Macht Bildung glücklich?


Masterarbeit, 2011
61 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

Vorwort

2. Einleitung

3. Ausgangslage und Themenerschließung

4. Begriffsbestimmung / Definitionen
4.1. Das Glück
4.1.1. Glücksformen
4.1.1.1. Das Zufallsglück
4.1.1.2. Das hedonistische Glück
4.1.1.3. Das eudaimonistische Glück – das Glück der Fülle
4.1.2. Der Glücksbegriff in der Neurobiologie
4.1.3. Der Glücksbegriff in der Psychologie
4.1.3.1. Das Messen von Glück
4.1.3.2. Die Skala der Lebenszufriedenheit nach Diener
4.1.3.3. Ergebnisse der psychologischen Glücksforschung
4.1.4. Der Glücksbegriff in der Philosophie
4.1.4.1. „Láthe biosas!“ – Epikur
4.1.4.2. Mit stoischer Ruhe – Epiktet
4.2. Die Bildung
4.2.1. Annäherung an den Begriff der Bildung
4.2.2. Bildung als Orientierung

5. Bedeutung für die Erwachsenenbildung
5.1. Beglückt Bildung?
5.1.1. „Je gebildeter ein Mensch, desto mehr Schmerz erleidet er!“ (Schopenhauer)
5.1.2. „Glück erfordert hinreichend Bildung!“ (Aristoteles)
5.1.3. Vom Glück zu lernen - „Heureka!“
5.1.3.1. Das Leben ist Lernen
5.1.3.2. Lernen, Bildung und Zufriedenheit

6. Synthese: Mit Bildung durch (die) Krise(n)?
6.1. Glück und Depression
6.1.2. Bildung als Entwicklung von glücksfördernden Strategien
6.1.3. Glück, Bildung und die „Big Five“
6.1.4. Bildung und Glück als Formen sozialer Partizipation
6.1.4.1. Kunst als Chance – Glückserleben durch kulturelle Partizipation

7. Schlusswort

8. Quellenangabe

Vorwort

Die Freude am kennen lernen von Neuem begleitet mich schon seit Kindesbeinen.

„Schule“ war für mich jederzeit durchweg positiv besetzt und ich freue mich deshalb, auch heute beruflich im schulischen Rahmen tätig zu sein.

Durch eine unbändige Neugierde und großem Interesse gab es für mich oft Anlass zur Freude. Als Resultat der Teilhabe am Bildungsgeschehen eröffnen sich viele Gelegenheiten, die mich in die unterschiedlichsten Zusammenhänge hineinstaunen lassen.

Nun stehe ich nach immerhin schon zwei Jahrzehnten Schul- und Hochschulbildung am Ende meines Masterstudiums und entdecke bei mir immer noch die gleiche Neugierde und Freude am Lernen.

Warum ist das so? Sind diese Begeisterungsfähigkeit und der Spaß am Lernen Ergebnis meiner zurückliegenden Bildungsbiographie oder ist das glücksfördernde Potenzial der Bildung jedem Menschen innewohnend?

Aus dieser Überlegung entstand die Idee zu dieser Arbeit und es stellt sich – nicht nur für mich – die Frage: „Macht Bildung glücklich?“

Für die Überlassung dieses Themas sowie für die Erstbegutachtung danke ich Herrn Professor Dr. Petsch ganz herzlich. Für die freundliche Übernahme des Zweitgutachtens gilt mein Dank Herrn Professor Dr. Stolz.

Mein Dank gebührt weiterhin meiner lieben Ehefrau Stefanie, meinen Eltern, Sabine und Peter, sowie allen die mich während meines Studiums unterstützten.

Oberferrieden im April 2011

2. Einleitung

„Macht Bildung glücklich?“

Wer hat sich diese Frage nicht auch schon einmal nach einem anstrengenden Seminarabend oder einer Tagung gestellt?

Macht sie es? Macht sie es nicht oder macht sie sogar unglücklich?

Eine Frage, in der für die verschiedensten Interessenten an deren scheinbar einfachen Antwort enormes Potenzial stecken dürfte.

Ist die Bildung per se ein Glücksfaktor? Welche Form der Bildung im Speziellen? Oder ist in Anlehnung an Arthur Schopenhauer Bildung der sichere Weg in Leid und Unglück?

