Was bedeutet "Erlebnis" bei Dilthey?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

9 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Diltheys Erlebnisbegriff
2.1. Begriffsgeschichte
2.2. Charakterisierung des Begriffs
2.3 Ansätze zur Überwindung der Subjektivität des Begriffs

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Entgegen der sich stark verbreitenden naturalistisch ausgerichteten Strömung der Wissenschaft, schuf Wilhelm Dilthey zu seiner Lebenszeit (19.11.1833 – 01.10.1911) die Grundlage für eine lebensphilosophische Betrachtungsweise des menschlichen Lebens und den Formen dessen Ausdrucks. Diese beiden Aspekte der Forschung sollten nicht alleine mit den Naturgesetzlichkeiten erklärt, sondern durch eigene Gesetzlichkeiten des menschlichen Geisteslebens verstanden werden können.[1] Die starken Denkmuster des Naturalismus hatte dazu geführt, dass ein mechanisch-kausales Naturverständnis auch auf das Geistes- und Gefühlsleben des Menschen übertragen wurde. Dilthey begründete mit seinem Ansatz, in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften, eine eigenständige Theorie der Geisteswissenschaften. Der Mensch ist in Diltheys Theorie nicht nur in einen Naturzusammenhang eingebunden, sondern ebenso in einen Geschichts- und Kulturzusammenhang. Mit seinem Projekt der Kritik der historischen Vernunft bemüht Dilthey sich die Grundlagen für eine eigenständige Geisteswissenschaft zu legen. Die Definition von Vernunft ist für ihn stets abhängig vom Zeitpunkt ihrer Betrachtung in der Geschichte und nicht eine überzeitliche und feststehende Größe. Dilthey geht in seiner Argumentation induktiv vor, indem für ihn eine Weltanschauung aus vielen bewussten Erlebnissen und aus dem Leben selber zusammengesetzt wird. Ziel seiner Theorie ist daher das Verstehen des Lebens und der Geschichte, welche beide aus sich selber heraus gestaltet sind und in einem Strukturzusammenhang zu einem Ganzen verbunden sind.[2][3]

2. Diltheys Erlebnisbegriff

2.1. Begriffsgeschichte

Eine der unmittelbaren Quellen für Diltheys Erlebnisbegriff ist Goethes Oeuvre.[4] Ebenso wie für Dilthey war für Goethe das höchste Gut das Leben und das daraus direkt folgende Erleben.[5] Zunächst entwickelte Dilthey einen Erlebnisbegriff mit der Doppeldeutigkeit von äußerem und innerem Erlebnis. Zu einem literaturtheoretischen Begriff wurde das Erlebnis hingegen erst 1886 in seiner Rede „Dichterische Einbildungskraft und Wahnsinn“.[6] In dieser Rede führte er den Begriff des erworbenen Zusammenhangs des Seelenlebens ein. In seinem Werk der „Poetik“ rückte er im Jahre 1887 noch deutlicher den Begriff des Erlebnisses in den Mittelpunkt seiner Literaturtheorie.[7] Der allgemeine Sprachgebrauch der Psychologie seiner Zeit konnotierte „Erlebnis“ neutral mit einem jeweiligen Bewusstseinsinhalt.[8] Unter dem Titel „Das Erlebnis und die Dichtung“ veröffentlichte Dilthey 1906 einige überarbeitete Aufsätze zur Werken von Lessing und Goethe.[9] Darin zeigte er nicht nur sein außergewöhnliches Verständnis für die einzelnen Werke, sondern führte das Erlebnis endgültig in den Sprachgebrauch der Literaturkritik ein.[10]

2.2. Charakterisierung des Begriffs

Dilthey versucht das Leben aus sich selbst heraus zu verstehen. Ein Begriff, der das Leben in eine kleinere Einheit unterteilt, ist das Erlebnis. Doch das Erlebnis selbst ist für ihn auch wiederum Teil des Lebens. Leben und Erlebnis sind eine unaufteilbare Einheit.[11] Das Erlebnis tritt Dilthey nicht gegenüber als etwas Wahrgenommenes oder Vorgestelltes, sondern durch das Innewerden der Realität des Erlebnisses. „Erst im Denken wird es [das Erlebnis] gegenständlich.“[12] Alles Erlebte bildet einen Strukturzusammenhang und der Ausdruck Erlebnis bezeichnet einen Teil des Lebens, bzw. des Lebensverlaufes. Er ist ebenso wenig gegeben wie gedacht, er ist unmittelbar auftretende Realität, die dem, der das Erlebnis erlebt, direkt und ohne Abzug innegeworden ist. „Er ist nicht Gegenwart, er enthält schon Vergangenheit und Zukunft in sich in dem Bewusstsein von Gegenwart, da der Begriff der Gegenwart keine Dimension in sich schließt, das konkrete Bewusstsein von Gegenwart also Vergangenheit und Zukunft in sich erhält.“[13] Im Erlebnis wirken für Dilthey die Vorgänge des ganzen Seelenlebens im Zusammenhang, während sinnliche Eindrücke hingegen nur eine Vielfalt an Einzelheiten darstellen.[14] Der Grundsatz, dass das Auffassen des Ganzen, der erfahrene Zusammenhang des Seelenlebens die Interpretation des Einzelnen bestimmt, wird von ihm auch in der Methode der Hermeneutik beibehalten. In der Poetik wird der Erlebnisbegriff noch relativ sparsam gebraucht und ist fast als ein Synonym für den Begriff des Gefühls zu verstehen.[15] Äußere Erfahrungen und innere Erfahrungen werden als untrennbar zueinander ins Verhältnis gesetzt.[16]

[...]


[1] Vgl. Dilthey, Wilhelm: Die Geistige Welt. Einleitungen in die Philosophie des Lebens Erste Hälfte: Abhandlung zur Grundlegung der Geisteswissenschaften. In: Gesammelte Schriften, Band V, S. 4.

[2] Vgl. ebd., S. 242ff.

[3] Vgl. Cho, Kah Kyung: Verstehen in kosmischen und akosmischen Perspektiven. In: Orth, Ernst Wolfgang (Hrsg.) (1985): Dilthey und die Philosophie der Gegenwart. Freiburg, München: Verlag Karl Albert, S. 237f.

[4] Vgl. Sauerland, Karol (1972): Diltheys Erlebnisbegriff. Entstehung, Glanzzeit und Verkümmerung eins literaturhistorischen Begriffs. Berlin. New York: Walter de Gryter, S. 10, 12 und S. 98.

[5] Vgl. Rickert, Heinrich: Probleme einer Philosophie des Lebens – Dilthey. In: Rodi, Frithjof und Lessing, Hans-Ulrich (Hrsg.) (1984): Materialien zur Philosophie Wilhelm Diltheys. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 95.

[6] Vgl. Sauerland, Karol (1972): Diltheys Erlebnisbegriff. S. 98.

[7] Vgl. Dilthey, Wilhelm: Die Geistige Welt. Einleitungen in die Philosophie des Lebens. Zweite Hälfte: Abhandlung zur Poetik, Ethik und Pädagogik. In: Gesammelte Schriften, Band VI, S. 103ff.

[8] Vgl. Bollnow, Otto Friedrich: Dilthey und die Phänomenologie. In: Orth, Ernst Wolfgang (Hrsg.) (1985): Dilthey und die Philosophie der Gegenwart. Freiburg, München: Verlag Karl Albert, S. 44.

[9] Vgl. Makkreel, Rudolf A. (1991): Dilthey. Philosoph der Geisteswissenschaften. Übersetzt von Barbara M. Kehm. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 185f und Bollnow, Otto Friedrich: Dilthey und die Phänomenologie. S. 45.

[10] Vgl. Cramer, Konrad: Erleben, Erlebnis. In: Ritter, Joachim u.a. (Hrsg.) (1972): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Basel: Schwabe, Spalte 702.

[11] Vgl. Dilthey, Wilhelm: Die Geistige Welt. Band VI, S. 113.

[12] Ebd., S. 113.

[13] Ebd., S. 114.

[14] Vgl. Dilthey, Wilhelm: Die Geistige Welt. Band V, S. 172.

[15] Vgl. Makkreel, Rudolf A. (1991): Dilthey. Philosoph der Geisteswissenschaften. S. 187.

[16] Vgl. Sauerland, Karol (1972): Diltheys Erlebnisbegriff. S. 96f.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Was bedeutet "Erlebnis" bei Dilthey?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Der Barockbegriff von 1870 bis 1970
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V177711
ISBN (eBook)
9783640994526
ISBN (Buch)
9783640995875
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dilthey, Erlebnis
Arbeit zitieren
Florian Reuther (Autor:in), 2011, Was bedeutet "Erlebnis" bei Dilthey?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177711

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Was bedeutet "Erlebnis" bei Dilthey?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden