Der Philosoph als Baumeister

Konstruktion und Konstitution bei Russell und Carnap


Hausarbeit, 2011
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Konstruktionsbegriff in Russells logischem Atomismus
2.1 Die logische Idealsprache
2.2 Die Beziehung zwischen Aussagen und Tatsachen

3. Der Konstitutionsbegriff in Carnaps logischem Aufbau der Welt
3.1 Die Konstitution der Begriffe
3.2 Die Bedeutung der Aussagen

4. Philosophische Voraussetzungen und Konsequenzen

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich den Begriff der Konstruktion, wie er in Bertrand Russells Theorie des L ogischen Atomismus verwendet wird, mit dem Begriff der Konstitution, wie ihn Rudolph Carnap im Logischen Aufbau der Welt präsentiert, vergleichen. Dazu werde ich zunächst Russells Ansatz darstellen, um darauf folgend Carnaps Theorie mit diesem vergleichend zu erörtern. Anschließend werde ich auf philosophische Voraussetzungen und Konsequenzen des Konstruktions- bzw. Konstitutionsbegriffs eingehen.

Während der Logische Atomismus bei Russell eher als Vorhaben skizziert wird und eine Anwendung der mathematischen Logik aus der Principia Mathematica auf konkrete Einzelfälle darstellt, beschreibt Carnap sein System sehr viel detaillierter und baut seine Argumentation aus vielen kleinen Schritten zusammen, auf die ich nicht im Einzelnen eingehen werde. Ich werde mich daher mehr auf Überlegungen zur Methodik und Systematik und dafür weniger auf die technischen Einzelheiten der Umsetzung konzentrieren.

2. Der Konstruktionsbegriff in Russells logischem Atomismus

Ich werde mich zur Erläuterung von Russells Theorie auf zwei verschiedene Texte von ihm beziehen: Auf Der logische Atomismus von 1924 und auf das Manuskript einer achtteiligen Vorlesung mit dem Titel Die Philosophie des logischen Atomismus, die er im Jahr 1918 gehalten hat. Der ältere der beiden Texte ist sehr viel ausführlicher und Russells Position dadurch besser verständlich. Die Methode der logischen Konstruktion ist in beiden Texten dieselbe, jedoch unterscheidet sich Russells Vorstellung über die kleinsten Einheiten der Welt in den Texten voneinander. 1918 interpretiert er sie als Sinnesdaten, 1924 als Ereignispartikel. Auf diesen Unterschied werde ich unter 2.2 eingehen, nachdem ich unter 2.1 Russells Methode dargestellt haben werde.