Die Suche nach dem Glück zieht sich durch die Geschichte der Menschheit wie ein rotes Band. Von den Philosophen der Antike, den Goldgräbern an den Flüssen Westamerikas bis hin zu François Lelords Psychiater „Hector“, dessen Suche nach dem Glück und dessen damit verbundene lang andauernde Reise. Haben sie das Glück gefunden oder sind die Mitglieder des kleinen Indianerstamms im Amazonasgebiet, die Pirahã, tatsächlich das glücklichste Volk der Erde[1] ?

Was haben diese Goldschürfer, die Pirahã aus dem Amazonas oder der Psychiater Hector nun mit Bildung zu tun?

Macht (mehr) Geld – oder Gold – glücklich(er)? Ist die jeweils eigene Definition des Glücksbegriffes ausschlaggebend?

Was ist aber mit denjenigen, die sich Bildung als prozesshaftes Geschehen erklären und sich den eigens definierten Erfolg schon währenddessen versprechen?

So unterschiedlich diese so entstandenen Blickwinkel, Bewertungen und (Selbst)Konzepte auch auf dem ersten Blick erscheinen mögen, einen sie doch eine Reihe von bedeutenden Faktoren.

Welche das sind, was dies für die Menschen, den Fachbereich der Erwachsenenbildung und die Bildungslandschaft um diese herum bedeutet, soll Fokus dieser Arbeit sein.

3. Ausgangslage und Themenerschließung

Wenn ein Begriff in der vergangenen Zeit nahezu inflationäre Verwendung fand und immer noch präsent ist, so trifft dies mit Sicherheit auf den Begriff „Glück“ zu.

In den Auslagen der Bücherläden sowie den Regalen der Bibliotheken reihen sich Bücher dieses Themenbereiches dicht aneinander. Sogar im Fernsehprogramm scheint der Glücksbegriff nahezu allgegenwärtig. Ganze Fernsehshows wurden konzipiert und finden riesigen Anklang beim Publikum.

Nun ist es nicht so, dass die Diskussion um den Glücksbegriff und dessen Korrelat Zufriedenheit neueren Erscheinungsdatums wäre, sondern scheint in letzter Zeit lediglich besonders in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt zu sein. Woran das liegt gilt der Klärung.

Neben alltagspsychologischen Tests „Hab ich das Zeug zum Glücklichsein?“ in den verschiedensten Illustrierten reihen sich an der entstandenen Glücksforschung ernsthaft Interessierte. Begriffsbestimmungen und Definitionen zum einen, Empirie zum anderen erheben die Thematik auf akademisches Niveau.

Von größtem Interesse ist ebenfalls die große Vielfalt der daran beteiligten Wissenschaftsdisziplinen. So zum Beispiel aus dem großen Feld der Psychologie mit psychologischen Strömungen neueren Datums wie die der „Positiven Psychologie“ oder der Begrifflichkeit „Flow“ von Mihály Csíkszentmihályi; der Neurowissenschaften mit hochaktuellen Forschungsergebnissen aus Neurobiologie und Neuropsychologie.

Neben diesen „neueren“ Erkenntnissen fällt der Blick aber zurück auf diejenige Wissenschaft, die doch per se und schon seit geraumer Zeit beabsichtigt dem Menschen zu gelingendem Leben zu verhelfen – die Philosophie.

Widersprüchlichste Ansichten über den Glücksbegriff, dem Streben nach Glück und der „ars vivendi“ – der Lebenskunst wurden und werden immer noch aufgeworfen und heiß diskutiert.

Die Verbindung zwischen den unterschiedlichen religiösen Glaubensrichtungen und deren unterschiedlichen Vorstellungen über das Glück bzw. ein glückliches und gelingendes Leben prägten die Menschen schon vor langer Zeit – bis heute.

Es verwundert also nicht, dass Schriften theologischen Hintergrundes sowie Forschungen zu den Themen Religiosität und Glaube ebenso zu den Ergebnissen der Glücksforschung beitragen.

Neben den unterschiedlichsten Disziplinen, die zur Bestimmung und Definition des Glücksbegriffes sowie dessen Referenzrahmens beitragen, wären noch Überlegungen zu der Begrifflichkeit der „Bildung“ und den Bedeutungen deren Interpretation anzustellen. Durch einen umfassenden Bildungsbegriff kann die Ausgangslage für weitere, weitreichende Diskussionen geschaffen werden. Dass die schulische, institutionalisierte Bildung nur ein Teil hiervon ist, sei schon an dieser Stelle angemerkt.

Auch hier können Hypothesen und andere Überlegungen – vielleicht sogar Antworten – aus verschiedensten Richtungen exzerpiert und betrachtet werden; nur so kann der notwendige Diskurs in Gang gehalten werden.

4. Begriffsbestimmung / Definitionen

4.1. Das Glück

Die Suche nach dem Glück ist seit Menschengedenken ein ständiger Begleiter durch die verschiedensten Epochen der Geschichte.

Je nach aktuellem Stand der Wissenschaft, den vorherrschenden Ansichten bezüglich Wert- und Normvorstellungen unterliegt auch das Glücksverständnis einem kontinuierlichen Wandel und ist einem ständigen Definitionsprozess unterworfen. Dieser wird nicht zuletzt dadurch erschwert, da des Glückes Schmied ja bekanntlich jeder selbst sein kann – so ist er dies ebenso in dessen ganz individueller Definition.

Verschiedenste Wissenschaftsdisziplinen formten den Glücksbegriff ganz unterschiedlich. Sich ähnelnde Glücksvorstellungen trafen auf widersprüchliche Thesen in der gleichen oder auch einer anderen Wissenschaftsdisziplin.

Nun besteht das Bemühen, durch eine interdisziplinäre Zusammensetzung von Forschergruppen den Glücksbegriff greifbarer zu machen.

Es entstand die Glücksforschung.

Mit empirischen Forschungsmethoden, riesigen weltumspannenden Datenbänken, modernsten Forschungsmethoden und globaler Vernetzung wird mit großem Eifer geforscht.

4.1.1. Glücksformen

Nicht nur die Philosophie unterscheidet diverse Formen von Glückserleben. Auch in der Psychologie wird eine Differenzierung vorgenommen.

In erster Linie kann – unabhängig von der Zeitepoche der Betrachtung – eine grobe Einteilung hinsichtlich der Dauer des Glückszustandes getroffen werden. Es ist zwischen dem Glückserleben von einzelnen, kurz andauernden Momenten und zum anderen der Annahme eines lang andauernden (Lebens)Glücks zu unterscheiden.

Eine weitere Unterscheidung in Vormoderne und Moderne wird von Hettlage getroffen. Er beschreibt den Perspektivenwechsel, dem die Glücksforschung bzw. die damalige Glücksphilosophie unterliegt und trifft folgende Einteilung in

1. Der Betrachtung der Glücksgüte (I)
2. Dem Alltagsglück (II)
3. Dem Zufriedenheitsglück (III)
4. Dem Lebensführungsglück (IV)

Dies ist aus nachstehender Grafik zu entnehmen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: „Sinnprovinzen der Glücksforschung“[2]

Inwieweit die für die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen von Belang ist, wird an den entsprechenden Stellen erörtert.

Wilhelm Schmid (2008) unterscheidet drei weitere Bereiche, die teilweise den gleichen oder einen ähnlichen Zustand, teils aber auch abweichende Inhalte beschreiben und im Folgenden aufgeführt werden.

4.1.1.1. Das Zufallsglück

Im Deutschen ist der Begriff "Glück" mit zwei sehr unterschiedlichen Bedeutungen versehen:

- im Sinne von "Glück haben"
- im Sinne von "Glück empfinden"

Glück haben bedeutet, zum Beispiel in einem Glücksspiel zu gewinnen oder aber glücklicherweise „den längeren Strohhalm zu ziehen“, um so von einem negativen Ereignis verschont zu bleiben.

Diese Form des Glücks, die lediglich durch den Zufall bestimmt ist, ist in ihrer Auswirkung an sich neurologisch gesehen zwar vergleichbar mit den anderen Glücksformen, soll hier – wie auch im Rahmen der Glücksforschung – aber nur am Rande aufgeführt werden.

„Glück empfinden“ geht in dessen Bedeutung über das Zufallsglück hinaus und kann unter anderem in die Länge des andauernden Glückszustandes eingeteilt werden.

Viele Forschungsergebnisse lassen den Schluss zu, das „kurze Glück“ eher der hedonistischen, das „langandauernde (Lebens)Glück“ eher der eudaimonistischen Glücksdefinition zuzuschreiben.

„Sex haben; etwas Gutes essen; mit Freunden zusammen sein; eine wichtige Sache erfolgreich abschließen“ nennt das Karl Kreichgauer (www.gluecksarchiv.de) für ersteres; folgendes für das zweite: „Mit dem Leben zufrieden sein; viele Glücksmomente erleben.“ (ebd.)

4.1.1.2. Das hedonistische Glück

Nicht nur die Lust und deren Ausleben als unbedingte Bedingung für ein glückliches Leben – so unter anderem Epikur – sondern die Ausrichtung des Lebens an materialistischen Gütern rückt bei der Betrachtung des Hedonismus´ heute in den Vordergrund und weist zunehmend einen schalen Beigeschmack auf.

Glück scheint dennoch als Korrelat zu materiellem Wohlstand aufzutreten, obwohl dies die Erkenntnisse der Glücksforschung – mit gewissen Einschränkungen – eindeutig widerlegen.

Es zeigt sich, dass sich bis zu einem gewissen Betrag (Stand 2009: ca. € 1.500 / Monat) zur Sicherstellung der Bedürfnisbefriedigung die Zufriedenheit der Menschen eindeutig erhöhen lies; darüber hinaus stieg trotz höherem Einkommen die Zufriedenheit nicht weiter an. Durch die ebenfalls ansteigenden materiellen Ansprüche kann dies unter anderem erklärt werden.

„Diskutiert wird die ‘Hypothese der relativen Standards’. In dem Maße, in dem sich in den letzten Jahrzehnten die finanziellen Ressourcen vermehrten, stiegen die materiellen Erwartungen – für die Zufriedenheit ein Nullsummenspiel.“ (Bucher 2009, S. 87)

Ist das Glück durch hedonistischen Lustkonsum real, das in den Medien versprochen wird? Machen das Auto oder die Yacht glücklich(er)? Oder nimmt die Gefahr, dabei tatsächlich in eine hedonistische Tretmühle zu geraten immer mehr zu?

Einen treffenden Gedanken zur differenzierten Betrachtung dieser Gegebenheit findet man in einer Publikation Spitzers:

„Nachhaltiges Glück hat daher mit Sinn und Bedeutung sehr viel, mit Konsum und Genuss nur wenig zu tun. Und glücklicherweise betrifft die hedonistische Tretmühle nicht alle Erlebnisse: Das Zusammensein mit der Familie, mit Freunden, Sex, ja sogar die Qualität und Sicherheit unserer Arbeit stellen Erfahrungen dar, an deren positive Auswirkungen wir uns nicht gewöhnen.“ (Spitzer 2008a, S. 153)

Sicher ist zumindest, dass das hedonistische Glück – entgegen der Annahme Epikurs – ein Glück von vergleichsweise kurzer Verweildauer ist.

Trotzdem wiegt das lange, entbehrungsreiche Sparen auf einen Gegenstand die kurze Freude des Erwerbens und die meist ebenfalls nicht lang andauernde große Freude an dessen Besitz meist nicht auf. Vielmehr werden neue Wünsche geweckt und der Kreislauf beginnt von neuem – wer mehr hat, will noch mehr. (Bucher 2009, S. 84-89; Spitzer 2007a S. 14f.)

4.1.1.3. Das eudaimonistische Glück – das Glück der Fülle

Aus einer völlig anderen Sichtweise blickte vor allem die antike Philosophie auf das Glückserleben. „Eudaimonia“ – was wörtlich übersetzt soviel wie „einen guten Dämon habend“ bedeutet, war vor allem für die Annahme Sokrates´, Platons´, Aristoteles´ aber auch Epikurs und Senecas über das Glücksgeschehen von Bedeutung. Heute wären als treffendste Bezeichnungen „Glückseligkeit“ oder auch „dauerhaftes seelisches Wohlbefinden“ zu nennen.

Ein glückliches und erfülltes Leben also, für dessen Entstehung innere Freiheit nötig ist.

