landkreise beschränkt. Politisch zeigen sie überwiegend nur wenig Profil.
- Boulevardblätter mit geringem Informationsgehalt
- Politische Wochenschriften mit akzentuierter politischer Tendenz. Am einflussreichsten sind das linksliberale Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, die linksliberale „Die Zeit“ und der rechtsliberale „Focus.

Die Presse nimmt in pluralistischen Systemen – wie dem der Bundesrepublik Deutschland – eine zentrale Aufgabe wahr. Sie ist ein unverzichtbares Mittel, um – unabhängig von staatlichen Einflüssen – die Öffentlichkeit über bedeutende Vorgänge in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur zu unterrichten und somit eine öffentliche Meinungs- und Willensbildung zu ermöglichen (vgl. PÜRER1994: 260).

Diese öffentliche Aufgabe und die besondere rechtliche Stellung der Presse muss genauer betrachtet werden, um den Verantwortungsbereich von Journalisten kritisch zu hinterfragen.

2.2 Die Presse im Rechtssystem der Bundesrepublik

Die Rechtsgrundlagen der Presse basieren auf einer großen Anzahl von Gesetzes- und Verfassungsnormen. Für die Printmedien sind im wesentlichen relevant:

- das Grundgesetz
- die Verfassungen einzelner Länder
- Landespressegesetze
- Medienrelevante zivil- und strafrechtliche Bestimmungen (vor allem Schutz der Persönlichkeitsrechte)
- das Kartellgesetz
- das Fernmelderecht
- das Urheberrecht
- das Betriebsverfassungsgesetz
- Tarifverträge
- Betriebsvereinbarungen und
- das Standesrecht

Außerdem hat das Bundesverfassungsgericht in zahlreichen Urteilen die besondere rechtliche Stellung der Presse hervorgehoben (vgl. WEISCHENBERG: 136f.).

Das Grundgesetz bietet den Medien in Artikel 5 die wichtigste Rechtsgrundlage:

Artikel 5 [Meinungs-, Informations, Pressefreiheit; Kunst und Wissenschaft] [4]

1.) „Jeder hat das Recht, seine Meinung, in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Art. 5 GG und aus ihm abgeleitete Regelungen suchen eine freie öffentliche Meinungsbildung vor allem durch Schutz vor staatlichen Eingriffen zu gewährleisten, wie dies die Entstehungsgeschichte des liberalen Verfassungsstaates nahe legt. Im einzelnen gilt dies für:

- die Unzulässigkeit einer Strafe für Meinungsäußerungen,
- das Verbot einer Zensur oder von Einschränkungen der Informationsfreiheit (zum Beispiel durch Verbot des Hörens ausländischer Sender),
- das Recht zur Meinungsäußerung für jedermann, was auch den freien Zugang (ohne Prüfungen oder Zulassungen) zu publizistischen Berufen impliziert,
- die Auskunftspflicht der Behörden gegenüber publizistischen Organen, was ein Informationsdefizit der Öffentlichkeit und ein Aushungern missliebiger Presseorgane ausschließen soll,
- das Zeugnisverweigerungsrecht der Journalisten, die – außer bei der Verfolgung schwerster Straftaten – ihre Informanten vor Gericht nicht preisgeben müssen (seit 1975).

Darüber hinaus bejaht das Bundesverfassungsgericht auch einen gewissen Schutz gegenüber gesellschaftlicher Macht , indem es wirtschaftliche Boykottmaßnahmen gegen Presseunternehmen – etwa durch wirtschaftlichen Druck auf Kiosk-Besitzer, um sie vom Verkauf einer bestimmten Publikation abzuhalten – für unzulässig erklärt hat (vgl. Urteil vom 26.2.69, in BverfGE 25., S. 256ff.).

