Freiburger- und Chicagoer Schule: Eine vergleichende Darstellung wettbewerbspolitischer Konzeptionen


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Wettbewerbspolitische Konzeptionen
2.1 Die Chacago-Schule der Antitrustpolitik
2.1.1 Grundposition
2.1.2 Konsequenzen für die Wettbewerbspolitik
2.1.3 Ziel-Mittel-Träger-System
2.1.4 Praktische Bedeutung des Konzepts
2.2 Die Freiburger Schule des Ordoliberalismus
2.2.1 Grundposition
2.2.2 Konsequenzen für die Wettbewerbspolitik
2.2.3 Ziel-Mittel-Träger-System
2.2.4 Praktische Bedeutung des Konzepts

3 Vergleichendes Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einführung

Gewinnmaximierende Unternehmen versuchen, durch Beschränken des Wettbewerbs höhere Gewinne zu erlangen, was aber oft zu dem Wohlfahrtsverlust und Einbußen für die restlichen Marktteilnehmer führt. Zur Herstellung einer funktionsfähigen Wettbewerbsordnung und deren Kontrolle benötigt man eine Wettbewerbspolitik. Wie soll aber die angestrebte Wettbewerbsordnung konkret beschaffen sein?! Soll der Staat über die Festlegung und Kontrolle allgemeingültiger Regeln hinaus in das Marktgeschehen eingreifen oder eher zurückhaltend agieren? Verschiedene wettbewerbspolitische Konzeptionen, die sich vornehmlich an Gesetzgeber, Kartellbehörden, Gerichte und die staatliche Administration richten, haben mit der Zeit verschiedene Antworten auf diese Frage gegeben. Heute existieren noch mehrere „Schulen“, die unterschiedliche Meinungen und politische Empfehlungen vertreten. Die vorliegende Arbeit stellt das ordoliberale Konzept der Freiburger Schule und das Konzept der Chicago School vor und vergleicht diese beiden wettbewerbspolitischen Konzeptionen anschließend in einem Fazit. Unter einer „wettbewerbspolitischen Konzeption“ wird dabei ein System wettbewerbspolitischer Ziele sowie eine Referenzsituation verstan- den, die unterschiedliche Zusammenhänge zwischen Marktstrukturen, Marktverhalten und Marktergebnissen beschreibt. Eine wettbewerbspolitische Konzeption repräsentiert eine Idee, wie eine Wettbewerbspolitik betrieben werden könnte.[1] Die Konzeption ermöglicht die Wahl wirtschaftspolitischer Einzelentscheidungen, die die Realisierung gesellschaftlicher Ziele begünstigen.[2]

2 Wettbewerbspolitische Konzeptionen

2.1 Die Chicago-Schule der Antitrustpolitik

Der Chicago-School-Ansatz der Wettbewerbspolitik geht auf George Joseph Stigler, Harold Demsetz, Aaron Director, Robert Bork und Richard Posner zurück. Diese Gruppe von Juristen und Ökonomen entwickelten in den 70er und 80er Jahren ein Konzept, das zur damaligen Zeit unter Präsident Reagan die amerikanische Wettbewerbspolitik erheblich beeinflusst hat. Grundlage des Konzepts ist die Forderung nach einer radikalen Vereinfachung des wettbewerbspolitischen Leitbilds, so dass den wettbewerbspolitisch Verantwortlichen ein schlüssiges und anwendbares Instrumentarium zur Hand gegeben werden kann.[3] Die Konsumentenwohlfahrt wird als einziges Kriterium zur Beurteilung der Wettbewerbssituation betrachtet und soll maximiert werden. Seit Beginn der 80er Jahren spielte das Konzept der Chicago School of Antitrust Analysis in den USA eine entscheidende Rolle und wurde zu einer „Maxime der Antitrustpolitik“.[1]

2.1.1 Grundposition

Die Grundüberzeugung der Chicago School besteht darin, dass „unbeeinflusste Marktprozesse zu einem Wohlfahrtsoptimum tendieren.“[2] Das Marktgeschehen versteht sich als ein freies Spiel der Kräfte ohne staatliche Eingriffe. Der Einfluss des Staates soll auf die Setzung weniger Rahmenbedingungen beschränkt werden.

