Analyse und Interpretation der Serie "Twin Peaks"


Seminararbeit, 2010

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Narrative Strukturen und Konstellationen
2.1 Genreaspekte und Rhytmisierung
2.2 Großdramaturgie
2.3 Personen und Konstellationen
2.4 Die Topographie von Twin Peaks
2.5 Intertextualität

3. Visuelle und auditive Inszenierung, Semantik und Ästhetik
3.1 Zeitlichkeit
3.2 Auditivität
3.3 Innen ist Außen ist Innen
3.4 Fire Walk With Me – Ein Spiel zwischen Gut und Böse
3.5 Das fremde Ich im Spiegel
3.6 Traumsequenzen

4. Schluss

5. Quellenangabe

“If I'd known all your ghosts

I never would have come so far

I spend too many hours

wondering who you really are”

(Auszug aus dem Lied “Twin Peaks” der Band Surfer Blood)

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll die Fernsehserie „Twin Peaks“ sowohl analysiert und interpretiert werden. Dies beinhaltet zum einen die Analyse der narrativen Strukturen und Konstellationen, sowie die ästhetische Ebene der Visualität und Auditivität. Als Einführung sollen zunächst einige der Produktions-voraussetzungen erläutern werden, um anschließend auf die Rezeption und Distribution der Serie einzugehen.

Twin Peaks ist aus einer Zusammenarbeit des Fernsehautors Mark Frost und des Filmregisseurs David Lynch entstanden. Sie produzierten die Serie gemeinsam durch die Gründung ihrer eigenen Produktionsgesellschaft „Lynch/Frost Productions“ und unter der Schirmherrschaft des amerikanischen Fernsehsenders ABC, welcher die Arbeit an Twin Peaks nur geringfügig beeinflusste. Die einzig schwerwiegendere Forderung von ABC an David Lynch und Mark Frost bezog sich auf die Bekanntgabe von Laura Palmers Mörder in der zweiten Staffel.

Frost und Lynch arbeiteten zudem mit einem Team aus diversen Regisseuren wie Caleb Deschanel und Duwayne Dunham und Autoren, unter anderem Harley Peyton und Robert Engels. Obwohl verhältnismäßig viele Personen an Twin Peaks mitgewirkt haben, ist die stilistische Handschrift des Produzententeams Lynch/Frost dabei nicht verloren gegangen, im Gegenteil, die Twin Peaks - Folgen stehen als „Dokumente des angewandten Lynchismus“[1].

Vor allem David Lynch, dessen Fernsehdebüt durch Twin Peaks erfolgte, nutzte das Medium Fernsehen, um sich dessen Serialität zu eigen zu machen. Im Gegensatz zum Film erlaubte das Fernsehen, dass sich Zeit genommen wird, um auf scheinbar unwichtige Details einzugehen, um Momente in ihrer vollen Länge auszukosten und die Zuschauer dadurch des Öfteren in die Irre zu führen. Über weitere ästhetische Charakteristika der Serie werde ich im folgenden Verlauf des Textes näher eingehen.

Die Arbeit an Twin Peaks startete unter dem Titel „Northwest Passage“ und wurde erst später nach dem Ort umbenannt, an dem die Serie spielt. Die Idee hinter Twin Peaks stand jedoch von Anfang an fest. Es sollte ein Mord im Rahmen einer Soap-Opera geschehen, dessen farbloses Milieu sich deutlich gegen die gewohnt bunten Fernsehorte wie Dallas oder Denver absetzt und somit ein anderes, vielleicht realitätsnäheres Amerika zeigt.

Die Distribution der Serie erfolgte in den USA durch den Sender ABC der die beiden Staffeln zwischen der Premiere am 08. April 1990 und der letzten Folge am 10. Juni 1991 wöchentlich zur sogenannten „Primetime“ ausstrahle. Twin Peaks war auf nationaler Ebene ein großer Erfolg; die Frage „Who killed Laura Palmer?“ wurde zum allgegenwärtigen Mythos. Bereits der Pilotfilm konnte Zuschauerzahlen von 35 Million verbuchen, welches einem Drittel der derzeitigen Fernsehnation entsprach. In den USA erwuchs eine enorme Fangemeinde, die sich mit den verschiedenen Rätseln von Twin Peaks auseinandersetzte. Auch nach Absetzung der Serie gab es Fanartikel wie das Buch „The Secret Diary Of Laura Palmer“. Überdies wurde Twin Peaks 1991 mit drei Golden Globes ausgezeichnet: David Lynch und Mark Frost erhielten den Preis für die beste Dramaserie, weitere Auszeichnungen gingen an die Darsteller Kyle MacLachlan (spielt Special Agent Dale Cooper) und Piper Laurie (spielt Catherine Martell).

Twin Peaks wurde schließlich an 55 Länder verkauft. In Deutschland lief die Serie ab 1991 auf dem Sender RTL Plus, doch während der zweiten Staffel nahm die Zuschauerzahl so sehr ab, dass Twin Peaks nicht zu Ende ausgestrahlt wurde. Die internationale hob sich also maßgeblich von der nationalen Rezeption ab.[2]

2. Narrative Strukturen und Konstellationen

2.1 Genreaspekte und Rhytmisierung

Twin Peaks ist kein eindeutiges Genre zuzuordnen, allein aus dem Grund dass die Zuordnung eines Genres immer eine bestimmte Erzählweise signalisiert und damit bestimmte Erwartungen stimuliert[3], welche die Serie in jedem Fall enttäuschen oder vielmehr übertreffen würde. Twin Peaks geht über die gewohnte Seherfahrung und das traditionelle Fernseherleben hinweg, insofern dass vor allem hinsichtlich des Genre eine Mehrfachkodierung[4] stattfindet. So findet man unter anderem Elemente des klassischen „Whodunit-Krimi“ vor, da es in den ersten Folgen vor allem um die Aufklärung des Mords an Laura Palmer durch den FBI Special Agent Dale Cooper und die lokale Polizei geht. Züge eines Dramas werden durch die Personenkonstellationen und deren Entwicklungen sichtbar, da vordergründig Liebesaffären, familiäre Relationen sowie kriminelle Beziehungen thematisiert werden. Charaktere und ihr Umfeld werden beleuchtet und ihre Entwicklung im Laufe der Serie deutlich verfolgt. Einige Comedy-Momente erleben wir vor allem in Dialogen zwischen Charakteren, durch Personen wie Lucy, die Empfangsdame der Twin Peaks Sheriffstation, oder Special Agent Dale Cooper selbst. Vor allem jedoch sind es die absurden Momente der Serie, die auf einen skurrilen Humor und eine eigenwillige Ästhetik hindeuten: ein Hirschkopf, der plötzlich auf dem Tisch der Sheriffstation liegt, akribisch aufgereihte Doughnuts oder die „Log Lady“, welche stets einen Baumstumpf wie ein Baby in ihren Armen mit sich trägt. Letztlich ist jedoch anzumerken, dass Twin Peaks von Serie zu Serie an mystischen und mythischen Elementen gewinnt und Symbole in Form des tanzenden Zwergs und des prophezeienden Riesens auftauchen, und Traum und Realität sich nicht nur bedingen, sondern oft auch nicht voneinander zu unterscheiden sind.

Bezüglich der Rhytmisierung ist festzustellen, dass es sich bei jeder Twin Peaks Folge um eine Fortsetzungsgeschichte handelt, die mit einem spannungsgeladenen „cliff-hanger“ endet. Die Erzählungen sind nie abgeschlossen sondern es besteht eine ständige narrative Entwicklung, da mehrere Handlungsstränge verfolgt werden. Selbst das Ende der letzten Serie markiert keinen wirklichen Schluss, sondern verdeutlicht vielmehr die vielen losen Enden und das undurchdringbare Gestrick der Serie.[5] Theoretisch könnte die Serie aufgrund der vielen inhaltlichen Handlungen bis ins Unendliche fortgeführt werden, der Begriff „Ende“ wird in gewissem Maße also aufgehoben.[6]

Eine Episode beschreibt immer eine erzählte Zeit von 24 Stunden, die Erzählzeit beläuft sich auf 45 Minuten. Insgesamt beinhalten die beiden Staffeln von Twin Peaks 29 Folgen sowie einen 90-minütigen Pilotfilm.

2.2 Großdramaturgie

In inhaltlich-thematischer Hinsicht lässt sich die Serie in zwei Abschnitte teilen. Der erste Teil (Folge 1 bis 16) beginnt mit dem Fund der in Plastikfolie gewickelten Leiche Laura Palmers. Special Agent Dale Cooper vom FBI wird nach Twin Peaks beordert, um dem Fall nachzugehen. Er findet heraus, dass es sich bei Lauras Mörder mit hoher Wahrscheinlichkeit um den selbigen handelt, der bereits ein Mädchen namens Teresa Banks getötet hat. Dies findet er durch ein kleines Stück Papier mit dem Buchstaben „R“ heraus, welches unter Lauras Fingernagel platziert wurde und sich in ähnlicher Form auch unter Teresas Fingernagel befand. Von diesem Zeitpunkt an konzentriert sich die Erzählung zunächst auf die Aufklärung des Verbrechens. Gleichzeitig lernt der Zuschauer recht schnell alle beteiligten Personen kennen, sowie, mit Ausnahmen, ihre Beziehungen zueinander. Es ergeben sich diverse, parallel laufende Handlungsstränge, die teilweise fortgeführt werden, teils jedoch auch abgebrochen werden. Mit fortschreitenden Ermittlungen wird zudem deutlich, dass das Verbrechen an Laura Palmer nur eins unter vielen ist und dass Twin Peaks unter dem trügerischen Deckmantel der amerikanischen Provinz viele düstere Geheimnisse zu verbergen hat. Nach der Aufklärung des Verbrechens kann die soziale Ordnung daher nicht ohne weiteres wieder hergestellt werden, da eine Untat die nächste aufdeckt, bzw. auslöst und das Böse letztlich grenzenlos ist.[7] Agent Cooper gelingt es durch Dekodierung der verschlüsselten Informationen, die er in seinen Träumen erhält, den Fall aufzuklären und Lauras Vater Leland Palmer als Mörder zu stellen. Man findet heraus, dass Leland Palmer seit seiner Kindheit von einem bösen Geist heimgesucht wird, „Bob“, der ihn die Morde hat begehen lassen.

Der zweite Teil (Folge 17 bis 29) behandelt den Konflikt zwischen Böse und Gut, personifiziert durch Windom Earle, einem ehemaligen FBI-Agenten, und Dale Cooper. Außerdem erfahren wir mehr über die rätselhaft-symbolischen Orte „White Lodge“ und „Black Lodge“. Doch wie Nietzsche sagte: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange genug in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“[8], gipfelt der Konflikt in der Erkenntnis, dass das Gute gegen das Böse machtlos ist. Nachdem Dale Cooper in der Black Lodge auf Windom Earle getroffen ist und ihm seine Seele gegen das Leben seiner Geliebten Annie angeboten hat, wird Windom Earle durch Bob zerstört, jedoch nur damit er selbst von Agent Cooper Besitz ergreifen kann. So kehrt Dale Cooper nach Twin Peaks zurück, blickt in den Spiegel und sieht sich als Bob, das personifizierte Böse.

2.3 Personen und Konstellationen

In Twin Peaks gibt es keine eindeutige Hauptfigur. Alle Charaktere sind mehr oder weniger aktiver Bestandteil der Serie und in einen oder mehrere Handlungsstränge eingebunden. Alle stehen entweder in sexueller, krimineller, ökonomischer oder familiärer Beziehung zueinander.[9] Es gibt viele geheime Liebschaften und versteckte Beziehungen. David Lynch sagte selbst: „Die einzigen normalen Menschen in dieser Stadt sind die, die man nicht kennenlernt. Je mehr man über die Figuren herausfindet, um so phantastischer werden die Dinge.“[10] Die Entwicklung der Charaktere steht also in direktem Zusammenhang zur Dramaturgie der Serie. So wird auch mit fortschreitender Entwicklung erkennbar, dass die Bewohner von Twin Peaks „deutlich ihre sozialen Rollen [tragen] (…), gleichzeitig treten Momente des Individuellen hervor“[11]. Wir finden Figuren vor, die auf den ersten Blick stereotyp erscheinen, wie den Provinzsheriff Harry S. Truman, den kapitalistischen Hotelmanager Benjamin Horne, den Biker James Hurley oder den Rebell Bobby Briggs. Doch im Laufe beider Staffeln wird zunehmend deutlich, dass jeder ein Doppelleben zwischen stereotyper sozialer Rolle und Verbrechen besitzt, ein dunkles Geheimnis oder eine fragwürdige Vergangenheit mit sich trägt. Die Persönlichkeitsspaltung, bzw. die Schizophrenie bestimmt das Wesen der Twin Peaks Einwohner.[12] Ebenfalls wird Twin Peaks von einer „spätkapitalistischen Gesellschaft“ beherrscht, welche „unter einer Maske der Zivilisierung alle dunklen Triebe wieder freigesetzt hat. Die gesellschaftlichen Institutionen, der Priester, der Arzt, der Sheriff, haben den Kampf verloren (…)“[13]. Es dominiert eine extreme, oft unterschwellige Triebhaftigkeit, die durch geheime Liebesaffären, Drogenkonsum, Bordellbesuche oder Prostitution befriedigt wird. Die Seriencharaktere können daher als „präzise Darstellungen eines kulturgeschichtlichen Typus, des bürgerlichen Triebmenschen“[14] betitelt werden.

[...]


[1] Seeßlen, Georg: „David Lynch und seine Filme“, Marburg, 2007, S.113

[2] Fischer, Robert: „David Lynch – Die dunkle Seite der Seele“, München, 1997, S. 158-164

[3] Vgl.: Hickethier, Knut: „Film- und Fernsehanalyse“, Stuttgart, 2007, S.203

[4] Vgl.: Fischer, Robert: „David Lynch – Die dunkle Seite der Seele“, S.160

[5] Vgl.: Jerslev, Anne: „David Lynch – Mentale Landschaften“, Wien, 2006, S.192

[6] Vgl.: Ebd.: S, 178

[7] Vgl.: Jerslev, Anne: „David Lynch – Mentale Landschaften“, S.182

[8] Bodmer, Michel zitiert in: Seeßlen, Georg: „David Lynch und seine Filme“, S.112

[9] Vgl.: Seeßlen, Georg: „David Lynch und seine Filme“, S.115

[10] Zitiert in: Fischer, Robert: „David Lynch – Die dunkle Seite der Seele“, S.154

[11] Ebd.: S.121

[12] Vgl.: Ebd. S.115

[13] Ebd.: S.121

[14] Ebd.: S.121

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Analyse und Interpretation der Serie "Twin Peaks"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Medien und Kultur)
Veranstaltung
Serienwelten lesen: Analyse der Gattungsgeschichte und Ästhetik der TV-Serie
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V177337
ISBN (eBook)
9783640989744
ISBN (Buch)
9783640989812
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, interpretation, serie, twin, peaks
Arbeit zitieren
Marie Beckmann (Autor), 2010, Analyse und Interpretation der Serie "Twin Peaks", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177337

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