Die drei Phasen des Widerstandes und die Rolle der illegalen Presse in Norwegen während des Zweiten Weltkrieges

Verlauf, Aufbau und Organisation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
45 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Abkürzungsverzeichnis

2. Modell des Widerstandes in Norwegen im Zweiten Weltkrieg

3. Einleitung

4. Die drei Phasen des (legitimierten) Widerstandes
4.1. Die erste Phase
4.2. Die zweite Phase
4.3. Die dritte Phase

5. Der kommunistische Widerstand

6. Die Rolle der Presse während der Besatzung Norwegens

7. Fazit

8. Abbildungen

9. Abbildungsverzeichnis

10. Quellen- und Literaturverzeichnis
10.1. Quellen
10.2. Literatur
10.3. Internet

1. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Modell des Widerstandes in Norwegen im Zweiten Weltkrieg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 01: Modell des Widerstandes in Norwegen im Zweiten Weltkrieg. Ziviler und militärischer Widerstand.

3. Einleitung

Der Widerstand gegen totalitäre Regime kann oft nur im Untergrund stattfinden. Zu groß ist die Gefahr, dass die Arbeit aufgedeckt wird und damit jahrelange Vorbereitung und Arbeit zu riskieren, in die unglaublich viel Hoffnung gelegt wurde - Hoffnung auf eine Veränderung des status quo. Meistens ist mit dieser Hoffnung der Wunsch verbunden, das bestehende Regime zu beseitigen und die vorherigen Zustände im Staat wiederzuerlangen.

Mit der Operation Weserübung am 9. April 1940 begann die Besetzung des im Zweiten Weltkriegs neutralen Norwegens, das allein schon wegen seiner Eisenerzvorkommen im Norden für das Dritte Reich attraktiv gewesen war.1 Aus Sicht der Deutschen war diese Besetzung und die Dänemarks auch unerlässlich, um den Seeweg in die Nordsee und damit in den Atlantik zu beherrschen. Dargestellt als Schutzmaßnahme für die Neutralität Norwegens vor den Alliierten und dem Bolschewismus besetzten bald rund 350.000 bis 400.000 Soldaten der Wehrmacht2 ein Land, das zu der Zeit nur rund drei Millionen Einwohner hatte - ein Umstand, der für die Widerstandsarbeit sehr ungünstig war, war dies doch annähernd die ungefähre Zahl der Einwohner Bergens und Oslos, der beiden größten Städte Norwegens, zusammen. Der norwegische König Håkon VII. verließ am 7. Juni 1940 das Land, um in London mit seiner Regierung ins Exil zu gehen. Die Nasjonal Samling (NS), die faschistische Partei Norwegens unter Vidkun Quisling, wurde die einzig zugelassene Partei. Verantwortlich für militärische Angelegenheiten wurde Wehrmachtsbefehlshaber Nikolaus von Falkenhorst; im zivilen Bereich für die Regierungsgewalt wurde Reichskommissar Josef Terboven ernannt, der direkt dem deutschen Regierungschef und Staatsoberhaupt Adolf Hitler unterstand.

In der Bevölkerung wurde weiterhin die Sympathie zum König ausgedrückt, dessen Regierung mit dem Volk durch zivile Widerstandsorganisationen in Kontakt stand und nicht kapitulierte - im Gegensatz zu den zurückgelassenen norwegischen Truppen im Land am 10. Juni 1940. Dadurch wirkte die Absetzung der Regierung und die Übernahme des Regierungsangelegenheiten durch die Nasjonal Samling als vom Volk nicht legitimiert. Offener Protest in Form von Streiks und zivilen Ungehorsam wurde sehr bald durch die NS verboten. Für die Durchsetzung sorgte neben NS-treuen Polizisten und der Wehrmacht auch die Gestapo und die Hird, das norwegische Äquivalent zur deutschen SS. Deshalb verschwand der zivile Widerstand früh in den Untergrund, rief durch die illegale Presse zum Durchhalten des Volkes auf und stellte den Kontakt zur Exilregierung in London her. In der ständigen Hoffnung, die Briten würden Norwegen bald wieder von den Besatzern befreien - eine Hoffnung, die während der gesamten Besatzungszeit omnipräsent war - plante die Heimatfront die Übernahme der Regierungsgeschäfte und drohte Kollaborateuren und NS-Sympathisanten wegen Vaterlandsverrat mit drastischen Strafen. Auch militärisch regte sich Widerstand, denn zu groß war der Drang, nicht tatenlos zuzusehen, wie das Land unterdrückt und für weitere militärische Zwecke der Deutschen eingeplant wurde. So bildeten sich militärische Gruppierungen im Land, auch die Ausbildung militärischer Widerstandsgruppen wurde im Ausland organisiert. Jedoch sollte es fast drei Jahre lang dauern, bis der legitimierte militärische Widerstand offensiv gegen die Deutschen vorging.