2.1 Die logische Idealsprache

Um Bertrand Russells philosophische Position richtig zu verstehen, ist es sinnvoll, die Bemerkungen zu seiner akademischen Entwicklung in Der logische Atomismus von 1924 zu beachten. Man erfährt dort, dass Russell von den Fortschritten, die Cantor, Peano, Frege und andere auf dem Gebiet der Mathematik und der Logik gemacht haben, beeindruckt ist. Die Strenge, Präzision und Gründlichkeit dieser formalen Disziplinen faszinieren ihn und er sei davon überzeugt, dass in der reinen Mathematik die Chance „unbezweifelbare Wahrheiten zu finden“ (RUSSELL 1971, 23) am größten ist. Gemeinsam mit Alfred North Whitehead arbeitet Russell an der Principia Mathematica, in der sie versuchen, die gesamte reine Mathematik als ein deduktives System von Sätzen darzustellen, die aus einer begrenzten Anzahl von Begriffen und Axiomen der formalen Logik abgeleitet werden können. Was in der Mathematik versucht wurde und dort zu größerer Klarheit geführt hat, möchte Russell gewissermaßen auf die Philosophie übertragen: Er möchte eine logische Sprache entwickeln, die exakt und widerspruchsfrei und nach strengen Regeln aufgebaut ist. Damit wäre sie der gewöhnlichen Sprache der Philosophie, die sich aus der Syntax und dem Wortschatz der Alltagssprache speist, weit überlegen, denn diese führe uns leicht in die Irre (vgl. RUSSELL 1971, 34). Ein Beispiel dafür sieht Russell in der Subjekt-Prädikat-Logik, die in der Syntax der indoeuropäischen Sprachen angelegt sei und zu einer Substanz-Attribut-Metaphysik führe (vgl. RUSSELL 1971, 33). Damit meint er, dass die Syntax der Alltagssprache, in der jeder Satz aus Subjekt und Prädikat zu bestehen scheint, eine bestimmte Vorstellung von metaphysischen Entitäten nahe legt, nämlich Substanzen, die getrennt von anderen Substanzen sind und beständig existieren. Diese Substanzen – sprachlich ausgedrückt durch Subjekte – sind nach dieser traditionellren Metaphysik die Träger von Eigenschaften, Attributen oder Qualitäten – ausgedrückt durch Prädikate. Eine Analyse der Alltagssprache mit den Mitteln der formalen Logik würde jedoch laut Russell zeigen, dass es sich bei diesen metaphysischen Annahmen um Irrtümer handelt, da es keine Substanzen gibt. Zu diesem Schluss komme man, wenn man Ockhams Rasiermesser – ein wichtiges Instrument bzw. ein Leitfaden für Russell – anwendet. Russell formuliert dieses Prinzip so:

„Ersetze Schlüsse auf unbekannte Entitäten durch Konstruktionen aus bekannten Entitäten, wo immer es möglich ist“ (RUSSELL 1971, 27).

Substanzen sind in diesem Sinn unbekannte Entitäten, da wir sie nie direkt wahrnehmen können[1]. Die bekannten Entitäten, aus denen wir sie konstruieren können, sind je nach „Version“ des logischen Atomismus Einfache (Ereignispartikel) bzw. Individuen (Sinnesdaten). Dem Stuhl, der als Subjekt in der Aussage „Der Stuhl ist weiß“ vorkommt, entspricht keine Substanz, die der Träger der Eigenschaft „weiß“ ist, sondern eine Folge von Klassen von Individuen (Sinneseindrücken) bzw. Einfachen (Ereignispartikeln). Analog dazu werden die Subjekte der Alltagssprache in Russells logischer Idealsprache zwar durch Terme ausgedrückt, beziehen sich jedoch nicht auf Substanzen, sondern auf Folgen von Klassen. Für Russell sind Subjekte daher keine Entitäten, die in einer logischen Idealsprache vorkommen müssen und Substanzen keine Dinge, die in der Metaphysik vorkommen müssen, da die Subjekte, die für sie stehen, in allen Aussagen, in denen sie vorkommen, durch andere einfachere Entitäten ersetzt, d.h. durch sie logisch konstruiert werden können. Die logische Konstruktion ist also eine Methode, mit der nicht benötigte Entitäten aus dem „Inventar“ einer Logik entfernt werden können, wodurch diese Theorie und als Folge davon auch die Metaphysik schlanker und übersichtlicher wird. In gleicher Weise möchte Russell zeigen, dass man auf Attribute ausgedrückt durch Prädikate verzichten kann, da diese vollständig aus Klassen konstruiert werden können. Anstatt beispielsweise davon zu sprechen, dass unterschiedliche Stäbe alle eine Eigenschaft besitzen, die man „die Länge x“ nennt, solle man die Stäbe zur „Klasse der Stäbe mit der Länge x“ zählen (vgl. RUSSELL 1971, 28). Konstruktion bedeutet in diesem Fall also, dass man durch Umformung innerhalb der Sprache zu einer alternativen Logik gelangt und dadurch auf den logischen Ausdruck „Prädikat“ und als Resultat daraus auf die metaphysische Entität namens Attribut verzichten kann.

Der Vorteil, den dieses Verfahren bietet, sei, dass eine Theorie – sowohl Logik als auch Metaphysik – mit weniger Entitäten auch weniger fehleranfällig sei (vgl. RUSSELL 1971, 27) und die Sätze dieser Theorie daher eine höhere Gewissheit und Sicherheit aufweisen.

Das Material, mit dem Russell seine logischen Konstruktionen durchführt, d.h. die logischen Entitäten, die er benötigt, sind tatsächlich sehr wenige. Ihm genügen Terme, Relationen, logische Junktoren sowie Klassen und Folgen. Ordnet man die Aussagen, die mithilfe dieser logischen Bausteine formuliert werden können, von den einfachsten zu den komplexeren, ergibt sich folgende Hierarchie: Es gibt atomare Aussagen, die aus einem Term und einer einstelligen Relation bestehen (z.B. „Sokrates ist sterblich“), die in der alltagssprachlichen Form als Subjekt-Prädikat-Sätze auftreten. Die nächst komplexen aber immer noch atomaren Aussagen bestehen aus zwei Termen, die durch eine zweistellige Relation verbunden sind (z.B. „Sokrates liebt Platon“), gefolgt von mehrstelligen Relationen, die mehrere Terme miteinander verbinden („A gibt B zu C“). Von molekularen Aussagen spricht Russell dann, wenn mehrere atomare Aussagen durch logische Junktoren wie „und“, „oder “, „wenn dann“ usw. verbunden sind.

2.2 Die Beziehung zwischen Aussagen und Tatsachen

Alle Aussagen, die so wie oben formuliert werden können, sind für Russell rein sprachliche Ausdrücke, aber beziehen sich gemeinsam mit ihrer jeweiligen Negation auf eine Tatsache in der Welt. Die Aussagen „Sokrates liebt Platon“ und „Sokrates liebt Platon nicht“ beziehen sich also beide auf dieselbe Tatsache in der Welt. Die Tatsache sei entweder die, dass Sokrates Platon liebt oder die, dass Sokrates Platon nicht liebt. Nur eine dieser beiden Tatsachen existiere und mache damit eine der beiden Aussagen wahr und die andere falsch. Obwohl die Aussagen sich auf die Tatsachen in der Welt beziehen, heißt das nicht, dass alle logischen Entitäten, die in den Aussagen vorkommen, auch als isolierte Dinge in der Welt existieren. Einleuchtend ist das bei logischen Junktoren: In der Welt gibt es nichts, was „und“, „oder“ oder „wenn dann“ entsprechen könnte. Genauso korrespondiere einer molekularen Aussage nicht eine molekulare Tatsache in der Welt, denn es gebe nicht eine Tatsache von der Form „p oder q“[2], sondern zwei getrennte atomare Tatsachen, nämlich die eine Tatsache „dass p“ und die andere Tatsache „dass q“ (vgl. RUSSELL 1976, 208). Auch Klassen gebe es nicht im selben Sinn wie es Einfaches und Relationen gibt. Sie seien „Fiktionen“ (RUSSELL 1976, 264) und werden in der Logik verwendet, weil sie zweckmäßig sind, um Symbole für unterschiedliche Einfache/Individuen zu einem Symbol zusammenzufassen.

[...]


[1] Es handelt sich also nicht um Erkenntnis durch Bekanntschaft. Siehe hierzu RUSSELL 1976, 66ff

[2] Die Anführungszeichen dienen hier nur der besseren Lesbarkeit und dürfen nicht mit der Kennzeichnung für Aussagen verwechselt werden.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Philosoph als Baumeister
Untertitel
Konstruktion und Konstitution bei Russell und Carnap
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
Der Begriff der Konstruktion in der Philosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V176909
ISBN (eBook)
9783640983889
ISBN (Buch)
9783640984046
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russell, Carnap, Konstruktion, Logischer Atomismus, Konstitution
Arbeit zitieren
Dirk Sorge (Autor), 2011, Der Philosoph als Baumeister, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176909

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