Vom Profit und Defizit des Konsums für das Sein - am Beispiel einer am Haben orientierten Konsumgesellschaft


Bachelorarbeit, 2011

54 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Neudefinition der Menschen – Wandel von Produzent zu Konsument
2.1 Konsum, Konsumgesellschaft und Konsumismus – grundsätzliche Begriffsbestimmungen
2.2 Historie und Entstehung einer Konsumgesellschaft
2.2.1 Sicherheit vs. unmittelbarer Genuss
2.2.2 Wesensmerkmale des modernen Menschen
2.2.3 Auswirkungen von Konsum auf den Charakter – Identität und Entfremdung

3. Haben und Sein – Zum Verständnis des Unterschieds
3.1 Das Wesen des Haben
3.1.1 Funktionales Haben
3.1.2 Charakterbedingtes Haben
3.2 Das Wesen des Seins
3.3 Haben und Alltag
3.3.1 Haben und Lernen
3.3.2 Sein und Lernen
3.3.3 Haben und Sein am Beispiel „Autorität“
3.3.4 Haben und Werbung
3.4 Happiness Economics
3.5 Die Billigkäufer
3.5.1 Die neue Bescheidenheit
3.5.2 Fashion-Victims („ Modeopfer“)
3.5.3 Smart-Shopper und „Geiz ist geil“-Käufer
3.6 Konsumverhalten in der Wirtschaftskrise

4. Vom Haben zum Sein – Wege zu einem besseren Leben
4.1 Das bedingungslose Grundeinkommen
4.2 Askese durch Konsumverzicht
4.3 Kritischer Konsum am Beispiel „Fair Trade“
4.4 Arbeitszeitverkürzung
4.5 Ehrenamt und Bürgerarbeit
4.6 Leben nach menschlichem Maß

5. Konsumismus und Soziale Arbeit
5.1 Konsumistische Kultur
5.2 Konsumismus und Kriminalität – als Problem der Sozialen Arbeit?
5.3 Resümee

6. Ausblick und Fazit

7. Quellenverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Arbeit, Geld, Reichtum ist die Glücksformel des modernen Kapitalismus. Fromm (1979, S.37) sagte dazu: „ Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere:“

Richten wir einen philosophisch, soziologischen Blick auf jene Formel und das Zitat von Erich Fromm, so lassen sich Konstellationen erkennen. Konstellationen, so wie wir Menschen ein Leben führen. Haben oder Sein, Sein oder Haben, Sein und Haben, Haben ohne Sein.

Die materielle Produktion war ursprünglich als ein Mittel für ein würdigeres, erfüllteres Leben gedacht. Nach Fromm (vgl. 1959, S.2) sind Produktion und Konsum heute jedoch zu einem Selbstzweck verkommen, der nicht mehr hinterfragt wird.

An Kausalbeziehungen zwischen Produkt und Konsument bzw. Konsum und glücklicherem Leben interessieren sich gleichermaßen Fachleute aus der Wirtschaft wie auch Philosophen und Soziologen. Bereits frühe Schriften von Aristoteles beschäftigen sich mit den Merkmalen und Folgen eines maßlosen Strebens nach Konsum und Besitz, besonders den Folgen für die persönliche Entwicklung.

Vor diesem Hintergrund ergeben sich für mich zentrale Fragestellungen:

1. Warum streben wir nach Konsum von Gütern und was aus philosophischer, psycholo- gischer und sozialwissenschaftlicher Sicht kann übersteigerter Konsum für uns im ungünstigen Fall bedeuten?
2. Welche der genannten Konstellationen bedeutet dem Menschen des 21. Jahrhunderts ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben?
3. Gibt es überhaupt ein Sein ohne Haben?
4. Sind wir also dann glücklich, wenn wir herausfinden, wie wir nur noch mehr konsu- mieren und produzieren können?

In der vorliegenden Arbeit wird im Wesentlichen Bezug auf kritische Ansichten von dem deutsch-amerikanischen Philosophen und Sozialpsychologen Erich Fromm, dem polnisch-britischen Philosophen und Soziologen Zygmunt Bauman und dem französischen Sozialphilosophen André Gorz genommen, im Hinblick darauf, wie eine Konsumorientierung im Wandel der Zeit uns den Blick für den Sinn des Lebens, das Sein also, versperrt.

Ziel der Arbeit ist es, nachdem in Kapitel 2 wesentliche Begriffsbestimmungen, Entstehung und Wesensmerkmale einer Konsumgesellschaft geklärt sind, verschiedene philosophische und soziologische Positionen und Ansichten zu vereinen, um abschließend Antworten auf die zentralem Fragen nach einem freien, sinnvollen Leben zu finden. Dazu wird in Kapitel 3 Haben und Sein im Unterschied zu einem besseren Verständnis definiert und in Relation zu Alltag und Konsum gesetzt. Zudem wird hinterfragt, was Konsum materieller Güter für unsere Leben bedeutet, wie sich das Überangebot auf unseren Charakter auswirkt und welche Gefahren davon ausgehen. In Kapitel 4 nehme ich Bezug auf alternative Gesellschaftsmodelle und es wird versucht Kriterien und Voraussetzungen für ein „besseres“ Leben zu definieren bzw. näher zu betrachten. Zu diesem Kapitel hat mich im Wesentlichen die 3sat Themenwoche „Sein oder Haben“, ausgestrahlt im März 2011 begleitet. Im Schlusskapitel wird aufbauend auf den vorangegangen Kapiteln eine Zusammenfassung der Ausgangsfragen erstellt. Aus Gründen des einfacheren Leseflusses wird auf die Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Schreibweise weitestgehend verzichtet

2. Neudefinition der Menschen – Wandel von Produzent zu Konsument

Der moderne Mensch kennt nach Zygmunt Bauman nur ein Ziel: Glück.

Glücklich ist seiner Meinung nach der, der begehrt ist und der durch rastlosen Konsum das Interesse an der eigenen Person steigern kann. (vgl. Klumbies 2011, S.1)

Diese Art der Orientierung am Gewinn von Prestige kritisierte bereits Thorstein Veblen in seinem 1899 erschienenen Buch „Theorie der feinen Leute“. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler unterschied dabei in der Blüte der amerikanischen Geldaristokratie[1] zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit. Veblen versteht unter unproduktiver Arbeit ein parasitäres Leben der Oberschicht von den Zinsen ihres Kapitals, auf Kosten all jener (Ingenieure, Arbeiter), die die Produktion tatsächlich aufrechterhalten. (vgl. König 2000, S.440)

Veblen kommt dabei zur Erkenntnis, dass die unproduktive Oberschicht, die Aristokratie, die arbeitende Bevölkerung zur Erhaltung des eigenen Lebensstandards ausbeutet und dieser Standard Ausdruck eines Wettbewerbs um Prestige ist. Später erlangte Veblen in der Ökonomie Berühmtheit durch den „ Veblen – Effekt“, der besagt, dass auffälliger Konsum sich dadurch auszeichnet, dass bestimmte Verbraucher lediglich Waren mit einem hohen materiellen Wert nachfragen, um sich von ihrer Umgebung abzuheben. Steigt der Preis der Güter, mit denen man „protzen“ kann, so erhöht sich die Nachfrage, weil sich der Konsument einen Zuwachs an Prestige verspricht. Jeder kann sehen, wie viel man sich leisten kann. (vgl. Kröll 2000, S.3)

Veblen empfahl daher den Schritt zu einer industriellen Massenproduktion zu wagen, welche letztlich jedem Bürger zugutekommen sollte (vgl. König 2000, S.441).

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden nun einzelne Begriffsbestimmungen geklärt und die Entstehung einer Konsumgesellschaft beschrieben. Dazu greife ich den bereits angefangenen geschichtlichen Hintergrund der industriellen Massenproduktion erneut auf. Zudem wird im Unterpunkt 2.5 „die Situation des Menschen im 21. Jahrhundert – der moderne Kapitalismus“ versucht die 1. zentrale Frage zu beantworten. Warum wir letztlich wie Veblen es bereits 1899 beschrieben hat, vermehrt nach Konsum streben und dies ähnlich zur Geldaristokratie auch maßlos tun.

2.1 Konsum, Konsumgesellschaft und Konsumismus – grundsätzliche Begriffsbestimmungen

Allgemein wird unter Konsum der Verbrauch und Verzehr von materiellen und immateriellen Gütern gemeint. Der Begriff geht auf das lat. Wort consumere „verbrauchen“ zurück. (vgl. Kirchgeorg / Piekenbrock)

Schneider (2000, S.11 f.) betrachtet Konsum etwas differenzierter:

„sämtliche Aktivitäten von Einzelpersonen oder privaten Haushalten verstanden, die auf Entnahme von Gütern oder Dienstleistungen aus dem Markt gerichtet sind. (…) Soziologisch gesehen ist Konsum soziales Handeln mit umfassenden gesellschaftlichen und individuellen Funktionen.“

Deutlich wird bei Schneiders Definition, dass Konsum etwas Zweideutiges ist (vgl. Fromm 1979, S. 37). Einerseits dient uns Konsum seit Menschengedenken zur Aufrechterhaltung unserer Existenz, der Befriedigung von basalen Grundbedürfnissen wie Nahrung, Kleidung und Wohnung. Dieses „funktionale Haben“ gilt es nach Fromm zu behalten und zu pflegen. (vgl. 1979, S.87)

Andererseits hat sich ein konsumorientiertes Haben nach Fromm entwickelt (vgl. 1979, S.37), welches nicht im Zusammenhang mit den physiologischen Grundbedürfnissen steht, sondern eine Einverleibung aus psychologischer Sicht darstellt, die den Konsumenten als ewigen Säugling sieht (ebd.). Offenkundig wird dies nach Fromm bei der Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Hier vermindert Konsum Ängste, denn das Konsumierte kann einem nicht weggenommen werden, jedoch zwingt es mich immer mehr zu konsumieren, weil das einmal Konsumierte bald aufhört mich zu befriedigen. Zusammenfassend spricht Fromm (ebd.) von einer Freizeitpassivität in heutigen Überflussgesellschaften, weniger von Freizeitaktivitäten. Ein Konsumzwang bzw. charakterbedingtes Haben (vgl. Fromm 1979, S.87), der sich auf Hauptobjekte wie Autos, Reisen, Fernsehen und Sex und die Anhäufung und Aneignung dieser fokussiert.

Konsum ist ein wesentliches Ziel von Produktion, die auf Nachfrage beruht, d.h. sie bedingen einander. Dies ist auch einer der Gründe, warum auf politischer Ebene stets darüber diskutiert wird mit welchen Maßnahmen ein privater Konsum „stimuliert“ werden kann. Bsp.: Senkung der Steuern, Abwrackprämie.

Denn der Kunde sichert in Krisenzeiten durch Konsum wirtschaftliche Stabilität und Beschäftigung.

Nach Kleinschmidt (2008, S.13) stellt die Konsumgesellschaft folgendes dar:

„In einer Konsumgesellschaft erfolgt der Verbrauch und Verzehr von Gütern und Dienstleistungen über die Bedürfnisbefriedigung hinaus. Dies setzt Wahlmöglichkeiten und eine ausreichende Produktion der Angebotsseite voraus. Die Konsumgüter und Dienstleistungen sind einem Großteil der Bevölkerung durch zunehmende Marktintegration zugänglich.“

Eine ausreichende Produktion auf der Angebotsseite ist Teil der industriellen Massenproduktion, die ich unter 2.2 erneut thematisieren werde. Weitere Merkmale dieser Gesellschaft sind die breite Versorgung mit allen notwendigen wie auch überflüssigen Gütern, die zum Teil aggressive Bewerbung (Marktintegration) einzelner Produkte und dadurch der Untermauerung von Konsum als Statussymbol und wichtigem Sinnvermittler. Bedürfnisse sollen geweckt werden, soweit, dass in Konsumgesellschaften häufig ambivalente Haltungen entstehen, die weniger ernstgemeint übermäßigen Konsum ablehnen und diese „Konsumkritik“ jedoch häufig nicht weiter verfolgen.

Für Zygmunt Bauman (vgl. 2009, S.41) ist der Konsumismus im Gegensatz zum Konsum ein Attribut der Gesellschaft. Die individuelle Fähigkeit des Wollens, Wünschens und Sehnens muss vom Einzelnen als Voraussetzung für die Entstehung von Konsumismus, losgelöst also entfremdet werden (ebd.).

Diese externe Kraft so Bauman bringt dann eine „Gesellschaft von Konsumenten“ zum Laufen. Die Wahrscheinlichkeiten bestimmter individueller Entscheidungen und Verhaltensweisen werden manipuliert.

Nach Reinisch (vgl. 2011, S. 50) bedeutet Konsumismus ein übersteigertes, maßloses Konsumverhalten, welches die Zerstörung der Vielfalt sozialer Lebensformen zur Folge hat. Freiheitsvorstellungen werden danach mit einer Pflicht, einem Zwang zum Konsumieren „aufgeladen“.

Die Frage nach dem, was wir wollen, uns wünschen und ersehnen und warum, werde ich in den folgenden Kapiteln näher betrachten.

2.2 Historie und Entstehung einer Konsumgesellschaft

Konsum diente bis ins 18. Jahrhundert für den größten Teil der Bevölkerung fast ausschließlich zur unmittelbaren Existenzsicherung und weitete sich zumeist nur auf die eigens erzeugten Güter aus. Nach dem langsamen Zerfall der Ständegesellschaft[2], setzte eine Verbesserung der ökonomischen Verhältnisse ein und damit eine rasch ansteigende Nachfrage nach Waren. Nach Schneider (2000, S.9) begannen die niedrigeren Schichten die Oberschicht, denen Konsum bis dato vorbehalten war, nachzuahmen und sich daran orientierten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand in den USA eine neue Art des Produzierens und Konsumierens. Durch starke Zuwanderung wurde ein neues Wirtschaftssystem begünstigt: die industrielle Massenproduktion. Diese wurde maßgeblich durch Henry Ford, dem Gründer der Ford Motor Company gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt und vorangetrieben. Ziel dabei war es eine Massenanfertigung bei Massenkonsum zu betreiben. Um nicht in Gefahr einer Überproduktion zu geraten, strebte Ford Lohnerhöhungen der Arbeiter bei gleichzeitig Verbilligung der einzelnen Produkte an. Güter wurden nun durch den Einsatz von speziellen Maschinen am Fließband standardisiert und montiert.

Das, was wir heute unter Globalisierung verstehen, schlug sich in den USA in einer bis zu diesem Zeitpunkt ungeahnten Flexibilität nieder. Hohe Stückzahlen wurden mit monotoner maschinenbedienter Steuerung effizient produziert und somit die Starrheit der Produktionsabläufe überwunden.

Das Ergebnis waren eine Vergrößerung der Angebote und gleichzeitig eine Verbilligung der Produkte. Zudem explorierte das Marketing alle potentiellen Käuferschichten. Für McKendrick, Brewer und Plumb (vgl. Stihler 1998, S.20) war dies der Beginn einer „Konsumrevolution“.

Die Tendenz des 19. Jahrhunderts zum „Sparen“ verschwand und der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg der Arbeiterklasse vollzog sich. Diese Veränderung des Binnenmarktes war die entscheidende Veränderung des Kapitalismus[3] des 19. Jahrhundert zu der heutigen Form. Arbeitslohn und zusätzliche Sozialleistungen ermöglichten ein noch zuvor gekanntes Konsumniveau, ausgestattet mit einer wirtschaftlichen Macht, die sich nicht nur in Bezug auf Einkommen und Sozialbezüge auswirkte, sondern ebenso auf die menschliche und gesellschaftliche Rolle. (vgl. Fromm 1981, S.108)

Kapitalismus als eine Ordnung beinhaltet viele Definitionen. Für Max Weber basiert dieser kapitalistische Wandel auf einem „ Streben nach Gewinn“ im kontinuierlich, rational arbeitenden Betrieb, nach immer erneutem Gewinn, nach Rentabilität (vgl. Kaesler 2003, S.179)

2.2.1 Sicherheit vs. unmittelbarer Genuss

Die zuvor beschriebene industrielle Entwicklung und der rasch wachsenden Konsumgesellschaft ist für Zygmunt Bauman (2009, S.43) zunächst eine Befriedigung gewesen, die primär im Versprechen langfristiger Sicherheit lag.

Aneignung und Besitz von Gütern sicherten Komfort und Ansehen (s. „Veblen-Effekt). Ursprünglich waren zu jener die Sehnsüchte der Menschen noch auf eine Gesellschaftsform gerichtet, die das Ziel von langfristiger Stabilität und langfristigem Fortbestand hatte.

Man wollte sich ein Umfeld schaffen, welches haltbar, verlässlich, geregelt und geordnet erschien. (a.a.O., S.42)

Signifikanter Unterschied zu heutigem Konsum war, dass Güter nicht dazu bestimmt waren sofort konsumiert zu werden. Besitztümer, waren sie noch so groß oder sperrig, deuteten auf eine gesicherte Zukunft hin und man verließ sich tatsächlich darauf. Eine Art „Lebensstrategie“ einer Gesellschaft von Produzenten, um sich auch vor äußerlichen Gefahren zu schützen.

Diese Sehnsucht nach Stabilität und wirtschaftlichem Gleichgewicht ist in einer Welt von Konsumenten nach Bauman (a.a.O., S.44) jedoch nicht auffindbar und völlig ungeeignet. Danach assoziiert der heutige Konsumismus, in einem krassen Kontext zu früheren Lebensformen das Glück weniger mit Befriedigung von Bedürfnissen, sondern vielmehr mit einer ständigen Zunahme und Intensivierung von Wünschen (ebd.).

Es resultiert ein unmittelbarer Genuss, eine unmittelbare Freude, ein Fehlverhalten. Worauf sich dieses Verhalten stützt, welche Kausalität es zu persönlichen Störungen und Fehlfunktionen hat, werde ich hier noch näher erläutern. Vorher soll ein Beispiel für die heutige Art des Konsumierens herangezogen werden:

Für Stephan Lorenz (2009, S.66) sind Tafeln[4] in Deutschland ein Indikator für Konsumismus und Überfluss. Vorab sei bemerkt, dass keinesfalls der Eindruck entstehen soll, dass Tafeln als bürgerliches Engagement etwas „falsches“ wären. Sie sind ein eindeutiger und gut funktionierender Beweis, dass Hilfsmöglichkeiten sich umsetzen lassen, wenn man sie nur anpackt. Dennoch soll ein soziologisch kritischer Blick als Beispiel für Konsumismus auf die Tafeln gerichtet werden.

Für Lorenz macht der massenhaft erzeugte Konsumüberfluss mit seiner Optionenvielfalt und Wahlfreiheit es erst möglich, dass so viele Lebensmittel überflüssig werden. Insofern sind die Tafeln weniger als Lösung mehr als Indikator eines Problems zu sehen. Sie verdeutlichen als Praxis aktueller denn je eine gesellschaftliche Polarisierungstendenz, die Menschen, die nicht am Marktgeschehen teilhaben können als überflüssig erscheinen lässt. (ebd.)

Soweit, dass nach Lorenz jene, die von der üblichen Konsumentenrolle ausgeschlossen sich nicht nur von der konsumistischen Lebensform entfremden, sondern ebenfalls Gefahr laufen die Rolle des Staatsbürgers zu verlieren. (vgl. Selke 2009, S.26)

Resümierend lässt sich feststellen, dass gesteigerter Konsum zunächst überhaupt kein Indiz noch ein Synonym für den Zustand des Glücklich seins ist, noch eine Aktivität, die diesen Zustand mit Sicherheit herbeiführen wird. Im Gegenteil, so formulierte es Andrew Oswald in einer Studie in der Financial Times. Er hält die umgekehrte Tendenz für wahrscheinlicher: Einwohner aus hochentwickelten Ländern, mit einem auf Konsum ausgerichteten Wirtschaftssystem, seien dadurch, dass sie reicher geworden sind, nicht glücklicher. (vgl. Monbiot 2006)

Es sind nach Bauman eher die negativen Phänomene, die durch rastlosen Konsum zunehmen. Stress, Depressionen, unverträgliche Arbeitszeiten, zerfallende Beziehungen, Unsicherheiten. (vgl. Baumann 2009, S.63)

Was aus philosophischer, sozialpsychologischer Sicht kausal für Konsumismus in Frage kommt und welche Wesensmerkmale wir Menschen als Konsumenten aufweisen soll in den folgenden Unterpunkten thematisiert werden.

2.2.2 Wesensmerkmale des modernen Menschen

Für Fromm (vgl. 1981, S. 108) war der unter 2.2 geschilderte wirtschaftliche Wandel ein Produktionswunder. Der neue Mensch des 20. Jahrhunderts verfügte nun über die monetären Mittel, die ihn zum Wunder des Konsums führten und auch nicht davon abhielten. Der gesellschaftliche Rhythmus änderte sich: Man marschierte im Gleichschritt, sprich man produzierte und konsumierte das Gleiche. Ebenso hatte man auch Spaß miteinander. Dies jedoch häufig ohne Fragen zu stellen. (a.a.O., S.110)

Keine Fragen mehr zu stellen, bedeutet nicht mehr in Beziehung zueinander zu treten. Dies ergab sich nach Fromm (vgl. 1981, S.112) bereits aus der Arbeitsteilung. Dadurch, dass spezifische Berufsgruppen mehr und mehr wie Maschinen Teilbereiche eines Endproduktes herstellten und nicht mehr konkret mit ihrem Erzeugnis in Beziehung traten. Der Manager eines Betriebes tat dies, jedoch stellte das Erzeugnis für ihn nur einen Tauschwert dar. Dieser Grad der Abstraktion führte zu einer deutlichen Veränderung in der Einstellung der Arbeiter zu den Dingen. Anstatt entsprechend der Einzigartigkeit und Konkretheit eines Produkts oder eines Menschen in Beziehung zu treten, wurde alles einschließlich uns selbst, zu etwas Abstraktem gemacht, so weit, dass ein Gebrauchswert, die Qualität eines Produkts, aber auch die eines Menschen für uns zunehmend sekundär wurde und primär ein Tauschwert im Vordergrund stand.

Signifikant für Fromm war diese Einstellung und zunehmend veränderte Einstellung der Menschen zueinander sichtbar in der Automobilbranche. Bei allen Produktionserzeugnissen sprach man stets davon, dass Herr Ford diese hergestellt habe. Dies taten jedoch seine Arbeiter, er leitete dabei „lediglich“ die Produktion. (a.a.O., S.116)

Genauso bedeutsam wird diese abstrahierende, quantifizierende Denkweise nach Fromm (a.a.O., S.117) bei der Gleichung zwischen einem wissenschaftlichen Grad, Bsp. Doktortitel und einem Bachelor of Science. Der Ingenieur mit einem Doktortitel verdient etliche tausend Euro oder Dollar mehr und das Wissen dient lediglich als Verkörperung eines bestimmten Tauschwertes.

Mehrere Verwandlungen werden nach Zygmunt Bauman sichtbar. Für die Zeit, die sie nicht mit ihrer Familie verbringen können, da sie arbeiten müssen, suchen sich die Menschen einen Ausgleich. Hier bietet der Markt laut Zygmunt Bauman materiellen Ersatz für Sorge, Liebe, Freundschaft. Er erläutert (vgl. 2011, S.1):

„Die Akte des Bezahlens ersetzen die Entsagung, die die Verantwortung für die anderen mit sich bringen würde.“ In der modernen Konsumgesellschaft entwickelt sich das Muster der Beziehung zwischen Kunden und Produkt zu einem Archetyp für jede Beziehung, auch für die zwischen den Menschen.

Dabei gelten für Zygmunt Bauman zwei Annahmen. Erstens soll ein Konsumprodukt Zufriedenheit verschaffen. Zweitens gibt es keinen Grund, sich einem Produkt gegenüber loyal zu verhalten, wenn es seine Schuldigkeit getan hat und bessere Alternativen in Sicht sind. Zygmunt Bauman sagt (a.a.O., S.2):

„Die Menschen verwandeln sich in eine Ware: Wir kaufen Produkte, um nachgefragt zu werden. Der Konsum ist der Mitgliedsbeitrag für die Gesellschaft, und der Kampf um die Mitgliedschaft ist eine nie endende Aufgabe.“

Vorläufig lässt sich im Bezug auf die 1. zentrale Fragestellung: Warum wir nach maßlosem Konsum streben folgendes resümieren:

Der Prozess des Konsumierens hat sich gewandelt. Mittlerweile so entfremdet, dass es nicht mehr darauf ankommt Dinge zu benutzen, sondern sie zu haben (vgl. Fromm 1981, S.129). Wir Menschen haben uns daran gewöhnt und halten es für selbstverständlich.

Tiefe charakterlichen Veränderungen sind nach Fromm (vgl. 1979, S.161) und Marx[5] möglich, der Mensch muss nur entsprechend leiden. Solange man Gefangener seiner eigenen Gier, der Dinge und der Maschinen war, solange war man nach Marx auch unmenschlich. Auf diese kritische Haltung und warum es vielmehr um Kompensierung von Frustration geht, was dies bedeutet und welche tiefen charakterlichen Veränderungen im ungünstigsten Fall damit einhergehen, soll im folgenden Unterpunkt näher betrachtet werden.

2.2.3 Auswirkungen von Konsum auf den Charakter –

Identität und Entfremdung

In der Konsumgesellschaft ist das entscheidende Ziel des Konsums nicht die Befriedigung von Bedürfnissen, Sehnsüchten und Wünschen, sondern die Kommodifizierung[6] und Rekommodifizierung der Konsumenten: Der Konsument wird selbst zur Ware! Eine verkäufliche Ware zu werden ist das stärkste Motiv eines Konsumenten und diese Eigenschaft macht einen Konsumenten zum vollwertigen Mitglied einer Konsumgesellschaft, so Bauman. (vgl. 2009, S.77)

Dieses Verständnis von uneingeschränktem Glück war für Fromm der Schritt zur Entfremdung (vgl. 1981, S.120). Eine Erfahrung machen, an deren Ende das Selbst sich als einen Fremden erlebt ohne dies zu merken. Der Mensch ist dann in einen Zustand übergegangen, in dem er nicht mehr als Urheber seiner Taten zu sehen ist, sondern Taten und deren Folgen sind zu einer herrschenden Kraft geworden, der er gehorcht. Der Kontakt zu seinen Mitmenschen entfällt und das Individuum erlebt die Welt so wie man die Dinge erlebt, d.h. ohne nachhaltige produktive Beziehungen zueinander.

[...]


[1] eine über Geld, Besitz verfügende, einflussreiche [Führungs]Schicht eines Landes ( Duden Online)

[2] ständische Gesellschaft, Bezeichnung für eine Gesellschaftsform, die in durch Recht und Gesetz gestützte und mit spezifischen Pflichten und Privilegien ausgestattete Stände (Schichten) gegliedert ist: erster Stand: Adel, zweiter Stand: Klerus (im engeren Sinne die Prälaten), dritter Stand: Bürgertum (Handwerker), vierter Stand: (freie) Bauern. ( Gabler Wirtschaftslexikon)

[3] Allgemein begreift man Kapitalismus als eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. (Wikipedia)

[4] Tafel ist die Bezeichnung für eine gemeinnützige Hilfsorganisation, die qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet und ansonsten vernichtet würden, an Bedürftige verteilt. Die Tafeln sind seit 1993 in Deutschland aktiv. In zahlreichen anderen europäischen Ländern existieren vergleichbare Initiativen (Food Bank). In Deutschland sind sie im Bundesverband der deutschen Tafeln organisiert und zumeist auf der Ebene der Kommunen und Gemeinden aktiv und heißen deshalb z.B. Berliner Tafel, Hamburger Tafel oder Hannoversche Tafel. (Wikipedia)

[5] (* 5. Mai 1818 in Trier; † 14. März 1883 in London) war Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, politischer Journalist, Protagonist der Arbeiterbewegung, Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft, der deutschen idealistischen Philosophie und der politischen Ökonomie. Er nimmt für sich in Anspruch, eine wissenschaftliche Analyse und Kritik der kapitalistischen Produktionsweise geleistet zu haben. Er gilt als einflussreichster Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus. (Wikipedia)

[6] Bezeichnung für Kommerzialisierung / „ zur Ware werden“ (Academic dictionaries and encyclopedias)

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Vom Profit und Defizit des Konsums für das Sein - am Beispiel einer am Haben orientierten Konsumgesellschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
54
Katalognummer
V177244
ISBN (eBook)
9783640989645
ISBN (Buch)
9783640989614
Dateigröße
1048 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erich fromm, zygmunt bauman, konsumismus, konsum, haben, sein, andre gorz
Arbeit zitieren
Sozialpädagoge/Sozialarbeiter (Bachelor of Arts) Felix Carl (Autor), 2011, Vom Profit und Defizit des Konsums für das Sein - am Beispiel einer am Haben orientierten Konsumgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177244

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