Um die Formen des Widerstandes in Norwegen zu kategorisieren, ist es wichtig, vorab festzulegen, was als Widerstand gezählt werden kann. In der Erinnerungspolitik Norwegens nach dem Krieg wurden die Tätigkeiten der Milorg und der kommunistische Widerstand ausschweifend dargelegt. Damit wird der Fokus auf Formen des aktiven Widerstandes gelegt, wie er schon seit Beginn der Besatzung, ab 1943 vermehrt auch in vielen Berichten des BdSudSD zu finden ist und dort ganze Seiten der Monatsberichte füllt. Jedoch war es für viele Norweger auch wichtig, in der Besatzungszeit weiterhin ihren Geschäften nachzugehen. Diese Notwendigkeit führte zur Kollaboration mit den Deutschen, jedoch sollte diese nur das Notwendigste betreffen und nicht kriegsentscheidend sein. So wurde eine „Go-Slow“-Politik betrieben und in den Fabriken zumindest kein voller Arbeitseinsatz gezeigt. Wer aus der Kollaboration Profit schlagen wollte, galt als Vaterlandsverräter. Diese Art des passiven Widerstandes ist genauso zu berücksichtigen wie Morde und Sabotageakte. Auch sollte die Nicht-Akzeptanz der deutschen Kultur und Politik und die Wahrung der eigenen nationalen Identität beachtet werden, wie sie in vielen Haushalten durch die Frauen stattfanden, die in der Nachkriegserinnerung nur selten erwähnt werden und aufgrund des Mangels an Quellen und Überlieferungen nur kurz beleuchtet werden können. Susanne Maerz fasst daher den Begriff des Widerstands zusammen in Handlungen und Äußerungen, „die nicht eindeutig pro deutsch sind oder nicht als Zustimmung zur Nasjonal Samling verstanden werden können. Alle Norweger, die nicht zu Anderen werden, indem sie in die NS eintreten, nehmen damit am waffenlosen ,Holdningskamp‘ (Haltungskampf) teil.“3

Die Frage, warum es dem Widerstand nicht gelang, die Besatzer aus ihrem Land zu vertreiben, wäre naiv angesichts der relativ hohen Zahl der deutschen Truppen in einem, flächenmäßig betrachtet, so wenig besiedelten Land. Jedoch ist die Frage angemessen, warum anfangs die Zahl der Aktionen gegen die Besatzer zahlenmäßig so gering und kaum schädigend für die Deutschen war und ein Großteil der militärischen Aktionen relativ spät stattfanden - und vor 1943/44 hauptsächlich von militanten kommunistischen Gruppen verübt wurden. Damit verbunden ist natürlich die Frage nach der Organisation des Widerstandes in Norwegen, die anfangs chaotisch und unübersichtlich, später aber vorbildlich und strukturiert war, und die Frage nach den Formen des Widerstandes im zivilen und militärischen Bereich. Aufgrund der Komplexität und der Überschneidungen in den Aufgaben und im Personal ist es ratsam, den zivilen und den militanten Widerstand in einer Übersicht darzustellen.4 Ebenso sinnvoll ist es, den kommunistischen Widerstand vom restlichen Widerstand zu trennen, da letzterer durch die Exilregierung und die Alliierten ab 1941 legitimiert wurde und die kommunistischen Gruppen unabhängig von der Regierung und den Plänen der westlichen Alliierten agierten, auch wenn es zwischenzeitlich eine Zusammenarbeit beider militärischen Widerstandsgruppierungen gab. Zu guter letzt soll ein Fokus auf die Rolle der illegalen Presse innerhalb des Widerstands gelegt werden, bevor diese Fragen beantwortet werden.

4. Die drei Phasen des (legitimierten) Widerstandes

Mit der Operation „Weserübung“ besetzte die Deutsche Wehrmacht am 9. April 1940 Norwegen und begann nach deutschem Muster die Regierungsangelegenheiten zu übernehmen. Es folgte am 29. September 1940 die „Einsetzung der sogenannten NS-Staatsräte sowie des Verbots aller bisher bestehenden Parteien außer der Nasjonal Samling“5 und damit der Versuch einer Gleichschaltung des gesamten norwegischen Lebens. Der norwegische König Håkon VII. verließ mitsamt seiner Regierung das Land und floh ins Exil nach London. Diese Tat zeigte der norwegischen Bevölkerung, dass die Besatzung ihres Landes unrecht war und forderte sie zum Durchhalten auf (nor.: Holdningskamp, engl.: Standfest Struggle).

Die Einteilung des Widerstandes kann auf zweierlei Art erfolgen. Während es in der Geschichtswissenschaft Habitus zu sein scheint, die Einteilung chronologisch vorzunehmen (1940-42 ziviler Widerstand, 1942-44 Widerstand im Produktion und Verwaltung und 1944-45 militärischer Widerstand)6, was aufgrund vieler Überschneidungen der Ereignisse, wie auch in den Wehrmachtsberichten zu sehen ist, schlecht möglich ist, ist es ebenfalls genauso schwierig, den Widerstand in zivilen und milit ä rischen Widerstand zu unterteilen, da es spätestens in der zweiten Phase zu Überschneidungen der Ereignisse beider Bereiche kommt, die nicht zu trennen sind. Ebenso muss der kommunistische Widerstand als militärisch betrachtet werden, der schon vor 1944 aktiv Sabotage betrieben hatte und beachtet werden, dass es auch vereinzelte, unabhängige Sabotageakte schon vor dieser Zeit gab. Des Weiteren erfolgte ein von Großbritannien aus organisierter Anschlag am 27. Februar 1943 auf eine Produktionsstätte für Schweres Wasser in Vemork bei Rjukan, der zweifellos auch militärisch war, jedoch der Einteilung in die drei Phasen widerspricht. Trotzdem soll diese hier dazu dienen, die fünf Besatzungsjahre so einzuteilen, dass deren Rahmen der besseren Übersichtlichkeit dient.

4.1. Die erste Phase

Die erste Phase des Widerstandes fand auf ziviler Ebene statt. Tore Gjelsvik, der selbst in der Milorg aktiv war, beschrieb die enge Verbindung der Hoffnung auf Frieden und Unabhängigkeit mit dem König folgendermaßen:

„[O]ur hope of recovering freedom and national independence was embodied in the King.“7

Anfänglich wurde die Abneigung gegenüber den Besatzern offen auf die Straße getragen in Streiks und Demonstrationen. Auch wenn es nicht möglich war, den Deutschen feindlich gegenüberzutreten, gab es kleine Zeichen, mit der sich die Bevölkerung auszudrücken wusste. So stand z. B. das Symbol „H7“ für die Sympathie mit dem norwegischen König.8 Auch kleine Büroklammern an der Kleidung, eine Blume im Knopfloch oder rote Wollmützen zeugten in der Öffentlichkeit einerseits für die Ablehnung der Deutschen und andererseits für nationalen Zusammenhalt.9

Die AUF, die Jugendorganisation der LO, verabschiedete im April 1941 ein Pamphlet, das besagte, dass ein System, das sich selbst für unfähig hält, sich im Kampf zu engagieren, seinen Inhalt und seine Bedeutung verloren hätte. Damit beteiligten sich nun auch die Arbeiter am aktiven Widerstand und veranstalteten eine stille Demonstration am 9. April.10 Nach dem Überfall auf die Sowjetunion durch die Deutschen trat auch die kommunistische Arbeiterschaft den Holdningskamp bei. Am 8. September schlossen sich die Werft- und Stahlarbeiter der Akers- Werft in Oslo den Protesten an aufgrund der strengen Rationierung von Lebensmitteln, da Kaffee, Milch und Margarine knapp wurden. Noch am gleichen Tag verbreitete sich die Nachricht und weitete sich auf insgesamt 44 Betriebe aus.11 Acht Tage später stellte die NS weitere Streiks unter Todesstrafe, die in der Folgezeit standgerichtlich erfolgte.

Im gleichen Jahr begann der Aufbau einer koordinierten Widerstandsorganisation, der Heimatfront, die sich auf den Widerstand im zivilen Bereich beschränkte. Während John Rognes und der Journalist Christian Christensen die Kommunikation zwischen den verschiedenen, schon bestehenden losen Widerstandsgruppierungen herstellten, sammelten Aage Biering und der Anwalt Tor Skjönsberg Gelder für den Aufbau der Heimatfront. Gjelsvik selbst rekrutierte zusammen mit Jan Jansen Mittelsmänner, die meistens im Transportwesen tätig waren um Nachrichten ins Ausland zu übermitteln und die Widerstandsschriften Bulletin und Fri Fagbevegelse weiterzuverbreiten. Damit wurde der Grundstein der Heimatfront gelegt, die Verbindung ins Ausland errichtet und eine Art Sekretariat für den zivilen Widerstand geschaffen.

Ein andere Art des Widerstands der ersten Phase, der für die Deutschen in Norwegen gefährlich wurde, war der Widerstand der Sportler, Schauspieler, Richter, Pfarrer, Akademiker und Lehrer. Norwegische Athleten verweigerten ihre Tätigkeit im Rahmen von Wettbewerben, wurden inhaftiert oder traten der HF bei. Auch das Oberste Gericht trat geschlossen von seinem Dienst zurück mit der Begründung:

„During a military occupation the courts in our opinion must in the same way [...] be able to take a stand on the validity under international law of ordinances issued by organs of the occupying power. We cannot endorse the view of the courts‘ authority which is expressed in the Reichskommissar‘s letter without acting contrary to our duties as judges of the Norwegian Supreme Court. We therefore find ourselves unable to continue in our offices.“12

Diese Entscheidung setzte ein deutliches Zeichen für die Bevölkerung und es folgte die Arbeitsverweigerung von rund 15 000 Lehrern und Lehrerinnen nach dem 6. Februar 1942. In 8000 Briefen beschwerte sich die Lehrerschaft des Norwegischen Lehrerbundes (Norsk Laerersamband) und verkündete die Niederlegung der Arbeit in der Befürchtung, die NS würde den Lehrerbund ausnutzen, um die Jugend gleichzuschalten und für den Krieg auszubilden. Dieser Lehrermangel zwang die NS-Regierung zu einer Lockerung der Ausbildungsbedingungen für Lehrer, um „einen neuen Lehrertyp zu schaffen, Lehrer heranzubilden, die nicht nur Unterrichtsmaschinen wären; sondern darüber hinaus wirkliche Führer der Jugend sein könnten.“13 Übergangsweise wurden zuerst auch Studierende als Hilfskräfte akzeptiert. Nach der Festnahme von 863 Lehrern bis zum 29. März entschied die NS, die Inhaftierten in Arbeitslager zu schicken, in der Hoffnung, an diesen ein Exempel statuieren zu können und die zurückgetretenen Lehrer umzustimmen.14 Jedoch weigerten sich weiterhin viele, ihre Arbeitsverweigerung schriftlich zurückzuziehen, da in den kommenden Monaten eine Befreiung erhofft wurde und man befürchtete, die Unterzeichner könnten als NS-Sympathisanten betrachtet werden.15 Lehrer, die jedoch weiterhin arbeiteten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern und der NS die Schulen nicht ganz zu überlassen, entschieden sich, zwei und später fünf Prozent ihres Gehalts der HF zu spenden. Damit wurde der Lehrerbund, nicht in finanzieller Hinsicht, einer der stärksten und wichtigsten Unterstützer im Inland.16

Einen Monat nach der Weigerung der Lehrer folgte der Widerstand der Kirche, als das Schweigegelübde der Bischöfe aufgehoben worden war. Nachdem sich die Geistlichkeit bei der Besatzungsmacht beschwert hatte, traten viele Bischöfe von ihrem offiziellen in den inoffiziellen und damit illegalen Gemeindedienst. So wurde von Seiten der NS allen amtierenden Bischöfen der Titel und die Bischofswürde am 13. März 1942 aberkannt. Der Osloer Bischof Einvind Berggrav wurde zur zentralen Figur des geistlichen Widerstands, stand unter Beobachtung der Polizeibehörden und viele Bischöfe Norwegens solidarisierten sich in Beschwerdebriefen beim zuständigen Departement. Dies hatte zur Folge, dass die Meldepflicht der Bischöfe fünf Tage später am 18. März wieder gelockert wurde und sich die ehemaligen Bischöfe telefonisch melden konnten.17 Die Ernennung neuer Bischöfe behielt sich seit dem 27. März Ministerpräsident Quisling vor, der sich auf § 16 der norwegischen Verfassung berief, der dem König die Anordnung aller Kirchen- und Gottesdienste garantierte.18

Was nun folgte, war ein Zeichen für die gesamte norwegische Bevölkerung: Professoren protestierten gegen die Bevorzugung von parteinahen Lehrkörpern. Ärzte verweigerten ihre Arbeit und bekamen aufgrund der schlechten Ersetzbarkeit umgehend die Erlaubnis, auch ohne Parteimitgliedschaft weiter zu praktizieren und traten später der Milorg oder der Heimatfront bei. Es folgte, so Maerz, ein Kulturkampf:19 Bekannte Stars aus Theater und Radio verweigerten Interviews und Auftritte.20 1942/43 traten berühmte Sportler und Sportverbandsvorsitzende zurück, sodass die Veranstaltungen organisierter Sportereignisse gestört werden oder nicht stattfinden konnten. Jedoch bestätigt ein BdSudSD-Bericht vom Februar 1943, dass „seit längerem gegen die Anhänger der Sportstreikfront der Verdacht [bestehe], sie würden nicht nur ein systematisches Training sondern auch illegale Wettkämpfe abhalten.“21 All dies verschärfte das Bewusstsein der Bedrohung Norwegens durch die deutschen Besatzer und brachte die Situation in den Fokus der alliierten Presse. Selbst „[e]inzelne Polizisten warn[t]en norwegische Juden vor den Verhaftungen - wie viele dies [taten] und wie viele Juden sich darauf hin retten [konnten], ist unklar,“22 so Susanne Maerz.

Als Vidkun Quisling am 1. Februar 1942 zum Ministerpräsident durch den Reichskommissar Josef Terboven erklärt worden war, erließ die NS am 22. Februar das Gesetz ü ber den nationalen Arbeitseinsatz, um „die Versorgung des Volkes in den schwierigen Zeiten, die jetzt bevorstehen, sicherzustellen.“23 Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es die HF geschafft, sich in ganz Norwegen zu organisieren und 20 Distrikte zu errichten. Ein Koordinationskomitee wurde gegründet als Anlaufpunkt für alle Gruppen des Widerstandes und fungierte damit als Sekretariat für die HF. Gjelsvik berichtet, dass schon im August 1941 eine andere Gruppe errichtet worden war, um den Widerstand im Volk zu legitimieren. So schickten Hans Halvorsen und Tor Skjönsberg Paul Hartmann nach London, um eine beständige Verbindung zum König zu errichten. Bis zum Sommer 1942 bestand diese Gruppe, Kretsen (der Kreis) genannt, nur formal, um den Kontakt aufrechtzuerhalten. Ab Sommer 1942 intensivierten sich die Kontakte dann, als diese Verbindung zur HF für die norwegische und britische Regierung in London immer mehr an Bedeutung gewann.24 Führende Personen der HF zu dieser Zeit wurden Thorleif Schjelderup, verantwortlich für die Bereiche Rat und Einigkeit innerhalb der HF, und Tor Skjönsberg für die Organisation und Kontakte.

