Zu Siegfried Lenz: "Das Vorbild"


Referat / Aufsatz (Schule), 1995

9 Seiten

Sonja Heinen (Autor)


Leseprobe

Einleitung

Siegfried Lenz' Roman "Das Vorbild" handelt von den Schwierigkeiten, die sich bei der Zusammenstellung eines neuen Deutschbuches ergeben, da die Beauftragten, eine Lektorin, ein Studienrat und ein pensionierter Rektor, bei seinem dritten Kapitel ' Lebensbilder-Vorbilder ' unterschiedliche Ansichten vertreten. Nachdem die Herausgeber bereits die Bearbeitung der beiden ersten Kapitel des Deutschbuches ' Arbeit und Feste ' und ' Heimat und Fremde ' im Auftrag des Kultusministeriums abgeschlossen haben, treffen sie sich erneut, um ein geeignetes Vorbild für die Jugend auszuwählen.

Der Ort ihrer Zusammenkunft im Jahre 1968 ist eine kleine Pension in Hamburg. Die Sachverständigen, die sich nicht nur mit der Herausgabe des Deutschbuches zu beschäftigen haben, sondern auch mit privaten Problemen konfrontiert werden, zeichnen sich in keiner Weise besonders für den gestellten Auftrag aus, da sie selbst keine vorbildhaften Charakter haben.

Leben des Autors

Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck, einer masurischen Stadt in Ostpreußen, geboren. Nach bestandenem Abitur besuchte er 1945 die Universität in Hamburg, um Philosophie, Anglistik und Literaturgeschichte zu studieren.

Drei Jahre später arbeitete er für den Zeitungsverlag 'Welt' als Redakteur und wurde schon bald darauf als Schriftsteller mit seinem ersten Roman 'Es waren Habichte in der Luft' bekannt. Schon seit seiner Studienzeit war er von den Grundsätzen der SPD überzeugt, wurde aber erst 1965 aktives Parteimitglied.

Seinem ersten Roman folgten zahlreiche Werke sowie verschiedene Auszeichnungen und Preise, wie z. B. 1961 der Bremer und der Ostdeutsche Literaturpreis, 1966 der Große Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Literatur und im Jahre 1970 den Lessing-Ring. Seit 1951 lebt Siegfried Lenz als freier Schriftsteller mit seiner Frau in Hamburg.

Inhaltsangabe (Deutung)

In der Pension Klöver lesen die Protagonisten einander Geschichten vor, in denen beispielhaftes Verhalten zum Tragen kommt und erhoffen sich dadurch eine Person zu finden, die als Vorbild für die Jugend angesehen werden kann. Sie unterbrechen ihre Sitzungen jedoch regelmäßig, indem sie ihren privaten Angelegenheiten nachgehen.

Rektor Valentin Pundt aus Lüneburg begibt sich neben der Suche nach einem Vorbild auf die Suche nach einem Motiv für den Selbstmord seines Sohnes Harald, einem Pädagogikstudenten, der sich zwei Tage nach seinem mit Auszeichnung bestandenen Examen umgebracht hat. Der Studienrat Janpeter Heller aus Diepholz besucht in Hamburg seine Frau und seine Tochter und muß sich mit den Gründen für die Trennung auseinandersetzen.

Das Leben der Hamburger Lektorin Dr. Rita Süßfeldt wird dadurch bestimmt, daß sie ihren Cousin Heino Merkel, einen Archäologen und Schriftsteller, der bei einem Unfall schwer verletzt wurde, betreut.

Die Beauftragten werden von Lenz durch ihr Verhalten und die Ansichten und Eindrücke anderer charakterisiert. Das wird vor allem bei der Person des fortschrittlichen Studienrates Janpeter Heller, der im Gegensatz zu Rektor Valentin Pundt steht, deutlich. Heller hat revolutionäre Ansichten. So weigert er sich z. B. Ausweise zu tragen, weil sie sich "nicht mit der Würde des Einzelnen vereinbaren lassen." (S. 79)

Zudem setzt er sich für den "Widerstand gegen das Profitdenken" ein, was sich in einer Schülerdemonstration gegen Fahrpreiserhöhungen, bei der er sich zum Anführer macht, zeigt. Von einem Polizisten wird er wie folgt charakterisiert: "In all meiner Praxis ist mir noch niemand so erbarmungswürdig vorgekommen wie ein betagter Revolutionär.

Einer, der nicht den Mut hat, zu seinen Jahren und Erfahrungen zu stehen." (S. 80) Seine Ehe ist gescheitert, weil er nicht in der Lage ist, Beruf und Privatleben zu trennen. Er setzte bzw. setzt sich konsequent für seine Schüler ein, ohne eine Privatsphäre für seine Familie auszusparen.

Der pensionierte Rektor Valentin Pundt ist ein konservativer, autoritärer Pädagoge mit strengen Prinzipien und Richtlinien. Zu seinen Werten zählen Konsequenz, Starrsinn und Ausdauer. Von seinem Sohn Harald wurde er wie folgt beschrieben: "»Wegweiser«, der nur eine Richtung kennt, nur in eine Richtung zeigt, ein Chausseeschild." (S. 38)

Er ließ Harald schriftlich Rechenschaft über jede seiner Handlungen auf einem Kalenderblatt ablegen und kontrollierte anschließend die Eintragungen mit pedantischer Genauigkeit.

Ein ehemaliger Schüler sagt über Pundt, daß "kein anderer Lehrer es so verstanden hat wie er, einen Schüler 'lautlos und ohne Aufwand' zu knicken." (vgl. S. 140)

Dr. Rita Süßfeldt ist eine intellektuelle Lektorin und freie Herausgeberin von Lesebüchern, deren Charakter nicht eindeutig festgelegt werden kann. Am treffendsten sind hierzu Valentin Pundts Gedanken: "... immer noch dieser Eindruck, als sei sie gerade irgendwo hastig aufgebrochen ... immer noch, und in allem, dieser unausgeführte Entwurf ihrer selbst. ...

Alles an ihr ist bedacht, geplant, eingeleitet, sie hat alles Nötige begonnen, doch ein unerwarteter Einfall, eine Ablenkung oder einfach überlegende Lustlosigkeit haben sie daran gehindert, das Begonnene auch zu beschließen." (S. 10) Daß sie immer in Eile ist, sich nicht an Verkehrsregeln hält und ein Auto mit zahlreichen Mängeln fährt, spricht auch für ihren ungeordneten Lebensstil.

Nachdem jeder der Herausgeber seine Geschichte vorträgt und feststellt, daß keine den Kritiken der Kollegen standhält, kommt es zu einer allgemeinen Auseinandersetzung mit der Vorbildsuche. Heller hält es für eine Anmaßung, Vorbilder für Jugendliche auszuwählen. "Wenn Sie mich fragen: Vorbilder sind doch nur eine Art pädagogischer Lebertran, den jeder mit Widerwillen schluckt [...]. Die erdrücken doch den jungen Menschen, machen ihn unsicher und reizbar, und fordern ihn auf ungeziemende Weise heraus.

Vorbilder im herkömmlichen Sinn, das sind doch prunkvolle Nutzlosigkeiten, Fanfarenstöße einer verfehlten Erziehung [...]." "Wer heute das Kapitel »Vorbilder« behandeln wolle, sollte nicht von exemplarischen Situationen, sondern vom Alltag ausgehen [...]." (S. 29) Pundt hingegen glaubt, daß die Jugend nach Vorbildern verlangt und es ihre Aufgabe ist, ihr Vorbilder zu zeigen, die ihrer Zeit entsprechen. (vgl. S. 30) Auch Rita Süßfeldt möchte ein Vorbild wählen, daß menschlich ist, jedoch zugleich verpflichten und herausfordern soll.

Bei seinen Forschungen nach den Gründen für den Selbstmord seines Sohnes Harald erfährt Pundt von dessen Freundschaft mit einem Protestsänger namens Mike Mitchner, den Harald wegen seines Idealismus' bewunderte, der dann aber zu einem kommerziellen Rockstar wurde. Dadurch wird dem Leser, neben den Personen in den Kurzgeschichten, eine weitere Person mit Vorbildcharakter zur Wahl gestellt.

In einer weiteren Unterhaltung Pundts mit Haralds ehemaliger Freundin Lilly Fligge wird deutlich, warum Harald nicht weiter leben wollte. Harald ist Opfer der konservativen Erziehungsmethoden seines Vaters geworden. Lilly erzählt: "[S]ehr früh in seiner Jugend schon, hat man ihm etwas beigebracht, was sich immer bedenklicher bei ihm auswuchs, eine Manie, eine Besessenheit, ja, das war es, [...] daß er immer auf der Jagd nach Gründen war, nach Belegen. [E]r fühlte sich einfach nicht den Forderungen gewachsen, die auf ihn zukamen, er mit seinem Komplex, alles belegen und rechtfertigen zu müssen." (S. 101-103) Heller macht sich kundig über einen Führer der Minenleger im Ersten Weltkrieg, Admiral Tittgens, den die Minenleger als Vorbild sehen, da seine Minenfelder als beispielhaft gelten.

In Admiral Tittgens wird dem Leser erneut eine Person vorgestellt, die auf ihre Vorbildfunktion zu prüfen ist. Kurz darauf sieht Heller Plakate von Charly Gurk, einem bekannten Fußballstar, der als Vorbild für die Jugend gilt, jetzt jedoch sein letztes großes Spiel in Hamburg hat. Er ist, nach Mike Mitchner und Admiral Tittgens, die dritte Person, die den Leser zu eigener Kritik bezüglich der Tauglichkeit als Vorbild anregen soll.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Zu Siegfried Lenz: "Das Vorbild"
Autor
Jahr
1995
Seiten
9
Katalognummer
V176153
ISBN (eBook)
9783640972050
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Siegfried Lenz, Das Vorbild
Arbeit zitieren
Sonja Heinen (Autor), 1995, Zu Siegfried Lenz: "Das Vorbild", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176153

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