Aus den Formulierungen des Art. 5 GG geht hervor, dass die verfassungsrechtlich gewährleistete Kommunikationsfreiheit die Komponenten Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit sowie Presse-, Rundfunk und Filmfreiheit umfasst. Da die Meinungs-, Informations- und die Pressefreiheit zu den wichtigsten Rechten der Printmedien zählen, sollen diese Rechte kurz dargestellt werden.

Die Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit

Die Informationsfreiheit gewährt jedem Bürger das Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen zu informieren. Sie ermöglicht auf diese Weise eine freie Meinungsbildung. Unter dem Begriff Meinungsfreiheit wird die Freiheit der Meinungsäußerung verstanden. Für die Pressefreiheit gelten nach Siegfried Weischenberg vier grundsätzliche Interpretationsrichtungen: Die „liberale Deutung“ versteht die Pressefreiheit als individuelles Abwehrrecht ohne eine öffentliche Aufgabe der Presse.

Bei der „konservativen Deutung“ gilt die Freiheit der Presse als Garantie für eine privatwirtschaftliche Organisationsstruktur des Pressewesens, wobei die Kontrolle bei den Verlegern liegt. Eine starke Betonung der öffentlichen Aufgaben der Presse und der Pressefreiheit als ein von den Medienschaffenden ausgeübtes Teilhaberrecht sieht die „sozialstaatliche Deutung“ vor.

In der „funktionalen Deutung“ gilt die Pressefreiheit als Mittel zur Verwirklichung des demokratischen und sozialen Rechtsstaates unter Betonung der Bedeutung eines offenen Meinungsmarktes (vgl. WEISCHENBERG: 131).

Der finalen „funktionalen Deutung“ wird schließlich die größte Bedeutung beigemessen. Diese Auffassung teilt nicht zuletzt das Bundes-verfassungsgericht, welches herausgestellt hat, dass die Presse nicht um ihrer selbst Willen geschützt werden muss, sondern dass die Interessen des Gemeinwohles im Vordergrund zu stehen haben, dem zu dienen Aufgabe der Presse sei. Das Bundesverfassungsgericht betont, dass die Presse eine Dienstleistungsfunktion und eine öffentliche Aufgabe hat.

Staatlich geschützt werden presserechtlich nicht nur die freie Veröffentlichung und Verbreitung von Informationen sowie die Mitwirkung am öffentlichen Meinungsbildungsprozess, sondern auch die aktive Informationsbeschaffung und der passive Erhalt von Nachrichten und Meinungen. Die Träger der Pressefreiheit – Journalisten, Verleger und Pressemitarbeiter – sind geschützt. Es herrscht Zulassungsfreiheit, das heißt, der Zugang zum Beruf des Journalisten steht jedem offen.

Die Pressefreiheit ist aber nicht grenzenlos. Sie findet „ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre“. [GG, Art. 5,

Absatz 2]

Das Ausmaß der Verantwortung der Presse zeigte sich besonders deutlich in einer Zeit, in der die Medien ihre Unabhängigkeit verloren haben. In einem kurzen historischen Exkurs soll zunächst verdeutlicht werden, warum die Freiheit der Presse die wichtigste Voraussetzung für eine unabhängige Medienberichterstattung ist.

2.3 Die Medien als Propagandamittel

Der negative Einfluss von Printmedien auf politische Prozesse und umgekehrt wurde in besonders nachhaltiger Weise im Dritten Reich deutlich. Gerhard Maletzke sieht in der Machtübernahme Adolf Hitlers und der NSDAP im Jahre 1933 einen Medienmissbrauch, der die weitere politische Bedeutung der Medien entscheidend prägte: „In den dreißiger Jahren gaben die Propagandaerfolge der Nationalsozialisten, die alle verfügbaren Medien systematisch und rigoros ausnutzten, aller Welt zu denken.“

(MALETZKE1981: 4)

Um das den Printmedien aufdiktierte Ziel, die Bevölkerung nach dem nationalsozialistischen Gedankengut zu beeinflussen, zu realisieren, beschlagnahmte Hitler 1933 zahlreiche kommunistische und sozialdemokratische Verlage. Joseph Goebbels erklärte in seiner Ansprache als neuer Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda sowie Gründer einer Schaltstelle für die gesamte öffentliche Kommunikation:

„Sie werden auch einen Idealzustand darin sehen, daß die Presse so fein organisiert ist, daß sie in der Hand der Regierung sozusagen ein Klavier ist, auf dem die Regierung spielen kann, daß sie ein ungeheuer wichtiges und bedeutsames Massenbeeinflussungsinstrument ist, dessen sich die Regierung in ihrer verantwortlichen Arbeit bedienen kann.“ (MAAßEN1986: 21)

Die staatliche Lenkung der Presse vollzog Goebbels durch die Gründung der Reichspressekammer, der nur Verleger und Journalisten aus arischer Abstammung beitreten durften. Durch den Erlass des Schriftleitergesetzes, das in vorgegebenen Sprachregelungen die Themen und die Art ihrer Veröffentlichung vorgab, erreichte er eine einseitige Nachrichtenpolitik.

Bis Ende des Jahres 1944 waren insgesamt 352 Tageszeitungen mit einer Auflage von 21 Millionen im Besitz der Nationalsozialisten.

2.4 Die Entwicklung der Presse nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach der Niederlage des Deutschen Reiches wurde den Printmedien eine bedeutende Rolle zuteil. Innerhalb der vier Siegermächte – bestehend aus der sowjetischen, amerikanischen, britischen und französischen Zone – sollten die Medien die Umerziehung der Deutschen zur Demokratie unterstützen. „Medienpolitik wurde als ein zentraler Aspekt jeder Besatzungspolitik verstanden.“ (FREI1989: 182)

Eine Zeitungs-Lizenz vergaben die Alliierten nur an die Deutschen, die zuvor nicht im Sinne der Nationalsozialisten tätig waren. Während die amerikanische, britische und französische Zone eine privatwirtschaftliche Pressestruktur vertrat, unterstützte die sowjetische Zone eine gemeinwirtschaftliche Pressestruktur in der Hand der kommunistischen Führung. Durch Privatisierung wollte die amerikanische Zone erreichen, dass sich keine Weltanschauungs- oder unpolitischen Generalanzeiger bildeten. Auch die Briten und Franzosen unterstützten demokratische Gesinnungszeitungen.

Die sowjetische Zone bildete durch die Vergabe von Lizenzen an Gewerkschaften einen starken Gegensatz zu den drei westlichen Alliierten. Trotz der Medien-Übernahme durch die vier Besatzungsmächte war die sogenannte „Lizenzpresse“ keine freie Presse. Durch Nachzensur und Papierentzug konnten die Zonen direkten Einfluss auf Veröffentlichungen nehmen.

Erst nach Aufhebung des Lizenzzwanges im Jahre 1949 erlangten die Printmedien ihre Unabhängigkeit zurück. Zur „Stunde Null der deutschen Presse“ (BAUER1965: 33) wurde jeder Bürger berechtigt, Zeitungen, Magazine, Zeitschriften und Bücher ohne vorherige Genehmigung zu drucken und zu verbreiten (vgl. MAAßEN1986: 26).

Die neue Lizenzfreiheit ermöglichte auch ehemaligen Verlegern, die zur Zeit des Nationalsozialismus aktiv waren, Publikationen. Diese sogenannten „Altverleger“ schlossen sich aus wirtschaftlichen Gründen mit jungen Journalisten zusammen und gründeten gemeinsame Verlage. Frei und Schmitz befassen sich näher mit dem Integrationsprozess:

„Dieser bemerkenswert früh einsetzende Integrationsprozess wirkte prägend auf den journalistischen Geist der fünfziger Jahre. Die kollegiale Zwangsgemeinschaft der wenigen Unbefleckten mit den vielen Halbverstrickten und Läuterungswilligen forderte ihren Preis. Innerprofessionelle Selbstkritik, ernsthafte Diskussionen über die gerade erlebte Korrumpierbarkeit des Journalismus und daraus zu ziehende Konsequenzen, konnte es in einer solchen Konstellation schwerlich geben. [...] Nur ganz vereinzelt verspürten Journalisten nach 1945 das Bedürfnis, sich und ihren Lesern Rechenschaft zu geben über ihre Rolle im Dritten Reich.“ (FREI1989: 189)

Die Zahl der Tageszeitungstitel wuchs im Jahre 1949 von 165 auf 600 an (vgl. PÜRER1994: 108). Mit Beendigung der Monopolstellung großer Lizenzorgane wurde zugleich eine Zurückhaltung in der Meinungsäußerung bemerkbar. In erster Linie konzentrierten sich die Medienschaffenden auf den Wettbewerb um die Leserschaft. Emil Dovifat bezeichnet die Lizenzpresse als neuen Pressetyp:

„Der neue Pressetyp zeigt in Stoff und Aufmachung eine Leserwerbung und spricht einen Bezieherkreis an, dessen Sammlung früher nur die unpolitischen sogenannten Generalanzeiger mit Erfolg betrieben, aber damit – und das ist das Neue – verbinden diese Blätter eine dieser Tatsache angepaßte Form bewußter politischer Willensbildung.“ (DOVIFAT1954: 37f.)

Mitte der 60er Jahre setzte sich Walter Hagemanns Auffassung durch, nach der die Journalisten lediglich wehrlose und deshalb auch nicht zur Verantwortung zu ziehende Opfer von Goebbels waren:

„Allen gescheiterten Presseleuten [...] war eine Eigenschaft gemeinsam, welche allein die zugemutete geistige Entwürdigung erträglich machte, ein abgrundtiefer Zynismus. Diese Männer, die widerspruchslos einem despotischen Regime dienen mußten, nahmen nichts und niemanden mehr ernst, oft nicht einmal sich selber, viele hatten es längst verlernt, über ihre unwürdige Stellung nachzudenken, die lediglich darin bestand, zu schreiben, was sich andere ausgedacht hatten.“ (FREI1989: 196)

Zwischen den neuen Zeitungen der Altverleger und den Lizenzzeitungen entwickelte sich ein Konkurrenzkampf. Die Altverleger wollten das an lizensierte Zeitungen verlorene Verbreitungsgebiet wieder zurück gewinnen. Zusammenschlüsse von neu gegründeten Zeitungen verschiedener Altverleger sollten rentables Wirtschaften sichern.

Seit dem Jahre 1954 kann die Phase des Wiederaufbaus des deutschen Zeitungswesens als abgeschlossen betrachtet werden. Nach dieser Zeit gab es nur noch vereinzelte Versuche, Zeitungen neu zu gründen (vgl. PÜRER1994: 109).

Seit 1945 ist ein vergleichbarer Machtmissbrauch der Medien durch Politiker rechtlich nicht mehr möglich, da die Presse eine besondere Stellung im deutschen Rechtssystem einnimmt, was im folgenden Kapitel vertieft werden soll.

Die Betrachtung der rechtlichen Stellung der Medien hat verdeutlicht, dass die Printmedien alle Voraussetzungen besitzen, um ihrer öffentlichen Aufgabe gerecht werden zu können.

Die Presse hat durch ihre besondere Stellung in der Bundesrepublik aber nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten, die unter dem Oberbegriff Funktionen als öffentliche Aufgaben beschrieben und nachfolgend vorgestellt werden.

2.5 Funktionen der Presse

Die Presse wird dem Bereich des Dienstleistungssektors zugeordnet. Hermann Boventer nennt als wichtigste Funktion der Medien die „Herstellung von Öffentlichkeit und eines allgemeinen Meinungsmarktes. In diesem Sinne wird durchaus eine öffentliche Aufgabe im Interesse der für die Demokratie notwendigen Publizitätsentfaltung wahrgenommen.“ (BOVENTER1993: 136)

Die Presse soll im wesentlichen die folgenden Aufgaben erfüllen. Sie soll zwischen Bürgern und Trägern staatlicher Zuständigkeit vermitteln; sie soll den Staat, die Regierung und deren ausführende Organe kontrollieren (Kontroll- und Wächterfunktion). Sie soll zur Bildung einer öffentlichen Meinung beitragen und damit gleichzeitig die Voraussetzung für die Ausübung staatlicher Rechte schaffen (vgl. GÄDEKE1990: 234).

Unter der so genannten „öffentlichen Aufgabe“ der Presse werden „diejenigen Aufgaben, die der Presse von der Verfassung zugeschrieben sind“ verstanden. (PÜRER1994: 305) Diese umfassen im wesentlichen die folgenden Aufgaben:

- Die Herstellung von Öffentlichkeit (Artikulationsfunktion):

Die Medien sollen einen Informationsaustausch zwischen Organisationen, Institutionen und Bürgern ermöglichen und somit zugleich Transparenz schaffen (vgl. PÜRER1994: 305).

- Die Bildung einer öffentlichen Meinung ermöglichen, um die Voraussetzung für die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte zu schaffen

(vgl. PÜRER1994: 267).

- Die Wahrnehmung einer Kontrollfunktion gegenüber Staat, Regierung und deren ausführende Organe (vgl. ebd.).

Boventer beschreibt die Funktionen der Medien wie folgt:

„Die Medien ermöglichen überhaupt erst den Prozeß der sozialen Kommunikation, ohne ihn beherrschen oder über ihn verfügen zu wollen. [...] Die Schwierigkeiten, sich in der modernen Lebenswelt zurechtzufinden, werden immer größer, und hier übernehmen die Medien eine Orientierungsfunktion. Ebenso sind die Medien mit einem Wächteramt ausgestattet und nehmen für die Politik und die öffentlichen Belange eine anwaltschaftliche Rolle wahr.“ (BOVENTER1993: 139)

Damit die Presse ihren Aufgaben gerecht werden kann, müssen die folgenden zwei Grundvoraussetzungen erfüllt sein. Zum einen müssen die Medien staatsunabhängig organisiert sein; zum anderen „setzt eine freie Meinungsbildung [...] eine Medienlandschaft voraus, in der alle gesellschaftlichen Gruppen und geistigen Richtungen auch tatsächlich zu Wort kommen, daß also ein Meinungsmarkt entsteht, auf dem die Vielfalt der in der Gesellschaft vertretenen Auffassungen unverkürzt zum Ausdruck gelangt.“ (BRANAHL2002: 21)

Die folgende Darstellung verdeutlicht wichtige Merkmale von Printmedien.

Abb. 1: Strukturmerkmale der Presse

Strukturmerkmale der Presse

- Privates Eigentum
- Hohe Zahl von Zeitungstiteln
- Lokale Bindung vieler Tageszeitungen
- Starke Position der Regionalzeitungen
- Wenige überregionale Blätter
- Reiches Zeitschriftenangebot
- Schwach entwickelte Parteipresse
- Anzeigenabhängigkeit
- Konzentration

Quelle: [WOCHENSCHAU], S. 9

2.5.1 Die Meinungsbildung

Die Meinungsbildung – die Bildung einer öffentlichen Meinung – stellt die wichtigste öffentliche Aufgabe der Printmedien dar. Die Presse versucht vor allem „Meinungsführer“ anzuregen, um möglichst viele Konsumenten zu einer eigenen Meinungsbildung zu bewegen (FLACH1967: 44ff.). Dazu hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt: „Die Bildung der öffentlichen Meinung ist im heutigen Massenstaat ohne die Mitwirkung der Massenmedien kaum noch denkbar.“ Die Presse sei daher „ein unentbehrlicher Faktor der öffentlichen Meinungsbildung“ (ebd).

Auf dreifache Weise kann die Presse zur Bildung einer öffentlichen Meinung beitragen:

1. durch das Verbreiten von Informationen
2. durch das Verbreiten von dritter Seite geäußerter Meinung
3. durch die Veröffentlichung der eigenen Meinung der Publizisten

(FLACH1967: 47)

Bezüglich des dritten Punktes sollte berücksichtigt werden, dass Journalisten natürlich in vielen Bereichen gegensätzliche Meinungen vertreten. Aber genau diese Art der argumentativen Auseinandersetzung von unterschiedlichen Ansichten fördert die Bildung einer freien Meinung und trägt zu Meinungsvielfalt bei.

Die meinungsbildende Kraft der Presse unterstützt in entscheidendem Maße die Demokratieerhaltung, da sie abweichenden Meinungen Raum bietet und freie Meinungsbildung gegen alle Widerstände ermöglicht (vgl. ebd.).

Rolf Stober unterstreicht diese Ansicht mit den folgenden Worten:

„[Die Medien, S.H.] sind unentbehrlich und im Grunde genommen am besten geeignet, an der politischen Willensbildung auf allen Ebenen und in allen Bereichen mitzuwirken [...]. Sie präsentieren schlechthin die gesamte Gesellschaft und Öffentlichkeit nicht zuletzt durch ihre Veröffentlichungen.“ (STOBER1992: 28f.)

Die Presse entscheidet auch über die Dringlichkeit und die Rangfolge von Themen. Angesichts der zunehmenden Vernetzung von Regierungs- und Parlamentsgewalt wird dem Journalismus eine Wächter- und Kontrollfunktion zugesprochen.

Nach Hagen üben Medien eine Informationsfunktion aus, um den folgenden Interessen gerecht werden zu können:

„Die öffentliche Informationsaufgabe besteht also letztlich darin, möglichst alle Bürger nach deren individuellen Informationserwartungen gut zu informieren. [...] Die allgemeinen Informationsqualitäten Menge, Wahrheit, Relevanz und Verständlichkeit können also aus der öffentlichen Informationsaufgabe abgeleitet werden.“ (HAGEN1995: 43f.)

In der Darstellung der Nachrichtenfaktoren nach Galtung und Ruge wird deutlich, nach welchen Kriterien die Medien über die Veröffentlichung von Informationen entscheiden.

Abb. 2: Nachrichtenfaktoren nach Galtung und Ruge

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: [MERTEN1994a], S. 187

[...]


[1] In dieser Arbeit werden ausschließlich zugunsten einer besseren Lesbarkeit männliche Bezeichnungen verwendet.

[2] Im internationalen Vergleich hat Deutschland insgesamt 406, die Türkei 400, Russland 292, Pakistan 223, Argentinien 190, Griechenland 168, Japan 121 und Großbritannien 103 Tageszeitungen; die USA haben 1.533 Tageszeitungen.

[3] Auflagenerhebung der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern

e. V. (IVW) für das 3. Quartal 2003

[4] Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Textausgabe, Stand Juli 1998.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Realität und Medienrealität und die Verantwortung der Medienmacher
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Politische Wissenschaft)
Autor
Jahr
2004
Seiten
101
Katalognummer
V175694
ISBN (eBook)
9783640968046
ISBN (Buch)
9783640967865
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Medien, Medienrealität, Printmedien, Presse, Medienökonomie, Redaktionsmanagement, Redaktionspraktikum, Vierte Gewalt, Politikberichterstattung, Kriegsberichterstattung, Friedensjournalismus, Presserat, Mediendemokratie
Arbeit zitieren
M.A. Sonja Heinen (Autor), 2004, Realität und Medienrealität und die Verantwortung der Medienmacher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175694

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