Nach dem so genannten Staatsakt Quislings erließ die NS ein Gesetz zur Einbeziehung von Jugendlichen für den NS-Staatsdienst. Dies geschah um den 12. Februar 1942, also in der auf den Beginn des Lehrerstreiks folgenden Woche. Ein großer Teil der norwegischen Bevölkerung sah darin die Gefahr, dass ihre Kinder dadurch für den Wehrdienst an der Ostfront rekrutiert werden konnten, immerhin hätte diese Rekrutierung rund 300 000 Männer und Frauen betroffen. So reiste Einar Høigård, Mitglied des Lehrerverbands, durch das Land, um an den Schulen folgende Anweisung zu verbreiten:

„1. reject demands for membership of, or declarations of loyality to, the NS; 2. reject every attempt at NS propaganda in the school; 3. reject every order from unauthorised sources; 4. reject every demand for participation in the NS Youth Company.“25

Daraufhin starteten besorgte Eltern einen Briefprotest am 24. Februar 1942, der jedoch trotz seiner Masse Quisling nicht davon abhielt, mit Schulschließungen zu drohen, würden die Eltern ihre Kinder an der Einbeziehung hindern.

Eine Briefprotest, der erfolgreich verlief, fand ab dem 7. September 1942 statt in einer Zeit, in der Quisling einen neuen Reichsrat einrichten wollte. Nach einem Aufruf der FU an die Mitglieder der Handelsvereinigung, der NS nicht beizutreten, erreichten bis zum 22. September rund 100 000 Briefe die NS mit der Ablehnung zur Gründung eines neuen Reichsrats. Auf Rat verschiedener Gruppenleitungen zog Quisling die Anweisung trotz seiner vorherigen Androhungen von Haftstrafen und Exekutionen zurück.26 Der Holdningskamp setzte sich in ganz Norwegen durch und schaffte ein nationales Bewusstsein, das für das Durchhalten während der Besatzung existentiell war.

4.2. Die zweite Phase

Die zweite Phase des Widerstandes kann auf der Ebene der Bevölkerung als eine Zeit des Ausbaus der Strukturen der HF und der Milorg gesehen werden. Ein weiteres wichtiges Merkmal war die „Go-Slow“-Politik, in der Arbeiter in den Fabriken absichtlich ihre Produktivität verringerten, um die Kriegspolitik der Deutschen zu behindern. Susanne Maerz beschreibt die Situation treffend:

„Zwischen 150 000 und 250 000 Norweger arbeiten insgesamt für die deutschen Besatzer und damit vor allem für die deutsche Kriegsführung. Für viele von ihnen ist es eine willkommene Gelegenheit, der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Wegen der Aufforderung, die Mühlen am Laufen zu halten, wird gewöhnliche Arbeit für die Deutschen nicht kriminalisiert, außer, der Betreffende gründete seine Firma erst während der Besatzungszeit und mit dem Ziel, für die Deutschen zu arbeiten.“27

Hier wird deutlich, dass es für die Norweger überlebenswichtig war, für die Deutschen zu arbeiten, dadurch jedoch eine innere Zerrissenheit entstand, da man für den Feind arbeitete.

In dieser Zeit ab 1942 gründeten sich viele militärische Gruppen, da im Volk die permanente Hoffnung einer britischen Befreiung bestand, die es in der folgenden Zeit zu einen und zu organisieren galt. So ließ der norwegische General Otto Ruge, der am 10. Juni 1940 vor den deutschen Truppen kapituliert hatte, an die norwegische Jugend verlauten: „Wait, trust and be prepared.“28 Der BdSudSD konstatierte am 9. März 1943 diesbezüglich:

„Die Überzeugung, daß der Krieg in wenigen Wochen oder Monaten - mindestens aber noch im Verlaufe dieses Jahres - zu Ende sein wird, ist [...] entscheidend vertieft worden. [...] An der gesamten Westküste von Stavanger bis Drontheim konnten in diesem Zusammenhang lebhafte Gerüchte über bevorstehende englisch-amerikanische Invasionen festgestellt werden.“29

[...]


1 MAERZ, Susanne: Die langen Schatten der Besatzungszeit. Vergangenheitsbewältigung in Norwegen als Identitätskurs (Nordeuropäische Studien, Bd. 20), Berlin 2008, S. 47.

2 LENZ, Claudia: Haushaltspflicht und Widerstand. Erzählungen norwegischer Frauen über die deutsche Besatzung 1940-1945 im Lichte nationaler Vergangenheitskonstruktionen (Studien zum Nationalsozialismus in der Edition Diskord, Bd. 7), Tübingen 2003, S. 28.

3 MAERZ 2008, S. 61.

4 siehe Abb. 01.

5 DAHM, Volker/LARSEN, Stein Ugelvik/SANDBERG, Beatrice: Meldungen aus Norwegen 1940-1945. Die geheimen Lageberichte des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in Norwegen, Teilband 1 (Texte und Materialien zur Zeitgeschichte, Bd. 6), München 2008, S. 559.

6 Vgl. HALVORSEN, Terje: Zwischen London und Berlin. Widerstand und Kollaboration in Norwegen 1940-45, in: BOHN, Robert/ELVERT, Jürgen/REBAS, Hain/SALEWSKI, Michael (Hrsg.): Neutralität und totalitäre Aggression. Nordeuropa und die Großmächte im Zweiten Weltkrieg (Historische Mitteilungen Beihefte, Bd. 1), Stuttgart 1991, S. 337-353.

7 GJELSVIK, Tore: Norwegian Resistance 1940-1945, London 1979, S. 7.

8 siehe Abb. 09.

9 Vgl. ebd., S. 32 und DAHM/LARSEN/SANDBERG 2008, S. 1233.

10 GJELSVIK 1979, S. 44/45.

11 DAHM/LARSEN/SANDBERG 2008, S. 411.

12 GJELSVIIK 1979, S. 26.

13 DAHM/LARSEN/SANDBERG 2008, S. 570.

14 Ebd., S. 585.

15 Ebd., S. 587.

16 GJELSVIK 1979, S. 65.

17 DAHM/LARSEN/SANDBERG 2008, S. 575/576.

18 DAHM/LARSEN/SANDBERG 2008, S. 579. Vgl. http://www.verfassungen.eu/n/norwegen14e-index.htm (Stand 25.05.2010).

19 Maerz 2007, 62.

20 GJELSVIK 1979, S. 36/37.

21 DAHM/LARSEN/SANDBERG 2008, S. 1004.

22 MAERZ 2008, S. 59.

23 DAHM/LARSEN/SANDBERG 2008, S. 988.

24 GJELSVIK 1979, S. 54.

25 Ebd., S. 59.

26 Ebd., S. 68-70.

27 MAERZ 2008, S. 52.

28 GJELSVIK 1979, S. 72.

29 DAHM/LARSEN/SANDBERG 2008, S. 1017.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Die drei Phasen des Widerstandes und die Rolle der illegalen Presse in Norwegen während des Zweiten Weltkrieges
Untertitel
Verlauf, Aufbau und Organisation
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Norwegen im Zweiten Weltkrieg
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
45
Katalognummer
V175740
ISBN (eBook)
9783640968534
ISBN (Buch)
9783640970254
Dateigröße
1389 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norwegen, Zweiter Weltkrieg, Besatzung, Besatzungszeit, Deutsche Besatzung, Terboven, Quisling, Hitler, Gjelsvik, AUF, BdSudSD, FO, FU, Hjemmefronten, Homefront, Heimatfront, Milorg, Sivorg, Koordinationskommitee, NKP, SHAEF, SOE, Special Operation Executive, Kompanie Linge, Gruppe Osvald, Exil, Hakon, Haakon, Rjukan, Vermork, Gutta pa Skauen, Phasen des Widerstandes
Arbeit zitieren
Danny Lange (Autor), 2010, Die drei Phasen des Widerstandes und die Rolle der illegalen Presse in Norwegen während des Zweiten Weltkrieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175740

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