Nachhaltige Stadtentwicklung in Rio de Janeiro


Seminararbeit, 2010

13 Seiten, Note: 1,0

Luciana K.haotica (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Urbanisierung

3. Das Leben in den brasilianischen Favelas

4. Die Millenniums-Entwicklungsziele

5. Nachhaltige Stadtentwicklung

6. Favela-Politik in Rio de Janeiro bis 1994

7. Favela-Bairro-Programm
7.1 Stärken
7.2 Schwächen
7.3 Wie nachhaltig ist das Favela-Bairro-Programm?

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die globale Zukunftsbeständigkeit hängt immer mehr von einer nachhaltigen Entwicklung der Städte ab.“1 Städte spielen heutzutage eine zunehmend zentralere Rolle. Kofi Annan nannte das 21. Jahrhundert das „Jahrtausend der Städte“. Der Großteil der Weltbevölkerung wird eines Tages in städtischen Agglomerationen leben.2 Mit dem Phänomen der Verstädterung sieht sich die internationale Entwicklungspolitik mit neuen Problemen und Herausforderungen konfrontiert. Die Städte platzen aus allen Nähten. Wer sich kein besseres Leben leisten kann, leidet unter teils unerträglichen Bedingungen. Die Kluft zwischen arm und reich vergrößert sich zusehends.

Die vorliegende Arbeit stellt die nachhaltige Stadtentwicklung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit in den Mittelpunkt. Das erste Kapitel geht näher auf die Urbanisierung mit ihren Konsequenzen ein. Anschließend werden diese am Beispiel der brasilianischen Elendsviertel - der sogenannten Favelas - näher erläutert. Dabei wird wie in der gesamten Arbeit die Stadt Rio de Janeiro an der Ostküste Brasiliens den Schwerpunkt bilden. Es wird sich zeigen, dass Armut zu den Hauptproblemen in den Slums zählt. Ausgehend davon werden in einem Exkurs zwei der von den Vereinten Nationen ausgearbeiteten Millenniums-Entwicklungsziele näher vorgestellt.

Nach einer kurzen Einführung in die Thematik der „Nachhaltigen Stadtentwicklung“ wird diese am Beispiel Rio de Janeiro eingehend untersucht. Zunächst bietet das sechste Kapitel einen historischen Überblick über die lokale Favela-Politik. Der folgende große Abschnitt beschäftigt sich mit dem Favela-Bairro-Programm, einem Aufwertungsprojekt in Rio de Janeiro. Dabei wird anhand unterschiedlicher Aspekte die zentrale Frage erörtert, ob FavelaBairro den Maßstäben einer nachhaltigen Stadtentwicklung gerecht wird.

2. Urbanisierung

Die Zahl der sogenannten Megastädte, d.h. Städte mit über 10 Millionen Einwohnern, nimmt stetig zu. Dazu gehören auch die brasilianischen Metropolen São Paulo (17,8 Mio.) und Rio de Janeiro (10,8 Mio.) einschließlich ihrer Ballungsgebiete.3 Mittlerweile leben weltweit mehr Menschen in urbanen Gebieten als auf dem Land - Tendenz steigend. In Lateinamerika lag der Grad der Verstädterung in den letzten Jahrzenten bei über 75 Prozent.

Doch was zieht die Menschen in die Städte? Es ist die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Industrialisierung, moderne Technologien, Mobilität - all das zeugt von Fortschritt und scheint gute Chancen zu versprechen. Laut den Vereinten Nationen werden in den nächsten 30 Jahren zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben.4 Doch die zunehmende Urbanisierung und das rasche Wachstum der Metropolen bringen einige Probleme mit sich: Zum einen nimmt die Armut in den Städten immer mehr zu. Des Weiteren bewirkt der Zuzug aus ländlichen Gebieten eine Spaltung der Städte, indem die neuen Bewohner nur unzureichend in das städtische Leben integriert werden. Derzeit leben knapp 28 Prozent der Stadtbewohner in den Entwicklungsländern in absoluter Armut. In den Armensiedlungen oder Slums herrschen oftmals menschenunwürdige Lebensbedingungen. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge haben 25 bis 30 Prozent der Menschen in den Städten Lateinamerikas, Afrikas und des Mittleren Ostens keinen Anschluss an eine zureichende Trinkwasserversorgung.5

Die Vereinten Nationen haben sich dem Problem der Verstädterung angenommen und ausgehend von der ersten UN-Konferenz über menschliche Siedlungen 1978 das United Nations Centre for Human Settlements (UNCHS/Habitat) in Nairobi/Kenia ins Leben gerufen. Dieses wurde 2002 in das United Nations Programme for Human Settlements (UN-Habitat) überführt. Im Bereich Stadtentwicklung, Siedlungswesen und Wohnungsversorgung in Entwicklungsländern stellt UN-Habitat die zentrale Organisation der Vereinten Nationen dar. Die vorrangige Aufgabe besteht in der Förderung einer nachhaltigen Entwicklung der Städte. Dabei wird auf die Instrumente Politikberatung, Capacity-Bildung und Wissensmanagement zurückgegriffen. Des Weiteren unterstützt UN-Habitat die Zusammenarbeit von Regierungen, Städten, Nichtregierungsorganisationen sowie Privatleuten.6

3. Das Leben in den brasilianischen Favelas

In Brasilien leben ca. 80 Prozent der Bevölkerung in urbanen Gebieten. Die dortigen Elendsviertel heißen „Favelas“.7 Der Begriff stammt vermutlich aus dem 19. Jahrhundert. In der Siedlung Canudos brach ein Bürgerkrieg aus. Söldner, die dort gegen Rebellen gekämpft hatten, forderten schließlich das ihnen von der Regierung versprochene Land und ließen sich zu diesem Zweck in provisorischen Hütten nahe dem Kriegsministerium nieder. Diese Siedlung nannten sie Morro da Providência. Sie wurde jedoch bald in Morro da Favela umgetauft - benannt nach einer Pflanzenart im Sertão (brasilianisches Hinterland), auf welche die Söldner im „Krieg von Canudos“ aufmerksam wurden.8

Laut Statistiken wohnen 25 bis 40 Prozent der städtischen Bevölkerung Brasiliens in Favelas.9 Allein in Rio de Janeiro gibt es heute mehr als 750 solcher informeller Viertel.10 Familien, die sich keine herkömmlichen Wohnungen leisten können, besetzen Land am Rand der Stadt bzw. auf eigentlich nicht nutzbaren Flächen und errichten dort illegale Siedlungen, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Die bebauten Gebiete sind für eine Erschließung normalerweise völlig ungeeignet, da es sich z.B. um Sumpfgebiete, Flussufer oder steile Abhänge handelt. Die Favelas selbst sind weitestgehend rechtsfreie Räume und gehören somit nicht zur restlichen Stadt. Das bedeutet wiederum, dass weder eine annehmbare Infrastruktur noch andere städtische Dienstleistungen gewährleistet sind. Es fehlen oftmals befestigte Straßen, eine Kanalisation sowie sauberes Wasser. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Dadurch verstärkt sich in hohem Maße die Anfälligkeit für Krankheiten sowie ihre Ausbreitung. Ärztliche Hilfe gibt es in den Slums jedoch kaum. Des Weiteren fehlen in den Favelas soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder auch Jugendzentren. Erschwerend hinzu kommt das rasche Wachstum der Bevölkerung in den Armensiedlungen. Eine ausreichende Versorgung aller Bewohner ist somit nahezu unmöglich. Ein großes - oft thematisiertes - Problem stellen die Drogenbanden und Verbrechersyndikate dar, die von den Favelas aus operieren und im Wirrwarr der schmalen Gassen idealen Unterschlupf finden. Hin und wieder fallen auch Zivilpersonen der Gewalt zum Opfer, indem sie z.B. von Querschlägern getroffen werden. Das Leben in den Favelas ist von Angst und Elend, aber auch einem immer währenden Funken Hoffnung geprägt.11

4. Die Millenniums-Entwicklungsziele

Im September 2000 unterzeichneten 189 Staaten die Millenniums-Erklärung der Vereinten Nationen. Sie wollten damit sicherstellen, dass kein Mensch auf der Welt durch den Prozess der Globalisierung in irgendeiner Art und Weise benachteiligt wird. Aus dieser Erklärung wurden 2001 acht Millenniums-Entwicklungsziele abgeleitet, die durch ihre insgesamt 18 Zielvorgaben und 48 Indikatoren zu messbaren Größen wurden. Das erste und zugleich höchste der Millenniums-Entwicklungsziele ist die „Beseitigung der extremen Armut und des Hungers“. Unter Zielvorgabe 1 heißt es: „Zwischen 1990 und 2015 den Anteil der Menschen halbieren, deren Einkommen weniger als 1 Dollar beträgt“. Zielvorgabe 2 lautet:

„Zwischen 1990 und 2015 den Anteil der Menschen halbieren, die Hunger leiden“.12 Armut wird oftmals mit einem niedrigen Einkommen gleichgesetzt, doch Armut bedeutet ebenso „geringe Beteiligungsmöglichkeiten im wirtschaftlichen und im politischen Leben, Gefährdung durch Risiken, Missachtung der Menschenwürde und der Menschenrechte sowie fehlender Zugang zu Ressourcen.“13 Ein Schwerpunkt bei der Bekämpfung der Armut liegt dennoch auf der beruflichen Aus- und Weiterbildung.14 Denn der geringe Bildungsgrad und die hohe Arbeitslosigkeit in den Armensiedlungen reduzieren nicht nur die Lebensqualität der Bewohner, sondern auch ihre wirtschaftliche Produktivität.15 Besonders betroffen davon sind Jugendliche und Frauen. Eine steigende Beschäftigung v.a. von Jugendlichen soll gleichzeitig der Gewalt- u]nd Konfliktprävention dienen.16

Für die vorliegende Arbeit außerdem sehr wichtig ist das Millenniums-Entwicklungsziel 7: „Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit“. Von großer Bedeutsamkeit sind dabei die Zielvorgaben 10 („Bis 2015 den Anteil der Menschen um die Hälfte senken, die keinen nachhaltigen Zugang zu sanitärer Basisversorgung haben“) und 11 („Bis 2020 eine erhebliche Verbesserung der Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohnern herbeiführen“).17

Vom 28. August bis zum 4. September 2002 fand in Johannesburg der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung (WSSD) statt. Der ausgearbeitete Aktionsplan enthält u.a. das Ziel bis 2015 den Anteil der Menschen zu halbieren, die weder einen Zugang zu sauberem Wasser noch zu einer sanitären Grundversorgung haben.18

5. Nachhaltige Stadtentwicklung

Das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung wird erstmals 1987 im Abschlussbericht der Brundtland-Kommission „Unsere gemeinsame Zukunft“ formuliert und bei der UN- Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) 1992 in Rio de Janeiro zum ersten Mal praktischer Bestandteil der internationalen Politik.19 Als nachhaltig gilt demnach eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“20

[...]


1 Cramer/Schmitz 2004: 15.

2 Vgl. Cramer/Schmitz 2004: 12.

3 Vgl. Pamuk/Cavallieri 2004: 17.

4 Vgl. Cramer/Schmitz 2004: 12.

5 Vgl. Cramer/Schmitz 2004: 14f.

6 Vgl. BMZ 2006: 128f.

7 Vgl. Fernandes 2004: 11.

8 Internet: vgl. Dietz 2001.

9 Vgl. Fernandes 2004: 11.

10 Vgl. Pamuk/Cavallieri 2004: 21.

11 Vgl. Pamuk/Cavallieri 2004: 23; Internet: vgl. Dietz 2001. 3

12 Vgl. BMZ 2006: 172.

13 BMZ 2009: 175.

14 Vgl. BMZ 2006: 190.

15 Vgl. Pamuk/Cavallieri 2004: 23.

16 Vgl. BMZ 2006: 190.

17 Vgl. BMZ 2006: 173.

18 Vgl. BMZ 2006: 240.

19 Vgl. BMZ 2006: 242.

20 Internet: vgl. Unknown 2009 (Lexikon der Nachhaltigkeit).

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Nachhaltige Stadtentwicklung in Rio de Janeiro
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerikainstitut)
Veranstaltung
Einführung in Entwicklungstheorien und -praxis
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V177501
ISBN (eBook)
9783640992713
ISBN (Buch)
9783640992645
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Favela Bairro, Stadtentwicklung, Milleniums-Entwicklungsziele, Rio de Janeiro, Favela, Urbanisierung, Vereinte Nationen, UN-Habitat
Arbeit zitieren
Luciana K.haotica (Autor:in), 2010, Nachhaltige Stadtentwicklung in Rio de Janeiro, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177501

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