Severin auf der Couch

Psychoanalytische Masochismus-Theorien angewandt auf Leopold von Sacher-Masochs "Venus im Pelz"


Hausarbeit, 2010
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Theorien des Masochismus
2.1 Richard von Krafft-Ebing
2.2 Sigmund Freud
2.3 Theodor Reik

3. Anwendung der Masochismus-Theorien zur Charakterisierung Severins

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Fragestellung, der ich in dieser Hausarbeit nachgehen werde, kann man wie folgt formulieren: „Muss Leopold von Sacher-Masoch zu Recht oder zu Unrecht als Namensgeber für eine psychische Erkrankung namens Masochismus herhalten?“

Diese Frage werde ich exemplarisch an Sacher-Masochs Roman Venus im Pelz diskutieren, indem ich versuchen werde, den Protagonisten Severin mit den Begriffen verschiedener psychoanalytischer Masochismus-Theorien zu charakterisieren. Dabei wird sich zeigen, inwieweit diese Begriffe auf den Romanhelden passen - d.h. inwieweit man Severin als typischen Masochisten bezeichnen kann. Ich werde nicht hinterfragen, ob es sinnvoll ist beim Masochismus überhaupt von einer Krankheit zu sprechen und was diese Bezeichnung implizit voraussetzt, sondern lediglich überprüfen, ob Severin im üblichen Sinn des Wortes ein „Patient“ mit der Krankheit Masochismus wäre oder nicht.

Zunächst möchte ich die Geschichte des Masochismusbegriffs beleuchten und werde dabei auf die Theorien von Richard von Krafft-Ebing, Sigmund Freud, sowie Theodor Reik eingehen. Dabei muss ich mich aus Platzgründen auf wesentliche Aspekte beschränken und kann nicht die größeren Zusammenhänge darstellen, in denen die Theorien jeweils eingebettet sind.

Bei der darauf folgenden Charakterisierung Severins werde ich die Handlung in der Venus im Pelz ebenfalls aus Platzgründen nicht komplett wiedergeben können, sondern lediglich versuchen die drei verschiedenen psychoanalytischen Masochismus-Theorien auf einen konkreten Fall anzuwenden.

Ich werde sie aus Gründen der Übersichtlichkeit nacheinander abarbeiten und dabei feststellen, wie hilfreich sie für die Charakterisierung Severins sind.

Je fruchtbarer die Theorien für die Charakterisierung sind, desto gerechtfertigter ist es, sie masoch istisch zu nennen. Neben dieser Überprüfung der einzelnen Theorien, ist das zweite Ziel dieser Arbeit, Severins Verhalten verständlich und nachvollziehbar zu machen.

2. Theorien des Masochismus

2.1 Richard von Krafft-Ebing

Der deutsch-österreichische Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing kreiert erstmals im Jahr 1886 in seinem Werk Psychopathia sexualis das Kunstwort „Masochismus“ und benutzt es als Terminus Technicus für eine sexuelle Perversion, „[…] welche darin besteht, dass das von derselben ergriffene Individuum in seinem geschlechtlichem Fühlen und Denken von der Vorstellung beherrscht wird, dem Willen einer Person des anderen Geschlechts vollkommen und unbedingt unterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, gedemütigt und selbst misshandelt zu werden“ (Krafft-Ebing, 1984: 104). Die Entscheidung für diese Wortneuschöpfung begründet Krafft-Ebing damit, „dass der Schriftsteller Sacher-Masoch in seinen Romanen und Novellen diese wissenschaftlich damals noch gar nicht gekannte Perversion zum Gegenstand seiner Darstellungen überaus häufig gemacht hatte“ (Krafft-Ebing, 1984: 105). Krafft-Ebing schildert die Erlebnisse zahlreicher masochistischer Patienten, denen er in seiner medizinischen Arbeit persönlich oder durch Berichte Dritter begegnet ist. Fast alle Patienten sind männlich und die meisten von ihnen jung (Mitte 20 bis Mitte 30). Die masochistischen Szenen, die sich teils nur in der Phantasie der Patienten abspielen1, teils aber auch verwirklicht werden, beinhalten das Empfangen von körperlichen Schmerzen durch Geschlagen- und Getretenwerden einerseits und psychische Demütigungen wie unterwürfiges Verhalten, Dienen und Beleidigtwerden andererseits. Die Patienten nehmen stets die passive Rolle ein, während der aktive Part von einer Person des anderen Geschlechts übernommen wird.

Weibliche Masochismusfälle sind laut Krafft-Ebing extrem selten und schlecht dokumentiert. Erstens, weil durch eine größere Scham die Perversion seltener artikuliert und ausgelebt werde als beim Mann und zweitens, weil eine unterwürfige und passive Haltung der Frau nicht als abnormal wahrgenommen werde, sondern sowohl der natürlichen als auch der gesellschaftlich erwarteten Rolle entspräche.

Die enge Verbindung zwischen Masochismus und typisch weiblichem Verhalten und Charaktereigenschaften, erklärt für Krafft-Ebing auch warum sich viele männliche Masochisten sehr feminin fühlen und auch so wirken und einen Hang zur „konträren Sexualempfindung“ (Krafft-Ebing, 1984: 162) (d.h. Homosexualität) haben. Laut Krafft-Ebing kann eine Form des Masochismus als pervertierte Ausprägung der geschlechtlichen Hörigkeit verstanden werden, bei der nicht mehr - wie im Normalfall - die Tyrannei des Partners ertragen wird, um ihn an sich zu binden und seine Liebe zu gewinnen, sondern als Selbstzweck. Diese pervertierte geschlechtliche Hörigkeit, bei der nicht mehr eine Person geliebt wird, sondern die Tyrannei an sich, erkläre jedoch nicht allein die Form des Masochismus, die in den Berichten der Patienten beschrieben wird. Hier müsse noch ein weiteres Element hinzukommen, das ebenfalls als nicht perverses Phänomen existiert und von Krafft-Ebing als „sexuelle Hyperästhesie“ (Krafft-Ebing, 1984: 160) bezeichnet wird: Die Tatsache, dass in sexueller Erregung jede Form der Berührung durch den Partner als Liebkosung empfunden wird - selbst leichte Schläge.

Beim typischen Masochisten führe eine angeborene Psychopathie dazu, dass die beiden an sich nicht perversen Elemente - Hörigkeit und Hyperästhesie - pervertiert und so zu einer Krankheit werden. Der Masochismus, der sich schon in „frühester Jugend“ zeigt, sei demnach „angeboren“ (vgl. Krafft-Ebing, 1984: 159).

2.2 Sigmund Freud

Bereits in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie spekuliert Sigmund Freud über den Zusammenhang von an sich „unlustigen Affekten“ (Freud, 2007: 105) und sexueller Erregung und meint, dass auch Schmerz als Unlusterfahrung eine erogene Wirkung haben kann. Die sei besonders dann der Fall, wenn die Bedrohung, die von der Unlust ausgeht, nicht ernsthaft ist, sondern durch „eine Nebenbedingung abgetönt oder fernergehalten wird“ (a.a.O.). Diese Wurzel des masochistisch-sadistischen Triebs analysiert Freud in Dasökonomische Problem des Masochismus weiter, indem er drei verschieden Typen das Masochismus unterscheidet: den erogenen, den femininen und den moralischen.

Der erogene Masochismus, der die Grundlage für die beiden anderen darstelle, ist für Freud ein Phänomen, das durch den Todestrieb, der in jedem Lebewesen herrscht, zu erklären ist. Der Todestrieb, der eine absterbende Ruhe und Zersetzung der Bestandteile eines Organismus anstrebt, müsse nach außen gerichtet werden, um das Überleben des Organismus zu ermöglichen und äußere sich als „Destruktionstrieb, Bemächtigungstrieb, Wille zur Macht“ (Freud, 1946: 376) d.h. als ein aggressives Verhalten gegenüber äußeren 0bjekten. Ein Teil des Todestriebes könne auch in sexueller Form genutzt werden, was den Ursprung des Sadismus darstelle. Wenn jedoch nicht die gesamte Energie des Todestriebs nach außen gerichtet werden kann, bleibe ein Teil im Organismus, wende sich gegen diesen und führe zu aggressivem Verhalten gegen das Subjekt. Die gegen den Todestrieb arbeitende Libido vermische sich dabei mit diesem, um ihn zu binden, wodurch er quasi sexuell aufgeladen werde. Dieser sexualisierte Todestrieb sei dann die Ursache für den erogenen Masochismus bzw. sei der erogene Masochismus.

Der feminine Masochismus sei eine der möglichen Äußerungsformen des erogenen Masochismus. Er zeigt sich - ähnlich wie in der Theorie von Krafft-Ebing - für Freud in einem Verhalten des Mannes, der typische Merkmale des weiblichen Verhaltens nachahmt. Dazu gehört für Freud der Wunsch des Mannes (in der Phantasie oder tatsächlich ausgelebt) „geknebelt, gebunden, in schmerzhafter Weise geschlagen, gepeitscht, irgendwie mißhandelt, zum unbedingten Gehorsam gezwungen, beschmutzt, erniedrigt zu werden“ (Freud, 1946: 374). Neben der typisch weiblichen Rolle schlüpfe der Masochist dabei auch in die des unartigen Kindes, das von seinen Eltern bestraft wird, nachdem es sich auf irgendeine Art schuldig gemacht hat und erlebe dadurch sexuelle Lust.

Das Bedürfnis, für eine unbekannte Schuld bestraft zu werden, zeige sich auch beim dritten Typ des Masochismus, dem moralischen. Allerdings sei dieser im Gegensatz zum femininen nicht sexuell ausgerichtet und „das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt; ob es von einer geliebten oder gleichgültigen Person verhängt wird, spielt keine Rolle“ (Freud, 1946: 378). Die Schuldgefühle des moralischen Masochisten resultieren laut Freud aus einem strengen sadistischen Über-Ich, das die Funktion des Gewissens erfülle und damit den Platz einnehme, den beim Kind die Eltern und später im Leben andere Autoritäten innehatten. Das masochistische Ich verlange auch gleichzeitig nach der Bestrafung durch das Über-Ich und verhalte sich deshalb absichtlich so, dass es bestraft werden kann. Dies geschehe jedoch unbewusst und der Masochist sehe die bestrafende Instanz nicht in seinem eigenen Innern (als Teil seiner Persönlichkeit), sondern projiziere sie nach außen. Obwohl der Masochist sich dessen nicht bewusst sei, sei er es selbst, der sich bestrafe, indem er im realen Leben auf Vorteile verzichte, sich unzweckmäßig und übermoralisch verhalte und dadurch insgesamt benachteiligt werde.

2.3 Theodor Reik

Im ersten Abschnitt seines Werks Aus Leiden Freuden skizziert der österreichischamerikanische Psychoanalytiker Theodor Reik die Masochismus-Theorie Freuds, um diese in den folgenden Abschnitten zu überarbeiten und zu erweitern.

[...]


1 Krafft-Ebing nennt dies „ideellen“ Masochismus. (Vgl. Krafft-Ebing, 1984, p. 125)

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Severin auf der Couch
Untertitel
Psychoanalytische Masochismus-Theorien angewandt auf Leopold von Sacher-Masochs "Venus im Pelz"
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
Masochismus als literarisches Phänomen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V176908
ISBN (eBook)
9783640983872
ISBN (Buch)
9783640984039
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Masochismus, Sacher-Masoch, Venus, Freud, Reik, Krafft-Ebing
Arbeit zitieren
Dirk Sorge (Autor), 2010, Severin auf der Couch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176908

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Severin auf der Couch


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden