Logopädie im Blickfeld von Sozialpädagogik

Plädoyer für eine stärkere Einbindung der Beratungswissenschaften in die Sprachtherapie/Sprachheilpädagogik


Vordiplomarbeit, 2010

72 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Thesen

2 Entwicklung der Sprachtherapie
2.1 Geschichtliche Aspekte
2.1.1 Identische Vorgeschichte von Sprachheilpädagogik und Logopädie
2.1.2 Sprachheilpädagogik und das klinisch-therapeutische Handlungsfeld
2.2 Akademisierung von Logopädie/Sprachtherapie
2.3 Der Gegenstand von (zukünftiger) Sprachheilpädagogik in Abgrenzung zur Sprachtherapiewissenschaft
2.4 Institutionalsierung der Logopädie

3 Grundriss Logopädie
3.1 Aufgabenbeschreibung
3.2 Verordnungsweg, Richt- und Leitlinien
3.2.1 Leitlinienentwicklung bei logopädischen Störungsbildern
3.2.2 Logopädische Leitlinienentwicklung
3.3 Zahlen und Fakten (Heilmittelreporte)
3.3.1 Logopädische Versorgung, häufigste Störungsbilder, Verteilung nach Alter und Geschlecht
3.3.2 Evidenzlage angewandter Therapien
3.4 Pädagogik, Technologiedefizit, Intuition, Auswüchse
3.5 Nutzen und Grenzen von Evaluation (Umgang mit Komplexität)

4 Logopädie und Psychosomatik
4.1 Einführende Gedanken
4.2 Der psycho- bzw. familiendynamische Ansatz in der Logopädie
4.3 Stottern
4.4 Mutismus
4.5 Funktionelle Stimmstörungen
4.5.1 Psychogene Aphonie
4.5.2 Mutationsfistelsstimme
4.5.3 Funktionelle Stimmstörung bei Erwachsenen
4.5.4 Funktionelle Stimmstörung bei Kindern
4.6 Sprachentwicklungsverzögerung

5 Erste Zusammenfassung

6 Beratung
6.1 Definition
6.2 Beratung in der Logopädie
6.2.1 Elternberatung
6.3 Logopädie – ein sozialpädagogisches Arbeits- und Forschungsfeld?

7 Zweite Zusammenfassung: Konsequenzen und Ausblick

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit in Inkrafttreten des Gesetztes über den Beruf des Logopäden 1980 begann der Siegeszug einer nah am Medizinsystem verorteten Berufsgruppe, welche andere auf dem außerschulischen Feld der Sprachtherapie tätige Berufsgruppen in den beiden darauf folgenden Jahrzehnten beinahe verdrängte.

Vorliegende Arbeit möchte diese junge medizinisch-therapeutische Fachdisziplin, die paradigmatisch für das klinisch-therapeutische Handlungsfeld steht, im Blickfeld von Beratungswissenschaften im Rahmen der Professionalisierung der Gesundheitsberufe betrachten. Dabei soll im ersten Kapitel der Herausbildung der Profession kritisch nachgegangen und herausgestellt werden, zu welchem „Preis“ diese effektive Art des Umganges mit von Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckbeeinträchtigungen betroffenen Menschen sich herausbilden konnte.

Was kennzeichnet die Arbeit eines Logopäden? Was sind die Wirkfaktoren in der Therapie? Neben diesen Fragen wird im zweiten Kapitel der Leitlinienentwicklung sowie der damit verbundenen Forderung nach evidenzbasierter Therapie aber auch den Möglichkeiten und Grenzen einer strukturellen Offenheit von logopädischen Therapien nachgegangen.

In systemischer Perspektive werden anschließend die Adressaten logopädischer Therapie näher betrachtet, um auf hintergründige Themen einzelner Symptome aufmerksam zu machen. Hierbei erfährt die Arbeit eine Spezifizierung; vorrangig psychosomatisch deutbare logopädische Störungsbilder werden angesprochen, anhand derer der Beweis geführt werden soll, dass logopädische Interventionen noch sehr reduktionistisch symptomzentriert ansetzten und dem Charakter dieser Störungen zu wenig entsprechen oder sogar zuwider laufen.

Hier erfährt die Arbeit dann eine erste Zusammenfassung. Aus dem bisher Geschilderten sich ergebende Rollenkonflikte des Therapeuten, Lücken in der Curricula sowie mögliche Kompetenzerweiterungen aus dem Feld der psychotherapeutischen Beratung kommen hier zur Sprache - womit der Bogen zur Bedeutung von Beratungswissen in der Logopädie gespannt ist.

Im sechsten Kapitel wird auf den Beratungsbegriff näher eingegangen und welche Beratungsformen gegenwärtig für die Logopädie konzeptualisiert werden. Der abschließende Teil unterstreicht die benötigte wissenschaftliche Kompetenz von Logopädie und möchte auf eine fruchtbare Blickverschränkung von Logopädie und Sozialpädagogik hinweisen.

1.1 Thesen

These 1

Wird Logopädie auch als Integrationswissenschaft bezeichnet, ihre Modelle und Theorien sind aufgrund der engen Anbindung an das Medizinsystem meist sehr naturwissenschaftlich ausgerichtet (Symptombekämpfung); systemische Blickweisen bleiben weitgehend unberücksichtigt.

Therapierealität: praktizierte Offenheit für Bedürfnisse der Patienten, verbunden mit Verunsicherungen der Therapeuten aufgrund befürchteter Kompetenzüberschreitungen.

These 2

Trotz des stark entwickelten Feldes der Beratungswissenschaften gibt es nur wenige Querverweise zwischen Beratungswissen und logopädischer Therapie.

Es ist festzustellen, dass der Beratung von Eltern, Angehörigen wie auch Patienten in der Logopädie formal ein sehr enges Verständnis und vor dem Hintergrund psychosozialer Einbettung von Krankheit insgesamt zu geringe Bedeutung zukommt, Therapeuten über zu unspezifische Beratungskompetenzen verfügen.

These 3

Einige logopädische Störungsbilder scheinen ihrem Wesen nach psychosomatisch verursacht zu sein.

- in jüngerer Zeit finden sich (wieder) zunehmend psychologische Therapie-/Beratungskonzepte, welche aus disziplingeschichtlichen Gründen jedoch nur schwer in die Logopädie integriert werden können.

These 4

Professionelles Handeln in der Logopädie lässt sich nur begrenzt standardisieren, muss individuell, unter Berücksichtigung der Bezugswissenschaften (verstärkt der Sozialwissenschaften) herausgebildet werden. Um den Anforderungen von Qualitätssicherung zu genügen, ist eine durchgängige Akademisierung der Logopädie unumgänglich.[1]

2 Entwicklung der Sprachtherapie

Der Begriff „Sprachtherapie“ beinhaltet mittlerweile mindestens drei Bedeutungen. Sprachtherapie ist:

- wissenschaftliche Fachdisziplin, die sich auch unabhängig von Sprachheilpädagogik entwickelt (=Sprachtherapiewissenschaft)
- administrativer Terminus des Sozialgesetzbuches für die Zuteilung von Ressourcen des Gesundheitswesens bei vorliegenden Krankheiten und Entwicklungsstörungen (=Sprachtherapie als Heilmittel)
- eine besondere Handlungsform, in der professionsgebunden beim Vorliegen spezieller, sprachlicher und kommunikativer Entwicklungsbedürfnisse in speziell gestalteten Interaktionen besondere Methoden der Entwicklungsunterstützung zum Einsatz kommen (=Sprachtherapie als Interventionsform)

(Vgl. Baumgartner u. a. 2008, S. 5)

Mit dieser Definition sind bereits die Themen genannt, auf welche dieses Kapitel eingehen möchte. Punkt 1 spricht die geschichtliche Dimension von Sprachtherapie an. Der Verweis zur Traditionslinie der Sprachheilpädagogik fordert zur Abgrenzung auf, welche im Unterkapitel 2.1 herausgearbeitet werden soll. Auf zukünftige Perspektiven von Sprachheilpädagogik und Sprachtherapiewissenschaften wird im Unterkapitel 2.2 eingegangen.

Punkt 2 der Definition verdeutlicht den Umstand, dass Sprachtherapie eng an den Gesundheitsbegriff gebunden und Teil des Gesundheitssystems geworden ist. Welche gesetzlichen Bestimmungen in der Bundesrepublik dazu führten, wird im Unterkapitel 2.3 in Ergänzung zu den geschichtlichen Entwicklungen (2.1) dargestellt.

‚Sprachtherapie als Interventionsform‘ (Punkt 3 der Definition) wird in Kapitel 2.4 eingeleitet und soll dem Hauptteil der Arbeit zugrunde liegen.

2.1 Geschichtliche Aspekte

Es folgt ein Exkurs in die Geschichte des Sprachheilwesens unter dem Augenmerk der Herausbildung des klinisch-therapeutischen Handlungsfeldes, wie es sich heute in der Bundesrepublik zeigt. Der Einstieg soll zum einen dem fern von der Sprachtherapie stehenden Leser einen leichteren Zugang zum Themenfeld ermöglichen, zum anderen soll durch das Eingehen auf vorfindliche Entwicklungslinien im Sprachheilwesen die gegenwärtig speziell von Diversifikation sowie Umbruch gekennzeichnete Situation verständlicher werden lassen, da sie den Rahmen der Arbeit bildet.

2.1.1 Identische Vorgeschichte von Sprachheilpädagogik und Logopädie

Erste Aufzeichnungen über das Vorkommen von Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen finden sich im Altertum. Als ältester Bericht gilt ein erhaltenes Zitat um das Jahr 1300 v. Chr., den Hethiterkönig Mursili betreffend, der vermutlich an einer Dysarthrie[2] in Verbindung mit einer motorischen Aphasie[3] litt. Ausführlichere Beschreibungen finden sich bei Herodot (490 – 430 v. Chr.), von dem eine biografische Geschichte über den stummen Sohn des Königs Krösus sowie eine über den stotternden Bathos erhalten ist.

Werden im corpus hippocraticum (400 – 200 v.Chr.) auch fast alle bekannten sprachlichen Störungsbilder erwähnt; die Schriftgelehrten beschrieben vorrangig das Phänomen der gestörten Sprache; eigentliche Ursachen und abgeleitete Therapiemöglichkeiten fanden kaum eine Erörterung. (Vgl. Braun und Macha-Krau 2000, S. 48)

Bei Plutarch (46 – 125 v. Ch.) lässt sich finden, mit welchem Kraft- und Zeitaufwand der bekannte griechische Volksredner Demosthenes (384 -322 v. Chr.) seine Sprech- und Stimmstörung zu therapieren versuchte: mit Kieselsteinen im Mund sprach dieser gegen die Meeresbrandung an oder legte zum Erreichen einer besseren Bauchatmung Bleiplatten auf seinen Brustkorb. Nach Meinung von Braun und Macha-Krau bezeuge dieses Beispiel jedoch nur das persönliches Interesse an Therapie; „[e]in gesellschaftliches Interesse an der Therapie von Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen besteht zu jener Zeit jedoch nicht.“ (ebd., S. 48)

Im zweiten nachchristlichen Jahrhundert werden die hippokratischen Erkenntnisse tradiert und es setzt eine Differenzierung in Störungen der Stimmgebung und Fehler der artikulierten Sprache ein. Das antike sprachpathologische Wissen wird in das Mittelalter überliefert, ohne grundsätzliche Neuerungen zu erfahren.

In der frühen Neuzeit (16. -18. Jahrhundert) werden im Zuge der auflebenden wissenschaftlichen Experimente Forschungen zur Sprachpathologie und –therapie aufgenommen. So vergleicht beispielsweise R. Descartes (1596 – 1650) Funktionen der Sprechorgane mit Abläufen aus der Mechanik, beobachtet F. Bacon (1561 – 1626) die Abhängigkeit des Stotterns von Kontextvariablen. Insgesamt wird in der frühen Neuzeit die Bedeutung der Zungenfunktionen für Sprechen und Sprache überschätzt; Braun und Macha-Krau stellen für diesen Zeitabschnitt den Beginn zweier kontroversen therapeutischen Entwicklungslinien fest: einer didaktisch-phonetischen und einer medizinisch-chirurgischen Linie. Anfang des 19. Jahrhunderts ist bzgl. der didaktisch-phonethischen Therapie eine stürmische Entwicklung in Form von artikulations-, stimm- und atemtherapeutischer Methoden sowie sprechrhythmisierender und sprechkoordinierender Verfahren zu verzeichnen.

Die medizinisch-chirurgische Therapie erreichte ihren Höhepunkt in der operativen Stottertherapie im Jahre 1841; doch „[n]ach scheinbaren Anfangserfolgen stellen sich unleugbare Misserfolge ein, zumal einige Todesfälle bekannt werden.“ (Braun und Macha-Krau 2000, S. 50; Anpassung: J.L.) Infolge dessen kommen Zweifel an der gesamten Medizin als auch ein erlahmtes Interesse der Medizin an der Sprachtherapie auf. Die medizinische Betreuung Sprachgestörter übernehmen nun Taubstummen- und Sprachärzte, welche Sprachstörungen einen funktionellen Charakter zuerkennen und darum didaktische Heilverfahren bevorzugen.

Als „Keimzelle des öffentlichen Sprachheilwesens in Deutschland“ (Becker und Sovák 1975, zit. in: ebd., S. 51) zählt die 1778 in Leipzig eröffnete erste Taubstummenschule. Im Rahmen der Taubstummenbehandlung werden dann auch erste sprachdidaktische Verfahren und Mittel zur Heilung des Stotterns zusammengestellt, welche zunächst in v. a. speziellen Stotter-Sprachheilanstalten zur Anwendung kamen, deren Heilerfolge jedoch als fragwürdig beschrieben werden. (Vgl. Braun und Macha-Krau 2000, S. 52)

2.1.2 Sprachheilpädagogik und das klinisch-therapeutische Handlungsfeld

In zunehmendem Maße wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts dann die gesellschaftliche Dimension von Sprachstörungen erkannt; das wirtschaftliche und nicht zuletzt militärische Problem, dass sie darstellten, machten öffentliche Maßnahmen notwendig. Solange in den materiell wie personell schlecht ausgestatteten Volksschulen sprachauffällige Kindern noch nicht genügend Förderung erfahren können, so sah man einen Lösungswegweg in schulbehördlich öffentlichen heilpädagogischen Maßnahmen in Form von Sprachheilkursen. Ziel dieser Maßnahmen war zum einen die Überwindung der Primärsymptomatik, zum anderen die Prävention der Entstehung sekundärer personaler und sozialer Verhaltens- und Entwicklungshemmungen.

Bezug nehmend auf den von J. Nydal (1928) verfassten Erfahrungsbericht halten Braun und Macha-Krau für die Kursphase zusammenfassend fest, dass einerseits Erfolge am Ende der Kurse feststellbar waren, jedoch die Zahl der Rückfälligen groß war – was bis heute ein Problem in der Stotter- wie auch Stimmtherapie darstellt. Dies zog teilweise heftig geführte Debatten nach sich: „Zweifel an den konzeptionellen Voraussetzungen der physiologisch-phonetischen Sprechübungstherapie werden [aber] entschieden zurückgewiesen und die Misserfolge mit Durchführungsfehlern und methodischen Formalismus begründet. Als organisatorischer Hauptmangel wird neben dem unregelmäßigen Kursbesuch, ungünstigen Kurszeiten und der mangelhaften Mitarbeit der Eltern übereinstimmend die zu kurze Kursdauer genannt, die eine Festigung der Ergebnisse nicht zulässt.“ (ebd. 2000, S. 55; Einfügung: J.L.)

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts werden erste Sprachheilklassen eingerichtet; Sprachheilschulen beginnen sich zu etablieren. Es setzte sich die Erkenntnis durch, „dass Sprachstörungen nicht durch sprechtechnische Übungen allein beseitigt werden können, sondern zugleich eine allgemeine und planmäßig geübte psychologische Beeinflussung verlangen.“ (ebd., S. 56) Dem wollte und will die Organisationsform ‚Sprachheilschule‘ mit ihrer charakteristisch herausgebildeten Einheit von Unterricht, Erziehung und Therapie Rechnung tragen (‚sprachheilpädagogische Einflussnahme als Unterrichtsprinzip‘).

Zwischen 1928 und 1942 zeigen die Sprachheilkurse eine rückläufige Entwicklung, während die Sprachheilschulen und –klassen stabil bleiben. Braun und Macha-Krau werten diese Befunde vor dem Hintergrund der offensichtlichen Erfolglosigkeit der Stotterheilkurse wie auch der Wirtschaftskrise, welche zu Sparmaßnahmen zwang. „In den weiterbestehenden Sprachheilkursen werden von nun an Kinder mit leichteren Sprachstörungen behandelt und haben als erfolgreiche Sprachheilambulanz bis heute Bestand.“ (Braun und Macha-Krau 2000, S.58)

Die Entwicklung des Sprachheilwesens ist mit Beginn der 1960er Jahre durch den Ausbau von Sprachheilschulen, damit verbunden auch von sogenannten Beratungsstellen im klinisch-therapeutischen Bereich, gekennzeichnet. Maihack schildert die Situation in den 1960er Jahren: „Der spätestens mit dem Bundessozialhilfegesetzes 1962 geschaffene Bedarf an zusätzlichen Fachkräften für die Sprachtherapie konnte von den Sprachheilpädagogen als zu dieser Zeit nahezu alleinigen Anbietern nicht bewältigt werden.“ (Maihack 2001, S. 319) Die Sprachheilschulen erfahren eine sprunghafte Zunahme: gegen Ende der 1970er Jahre haben sie sich in der BRD verdoppelt, bis 1995 verdreifacht (vgl. ebd., S.59).

Da sich Sprachheilpädagogik an erster Stelle als Bildungswissenschaft versteht (vgl. Baumgarten u. a. 2008, S. 7) deutete sich ein bevorstehender Wandel der Situation bereits mit der Empfehlung des Deutschen Bildungsrates „Zur pädagogischen Förderung behinderter und von einer Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher“ (1973) an. Der Deutsche Bildungsrat sah eine weitmögliche gemeinsame Unterrichtung Behinderter und Nichtbehinderter vor und stellte sich der bisher vorherrschenden schulischen Isolation entgegen (vgl. Braun und Macha-Krau 2000, S. 60). Erschien das Postulat einer ‚generellen Integration‘ anfänglich auch als Utopie, mit den gegebenen Voraussetzungen einer Intensivierung der Frühförderung, mit Öffnung der Grund- und Sprachheilschule zur gegenseitigen Kooperation sowie mit entsprechender Einstellung und Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer rückte das Postulat in die Nähe der Realisierbarkeit. Nach einer Innovationsphase (1975-1985), Versuchsphase (1985-1995) und der Legitimationsphase (um 1990) traten sichtbare Veränderungen ein. Der Ausbau der Sonderschule ‚Sprachheilschule‘ stagnierte in den 1990er Jahren. - Während die Sprachheilschule in Deutschland lange Zeit eine zentrale Rolle einnahm, so ist sie ab Mitte der 1990er Jahre neu hervorgebrachten, flexibleren Organisationsformen gewichen: Regelklasse mit Ambulanzlehrer, Einzelintegration, integrierte Gesamtschule, Integrationsklasse, Stadtteilklasse, Kleingruppe, kooperative Schule und integrative Sprachheilschule (vgl. Braun und Macha-krau 2000, S.61). „Die Rolle des Sprachheillehrers verlagert sich dabei vom primär Unterrichtenden hin zum Berater und Kooperationspartner in einem Team von Regel- und Sonderschullehrern“ (Grohnfeldt und Romonath 2000, S. 271) und knüpft damit an internationale Entwicklungen an. Weiterhin ergab sich mit diesem Wandel (vielfach aus Kostengründen) eine Übertragung der Aufgaben der Prävention und Beratung von schulischen Sprachheileinrichtungen oder Beratungsstellen der Städte, Kreise und Gemeinden an Ärzte und frei praktizierende Sprachtherapeuten (vgl. Borbonus und Maihack 2000, S. 240)

Beteiligte sich die Sprachheilpädagogik an der Entwicklung eben genannter Strukturen im schulischen Bereich, so galt dies nicht für den klinisch-therapeutischen Bereich. In seiner Arbeit stellt Maihack klar heraus, dass das Selbstverständnis der Sprachheilpädagogik im Untersuchungszeitraum 1945 – 1990 untrennbar mit dem Förderort Sprachheilschule verbunden war und dass sie daher das außerschulische Handlungsfeld bewusst vernachlässigte. „Dies bedeutete in der Folge einen Verzicht auf sprachtherapeutische Spezifität zu Gunsten eines ganzheitlichen Störungs- und Förderverständnisses sprachauffälliger Menschen.“ (Maihack 2001, S. 324) Sozialpolitische Entscheidungen (1957, 1962, 1974, 1989) führten zu einem abnehmenden Einfluss der westdeutschen Sprachheilpädagogik auf das außerschulische Handlungsfeld sowie zur Etablierung neuer Berufsgruppen (insb. Logopäden) im professionellen Versorgungssystems für die positive Veränderung von Störungen der Sprache, der Kommunikation, des Sprechens, des Schluckens und der Stimme. „Dort war die formale Verantwortung des Arztes für das gesamte sprachtherapeutische Geschehen inzwischen gesetzlich normiert worden und die Berufsgruppe der Logopäden als dafür zuständig erklärt worden.“ (Maihack 2001, S. 320)

Stellt die Berufsgruppe der Sprachheilpädagogen bis in die 1990er Jahre hinein auch den größten Anteil der Sprachtherapeuten im Bereich der ambulanten Therapie (vgl. Maihack 2001, S. 318f), spätestens mit Aufkommen der Konkurrenzsituation zu den Logopäden wird ihre Qualifizierung für den klinisch-therapeutischen Sektor im außerschulischen Bereich bis in die Gegenwart hinein von heftigen Debatten begleitet. Beinahe untröstlich wirkt Maihacks Verweis auf den Entwicklungsverlauf, den die Spracheilpädagogik in der DDR genommenen hatte: mit Ausbau der ambulante Beratungsstellen und Therapiemöglichkeiten seit Anfang der 1950er bis zur Wiedervereinigung besaß die Sprachheilpädagogik der DDR gestalterischen Einfluss auf das außerschulische Feld und stand auf diesem der Phoniatrie in weitgehender, staatlich verordneter Gleichberechtigung gegenüber. Doch die Gegenwart ist eine andere: die seit geraumer Zeit erfahrenen Schwerpunktverlagerungen führten zu einer Krise bezüglich des professionellen Selbstverständnisses der Sprachheilpädagogik. (Siehe Kapitel 2.3)

Als Standesorganisation der Sprachheillehrer sei noch die „Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e.V. (dgs)“ erwähnt, die sich selbst nicht als berufsständische Organisation versteht, „sondern als Organisation sprachheilpädagogischer Belange.“ (Braun und Macha-Krau 2000, S. 66) Für die selbständigen oder angestellt tätigen Sprachheilpädagogen übernimmt die berufsständische Organisation der 1999 gegründete „Deutsche Bundesverband der Sprachheilpädagogen (dbs)“.

2.2 Akademisierung von Logopädie/Sprachtherapie

Bei der Betrachtung des gegenwärtigen Sprachheilwesens der Bundesrepublik gelangt M. Grohnfeldt zur Einschätzung, dass es zu einer „totalen Ausnahmesituation“ (Grohnfeldt 2008, S. 110) gekommen ist: weltweit einzigartig sei die Diversifikation der am Sprachheilwesen beteiligten Berufsgruppen. So praktizieren in Deutschland auf dem klinisch-therapeutischen Handlungsfeld Logopäden, akademische Sprachtherapeuten (Diplom, Magister, Bachelor/Master), klinische Linguisten, Patholinguisten, Sprechwissenschaftler sowie Atem-, Sprech- und Stimmlehrer (Schlaffhorst-Anderson) – und dies gegenüber einer gleichartigen Patientengruppe.

Interessanter Weise ist nur das Berufsbild der Logopädie in einem eigenständigen „Gesetz über den Beruf des Logopäden“ (1980) geregelt. „Das Logopädengesetz beinhaltet u. a. die Regelungen zur Zulassung als Logopädin/ Logopäde sowie die Zuordnung der Berufsausbildung an Fachschulen für Logopädie.“ (Grohnfeldt 2008, S. 110) Für die Hoch- bzw. Fachhochschulausbildungen der anderen ebenso im klinisch-therapeutischen Bereich tätigen Berufsgruppen, gibt es nur ihre jeweiligen Prüfungs- und Studienordnungen und auch keine gesetzlichen Regelungen zum Führen der Berufsbezeichnung - was nicht zuletzt Fragen der Berücksichtigung verbraucherschutzpolitischer Aspekte berührt und 2006 zu einer Aufforderung zur Überprüfung der Gesetzgebung im Bereich Logopädie/Sprachtherapie im Hinblick auf eine mögliche einheitliche Akademisierung führte. (Vgl. Scharfenberg u. a. 2006) Die Bundesregierung antwortete auf diese Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen, dass keine Notwendigkeit der Etablierung von Logopäden an Hochschulen besteht; als eigentlichen Ablehnungsgrund wertet Grohnfeldt jedoch den im Antwortschreiben eher beiläufig gesetzten Hinweis auf die entstehenden Kosten im Gesundheitssystem. (Vgl. Grohnfeldt 2009, S. 210)

Aufgrund des Fortbestehens des Logopädengesetzes ist die Logopädie trotz Bemühungen zur Akademisierung kaum über ihren Status als Heilhilfsberuf hinaus gekommen. Für die jüngste Zeit verzeichnet Gronfeldt sogar eine deutliche Zunahme an Fachschulneugründungen (ebd.), wenn auf der anderen Seite auch eine Zunahme von Studiengängen der akademischen Logopädie zu verzeichnen sind (Baumgarten 2008, S. 5).

Grohnfeldts Einschätzungen nach „erscheint es zweifelhaft, dass die Logopädie den Sprung zur Akademisierung ‚im Stück‘ schafft. Realistisch sind kurz- und mittelfristige Teilschritte, um das langfristige Ziel der eigenverantwortlichen Diagnose und Therapie auf Augenhöhe mit den MedizinerInnen zu erreichen. Dies alles ist im Kontext mit der akademischen Sprachtherapie und ihren unterschiedlichen Berufsgruppen sowie der Sprachheilpädagogik zu sehen.“ (Grohnfeldt 2009, S. 211)

2.3 Der Gegenstand von (zukünftiger) Sprachheilpädagogik in Abgrenzung zur Sprachtherapiewissenschaft

Maihack kennzeichnet den roten Faden, welcher alle sprachheilpädagogischen Positionen und Paradigmen durchzieht: er „besteht in der deutlichen Ablehnung funktioneller, übungstherapeutischer und symtomorientierter Betrachtungen gestörter Sprache“ (Maihack 2001, S. 205), betont den Vorrang von Bildungs- und Erziehungsaufgaben gegenüber ‚logopädischer‘ Techniken.

Kennzeichnend für die Entwicklung sprachheilpädagogischer Paradigmen war die Zeit 1965 – 1975. Die erziehungswissenschaftlich begründete Sprachheilpädagogik folgte einem Behinderungsbegriff, der eine multifaktorielle Genese von Behinderung setzte und eher sozialisationstheoretischen als biologischen Erklärungsansätzen der Ätiologie sprachlicher Auffälligkeiten folgte. Daraus folgte sachlogisch, dass „nur pädagogische Interventionen unter Einbeziehung und Berücksichtigung möglichst vieler Faktoren eines multiplen Geschehens (Elternberatung, Abbau von externen und internen Stressoren etc.) erfolgversprechend greifen können.“ (ebd., S. 221f.) Sprachbehinderte „wurden als umfassend beeinträchtigt erlebt und beschrieben und daraus folgernd als umfassend zu fördern, nicht zu therapieren, angesehen.“ (ebd., 222) Eine alleinige Symptombetrachtung blieb unangemessen und reduktionistisch in der Komplexitätsbetrachtung. Dem sprachheilpädagogischen Paradigma folgte eine Forschung, welche in großen Teilen empirische, methodenorientierte Effektivitätsstudien ablehnte.

Maihack weist vorsichtig darauf hin, dass der „möglicherweise“ zu weit gefasste Behinderungsbegriff die Bereitschaft nachhaltig reduziert hatte, „konträre Positionen wie sie zwischen der Sprachheilpädagogik und der Logopädie bestanden dadurch zu überwinden, dass in sowohl-als-auch Kategorien von Ganzheitlichkeit und Spezifität gedacht oder gehandelt wurde.“ (ebd., S. 223)

Maihack konstatierte für die Zeit der 1970er Jahre, dass Sprachheilpädagogik in einen unauflösbaren Widerspruch geraten ist: „[Sie] will und kann dieses Dilemma nicht auflösen, weil ‚harte empirische Daten’ über einzelne Sprachstörungen fehlen, auch nicht beschafft werden sollen und weil Sprache […] im sprachbehindertenpädagogischen Verständnis Behinderung macht und nicht ist und ein funktionalistisches Verständnis sprachlicher Auffälligkeiten, wie es der Logopädie als einem der Phoniatrie entsprungenen Zweig sehr viel mehr zu eigen war, daher ausschied.“ (ebd., S. 224; Einfügung, Auslassung: J.L.]

Grohnfeldt und Romonath heben die die Sprachheilpädagogik „‚chronisch‘ begleitenden Probleme“ (Grohnfeldt und Romonath 2000, S.270) deutlich hervor: den Dualismus von Unterricht und Therapie, die vergebliche Suche nach einer behinderungsspezifischen Didaktik sowie das Postulat der Eigenständigkeit bei einer bewussten Abgrenzung von der Medizin. (Vgl. ebd.) Die „therapeutische Dimension“ der Sprachheilpädagogik wird auch von Baumgartner u. a. inzwischen ambivalent betrachtet, als Ergebnis besonderer historischer Bedingungen hatte sie ihren Teil zur fachlichen Identität ebenso wie zur fachlichen Isolation beigetragen (vgl. Baumgarten u. a. 2008, S. 14).

War und ist die Domäne der Sprachheilpädagogik (syn. Sprachbehindertenpädagogik) der schulische Bereich, so steht sie bei der Frage eines zukünftig einheitlichen akademischen Berufsbildes in Theorie und Praxis auf dem Prüfstand (vgl. Grohnfeldt und Romonath 2000, S. 270). Eine potentielle Lösung für ihren Erhalt wird darin gesehen, dass nach einem gemeinsamen Grundstudium eine Spezialisierung in den klinischen oder schulischen Bereich erfolgen könnte. Aber „[e]ine derartige Verzahnung schulbezogener und klinischer Anteile kann nur gelingen, wenn ein verbindendes disziplinäres Paradigma entwickelt wird. Dies ist derzeit nicht der Fall.“ (Grohnfeldt und Romonath 2000, S. 272).

Baumgarten u. a. machen auf die gegenwärtige Erschöpfung der Disziplin Sprachheilpädagogik aufgrund zerlaufender Konturen von Fachgrenzen aufmerksam: „Die Bürde der stark divergierenden Ziel-, Aufgaben- und Sachstrukturen einer ausufernd differentiellen Wissenschaft und Praxis wiegt schwer.“ (Baumgarten 2008, S.4) Dennoch stehen sie als Vertreter der Sprachheilpädagogik den Forderungen einer einheitlichen akademischen Ausbildung Sprachtherapie/Logopädie skeptisch gegenüber. Sie sehen die Gefahr eines sich damit einschleichenden Paradigmenwechsels und das sich in dessen Folge Sprachheilpädagogik „an Hochschulen und in den schulischen und außerschulischen Handlungsfeldern verabschieden wird“ (Motsch 2008, S. 10). In ihrem Memorandum (2008) rufen sie zur Profilschärfung von Sprachheilpädagogik unter Kenntlichmachung ihrer Disziplin als Bildungswissenschaft auf, womit eine Abgrenzung zur im Gesundheitssystem operierenden Sprachtherapie erreicht werden soll. „Die Sprachheilpädagogik ist Teildisziplin der Pädagogik und darin der Sonderpädagogik.“ (Baumgarten u. a. 2008, S. 9) Sie teilt mit der Gesamtdisziplin Sonderpädagogik den Gegenstand/die Aufgabe der Erforschung und Realisierung der Erziehungs- und Bildungsmöglichkeiten für diejenigen Menschen, deren Entwicklung aus verschiedenen Gründen behindert verläuft (ebd.). Die Verfasser des Memorandums sehen die Zukunft von Sprachheilpädagogik also nicht im medizinischen/gesundheitswissenschaftlichen Bereich sondern als spezialisierte Pädagogik.

Die abgesprochene Befähigung für Sprachtherapie sowie ihr bildungspolitisch und administrativ zugesprochenes Diktum der Förderung konnte in ersten Ansätzen bereits positiv verarbeitet werden: nun sei Sprachheilpädagogik viel konsequenter als bisher in der Lage ihr besonderes Knowhow im gesamten sonder-, allgemein- sowie grundschulpädagogischen Bildungs- und Erziehungssystem einzusetzen und damit von der Prävention über die Kooperation bis hin zur Rehabilitation mit ihrer spezifischen Kompetenz wahrgenommen zu werden (ebd., S. 15).

Im Gegensatz zum Trend der Einzelförderung/Individualtherapie im Zuge der Erweiterung des klinisch-therapeutischen Handlungsfeldes möchte Sprachheilpädagogik zukünftig wissenschaftlich mehr gesichert das sprachliche Lehren und Lernen in Gruppen (peer-learning; Lernpartnerschaften; therapieimmanenter Unterricht; therapieintegrierter Unterricht; therapieintegrierende Unterrichtsphasen) als ernstzunehmende Ressource heraus stellen (ebd., S.15ff.) – was in Zeiten angemahnter Kostenübersteigerungen im Gesundheitssektor sicher auf offene Ohren stoßen wird.

2.4 Institutionalsierung der Logopädie

Vieles ist im Vorangegangenen über den Beruf des Logopäden bereits angeklungen; es soll im Folgenden in einem historischen Abriss dargestellt, präzisiert und diskutiert werden.

Während für die Sprachheilpädagogik die erste amtliche Prüfungsordnung 1928 erlassen wird (worin gleichzeitig erstmalig eine zuvor abgeschlossene Hochschulbildung des Sprachheillehrers gefordert wird), so bezeugt das 1980 erlassene „Gesetz über den Beruf des Logopäden“ eine scheinbar junge Disziplin. Bestehende Theorien über Ätiologie und Therapie logopädischer Störungsbilder haben ihre Wurzeln aber im 1905 etablierten Universitätsfach der medizinischen Sprachheilkunde (Phoniatrie).

Als Therapieverfahren wird vom Begründer und Förderer der Logopädie, H. Gutzmann, die am rationellsten begründbare, physiologisch am besten nachkontrollierbare Therapieform favorisiert. Er bezeichnet sie als „Phonetische Therapie“, eine therapeutische Interventionsform, welche auf positive Veränderungen der Artikulation, Stimmgebung und Atmung abzielt. Aus privaten Geldern eröffnete er bereits im Jahr 1891 ein Ambulatorium für Sprachkranke, welches 1907 an die Hals- und Nasenklinik der Charité in Berlin umzieht. Ähnliche Ambulatorien im Bereich von Forschung und Therapie werden in anderen großen Städten gegründet. Bis in die 1950er Jahre sind die Ausbildungen zu Logopäden eine Spontanangelegenheit einzelner Personen; sie werden eingearbeitet in phonetischen und klinischen Instituten von Universitäten in verschiedenen Kontexten (z.B. Kinder- und Nervenkliniken). „Die Arbeit auf klinisch-therapeutischem Gebiet ist punktuell, eher ein Einzelfall und auf Großstädte begrenzt.“ (Braun und Macha-Krau 2000, S. 67) Allmählich

entwickeln sich in den 1960er Jahren Lehranstalten für Logopädie an den Universitätskliniken.

Für Jahrzehnte bleibt die logopädische Therapiebildung an Medizin und Pädagogik gebunden und die phonetische Therapie das Mittel der Wahl. In den 1970er Jahren wird die Logopädie dann um wesentliche theoretische und praktische Ansätze im Zuge der Entwicklung ihrer Bezugswissenschaften Medizin, Sprachwissenschaft, Pädagogik, Psychologie, insbesondere aber durch die Linguistik erweitert. Auch sind die 1970er Jahre durch eine Hinwendung der Logopädie zur neurologischen Rehabilitation geprägt. (Vgl. Braun und Macha-Krau 2000, S. 68f.)

1974 tritt das Rehabilitationsangleichungsgesetz in Kraft, welches u. a. in § 10 Folgendes festlegt: „Die medizinischen Leistungen zur Rehabilitation sollen alle Hilfen umfassen, die erforderlich sind, um einer drohenden Behinderung vorzubeugen, eine Behinderung zu beseitigen, zu bessern oder eine Verschlimmerung zu verhüten, insbesondere […] 3. Heilmittel einschließlich […] Sprachtherapie […].“ (RehaAngGes. 1993, zit. in: ebd., S. 67) Damit werden die Krankenkassen verpflichtet die Kosten der Sprachtherapie zu übernehmen; als Folge der neuen Regelung sind die Krankenkassen schnell daran interessiert, mit den Logopäden zu vertraglichen Regelungen zu kommen.

Das klinisch-therapeutische Handlungsfeld war damit in der Hand der Logopädie und damit eng an das medizinische Verständnis von Krankheit wie Genesung gebunden. (Vgl. Kapitel 2.1.2 Sprachheilpädagogik und das klinisch-therapeutische Handlungsfeld)

Infolge der Geschehnisse etablieren sich immer mehr freie logopädische Praxen; „[z]um ersten Mal in der Geschichte können niedergelassene LogopädInnen mit den Krankenkassen logopädische Leistungen abrechnen.“ (ebd., S. 68; Anpassung: J.L.)

1980 kommt es zur Verabschiedung des „Gesetzes zum Beruf des Logopäden“, welches die Ausbildungs- und Prüfungsordnung regelt sowie die Berufsbezeichnung schütz.

Maihack bewertet den Institutionalisierungsprozess der Logopädie ambivalent. Zum einen kennzeichnet er klar den Erkenntnisgewinn dieser Entwicklungslinie: sie mache deutlich, dass Menschen mit Sprachstörungen (wie phonologische Sprachstörungen[4], spezifische Sprachentwicklungsstörungen) in einigen Fällen spezifisch fachtherapeutischer Interventionen bedürfen, die mit dominant erzieherischen Hilfen nicht kompensiert werden können. Gleichzeitig warnt er jedoch vor Übergeneralisierungen, da in anderen Fällen weiterhin dominant (sprach-) pädagogische Hilfen zu leisten seien. (Vgl. Maihack 2001, S. 326) Kritisch fügt er an: „Die phoniatrischen Vorstellungen über einen sprachtherapeutischen Assistenten, der in einem hohen Maße methodologischen Paradigmen einer funktions-kausalistischen Übungstherapie zur Kompensation sprachlicher Störungen in seiner Therapiearbeit folgen sollte, wurden früh in der Geschichte der Phoniatrie formuliert. An dieser Idee wurde unbeirrt festgehalten, trotz erheblicher Wissensfortschritte über die Komplexität menschlicher Sprache, die multifaktorielle Kausalitäten für die Ätiologie sprachlicher Auffälligkeiten immer eindeutiger als gesichert ansehen ließen.

Mit konsequenter Ausrichtung auf das Ziel, der Schaffung eines sprachtherapeutischen Assistenzberufes, gründeten die Phoniater erste Logopädenschulen und überzeugten die Gesundheitspolitik davon, dass für die sprachtherapeutische Arbeit allein die Medizin und der von Ärzten ausgebildete Logopäde zuständig sei.“ (ebd., S. 327)

Braun und Macha-Krau sehen auch die Tendenz der Logopädie zu symptomorientiert zu arbeiten; aber sie heben hervor, dass dies Logopäden inzwischen erkannt hätten. Da nicht alle Facetten der Sprach-, Sprech- und Stimmtherapie mit der Logopädie erfasst werden können, „finden immer stärker psychotherapeutische Ansätze und Methoden der Körperarbeit Eingang in die Therapie und erweitern das Expertenwissen nachhaltig.“ (Braun und Macha-Krau 2000, S. 74) Bei welchen Störungsbildern auf welche Art und Weise dabei psychotherapeutische Methoden Anwendung finden können (oder sogar sollten?!) sowie auf welche Art und Weise sie der Therapeut für sich erschlossen hat – auf diese wichtigen Fragen gehen die Autoren dabei leider nicht ein. Wie auch die Recherche des Autors der Arbeit ergab, werden in der gesamten etablierten Hauptströmung der Logopädie derartige Fragen, wenn, dann auch nur am Rande erwähnt; ihnen soll in den folgenden Kapiteln nachgegangen werden.

Die vor einem Jahrzehnt getroffene Feststellung scheint weiterhin für die Logopädie aktuell zu sein: die wissenschaftstheoretische Diskussion um die Einordnung der Logopädie in das System der etablierten Wissenschaften ist noch nicht zu Ende gekommen; es gibt noch keine Logopädie bezogene Grundlagen- und Therapieforschung. (Vgl. Gronfeldt 2000, S. 69f.) Ohne zweiten Professionalisierungsschub der Logopädie wird sich ihr zugrundeliegendes Paradigma nicht spürbar öffnen und erweitern können.

3 Grundriss Logopädie

Vorliegende Arbeit möchte die im Rahmen ambulanter sprachtherapeutischer Intervention vorhandenen Beratungsdimensionen betrachten sowie weiterführende Möglichkeiten von Beratung aufzeigen. Aufgrund des vorherrschenden pathogenetischen Krankheitsverständnisses spielen Beratungsprozesse in der Logopädie bisher eine der Therapie untergeordnete und insgesamt eher nachrangige Rolle. Dies ist angesichts des stark entwickelten Feldes der Beratungswissenschaften erstaunlich, disziplingeschichtlich aufgrund enger Bindung an die Medizin, fehlender Akademisierung und eigenständiger Grundlagenforschung (Siehe Kapitel 2) jedoch nachvollziehbar.

Im Zuge aktueller Entwicklungen im Kontext der berechtigten Forderung von Qualitätssicherung besteht nun die Gefahr, dass die komplexen Entstehungs- wie Aufrechterhaltungsprozesse von Sprachstörungen sowie ihre Belastungsintensität für den Einzelnen einem „kausalistischen, metrischen, medizinisch-reduktionistischen Verständnis unterworfen [..]“ (Maihack 2001, S. 224; Auslassung: J.L.) und so in Leitlinien festgeschrieben werden. Die diesem Prozess zugrunde liegenden Evaluationsmethoden haben vor allem den Allgemeingültigkeitsanspruch von Verfahren im Blick, welcher aufgrund der Komplexität des Gegenstandes sowie der Variablenvielfalt bezweifelt werden muss; „[s]ubjektive Auffassungen und Sichtweisen müssen – so kritisch wie möglich reflektiert – einbezogen werden.“ (Baumgartner und Giel 2000, S. 299).

Bevor wir uns im Kapitel 4 konkret ausgewählten Störungsbildern zuwenden können, anhand derer verdeutlicht werden soll, welche Dimensionen von Beratung im Kontext logopädischer Therapie sinnvoll und weiter zu entwickeln sind, so erfolgt zuvor eine kurze Aufgabenbeschreibung des Berufsstandes Logopäde/Logopädin sowie die Darstellung des Verordnungsweges einer logopädischen Behandlung. Auf den aktuellen Stand der Leitlinienentwicklung sowie die generelle Schwierigkeit der Klassifikation von Sprach- und Sprecherkrankungen wird ebenfalls eingegangen.

3.1 Aufgabenbeschreibung

Die Aufgabe der LogopädInnen besteht in der Befunderhebung und Therapie von Sprach-, Kommunikations- und Hörstörungen (darin eingeschlossen sind ebenfalls Sprech-, Stimm- und mundmotorische Störungen sowie Kau- und Schluckstörungen), umfasst aber auch die Prävention und Beratung der Patienten sowie deren Angehörigen bzw. Eltern. Als Therapieziel wird die „Wiederherstellung bzw. die Verbesserung oder auch Kompensation der diagnostizierten Störung im Rahmen einer umfassenden Rehabilitation [genannt], um die soziale Integration des Patienten zu fördern bzw. wieder herzustellen.“ (Knebusch, K. u.a. 1999, S. 4; Einfügung: J.L.) Ebenso ist es Aufgabe und Ziel der Logopädie, bei beginnenden Symptomen vorbeugend und beratend einzugreifen, um schwerere Störungen abzuwenden. Da das Interesse der Logopädie vorrangig auf Vorbeugung, Beratung, Diagnostik und Behandlung von Sprachstörungen gerichtet ist, wird sie auch oft als Handlungswissenschaft klassifiziert. Logopäden behandeln Patienten aller Altersgruppen und unterliegen der Schweigepflicht nach §§ 203 (207) StGB.

Der überwiegende Teil der Logopäden ist selbständig oder angestellt in einer ambulanten Praxis tätig. Weitere Ausübungsformen finden sich in verschiedenen Abteilungen von Kliniken, in Rehabilitationseinrichtungen, Therapiezentren, Tagesstätten für Sprachbehinderte bzw. weit weniger häufig in Sonderschulen, Schulkindergärten oder an Gesundheitsämtern.

3.2 Verordnungsweg, Richt- und Leitlinien

Als Teil der medizinischen Grundversorgung in Deutschland können logopädische Behandlungen nur auf Veranlassung durch Ärzte erfolgen. Ist ihrer Berufsgruppe auch formal die Diagnosestellung wie auch die Überwachung der verordneten logopädischen Intervention zugeschrieben – Grohnfeldt und Ritterfeld weisen darauf hin, dass die Auffassung logopädischen Wirkens durch die Wirklichkeit längst überholt ist: „[w]eder kann die Medizin sämtliche Störungen der Kommunikationsfähigkeit hinreichend erklären, noch ist logopädisches Arbeiten nur die handlangerische Ausführung einer ärztlichen Verordnung.“ (Grohnfeldt und Ritterfeldt 2000, S. 27)

Insbesondere der Beruf des Arztes ist an strikte Regelungen einschließlich finanzieller Vorgaben gebunden, was dazu geführt hat, „dass der ‚Medizinmarkt‘ mittlerweile ein weitgehend geregelter Markt ist.“ (Ptok 2000, S.181) Staatliche bzw. quasi-staatliche Vorgaben regeln diesen - ganz im Gegensatz zur Arbeit von bspw. Legasthenie-Instituten: auf einem freien Markt mit Angebot und Nachfrage dürfen sie Werbung machen, expandieren und die Therapieform anbieten, welche sie für richtig halten. Medizin vertritt dagegen einen weit gefassten Anspruch der Leistung von Heilung und Hilfe, ohne allzu sehr auf finanzielle Aspekte Rücksicht nehmen zu müssen. Angesichts massiver finanzieller Restriktionen soll sich die Medizin jedoch auch selbstkritisch fragen, ob sie nicht daran interessierst sei, Diagnostik und Therapie von Kommunikationsstörungen anderen Disziplinen zu übertragen (Ptok 2000, S. 170). Aufgrund der knapper werdenden finanziellen Ressourcen ergibt sich für Ptok eine „Falle ohne Ausweg“ (ebd.): für diagnostizierte Kommunikationsstörungen könnten einmal spezifische Therapien nicht mehr möglich sein (ebd., S. 182). Und in der Tat sind seither strengere Regelungen in Form von Budgetierung und Richtlinien mit stark normativem Charakter eingetreten.

Das ärztliche Handeln muss sich an den Maßgaben des im Mai 2005 in Kraft getretenen Heilmittelkataloges der gesetzlichen Krankenkassen ausrichten, - einer überarbeiteten Version des 2001 erlassenen Vertragswerkes des damaligen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen auf Rechtsgrundlage des SGB V § 92, den sogenannten Heilmittelrichtlinien (HMR), die v. a. regeln, bei welchen Indikationen welche Art von Heilmitteln die gesetzlichen Krankenkassen in welchem Umfang ihren Versicherten schulden. Demgemäß sind im Heilmittelkatalog auch die Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen klassifiziert aufgeführt: jeder Leitsymptomatik (bezogen auf die Diagnosegruppe) und davon abgeleiteten Therapiezielen werden darin die verordnungsfähigen Heilmittel (hier: entsprechende Art der logopädische Behandlung) sowie die maximale Verordnungsmenge (die ‚Gesamtverordnungsmenge im Regelfall‘) zugeordnet.

3.2.1 Leitlinienentwicklung bei logopädischen Störungsbildern

Im SGB V § 137 f Abs. 1 wird die „Verfügbarkeit von evidenzbasierten Leitlinien“ gefordert, sowie im Abs. 2 Anforderungen hinsichtlich der Behandlung formuliert: eine Behandlung soll „nach dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft unter Berücksichtigung von evidenzbasierten Leitlinien oder nach der jeweiligen besten, verfügbaren Evidenz sowie unter Berücksichtigung des jeweiligen Versorgungssektors“ (V § 137 f Abs. 2) durchgeführt werden. Anbieter sprachtherapeutischer Leistungen sind aufgrund dieser gesetzlichen Vorgaben durch den Kostenträger Krankenkasse aufgefordert, „Aussagen und transparente Nachweise der Qualität und Ökonomie ihrer Arbeit zu liefern.“ (Baumgartner und Giel 2000, S. 279)

Im Sinne der AWMF („Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften“) sind Leitlinien „[…] systematisch entwickelte Darstellungen und Empfehlungen mit dem Zweck, Ärzte und Patienten bei der Entscheidung über zweckdienliche Maßnahmen der Krankenversorgung (Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge) unter spezifischen klinischen Umständen zu unterstützen.“ (AWMF & ÄZQ, 2001, S. 6) Leitlinien sollen den Stand des Wissens (die Ergebnisse kontrollierter klinischer Studien und Expertenwissen) über effektive und zweckdienliche Krankenversorgung zum Zeitpunkt der ‚Drucklegung‘ wiedergeben.

Zeichnen sich Leitlinien allgemein durch einen eher verbindlichen Charakter aus – „Leitlinien sollen/können eingehalten werden, ein Abweichen ist jedoch unter Rechtfertigung möglich“ (Wieck u. a. 2005, S. 28; kursiv i. O.) – so haben Richtlinien einen zwingenden Charakter. Aus diesem Grund sollte daher nur dann von Richtlinien gesprochen werden, wenn auch gesicherte wissenschaftliche Daten vorliegen (vgl. Baumgartner und Giel 2000, S. 302).

Da es kaum wissenschaftliche Studien oder Metaanalysen zu den in der Logopädie verwendeten Behandlungsmethoden gibt (Vgl. Wiek u. a. 2005, S. 33; Vgl. Gronfeldt 2000, S. 69f.), ist bei logopädischen Störungsbildern (derzeit) nur von Leitlinien die Rede, die sich aktuell in einem Entwicklungsprozess befinden und auf höhere Niveaus vorangebracht werden sollen. Dabei wird sich am 3-Stufenkonzepet der Leitlinienentwicklung der AWMF ausgerichtet: „Von der 1. Stufe (S1) mit der informellen Konsensfindung wird in die 2. Stufe (S2) übergegangen und durch [..] [formale] Konsensmethoden [..] weitere Inhalte der Leitlinien bestimmt. Stufe 3 (S3) stellt den höchsten Entwicklungsgrad dar, weil in ihr alle methodischen Merkmale einer Leitlinie eingesetzt werden.“ (Wiek u. a. 2005, S. 33; Auslassung, Anpassung: J.L.)

Neun von den zehn erschienenen Leitlinien im Bereich Phoniatrie/Pädaudiologie befinden sich danach auf S1-Niveau; S2-Niveau erreichte lediglich die Leitlinie „Periphere Hörstörungen im Kindesalter“ (049/010). Baumgartner und Giel unterstreichen in ihrem Beitrag, dass „bei der wissenschaftlichen Entwicklung von Leit- und Richtlinien Praktiker in angemessener Weise zu beteiligen [sind], da sie nicht nur wertvolles Erfahrungswissen besitzen, sondern auch die potentiellen Anwender sind.“ (ebd., Einfügung: J.L.) Doch zurzeit sind es andere Berufsgruppen, vornehmlich Mediziner, welche Leitlinien zu logopädischen Störungsbildern entwickeln (vgl. Wieck u. a. 2005, S. 34). Bisher haben voneinander unabhängig die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie, die Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie sowie die Deutschen Gesellschaft für Neurologie auf S1-Niveau Leitlinien zu logopädischen Störungsbildern herausgegeben.

So ist bspw. neben der von der Dt. Gesell. für Phoniatrie und Pädaudiologie herausgegebenen Leitlinie „Sprachentwicklungsstörungen“ (049/006) die von der Dt. Gesell. für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie herausgegebene Leitlinie „Umschriebene Entwicklunsstörungen der Sprache (F80.1, F80.2)“ (028/016) zu finden. Eine interdisziplinäre Leitlinie „Sprachentwicklungsstörung“ wird derzeit in einer vom dbs initiierten wie koordinierten sowie vom AWMF-moderierten Arbeitsgruppe entwickelt (vgl. Langen-Müller 2009).

3.2.2 Logopädische Leitlinienentwicklung

„Die logopädische Intervention ist gekennzeichnet durch eine enge Therapeut -Patienten-Beziehung, die im Gegensatz zur Konsultierung eines Arztes über einen längeren Zeitraum hinweg besteht. Innerhalb dieser ‚Langzeittherapie‘ wird nicht nur auf die Symptome eingegangen, sondern der Patient in seiner persönlichen Gesamtheit mit seinem Umfeld erfasst. Aufgrund dieser Komplexität ist es notwendig, neben den Inhalten der ärztlichen Leitlinien noch weitere Kriterien hinzuzufügen.“ (Wiek u. a. 2005, S. 29f.)

Wiek u. a. unterstreichen in ihrem Beitrag, dass die AWMF bei der Entwicklung von Leitlinien Vorbildcharakter besitzt; sie weisen jedoch darauf hin, dass die AWMF fachspezifische Leitlinien für Ärzte erstellt und darum logopädische Leitlinien (zu „logopädischspezifischen Störungsbildern“) für Logopäden extra zu entwickeln sind.

Wird ein symptom- oder diagnoseorientierter Ausgangspunkt bei der AWMF gewählt, werden zumeist Angaben zur Diagnostik, Indikation, Gegenindikation und Therapie, sowie zu unterstützenden Maßnahmen und Nachbehandlungen in den Leitlinien aufgeführt. (Vgl. ebd.) Wiek u. a. schlagen folgende Erweiterungskriterien für logopädische Leitlinien vor (eine Auswahl):

Angaben über die Beeinflussung der Lebensqualität (3.)

-Auswirkungen auf die Aktivität
-Auswirkungen auf die Partizipation

Angaben über interdisziplinäre Zusammenarbeit (9.)

Logopädische Diagnostikverfahren (11.)

-Differentialdiagnostik
-Anamnesegespräch

Formulierung von Therapiezielen (12.)

Logopädische Therapiemethoden (13.)

-Aussagen zur Wirkungsweise
-Angaben zum Nutzen
-Aussagen über eventuelle Risiken
-Outcome

Aussagen über die Folgen einer Nichtbehandlung (14.)

Beratung (15.)

Angehörigenberatung (16.)

Outcome [=Das beabsichtigte Ergebnis] (17.)

Vorliegende Arbeit möchte darauf hinweisen, dass der Stellenwert von Beratung/Angehörigenberatung in aktuellen Behandlungskonzepten wie folglich auch Systematiken zu nachrangig bewertet und aufgrund mangelnder interdisziplinärer Zusammenarbeit zu undifferenziert gehandhabt wird.

Wird als oberstes Ziel von Leitlinien auch die „[...] Bereitstellung von Empfehlungen zur Erreichung einer optimalen Qualität der Gesundheitsversorgung“( AWMF und ÄZQ , 2001, S. 5; Auslassung: J.L.) benannt, die Motivlagen bei der Definition wie Entwicklung von Leit- und Richtlinien differieren: sind Krankenkassen nicht zuletzt an der „Wirtschaftlichkeitsfunktion“ von Leitlinien interessiert, so stehen für die einzelnen Disziplinen (für die aufholende Logopädie, aber auch für die etablierten Instanzen wie Phoniatrie/Pädaudiologie sowie im Feld nicht ganz zu vergessen die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie) v. a. Qualitätssicherung und Professionalisierung im Vordergrund. Logopädie möchte sich anhand der Leitlinienentwicklung zum einen vom Vorwurf befreien, ihr Handeln sei zu intuitiv und würde aus zu viel Probierverhalten und nicht nachweisbaren Methoden bestehen (Wiek 2005, S. 35). Zum anderen könnte man damit, aufgrund der bevorzugten personalen Begegnungsebene im therapeutischen Setting, auch besser eine sachlich differenzierende Entfremdung als Schutz sowohl für den Sprachtherapeuten als auch für sein Gegenüber herbei führen. (Vgl. Baumgartner und Giel 2000, S. 302)

Insgesamt merkt Maihack aber kritisch an, dass „[d]ie inhaltlichen Auseinandersetzungen über das Wesen der Sprachstörungen und die daraus resultierenden Diskussionen über die bestmöglichen Förder-, Therapie- oder Rehabilitationsmöglichkeiten, zunehmend Interessensdiskussionen der Handelnden im Feld der klinisch-therapeutischen Sprachförderung und -rehabilitation gewichen [sind].“ (Maihack 2001, S. 332; Anpassung, Umstellung: J.L.)

3.3 Zahlen und Fakten (Heilmittelreporte)

In jüngster Zeit erfolgen unter Federführung der wissenschaftlichen Institute der Krankenkassen ausführliche Analysen zum Themenfeld Heilmittel. Erstmalig wurden im „Heilmittelreport 2008“ Heilmittelanwendungen einer gesamten gesetzlichen Krankenversicherung (AOK) hinsichtlich ihrer Mengenrelevanz beschrieben und qualitativ bewertet. Auch die GEK legte vor kurzem ihre Analyse der Jahre 2007 und 2008 vor („GEK-Heil- und Hilfsmittelreport 2009“).

Auf deren Daten und Schlussfolgerungen soll im nächsten Unterkapitel eingegangen werden, da sie Charakteristika wie aktuelle Tendenzen im klinisch therapeutischen Feld wiederspiegeln und für vorliegende Arbeit empirisches Material liefern.

3.3.1 Logopädische Versorgung, häufigste Störungsbilder, Verteilung nach Alter und Geschlecht

Die Anzahl der mit der GEK abrechnenden logopädischen/ sprachtherapeutischen Praxen stieg von 2007 zu 2008 um 8,7% (von 2006 zu 2007 um 6,51 %) (vgl. ebd., S. 45). Stellt man dagegen den relativ geringen Anstieg der Ausgaben für Heilmittel der Sprachtherapie/Logopädie pro Leistungsversicherten der GEK 2008 (+2,3%), so spricht dies für eine Zunahme der Konkurrenzsituation. Grohnfeldt verweist auf die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen: in den vergangenen 10 Jahren sind die eingeschulten Kinder um 18% zurückgegangen während gleichzeitig die Zahl der SprachtherapeutInnen um ca. 250% gestiegen ist. - Er fragt, wie mit der Situation eines ungebremsten Wachstums verantwortungsbewusst umzugehen sei und kritisiert die ausschließliche Freigabe an die Kräfte des freien Marktes, welcher in der Folge mit einseitigen Kosteneinsparungen reagieren könnte, „die letztlich aber den betroffenen sprachgestörten Menschen schaden könnten, indem negative Auswirkungen auf die Qualität der sprachtherapeutischen Versorgung auftreten können.“ (Grohnfeldt 2008, S. 137) Eine regionale Kontigentierung i. S. einer Begrenzung der Zahl an neu zugelassenen sprachtherapeutischen Praxen als auch eine gezielte Überprüfung von Qualitätsstandarts werden aus diesen Gründen für notwendig erachtet (vgl. ebd.).

Seit Jahren steigt der Anteil insbesondere der Kindern, die sprachtherapeutische Behandlungen zur Behebung von Stimm-, Sprech- und Sprachstörungen oder Ergotherapien zur Behandlung psychischer, sensorischer oder motorischer Störungen erhalten. Das wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) verzeichnet für den Beobachtungszeitraum 2003-2007 diesbezüglich einen kontinuierlich Anstieg der Verordnungszahlen (vgl. WIdO 2009, S. 20). Sprachtherapeutische Leistungen kommen besonders häufig im ersten Lebensjahrzehnt zur Anwendung: 56 Prozent aller sprachtherapeutischen Verordnungen entfallen auf „Sprachstörungen vor Abschluss der Sprachentwicklung“ und 12 Prozent auf Artikulationsstörungen (vgl. WIdO 2009, S. 32). Rechnet man hierzu noch die Gruppe der von Stottern und Stimmstörung betroffenen Kinder, so kommt man zu dem Ergebnis, dass annähernd 75 Prozent aller geleisteten logopädischen Maßnahmen sich auf die Altersgruppe der Unter-Zehn-Jährigen bezieht.

Ähnlich wie in der Ergotherapie lag der Verordnungsgipfel in der Sprachtherapie mit 54 Prozent im Jahr 2007 bei Kindern im Alter zwischen dem sechsten und neunten Lebensjahr (vgl. ebd., S. 34). Dies zeigt, dass entgegen den Empfehlungen der Fachgesellschaften die durchschnittliche Intervention später stattfindet „und damit aus fachlicher Sicht für bestimmte Entwicklungsstörungen möglicher Weise zu spät ansetzt.“ (Reindl u. a. 2008, S. 38)

Der Heilmittel-Bericht der GEK geht auch auf den Zusammenhang der Auftretenswahrscheinlichkeit von Sprachstörungen und sozialer Schichtzugehörigkeit ein: demnach tauchen Sprachstörungen vom niedrigen zum hohen sozialen Status 15,8 %, 8 % und 4,5 % auf (vgl. GEK 2009, S. 55). „Insgesamt sollte eine verbesserte Datenlage zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und zur Epidemiologie der Sprach- und Entwicklungs­störungen angestrebt werden.“ (ebd.)

Bei den seit Jahren zunehmenden Verordnungen für Kinder stellen sich Forscher die Frage, ob nach den Heilmittel-Richtlinien und nach medizinischer Notwendigkeit verordnet und behandelt wird. (Vgl. Reindel u. a. 2008; Grohnfeldt 2008) „Unbeantwortet bleiben insbesondere qualitative Fragen wie bspw. nach der Schwere der Erkrankung und der daraus folgenden Angemessenheit einer Behandlung. […] Die Faktoren, die für die Zunahme der logopädischen Verordnungen an Kinder verantwortlich gemacht werden können, bleiben letztlich im Dunkeln.“ (Reindl u. a. 2008, S. 38).

Neben der altersgruppenspezifischen Besonderheit zeigt sich in den herausgegeben Zahlen von 2006 auch eine markante geschlechtsspezifische Besonderheit: mit 62 Prozent aller Behandlungen fiel ein überdurchschnittlicher Anteil auf männliche AOK-Versicherte (vgl. ebd., S.35). Die Zahlen von 2007 bestätigen dies. Spezifiziert auf Jungen ergibt sich folgende Aussage: „Jungen, die einen Anteil an allen AOK-Versicherten von knapp 7 Prozent aufweisen, [erhalten] mit 45 Prozent fast die Hälfte aller sprachtherapeutischen Leistungen.“ (vgl. WIdO 2009, S. 33; Einfügung: J.L.)

Zumeist findet die logopädische Behandlung in einer ambulanten Praxis als sprachtherapeutische Einzelleistung statt; gruppentherapeutische Maßnahmen sind verschwindend gering. Die Einzelbehandlung mit 45 min, i. d. R. ein - bis zweimal wöchentlich stattfindend, ist die verordnungsstärkste Behandlungsform (71% AOK; 82% GEK). Eine durchschnittliche sprachtherapeutische Einzelbehandlung erstreckt sich über einen Zeitraum von annähernd fünf Monaten (vgl. Reindl u. a. 2008, S. 38).

3.3.2 Evidenzlage angewandter Therapien

Das Problem der Effektivitätsüberprüfung sprachtherapeutischer Intervention besteht in der fehlenden Möglichkeit sogenannte Doppelblindstudien anzulegen. Eine rein „technische“ Überprüfung ist damit nicht möglich, weshalb die interpersonale Qualität bei der Überprüfung im Vordergrund stehen muss, da „letztlich beide Kommunikationspartner zum Gelingen beitragen und intervenierende Variablen das Ergebnis unkontrolliert verfälschen können.“ (Grohnfeldt 2008, S. 138f.)

Mit Verweis auf die angloamerikanische Literatur kann die Wirksamkeit sprachtherapeutischer Maßnahmen als nachgewiesen gelten (McLean und Cripe 1997, Bode 2001), „wobei es jedoch keine prinzipielle Überlegenheit einer Methode über eine andere zu geben scheint.“ (ebd., S. 139) Grohnfeldt zieht Analogien zur Psychotherapieforschung: statt überlegene Behandlungsformen lassen sich da nur vier beeinflussende Wirkfaktoren herausstellen (Lambert 1992, Hubble et al. 2001; siehe Tabelle 1) - ähnliche Nachweise erwartet er auch für die Sprachtherapieforschung. „Neben den größten, nicht beeinflussbaren Anteilen an Patientenmerkmalen (u. a. Selbstheilungskräfte, Persönlichkeitsfaktoren) sind es vor allem Aspekte der therapeutischen Beziehung, die die Wirksamkeit einer Therapie beeinflussen.“ (Grohnfeldt 2008, S.140)

Tab. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Autor vorliegender Arbeit befindet diese Einschätzung als zu undifferenziert, hält man sich das breites Spektrum logopädischer Behandlungsanlässe, als auch die Heterogenität der einzelnen Störungsbilder vor Augen.

Je treffender eine gezeigte Problematik diagnostiziert bzw., bei Störungen mit psychosomatischem Charakter, je klarer die hinter der gezeigten Problematik stehenden Verursachungsbedingungen gefasst werden können, desto mehr können und müssen spezifisch therapeutische Techniken zur gezielten Verbesserung der Problematik bzw. zur Beeinflussung der hintergründigen Verursachungsbedingungen zur Anwendung kommen. Dass dabei spezifische Techniken aufgrund der dennoch vorfindlichen Komplexität wie Individualität von Kommunikationsstörungen nicht absolutiert werden dürfen, versteht sich von selbst. Dennoch möchte der Autor auf die erhebliche Streubreite von Behandlungsanlässen aufmerksam machen, welche in Grohnfeldts gezeichnetem Bild untergeht. Es ist die Ambivalenz deutlich zu machen, die sich aus einer unspezifisch „ganzheitlichen“ Behandlung und spezifischen Interventionsformen ergibt; beide sind dem Behandlungsanlass entsprechend abzugleichen. Bei klarer Genese ist das unspezifische Vorgehen nach dem Motto „Viel hilft viel“ abzulehnen, da es nur zur Verwirrung und zu einem unnütz verlängerten Behandlungszeitraum beiträgt. Andererseits besteht die Gefahr beim spezifisch methodisch-technischen Vorgehen darin, das „große Ganze“ aus den Augen zu verlieren, womit dem bzw. der von einer Kommunikationsstörung betroffenen Person/-en andere, der Störung entsprechendere Sicht- wie Vorgehensweisen vorenthalten werden.

Bei Grohnfeldts Wirkfaktoren-Einschätzung wird auf spezifische Beratungsansätze sowie die allgemeine Interventionsform „Beratung“ nicht eingegangen. Sie ist in der Tabelle 1 vermutlich unter „Techniken“ einzugliedern; dass dieser Faktor „Techniken“ mit allen therapeutischen Interventionen einschließlich Beratung nur 15% ausmachen soll, ist in Zweifel zu ziehen, zumindest zu problematisieren. Der Anteil von Beratung im Therapiealltag als auch die zur Anwendung kommenden Beratungsformen sind gezielt zu untersuchen.

3.4 Pädagogik, Technologiedefizit, Intuition, Auswüchse

Entgegen dem Trend einer zunehmenden Konzentration auf sprachtherapeutisch orientierte Spezialisierung und der Suche technischer Aspekte ihres Aufgabenkanons betonen Bahr und Lüdtke ganz basal das pädagogisch Wesentliche im Therapiealltag wie in der Wissenschaft sowie die normativen Aspekte der sprachheilpädagogischen Aufgabenbestimmung, denn: „[….] zu leisten war und ist die Verknüpfung von sprachspezifischem Verstand und pädagogischem Geschick.“ (Bahr und Lüdtke 2000, S. 79) Beide Autoren gehen in ihrem Beitrag auf die pädagogische Dimension von Sprachheilpädagogik/Logopädie wie auf Phänomenologisches in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient ein, was im Rahmen der Arbeit leider nicht ausgeführt, sondern hier nur kurz erwähnt werden kann: die wechselseitige Hinwendung zum sprechenden Gegenüber und zu den bezeichneten Dingen, die Bedeutung emotionaler Qualitäten, die tiefe Frage nach dem Wesen und Bedürfnissen des sprachbeeinträchtigten Gegenübers sowie die pädagogische Atmosphäre in ihrer raumbildenden, schützenden, verbindenden, tragenden sowie formenden Funktion. Bahr und Lüdtke warnen vor einer fortschrittsgläubigen pädagogischen Illusion; auch innerhalb der Sprachheilpädagogik sind Stillstände, Rückschritte oder Abbauprozesse Realität: „Laryngektomierte[5] Patienten sterben an einem Rezitiv, Menschen mit Aphasie erleiden einen zweiten Schlaganfall, der dysgrammatisch sprechende Schüler der Lernbehindertenschule stößt […] allmählich an die Grenzen seiner Wortschatzerweiterung und der kaum noch stotternde Jugendliche erleidet durch neue traumatisierte Ereignisse eine Verschlimmerung seiner Symptomatik.“ (ebd., S. 93f.) Das Ziel sprachfördernden Wirkens sehen die Autoren darin, „Bildungsziele im Einklang von personenimmanenten Bedürfnissen und gesellschaftlich bestimmtem Bedarf zu formulieren und ihre Verwirklichung unabhängig von der Person unangemessenen Bildungsidealen zu unterstützen.“ (ebd.)

„Sprachheilpädagogik und Logopädie haben zu allen Zeiten, über alle Rationalität und Objektivität hinaus, die Technologieschwächen ihrer Sprachtherapie eingeklagt. Sie haben kommunikations- und veränderungssensible Sprachtherapie als ein Netzwerk komplexer funktionaler Wechselwirkungen aus sprachlichen und nichtsprachlichen Leistungen praktisch erfahren. Die immer wieder fehlende Herstellbarkeit und Berechenbarkeit der Effekte von Therapie gilt unter Praktikern als Faktum.“ (Baumgartner und Giel 2000, S. 287) Die Praxiserfahrung wie erste Evidenzstudien zeigen, dass es mehrere wirksame Varianten für die Behandlung einer umschriebenen Sprachstörung gibt, was in Zusammenhang mit den spezifischen Ressourcen des Patienten gesehen werden muss. Sprachtherapeuten stellen für den einzelnen Klienten mit seinen individuell sprachlichen und kommunikativen Problemlagen, aber auch nach persönlichen Vorlieben, eine individuelle Behandlung aus verschiedenen Therapiebausteinen zusammen. Erfahrene Sprachtherapeuten verfügen über mehrere Handlungsalternativen, „mit denen sie adaptiv ihr Vorgehen flexibel auf die sich laufend ändernde Lernlage des Klienten zuschneiden [...]. Sie wissen, dass der sprachtherapeutische Prozess, obwohl strukturiert und zielorientiert, nicht selten der soliden und gekonnten Vorausplanung entgleitet. Sie wissen, wie in der erlebten Komplexität des praktischen Geschehens Kenntnisse wissenschaftlicher Theorien mit im Moment aufflackernden persönlichen Theorien, mit intuitivem Erkennen als unmittelbarem Erfassen des Ganzen zusammenfließen.“ (ebd., S. 306) Baumgartner und Giel stellen damit die Intuition wie einfühlendes Verstehen auf Seiten des Therapeuten als etwas Zu- Wagendes, Positives heraus, was in wissenschaftlichen Beiträgen aufgrund der schweren Fassbarkeit der Begriffe zumeist ausgelassen wird, da damit erhebliche Risiken verbunden sein können. Doch Baumgartner und Giel benennen gleichzeitig auch die Grenze: „Einfühlendes Verstehen ist solange nicht problematisch, als seine Vorgehensweise und Interpretation offen gelegt und diskutierbar wird.“ Und weiter: „Einfühlend verstehende Sprachtherapie ist auf das Korrektiv naturwissenschaftlicher Methodik mit ihrer analytisch-rationalen Prüfung angewiesen.“ (ebd., S. 288) Auf der anderen Seite konstatieren die Autoren im logopädischen Alltag nämlich auch einen „Ganzheitlichkeitskult“ (ebd., S.296) mit Abdriftungen in Irrationalität und Heilslehren, was sich die Autoren durch die „noch unzureichende Wissensbasis als auch durch eine mangelnde Unsicherheitstoleranz bei den Therapeuten, die ja unter Handlungs-und Erfolgszwang stehen […]“ (ebd., S. 285), erklären. Ebenfalls zu einer antiprofessionellen Sogwirkung führten „Arbeitsroutinen und Traditionen in Verbindung mit privaten Meinungen, Hausverstand und pädagogischem Alltagsbewusstsein […].“ (ebd., S. 285; Auslassung: J.L.)

Die Autoren kritisieren scharf, dass häufig noch viel zu wenig bewusst sei, „dass die Anwendung sprachtherapeutischer Techniken nicht frei von sozialer Selektion und rücksichtsloser Formung der zu behandelnden Personen ist.“ (ebd., S. 282) Beispielsweise sei hier auf aktuelle Therapieprogramme für stotternde Kinder verwiesen: Eltern (oder gar Geschwister) werden darin als Co-Therapeuten ausgebildet, um auch im Alltag mit dem stotternden Kind das „richtige“ Sprechen zu trainieren - Kollbrunner, der Stottern als psychosomatische Krankheit auffasst, sieht darin Traumatisierungen des Kindes und vermisst in diesen Ansätzen die Stärkung elterlichen Erziehungsverhaltens einschließlich der Anregung zu Blickerweiterungen für Situationen in denen ihr Kind stottert. (Vgl. Kollbrunner 2004, S. 122f.) „Es lohnt sich immer wieder kritisch nachzufragen, was unter dem Deckmantel des Humanismus an harmlos sich gebenden, freiheitswidrig disziplinierenden Tendenzen vollzogen wird.“ (Baumgartner und Giel 2000, S. 282)

3.5 Nutzen und Grenzen von Evaluation (Umgang mit Komplexität)

Der vielerorts beklagte „sprachtherapeutischer Wildwuchs“ (vgl. Baumgartner und Giel 2000, S. 275) verlangt bei aller Mitmenschlichkeit und allem persönlich verantwortetem Engagement der Therapeuten die Wissenschaftlichkeit ihres praktischen Handelns. „Was sich intersubjektiv zwischen Therapeut und Klient vollzieht, bedarf systematischer Datengewinnung und Vorgehenskontrolle, Bedarf vorausgehender und nachfolgender kritisch-gelernter Rationalität. Nicht anything goes, sondern nur das, was wissenschaftlich geprüft ist und sich im Rahmen des Möglichen objektivierender Überprüfung stellt.“ (ebd., S. 285)

Qualitätssicherung im klinisch-therapeutischen Feld bezieht sich sowohl auf die Güte der Diagnose als auch auf den Erfolg der spezifischen Intervention im Bereich von Therapie , Rehabilitation und Beratung.

Wie oben herausgestellt sind Sprachheilpädagogik und Logopädie ihrem Wesen nach interdisziplinär angelegt. Doch ihr Vorteil, die fachübergreifende Herangehensweise, birgt gleichzeitig das Problem einer „sinnvollen Verbindung der Fachspezifika, besonders aufgrund des Problems der Kriterien, welche die einzelnen Fachdisziplinen für Wissenschaftlichkeit und Aussagegültigkeit anlegen.“ (Grohnfeldt und Ritterfeldt 2000, S. 31)

Warum stottern mache Menschen? Lässt sich das Zutreffen einer Diagnose wohl noch am ehesten disziplinübergreifend beschreiben und überprüfen, so sind die Grenzen der Interdisziplinarität betreffend der Fragen nach Ätiologie wie davon abgeleiteter Therapie und eng damit verknüpfter Beratung schnell erreicht. Die jeweiligen Disziplinen favorisieren zumeist aufgrund der Vertrautheit ihre eigenen Modelle, und dies nicht unbedingt, weil die gewählten Modelle auch die besten Modelle darstellten (ebd., S. 36). Teilweise ist es sogar so, dass einzelnen Disziplinen sich sogar widersprechende Antworten auf Fragen der Entstehung und Behandlung der Störungen geben. Jede Klassifikation engt ein und vermittelt dadurch eine vermeintliche Handlungssicherheit; gewählte therapeutische Herangehensweisen bedürfen daher einer kontinuierlichen Überprüfung der Gegenstandsangemessenheit.

Aufgrund des insgesamt noch sehr lückenhaften Wissens im Bereich der Logopädie müssen sich Handlungsentscheidungen eher im Bereich des Hypothetischen und Vagen bewegen. Grohnfeldt und Rittefeld machen damit deutlich, dass solange viele Fragen noch offen sind, „jeder Sprachheilpädagoge/Logopäde gefordert [ist], eine Entscheidung zu treffen, wie er mit der dadurch entstehenden Handlungsunsicherheit umgeht. […] Interdisziplinäres Handeln erfordert damit sowohl die Bereitschaft, sich auf alternative und weniger vertraute Denkmodelle einzulassen, als auch ein hohes Maß an Unsicherheitstoleranz gegenüber Nicht-Wissen und zeichnet sich im Idealfall durch unideologisches Vorgehen aus.“ (Grohnfeldt und Rittefeld 2000, S. 30; Umstellung, Auslassung: J.L.) Es gilt im therapeutischen Alltag eigene Modellannahmen offen zu legen und ihre Brauchbarkeit zu reflektieren; unangemessener Komplexitätsreduktion ist also nur durch Reflexionsvermögen zu begegnen – was bei den zentralen Forderungen nach Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung aus pädagogischer Sicht die Forderung insbesondere nach der Qualifikation der Menschen stellt, die professionell sprachfördernd wirken (vgl. Bahr und Lüdke, S. 114).

Dem lauten Ruf nach allgemeingültigen wissenschaftlichen Definitionen und Handlungsanweisungen in der Sprachtherapie halten Baumgartner und Giel entgegen: „Verträgt Sprachtherapie keinen momentanen Lernstillstand, keine spontane sprachlich-kommunikative Entdeckungsfreude, keine momentan unspezifische diagnostische und therapeutische Suchhaltung, ohne ineffizient zu werden? Können die Standardisierung einer Methode und der Zwang zur Effizienzkontrolle das Unwägbare und den Zweifel an der Gewissheit in personenbezogenen sprachlichen und kommunikativen Beziehungsgestaltungen wirksam eliminieren?“ (Baumgartner und Giel 2000, S. 308)

[...]


[1] Um eine gute Lesbarkeit sicherzustellen, wird zum Teil auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Formen verzichtet. Sollte im Folgenden entweder nur die männliche oder nur die weibliche Bezeichnung eines Begriffs aufgeführt sein, sind selbstverständlich beide Formen gemeint.

[2] Störung des Sprechens und der Stimme infolge erworbener Schädigungen des Gehirns bzw. der Hirnnerven und peripherer Gesichtsnerven (Vgl. Franke 2004, S. 62)

[3] Erworbene, zentrale Sprachstörung infolge hirnorganischer Schädigung (Vgl. ebd., S.21)

[4] Störungen bei der Verwendung von Sprachlauten: Laute können zwar isoliert korrekt gebildet, aber nicht gemäß den sprachsystematischen Regeln angewandt werden (Vgl. Hacker und Wilgermein 2001, S. 11)

[5] Laryngektomie – operative Entfernung des Kehlkopfes aufgrund maligner Tumoren (Franke 2004,

S. 130)

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Logopädie im Blickfeld von Sozialpädagogik
Untertitel
Plädoyer für eine stärkere Einbindung der Beratungswissenschaften in die Sprachtherapie/Sprachheilpädagogik
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Fakultät Erziehungswissenschaften/Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
72
Katalognummer
V177333
ISBN (eBook)
9783640989737
ISBN (Buch)
9783640989805
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Gutachters: "(...) Der Autor befasst sich vor dem Hintergrund seiner eigenen beruflichen Profession mit der Verortung der Logopädie im Medizinsystem und der Notwendigkeit einer Verschränkung von Logopädie und Beratungswissenschaft. (…) Die methodische Anlage der Arbeit ist sowohl in Fragestellung, Thesenbildung, Diskussion und abgeleiteten Konsequenzen (…) vorbildlich und gleichzeitig praxisnah. Es handelt sich insgesamt um eine anspruchsvolle und dabei sehr gut lesbare Arbeit, die allen formalen Anforderungen genügt."
Schlagworte
Logopädie, Sprachheilpädagogik, Beratung, Sozialpädagogik, Sprachentwicklungsverzögerung, Stottern, Stimmstörung, Pädagogik, Elternberatung, Sprachtherapie, Psychosomatik, Institutionalisierung, Akademisierung
Arbeit zitieren
Jan Leuthold (Autor), 2010, Logopädie im Blickfeld von Sozialpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177333

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