Die Chicago School unterstellt ein absolut rationales Verhalten der Wirtschaftssubjekte mit dem Ziel der Nutzen- und Gewinnmaximierung. Autonome Haushalte versuchen Ihren Nutzen zu maximieren, während Unternehmen ihren Gewinn zu maximieren versuchen. Die Existenz von Marktzutrittsschranken wird verneint. Potentielle Konkurrenz übt auf dem Markt eine disziplinierende Wirkung aus. Solange der Staat nicht eingreift, wird ein wirksamer Wettbewerb mit ausreichender Zahl an Anbietern stattfinden. Stigler unterstellt einen vollkommenen Markt, auf den viele Unternehmen existieren und unabhängig voneinander handeln. Es existiert also ein Polypol. Den Konsumenten wird eine vollkommene Markttransparenz hinsichtlich der Marktpreise unterstellt. Den Verkäufern sind die Preise der Konkurrenten bekannt. Die Ressourcen sind mobil und die Märkte sind komplett offen und bestreitbar.

Aus der Sicht der Chicago-Schule hat der Wettbewerb keine Selbstzerstörungstendenz, sondern eine Selbsterhaltungstendenz. Ein Unternehmen, das sich ohne staatlichen Schutz langfristig gegenüber seinen Konkurrenten durchsetzen kann ist effizient, auch wenn es als einziges auf dem Markt übrig bleibt.[3] Leistungsschwache Unternehmen werden längerfristig von anderen Konkurrenzunternehmen übernommen oder sie werden vom Markt verschwinden. Der Wettbewerb stellt somit einen natürlichen Selektionsprozess dar, bei dem nur die Gesündesten und Stärksten überleben können. George Joseph Stigler prägte den Begriff „survival of the fittest“. Der Ausdruck „survival of the fittest“ findet ihren Ursprung in den Thesen von Charles Darwin zur Evolution des Lebens. Danach überleben und pflanzen sich diejenigen Lebewesen fort, die am besten an die Umweltbedingungen angepasst sind.

George Joseph Stigler übertrug dieses Prinzip der natürlichen Selektion auf die Unternehmen und dem Markt. Der sogenannte Sozialdarwinismus ist also die Grundlage für dieses Konzept. Als logische Konsequenz aus der Survivor-These betrachtet die Chicago Schule Fusionen als relativ unproblematisch, da hieraus die effizientesten Unternehmensgrößen resultieren. Eine Struktur auf dem Markt, die im Wettbewerb überlebt hat, ist auch die Richtige. Profitabilität ist also nicht die Folge von Eintrittsbarrieren, sondern von einer erfolgreichen Unternehmenspolitik. Die Unternehmensgröße ist demnach ist ein Ausdruck der Effizienz.

Eingriffe in die Marktstruktur sind aus der Sicht der Chicago-Schule falsch. Die wettbewerbspolitische Empfehlung der Chicago Schule lautet: „so wenig wie möglich in die Marktprozesse einzugreifen, da diese dann von allein zur Wohlfahrtssteigerung führen.“[1] Vertreter der Chicago School schränken den Bereich wettbewerbspolitischer Eingriffe zugunsten einer möglichst großen Wettbewerbsfreiheit ein.[2] Kostenvorteile von größeren Unternehmen werden beispielsweise nicht als Marktzutrittsbeschränkungen für kleinere Unternehmen gesehen. Staatliche Eingriffe sind nach Auffassung der Chicago School nur bei einem offensichtlich wettbewerbswidrigen Marktverhalten gestattet.

2.1.2 Konsequenzen für die Wettbewerbspolitik

Die Chicagoer Schule ist der Meinung, dass die Konzentration, die langfristig auf dem Markt bestehen kann, persistente Größenvorteile wiederspiegelt. Eine Konzentration führt zur besseren Ressourcenverteilung und somit zur Erhöhung der produktiven Effizienz. Durch die horizontale Integration entstehen ‚economies of scale‘ während die vertikale Integration zu ‚transaction-cost efficiency‘ führt. Die Chicago School unterstellt einen funktionsfähigen Wettbewerbsmechanismus ohne Markteintrittsbarrieren, so dass die Effizienzvorteile dann auch direkt an die Konsumenten weitergegeben werden. Ein Eingriff in die Marktstruktur wäre also nicht wohlfahrtssteigernd. Der Staat soll aus diesem Grund seine Eingriffe in die Wettbewerbspolitik und in die Marktstruktur einschränken. Regulierende Eingriffe sind außerdem sehr transaktionskostenintensiv und unterliegen der Gefahr der Korruption. Dagegen würde „die wirtschaftspolitische Abstinenz des Staates .. quasi automatisch zu einem Pareto-optimalen Zustand führen.“[3] Wenn fusionsbedingtes Unternehmenswachstum ein Ausdruck von der Realisierung von Größenvorteilen ist, würden diese durch Entflechtung nur zerstört. Anhänger der Chicago School meinen, dass in den meisten Fusionsvorhaben kein monopolistisches Verhalten zu erwarten ist, sondern nur die produktive Effizienzsteigerungen, deswegen sollten Zusammenschlüsse grundsätzlich genehmigt werden.[1] Gerechtfertigt wird lediglich ein Kartellverbot, wenn horizontale Absprachen eindeutig als effizienzmindernde Verhaltensweisen identifiziert werden.[2] Außerdem ist ein Verbot der Monopolisierung von Rohstoffen nach Ansicht der Chicago School notwendig.

2.1.3 Ziel-Mittel-Träger-System

Das normative Ziel der Antitrustpolitik besteht in der Maximierung der Konsumentenwohlfahrt, deren Kriterien die allokative und produktive Effizienz sind. Dabei bedeutet die allokative Effizienz, dass die „langfristigen Grenzkosten und der Preis eines Gutes übereinstimmen.“[3] Eine optimale Allokation der Ressourcen soll dabei erreicht werden. Die produktive Effizienz erfordert optimale Kostenstrukturen und wird in Sinne einer effizienten Ressourcenverteilung durch Kostensenkungen erreicht. Unter der Annahme von Skalenerträgen werden große Unternehmenseinheiten angestrebt.

Als Mittel zum Erreichen der größten Konsumentenwohlfahrt soll ein Verbot von Kartellen und horizontalen Preisabsprachen dienen, da sie Output beschränkende Wirkungen haben, ohne zu höheren Effizienz zu führen.[4] Gefahren bei vertikalen Absprachen sind nach Ansicht der Chicago School weniger problematisch und bedürfen einer Fall-zu-Fall-Betrachtung.

Staatliche Monopole müssen dagegen sofort aufgelöst werden. Eine aktive Antikartellpolitik und eine Missbrauchsaufsichtsbehörde sind notwendig Schwerpunkt des Ansatzes liegt also auf der Ebene der Staatlichen Wettbewerbsbeschränkungen, auf der eine Entstaatlichung in Form von Deregulierung, Liberalisierung, Privatisierung und Entbürokratisierung notwendig ist. Die Chicago School sieht in der staatlichen Regulierung eine Bedrohung der individuellen Freiheit der Marktsubjekte, aus diesem Grund muss diese Regulierung bekämpft werden.

Die Wettbewerbsbehörden sollen beim Verstoß gegen Wettbewerbsgesetz als Kläger auftreten und haben somit die Funktion der Träger der Wettbewerbspolitik.

2.1.4 Praktische Bedeutung des Konzeptes

Die Argumentationen der Chicago School dienten der Reagan-Regierung zur Lockerung ihrer Anti-Konzentrationspolitik. Seit Mitte der siebziger Jahre beobachtet man in USA eine zunehmende Bedeutung der ökonomischen Analyse der Chicago School und eine Reduktion der Fusionskontrollverfahren. Das wettbewerbspolitische Konzept der Chicago School konnte sich in Bundesrepublik Deutschland und in Europa nicht durchsetzen.

2.2 Die Freiburger Schule des Ordoliberalismus

Das wettbewerbspolitische Konzept der Freiburger Schule geht vor allem auf Ökonomen Walter Eucken und die Juristen Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth zurück. Auch die Ökonomen Miksch, Röpke und Rüstow werden zur Freiburger Schule gezählt. In den 30er und 40er Jahren wurde an der Universität Freiburg der Ansatz des Ordoliberalismus entwickelt, der die deutsche Wirtschaftspolitik nach 1945 entscheidend prägte. Die Vertreter der Lehr- und Forschungstradition der Albert- Ludwigs- Universität Freiburg haben versucht, die Erkenntnisse bereitzustellen, die Regierung und Gesetzgeber bei Ihrer Aufgabe unterstützen, die gesetzlichen Grundlagen für eine funktionsfähige und menschenwürdige Ordnung zu sichern und durchzusetzen.[1] „Wissenschaftstheoretisch ist der Ordoliberalismus eine eigenständige, typisch deutsche Variante der umfassenden Strömung des Neoliberalismus.“[2] Ordoliberalismus als wettbewerbspolitische Konzeption betont vor allem die Notwendigkeit von gewissen Grundprinzipien zur Erreichung einer Wirtschaftsordnung und die Erfordernis regulierender Eingriffe. Walter Eucken gilt bis heute als einer der Vordenker der sozialen Marktwirtschaft. Er plädierte für eine dezentrale Steuerung der Wirtschaft durch Markt und Wettbewerb und war gegen die freie Marktwirtschaft und die liberale Politik des Laissez-faire. Der ordoliberale Franz Böhm beschäftigte sich mit der Frage, „welche Typen und Möglichkeiten von Wirtschaftsordnungen es überhaupt gibt, welche Rolle in ihnen jeweils die Macht spielt, und zwar sowohl die Macht der Regierung als auch die Macht von Privatpersonen und private Gruppen, und welche Ordnungsstörungen auftreten, wenn sich innerhalb des Staates eine andere Marktverteilung herausbildet als diejenige, die dem jeweiligen Wirtschafssystem konform wäre.“[3]

[...]


[1] Vgl. Aberle (1992): 26

[2] Vgl. Streit (2005: 294

[3] Vgl. Olten (1998): 103

[1] Schmidt (2005): 19

[2] Aberle (1992): 40

[3] Vgl. Knieps (2008): 73

[1] Herdzina (1999): 179

[2] Vgl. Klump (2006): 98

[3] Schmidt (2005): 19

[1] Vgl. Posner (1976): 96

[2] Vgl. Herdzina (1999): 112

[3] Aberle (1992): 41

[4] Vgl. Aberle (1992): 42

[1] Vgl. Vanberg/Gehring/Tscheulin (2010): 5

[2] Blümle/ Goldschmidt (2010): 15

[3] Böhm (1957): 99

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Freiburger- und Chicagoer Schule: Eine vergleichende Darstellung wettbewerbspolitischer Konzeptionen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Seminar VWL
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V176830
ISBN (eBook)
9783640982530
ISBN (Buch)
9783640982547
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freiburger Schule, Chicago School, Chicagoer Schule, Chicago Schule, Ordoliberalismus, Wettbewerbspolitik
Arbeit zitieren
Elina Abou Chazz (Autor), 2011, Freiburger- und Chicagoer Schule: Eine vergleichende Darstellung wettbewerbspolitischer Konzeptionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176830

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