'Mit einigen bescheidenen Veränderungen' - Lessings Rolle in der deutschen Shakespeare-Rezeption


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998
54 Seiten, Note: 1

Leseprobe

0. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Shakespeare in Deutschland
2.1. Das 17. und frühe 18. Jahrhundert: Shakespeare - eine unbekannte Größe
2.2. Die ‚Entdeckung‘ Shakespeares
2.2.1. Die erste Übersetzung, die erste kritische Auseinandersetzung: von Borck, Gottsched und Schlegel
2.2.2. Lessings erste Äußerung zu Shakespeare
2.2.3. Die Merkwürdige Lebensbeschreibung des Herrn William Shakespears
2.2.4. Nicolai: Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland
2.2.5. Versuch einer Uebersetzung
2.3. Wieland und Shakespeare
2.3.1. Wielands Shakespeare-Übersetzung
2.3.2. Die Reaktionen

3. Lessing und Shakespeare
3.1. Der 17. Literaturbrief
3.2. „Mit einigen bescheidenen Veränderungen“
3.3. Schröder, der deutsche Shakespeare-Begründer

4. Lessing - Der Begründer der ‚Shakespeareomanie‘?
4.1. Die Sicht der Zeitgenossen
4.2. Das 19. Jahrhundert
4.2.1. Lessing war der erste
4.2.2. Danzel: Lessing war nicht der erste
4.2.3. Mehring: Die Lessing-Legende
4.2.4. Schmidt: Lessings außerordentliche Wirkung
4.3. Das 20. Jahrhundert
4.3.1. Oehlke: Lessing war nicht frei von Irrtümern
4.3.2. Neue Ansichten
4.3.3. Heuss: Lessing war nicht der Entdecker Shakespeares
4.3.4. Brüggemann: Lessings entscheidender Schritt
4.3.5. Stahl: Lessing, der Wegbereiter Shakespeares
4.3.6. Wolffheim: Lessings neue Anschauung
4.3.7. Stellmacher: Lessings Anlehnung an englische Theoretiker
4.3.8. Erken: Mit Lessing begann die kämpferische Phase
4.3.9. Hildebrand, Rasp: Lessing stößt die Deutschen auf Shakespeare
4.3.10. Sammelbände und Literaturgeschichten
4.3.11. Reich-Ranicki: Hat Lessing studiert oder geplündert?
4.3.12. Blinn: Ein Vorurteil
4.3.13. Inbar: Unter Lessings Führung
4.3.14. Albrecht: Lessings markante Besonderheit
4.3.15. Bauer: Keine neuen, originellen Ideen
4.3.16. Guthke: Lessings Verspätung

5. Lessings Shakespeare-Zeugnisse
5.1. Der 51. Literaturbrief
5.2. Die Hamburgische Dramaturgie
5.2.1. Eilftes Stück (Den 5. Junius 1767)
5.2.2. Zwölftes Stück (Den 9. Junius 1767)
5.2.3. Fünfzehntes Stück (Den 19. Junius 1767)
5.2.4. Neunundsechzigstes Stück (Den 29. Dezember 1767)
5.2.5. Dreiundsiebzigstes Stück (Den 12. Januar 1768)
5.2.6. Einundachtzigstes Stück (Den 9. Februar 1768)

6. Anhang
6.1. Biographie
6.2. Shakespeares Werk
6.2.1. Produktion, Publikation und Überlieferung
6.2.2. Einige wichtige Werke Shakespeares
6.3. Der dramatische Stil
6.3.1. Poetologische Aussagen in den Werken
6.3.2. Die Entwicklung von Shakespeares Kunst
6.3.3. Handlungsführung
6.3.3.1. Dramenhandlung und Quelle
6.3.3.2. Typische Handlungslinien
6.3.3.3. Auffächerung des Geschehens in mehrere Wirklichkeitsebenen
6.3.3.3.1. Ausweitung und Auffächerung des Handlungsraums
6.3.3.3.2. Einblendung eines zweiten Handlungsraums
6.3.3.3.3. Zeitliche Tiefenstaffelung: Einbezug von Vergangenheit und
Wirklichkeit
6.3.3.3.4. Sein und Schein

7. Bibliographie:
7.1. Ausgaben:
7.2. Sekundärliteratur, Textsammlungen:

8. Erklärung

1. Einleitung

„In keinem anderen Land auf dem europäischen Kontinent hat Shakespeare eine so paradigmatische Bedeutung erlangt wie in Deutschland., und kein ausländischer Dichter ist hier so sehr zum Anreger, Leitbild und Mythos geworden wie Shakespeare“[1], schreibt Günther Erken im Shakespeare-Handbuch. Und „so stark ist die Präsenz Shakespeares in der kunsttheoretischen und poetologischen Auseinandersetzung, daß jede wissenschaftliche Beschäftigung mit der Literatur und Literaturtheorie des 18. Jahrhunderts Shakespeare und seinen Einfluß nicht umgehen kann“[2], ist in Hansjürgen Blinns Einführung zu seiner Textsammlung zu lesen. Nur zwei Beispiele, in denen die Bedeutung des englischen Dramatikers für die Entwicklung der Literatur und des Theaters in Deutschland hervorgehoben werden. Doch es gibt auch kritische Stimmen, wie zum Beispiel Ludwig Wittgenstein 1946: „Wenn ich z. B. bewundernde Äußerungen der bedeutenden Männer mehrerer Jahrhunderte über Shakespeare höre, so kann ich mich eines Mißtrauens nie erwehren, es sei eine Konvention gewesen, ihn zu preisen [...].“[3]

Es kann nur spekuliert werden, welchen Weg die deutsche Literatur ab der Mitte des 18. Jahrhunderts genommen hätte, wäre Shakespeare nicht für die deutschen Literaten ‚entdeckt‘ worden: „Hatte Gottsched Shakespeare noch wegen seiner Regellosigkeit abgelehnt, so eröffnete die Entdeckung Shakespeares seit den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts den Stürmern und Drängern eine neue Welt und ermöglichte die Ablösung von der französischen klassizistischen Dichtung“[4], lesen wir in Inge Stephans Aufklärung-Kapitel der Metzler Literaturgeschichte.

Eine zentrale Rolle in dem Prozeß dieser ‚Entdeckung‘ spielte zweifelsohne Gotthold Ephraim Lessing. Mit seinem 17. Literaturbrief von 1759 machte er gleich zwei wichtige Schritte: er führte den Kampf gegen Gottsched und dessen Auffassung von Theater in eine neue Phase, und er führte, quasi als Antipoden zu Gottsched, Shakespeare in den Kampf. Ob es nun aber Lessing war, der die ‚Shakespeareomanie‘ begründete bzw. den Grundstein legte für die umfangreiche und weitreichende Shakespeare-Rezeption in Deutschland, beziehungsweise welche Rolle er dabei spielte, soll diese Arbeit untersuchen.

Als notwendige Einführung zunächst ein Abriß über die Geschichte der Shakespeare-Rezeption in Deutschland bis hin zu Lessing. Anschließend wird Lessings Wirken und die Diskussion in der Sekundärliteratur darüber betrachtet. Die Vorgehensweise ist dabei weitestgehend chronologisch, da die zeitliche Anordnung der Quellen doch interessante Schlüsse zuläßt. Anschließend werden alle (?) relevanten Stellen angeführt, in denen sich Lessing auf Shakespeare bezieht, und den Abschluß bildet im Anhang schließlich eine kleine Biographie (eine ‚große‘ wäre wohl angesichts der dürftigen bekannten Fakten über Shakespeares Leben sowieso nicht möglich) des englischen Dramatikers sowie eine kurze Darstellung seines dramatischen Stils - damit deutlich wird, was denn nun überhaupt so besonders an ihm war, das Generationen von Schriftstellern und Literaturkritikern (nicht nur in Deutschland) entzweien konnte.

2. Shakespeare in Deutschland

2.1. Das 17. und frühe 18. Jahrhundert: Shakespeare - eine unbekannte Größe

Bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts war Shakespeare in Deutschland wenig bekannt.

Schon zu Lebzeiten Shakespeares gab es wahrscheinlich Aufführungen einzelner Stücke durch englische Komödiantentruppen, so z.B. Romeo und Julia 1604 in Nördlingen und 1607 in Passau, wobei die Stücke oftmals stark abgewandelt wurden. Shakespeares Name taucht jedoch im ganzen 17. Jahrhundert kein einziges Mal im Zusammenhang mit den auf ihn zurückgehenden Stücken auf. Seine Persönlichkeit war nur wenigen Gebildeten und der englischen Sprache und Literatur Kundigen bekannt.

Daniel Morhof ist der einzige, der ihn in seinem Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, deren Uhrsprung, Fortgang und Lehrsätzen (1682) beim Namen nennt - allerdings höchst unverbindlich und ohne ihn zu kennen. Im frühen 18. Jahrhundert taucht Shakespeares Name vereinzelt auf, u.a. in Barthold Feinds Gedanken von der Opera (1708) und 1715 in Menckens Compendiösem Gelehrten-Lexikon, wo sich neben einigen Lebensdaten der erste Ansatz eine Charakteristik findet: er „verstund kein Latein, jedoch brachte er es in der Poesie sehr hoch. Er hatte ein schertzhafftes Gemüte, kunnte aber doch auch sehr ernsthafft seyn und exzellierte in Tragödien.“[5]

2.2. Die ‚Entdeckung‘ Shakespeares

Die eigentliche ‚Entdeckung‘ Shakespeares beginnt schließlich ab etwa 1740. Luise Adelgunde Victorie Gottsched, die Frau von Johann Christoph Gottsched, übersetzt Addisons und Steeles Spectator, in dessen 592. Stück „unser unvergleichlicher“ Shakespeare gegen die regelmäßigen Ausgeburten „unserer neuen Kunstrichter“[6] ausgespielt wird – sehr zum Mißfallen ihres Gatten, der ja die strenge Reglementierung des klassizistischen französischen Dramas bevorzugte.

2.2.1. Die erste Übersetzung, die erste kritische Auseinandersetzung: von Borck, Gottsched und Schlegel

1741 erscheint die erste vollständige Übersetzung eines Shakespeare-Stücks im 18. Jahrhundert. Caspar Wilhelm von Borck, der preußischen Gesandte in London, macht den Versuch einer gebundenen Uebersetzung des Trauer-Spiels von dem Tode des Julius Caesar in Alexandrinerversen. Im gleichen Jahr erscheinen zwei frühe kritische Auseinandersetzungen mit Shakespeare aufgrund dieser Übersetzung, beide in Gottscheds Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Poesie und Beredtsamkeit. Eine davon, die Nachricht von neuen hieher gehörigen Sachen (27. Stück), ist von Gottsched selbst. Er zeigt sich „schroff ablehnend“[7], obwohl er kaum mehr als dieses Stück gekannt haben dürfte. Doch ihm war jede Regellosigkeit zuwider, sie gefährdete seine Weltanschauung: Die Ständeklausel entsprach für ihn der von Gott gesetzten Weltordnung.

Die andere Abhandlung, die Vergleichung Shakespeares und Andreas Gryphs (28.Stück), ist von seinem Schüler Johann Elias Schlegel. Er vergleicht den englischen Dramatiker, aufgeschlossener und differenzierter, mit Gryphius, dem die Deutschen ebenfalls „nicht geringe Hochachtung gegönnet“[8] hätten, und „ist trotz mancher Einschränkungen im einzelnen doch voller Anerkennung für Shakespeares Charakterisierungskunst, seine tiefe Menschenkenntnis und seine ‚verwegenen Züge‘.“[9]

Schlegel setzt „Gottscheds starrer, konservativ-konventioneller Haltung“[10] entgegen, daß die dramatischen Einheiten, der Aufbau des Dramas und die Schürzung des Knotens bei den Engländern eine untergeordnete Rolle spielten. Deshalb werde man bei Shakespeare nicht erwarten können, daß er im Sinne des französischen Klassizismus schreibe. Shakespeares Schauspiele sind für Schlegel mehr „Nachahmungen der Personen, als Nachahmungen einer gewissen Handlung“[11]. Er begeistert sich schon für Shakespeares Charakterisierungskunst, die die Personen so echt und natürlich erscheinen läßt. Allerdings kritisiert er die Unregelmäßigkeiten, das Fehlen der drei Einheiten und das Vermischen von tragischen und komischen Elementen. Unter Berücksichtigung wirkungsästhetischer Überlegungen kommt er zu dem Schluß, daß Shakespeare den Zweck der Tragödie, die beim Zuschauer „edle Regungen und Leidenschaften“[12] hervorrufen solle, nicht immer erreicht habe. Hansjürgen Blinn folgert aus dem geringen Zeitabstand zwischen dem Erscheinen der Borckschen Übersetzung und Schlegels Abhandlung, „daß sich Schlegel schon länger mit Shakespeare befaßt hat.“[13]

2.2.2. Lessings erste Äußerung zu Shakespeare

1750 fordert Gotthold Ephraim Lessing in seiner Vorrede zu den Beyträgen zur Historie und Aufnahme des Theaters, die er gemeinsam mit seinem Vetter Christoph Mylius gegründet hatte, unter anderem für Shakespeare, den man wie andere ausländische Dichter „bei uns nur dem Namen nach“[14] kenne, dieselbe Hochachtung wie für die hochgepriesenen Franzosen.

Dabei nimmt der junge Lessing auch schon eine der wesentlichen Thesen des 17. Literaturbriefes vorweg: „Das ist gewiß, wollte der Deutsche in der dramatischen Poesie seinem eigenen Naturelle folgen, so würde unsere Schaubühne mehr der englischen als der französischen gleichen.“[15] Allerdings empfiehlt Lessing neben dem englischen auch gleichgewichtet das spanische Theater als Muster, wobei er auch „die Franzosen, Italiener und Holländer nicht vergessen“[16] will.

2.2.3. Die Merkwürdige Lebensbeschreibung des Herrn William Shakespears

Ein wesentlicher Fortschritt in der Beurteilung Shakespeares wird 1753 in der Merkwürdigen Lebensbeschreibung des Herrn William Shakespears in den anonym erscheinenden Neuen Erweiterungen der Erkenntnis und des Vergnügens erreicht, die zum ersten Mal ausführlicher als die bisherigen Lexikonartikel über den Dichter informiert. Der anonyme Verfasser, englischen Quellen verpflichtet, ist so von Shakespeare überzeugt, daß er ihn den alten Griechen gleichstellt. Und er wirft die Frage auf, ob „seine Unwissenheit Vorteil oder Schaden gebracht“[17] habe. Der Verfasser rühmt Shakespeares Charakterisierungskunst und seine Erfindungskraft. Komik und Tragik seien bei ihm gleichermaßen vortrefflich, seine Sprache natürlich. „Freylich, wenn man besonders nach Aristotels Regeln seine Trauerspiele untersucht, so wird man viele Fehler finden. Allein, Shakespear ließ sich nur durch die Natur leiten, und es würde hart seyn, ihn nach den Gesetzen zu beurtheilen, die ihm unbekannt waren [...] Shakespear, entfernt von erlernter Kunst, folgte der Natur; denn diese sprach mehr durch ihn, als er nach ihr.“[18]

Dieser Artikel trug wesentlich dazu bei, daß literarisch interessierte Kreise begannen, Shakespeare im Original zu lesen. „Die Zeitschriftenartikel über Drama und Theater erwähnen ihn immer häufiger, die Moralischen Wochenschriften behandeln seine Tragödienauffassungen, loben seine Charakterzeichnung und betonen, daß er [...] zu rühren verstünde, ohne die Regeln des Aristoteles zu kennen.“[19] Gerade die bisher beklagten „Fehler“, die Unkenntnis der klassizistischen Dramenpoetik, gelten nun als Basis seiner Größe. Ein grundsätzliches Umdenken scheint einzusetzen.

2.2.4. Nicolai: Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland

1755 greift Friedrich Nicolai, der Bekannte Lessings, in dem 11. seiner „fortschrittlichen und recht kritischen“[20] Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland erstmals energisch den französischen Geschmack und auch Gottsched selbst an und verteidigt Shakespeare, den „Mann ohne Kenntniß der Regeln, ohne Gelehrsamkeit, ohne Ordnung“[21]. Der deutschen Gegenwartsliteratur, besonders der im Einflußbereich Gottscheds, wirft er „schimpfliche Mittelmäßigkeit“ vor. Die deutschen Autoren könnten aus dem englischen Drama, das zu Unrecht von den meisten Literaturkritikern gering geschätzt werde, Menschen- und Weltkenntnis lernen und mit einer „mäßigen Kenntniß“ der Regeln die schlimmsten Fehler vermeiden. Dabei hält Nicolai aber fest, daß die Unregelmäßigkeiten der englischen Schauspiele zuweilen große Vorteile brächten. „Nicolai teilt nicht die Vorurteile seiner Zeit, er hat ein sicheres Gespür für das Bedeutende, und sein Engagement für Shakespeare entwickelt sich nicht allein aus der Kritik an Gottsched. Hier kündigt sich die Vorstellung eines Realismus an, die sich vom künstlichen, überhöhten Menschenbild des klassizistischen Dramas löst und eine neue Menschengestaltung anstrebt, deren Bemühen um Wirklichkeitsnähe auch in der parallel verlaufenden Entwicklung des bürgerliche Romans und des bürgerlichen Dramas zu beobachten ist.“[22]

2.2.5. Versuch einer Uebersetzung

Zu den wichtigsten Texten dieser Jahre zählt die Vorrede zu dem anonymen Versuch einer Uebersetzung einiger Stellen aus Shakespears Richard dem III., die 1756 in den Neuen Erweiterungen erscheint. Das Urteil über Shakespeare geht weit über die bisherigen Lobsprüche hinaus. Er sei zu groß gewesen, um „sich unter die Sklaverey der Regeln zu demüthigen. Er brachte dasjenige, was andere der Kunst und der Nachahmung zu danken haben, aus dem Ueberflusse seines eigenen Geistes hervor. Man muß ihn unter die Anzahl derjenigen von den Dichtern rechnen, welche man Erfinder nennet [...].“[23] Der Geniebegriff der fünfziger Jahre wird hier beträchtlich erweitert.

2.3. Wieland und Shakespeare

Von Genie und Originalität spricht auch der junge Christoph Martin Wieland. In dem Shakespeare-Kapitel seiner Theorie und Geschichte der Red-Kunst und Dicht-Kunst[24] von 1757 schreibt er, daß die Natur, also die Wirklichkeit, die einzige Quelle sei, aus der Shakespeare schöpfe. „Niemals hat einer den Namen eines Originals mehr verdient als er.“[25] Doch auch bei Wieland „erscheint der erhobene Zeigefinger, der auf die Fehler hinweist, die in mangelnder Wahrscheinlichkeit, Unkenntnis der aristotelischen Regeln, in der Vermischung von tragischen uns komischen Elementen, in übertriebenen Wortspielen und pöbelhaften Szenen gesehen werden.“[26] Auch die bei Nicolai gegebene Empfehlung, die deutsche Autoren sollten sich an Shakespeare orientieren, unterbleibt. Allerdings entschuldigt er Shakespeares „Fehler“, nachdem er sie ausführlich aufgezeigt hat, und sagt, daß sie „nur in einem gewissen Gesichtspunkte Fehler, in einem andern aber Schönheiten sind.“[27] Hansjürgen Blinn zeigt, daß dieses frühe Zeugnis von Wielands Shakespeare-Kenntnis „bereits Züge der Begeisterung“[28] trage, die dann in dem oft zitierten Brief an J. G. Zimmermann vom 24. April 1758 zutage tritt und die schließlich die Grundlage bildet für eine eigene Übersetzung.

2.3.1. Wielands Shakespeare-Übersetzung

„Das herausragende Ereignis der sechziger Jahre“[29] ist schließlich Wielands Shakespeare-Übersetzung. „Seit dieser Uebersetzung, und überhaupt seitdem das brittische Theater den Deutschen durch die einhellige Stimme der besten Kunstrichter empfohlen worden, ist es eine Modeseuche in Deutschland geworden, von Shakespearn zu lallen, wenn man ihn auch nie gesehen hat“, schreibt 1770 Christian Heinrich Schmid. „Fast jeder Stutzer führt seinen Namen im Munde, auch der ihn nicht aussprechen kann. Ja Leßing läßt selbst seine Minna Anspielungen auf Shakespear machen.“[30]

Nachdem sich Wieland schon während seines Aufenthaltes in der Schweiz (Zürich und Bern 1752-1760) eingehend mit Shakespeares Werken beschäftigt hat, unternimmt er es, The Tempest unter Einbeziehung von Teilen aus A Midsummer Night’s Dream unter dem Titel Der erstaunliche Schiffbruch oder Die Verzauberte Insel in eigener Übersetzung und Bearbeitung auf die Bühne zu bringen. Die (einmalige) Aufführung findet im September 1761 statt und „ist als die erste angemessene deutschsprachige Shakespeare-Inszenierung zu betrachten.“[31] Als Folge dieser intensiven Beschäftigung mit dem englischen Dramatiker und seiner daraus resultierenden Begeisterung nimmt er schließlich ab 1761 ein Unternehmen in Angriff, „das ihn über Jahre hinweg beschäftigen und ihm manche Mühe bereiten sollte. Ohne tiefergehende Englisch-Kenntnisse und mit völlig unzulänglichen Mitteln [...] wagte er sich an die Übersetzung des oft schwer verständlichen und anspielungsreichen Textes.“[32] Dazu stehen ihm lediglich Rowes Some Account of the Life and Writings of William Shakespeare, Boyers Dictionnaire royal fran çois et anglois (Ausgabe 1756), ein kleines Handbuch shakespearescher Wörter und Redensarten sowie Johnsons Dictionary of the English Language (1755) zur Verfügung. So wundert es auch nicht, „daß das Ergebnis nicht fehlerfrei ist und manchmal auch den Sinn verfehlt.“[33]

Wieland übersetzt insgesamt 22 Dramen, bis auf A Midsummer Night‘s Dream alle in Prosa. Und seine Übersetzung wird trotz der Mängel ein voller Erfolg. Man findet sie „in allen Zeitungsläden“[34], sie „ward verschlungen, Freunden und Bekannten mitgeteilt und empfohlen.“[35]

2.3.2. Die Reaktionen

Die Kritiker reagieren auf die Veröffentlichungen allerdings zwiespältig. Neben zustimmenden Rezensionen gibt es scharfe Ablehnung, die zum einen Shakespeare, meistens jedoch die Übersetzung rügen. Wieland ließ sich „von dem Bestreben leiten, den Sinn eines Textes zu vermitteln, indem er den fremdsprachigen Autor in unsere Zeit herüberzuholen versuchte und nicht eine möglichst große Genauigkeit in der Wiedergabe des Originals erstreben wollte.“[36]

Am härtesten urteilt Heinrich Wilhelm von Gerstenberg. Sein Verdikt bestimmt, trotz Lessings Versuch einer Ehrenrettung im 15. Stück seiner Hamburgischen Dramaturgie, das Urteil des „Sturm und Drang“. Dabei sind es weniger Übersetzungsfehler, als vielmehr Wielands „geschmäcklerische“ und „nörgelnde“ Anmerkungen, mit denen er die Texte versah, die den Zorn der jungen Shakespeare-Verehrer auf sich ziehen. Hier glauben sie „das Unverständnis des rationalistischen, dem Original fremd und verständnislos gegenüberstehenden Epikers herauslesen zu können. Alle übrigen Äußerungen Wielands, die seine Begeisterung belegen, ließ man unbeachtet.“[37]

So enden Gerstenbergs Ausführungen: „Wir kürzen diesen Brief hier mit Erlaubniß des Verf.[assers] ab, da der Rest desselben keinen anderen Zweck hat, als zu zeigen, daß die Wielandische Uebersetzung schlecht sey: wer aber hat das nicht schon lange gewußt?“[38] Wieland zeigt sich von den Angriffen tief betroffen. Im letzten Band rechtfertigt er sich schließlich gegen die Angriffe.

Wieviel die junge Generation Wieland zu verdanken hat, erkennen einige ihrer Vertreter erst im Alter. Auch Goethe bedauert seine Angriffe später sehr. Bereits im Wilhelm Meister, vor allem aber in seinem Altersaufsatz Shakespear und kein Ende nähert er sich Wielands Shakespeare-Auffassung an und schätzt auch seine Übersetzung erst richtig. Selbst Gerstenberg nimmt seine scharfe Kritik zurück.

Die Bedeutung der Wielandschen Übersetzung liegt in ihrem Einfluß auf das Drama des Sturm und Drang, „das mit Sicherheit ein anderes Aussehen gewonnen hätte, wäre sie in Versen statt in Prosa abgefaßt worden. Auch für die Sprachgeschichte spielt sie eine bedeutende Rolle, da Wielands sprachschöpferisches Talent Entscheidendes zur Bereicherung der deutschen Sprache beigetragen hat.“[39]

3. Lessing und Shakespeare

Nachdem sich Lessing bereits 1750 in seiner Vorrede zu den Beyträgen zur Historie und Aufnahme des Theaters oberflächlich mit Shakespeare beschäftigt hatte, verliert er ihn wieder aus den Augen. Erst 1758, in dem Jahr, in dem mit Simon Gyrnäus‘ Übersetzung von Romeo und Julia in Blankversen die dritte Translation eines Shakespeare-Dramas erscheint, kommt der englische Dramatiker wieder in Lessings Blickfeld. Er übersetzt John Drydens Essay on Dramatick Poesie von 1668, in dem Shakespeare als großes Genie und als der „Homer oder Vater unserer dramatischen Dichter“ gefeiert wird.

3.1. Der 17. Literaturbrief

Am 16. Februar 1759 folgt schließlich Lessings berühmter 17. Brief in Friedrich Nicolais Briefen, die neueste Litteratur betreffend, der lange als der Auslöser der deutschen Shakespeare-Rezeption bzw. der ‚Shakespeareomanie‘ angesehen wurde (siehe dazu Kap. 4). „Diese Literaturbriefe, die in den ersten beiden Jahrgängen beinahe zur Hälfte von Lessing geschrieben wurden, erlangten durch ihre unbestechliche Kritik und ihren Kampf gegen die Oberflächlichkeit sehr bald Ansehen und großen Einfluß“[40], schreiben Karl S. Guthke und Heinrich Schneider in ihrer Lessing-Monographie. Allerdings schreiben sie auch: „Ebenso setzt sich Lessing hier zum erstenmal mit der einmaligen Größe Shakespeares und seiner Dramen auseinander.“[41] Und das ist, wie wir wissen, falsch: Lessing hatte sich ja schon in seiner Vorrede zu den Beyträgen zur Historie und Aufnahme des Theaters mit dem Engländer beschäftigt. Doch dieser Fehler taucht des öfteren in der Sekundärliteratur auf - wohl, da Lessings Vorrede zu den entweder relativ unbekannt ist oder ihr keine bzw. nur eine geringe Bedeutung beigemessen wird.

[...]


[1] Shakespeare-Handbuch: Die Zeit - Der Mensch - Das Werk - Die Nachwelt. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachwissenschaftler hrsg. von Ina Schabert. 2. Aufl. Stuttgart: Kröner 1978 (= Shakespeare-Handbuch). S. 717

[2] Shakespeare-Rezeption – Die Diskussion um Shakespeare in Deutschland. I. Ausgewählte Texte von 1741 bis 1788. Mit einer Einführung, Anmerkungen und bibliographischen Hinweisen herausgegeben von Hansjürgen Blinn. Berlin: Schmidt 1982 (= Blinn). S. 10

[3] Ludwig Wittgenstein: Logisch-philosophische Abhandlung Tractatus logico-philosophicus. Kritische Edition. Frankfurt /M: Suhrkamp 1977. Zitiert nach: George Steiner: Shakespeare: Eine Gegendeutung. In: Lettre International. # 37, Sommer 1997. Berlin 1997. S. 98-102. S. 99

[4] Deutsche Literaturgeschichte: von den Anfängen bis zur Gegenwart / von Wolfgang Beutin ... 5. überarb. Auflage. Stuttgart; Weimar: Metzler 1994. S. 131

[5] Zitiert nach: Ernst Leopold Stahl: Shakespeare und das deutsche Theater. Wanderung und Wandelung seines Werkes in dreiundeinhalb Jahrhunderten. Stuttgart: Kohlhammer 1947 (= Stahl). S. 44

[6] Zitiert nach: Stahl, S. 45

[7] Stahl, S. 46

[8] Johann Elias Schlegel: Vergleichung Shakespears und Andreas Gryphs bey Gelegenheit des Versuchs einer gebundenen Uebersetzung [...]. In: Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Poesie und Beredtsamkeit. Bd. 7, 28. Stück, Leipzig 1741, S. 540-572. Nachdruck in: Blinn S. 46

[9] Stahl, S. 46

[10] Blinn, S. 13

[11] Schlegel. Nachdruck in: Blinn, S. 47

[12] Schlegel. Nachdruck in: Blinn, S. 59

[13] Blinn, Fußnote 21, S. 13

[14] Lessings Werke. Zweiter Band: Schriften I. Schriften zur Poetik, Dramaturgie, Literaturkritik. Hg. v. Kurt Wölfel. Erläuterungen v. Bodo Lecke. Frankfurt/M: Insel 1967. S. 110

[15] Ebd. S. 111

[16] Ebd. S. 110

[17] Anonymus: Merkwürdige Lebensbeschreibung des Herrn William Shakespears. In: Neue Erweiterungen der Erkenntnis und des Vergnügens. 1. Bd., 4. Stück. Leipzig 1753, S. 275-297. Zitiert nach: Stahl, S. 46

[18] Ebd. zitiert nach: Blinn, S. 15

[19] Blinn, S. 16

[20] Blinn, S. 16

[21] Friedrich Nicolai: Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland. Berlin 1755. Nachdruck in: Blinn, S. 66

[22] Blinn, S. 16

[23] Anonymus: Versuch einer Uebersetzung einiger Stellen aus Shakespears Richard dem III. In: Neue Erweiterungen der Erkenntnis und des Vergnügens 1756, 39. Stück, S. 193-223. Vorrede. Nachdruck in: Blinn, S. 67

[24] Diese Schrift, die „von der Forschung bisher wenig beachtet wurde“ (Blinn, S. 19), ist im Zusammenhang mit Shakespeare-Zeugnissen erstmals in seiner Textsammlung abgedruckt.

[25] Christoph Martin Wieland: Theorie und Geschichte der Red-Kunst und Dicht-Kunst. In: Gesammelte Schriften (Akademie Ausgabe). 1 Abt., Bd. 4. Berlin 1916, S. 176-420. Nachdruck in: Blinn, S. 68

[26] Blinn, S. 19

[27] Wieland. Nachdruck in: Blinn, S. 69

[28] Blinn, S. 19

[29] Blinn, S. 24

[30] Christian Heinrich Schmid: Biographie der Dichter. Wilhelm Shakespear. 1770. Nachdruck in: Blinn, S. 97

[31] Gerhard Maier und Alan Posener: William Shakespeare I (= Die grossen Klassiker. Literatur der Welt in Bildern, Texten, Daten. Band 14). Salzburg: Andreas & Andreas 1982. S. 69

[32] Blinn, S. 24

[33] Blinn, S. 24

[34] Heinrich Wilhelm von Gerstenberg: Briefe über die Merkwürdigkeiten der Litteratur. 14. Brief. Ed. Alexander von Weilen. Stuttgart 1890 (Deutsche Litteraturdenkmale des 18. u. 19. Jh.s, 29/30), S. 109. Nachdruck in: Blinn, S. 75

[35] Johann Wolfgang Goethe: Dichtung und Wahrheit. 3. Teil, 11. Buch (Hamburger Goethe Ausgabe IX, 493). Zitiert nach: Blinn S. 24

[36] Metzler Autoren-Lexikon: deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hg. von Bernd Lutz. 2. überarb. und erw. Auflage. Stuttgart; Weimar: Metzler 1994. S. 856

[37] Blinn, S. 24

[38] Gerstenberg: Achtzehnter Brief.: Blinn, S. 91

[39] Blinn, S. 25

[40] Karl S. Guthke und Heinrich Schneider: Gotthold Ephraim Lessing. Stuttgart: Metzler und Poeschel 1967. S. 32

[41] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
'Mit einigen bescheidenen Veränderungen' - Lessings Rolle in der deutschen Shakespeare-Rezeption
Hochschule
Universität Mannheim  (Germanistik)
Veranstaltung
Lessings Dramen und die „Hamburgische Dramaturgie“
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
54
Katalognummer
V17717
ISBN (eBook)
9783638222136
ISBN (Buch)
9783638914819
Dateigröße
759 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit untersucht - nicht so ausführlich und umfangreich wie meine ähnliche Examensarbeit -, ob tatsächlich Lessing den Grundstein für die Shakespeare-Rezeption in Deutschland und damit der nachfolgenden 'Shakespeareomanie' der Stürmer und Dränger legte. Dazu wird ausführlich die deutsche Shakespeare-Rezeption vor Lessing dargestellt.
Schlagworte
Veränderungen, Lessings, Rolle, Shakespeare-Rezeption, Dramen, Dramaturgie“
Arbeit zitieren
Timo Witschaß (Autor), 1998, 'Mit einigen bescheidenen Veränderungen' - Lessings Rolle in der deutschen Shakespeare-Rezeption, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17717

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