Wilhelm Schmid führt für das eudaimonistische Glück zwei Kriterien an:

Das eudaimonistische Glück sei kein „Wohlfühlglück“, bei dem Glück generell mit „etwas Gutem“ oder einem „guten Zustand“ verwechselt werden dürfte. Vielmehr wäre bei dieser Glücksform von einem „Glück der Fülle“ zu sprechen. Eine Fülle von positiven wie auch negativen Erfahrungen und Erlebnissen wird hierbei für den Menschen als prägend und glücksstiftend angesehen. (vgl. Schmid, 2008)

Interessant ist, dass Schmid die Komponente der negativen Erfahrungen in seine Definition als wertvolle Kontrasterfahrung mit einbezieht und als wesentlichen Bestandteil eines andauernden Glücksempfindens betrachtet, „denn der Schmerz ist der Stachel, der zum Nachdenken über das Leben nötigt.“ (Schmid 2004, S. 379 f.)

Vor allem durch die Annahme eines dauerhaft zu erreichenden Glückszustandes ist die Annahme des eudaimonistischen Glücks auch heute noch aktuell. „Lebensglück“ sowie Fragen nach „gelingendem Leben“ erfreuen sich in Zeiten von zunehmender Burnout-Rate extrem großer Beliebtheit.

4.1.2. Der Glücksbegriff in der Neurobiologie

Glück entsteht im Gehirn.

Aus diesem Grund soll an dieser Stelle näher auf die neurologische Komponente des Glückserlebens eingegangen werden.

Neurologisch betrachtet sind die Glücksgefühle nichts anderes als elektrische Impulse, diese Reize schickt das limbische System mittels Neurotransmittern wie z.B. Dopamin von Nervenzelle zu Nervenzelle, welche unter anderem den Zustand des Glücks hervorrufen.

Durch den Einsatz modernster, funktioneller bildgebender Verfahren seit den 1990er Jahren ist ein unglaublich detaillierter Einblick in das menschliche Gehirn möglich geworden. Dem Wachsen von Synapsenverbindungen, dem menschlichen Lernen, kann mittlerweile am Bildschirm „live“ zugesehen werden; einzelne Nervenzellen können markiert und dessen Beteiligungen an zu messenden Gegebenheiten beobachtet werden.

Es liegt also auf der Hand, dass die Gehirnforschung in den letzten Jahren einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Prozesse im Gehirn leisten konnte und durch ständige Forschung weiterhin in großem Maße dazu beiträgt.

Zu einem der bemerkenswertesten Forschungsergebnisse in Bezug auf die Glücksforschung kam die Forschergruppe um den Forscher James Olds im Jahr 1950 bei Versuchen an Ratten. Sie beabsichtigten deren Gehirne mittels Elektroden auf die Funktion der Gehirnareale hin zu kartieren. Sie stießen auf einen Punkt im Rattenhirn, der bei Reizung durch Elektrizität oder ein Medikament, verursachte, dass die Ratten nach dem Versuch hoch motiviert und selbständig den Ort der Versuchsanordnung aufsuchten.

Die Attraktivität dieses Versuchsplatzes für die Tiere veranlasste Olds zu weiteren Forschungen. Er bestimmte den Elektrodensitz im Hypothalamus (welcher für elementare Prozesse wie das Sexualverhalten, das Hunger- und Durstempfinden, die Körpertemperatur und den Schlaf-, Wachrhythmus verantwortlich ist) und einem angrenzenden Faserbündel der Ratte und brachte die Ratten in Anordnungen in Form von Skinner-Boxen, welche erlaubten, dass sich die Tiere mittels eines Hebels ihr Gehirn durch die Elektrode selbst reizen konnten. (vgl. Koch 2002, S. 82 ff.)

Das beobachtbare Verhalten der Ratten war erstaunlich.

Die Ratten reizten, nachdem sie den Hebel erstmals zufällig berührten, ihr Gehirn eigenständig in hoher Frequenz. Bereitgestelltes Futter und Wasser wurde nicht angenommen. Sie reizten ihr Gehirn bis zu 3.000-mal in der Stunde – bis sie tot waren. (vgl. Spitzer 2007d)

James Olds und seine Forschergruppe nannten 1956 den Bereich des Elektrodensitzes „Pleasure-Centres of the Brain“.

Dies sorgte für Aufsehen im Bereich der Neurologie. Forschungen zeigten, dass die Neuronen in dieser Region des Gehirns auch bei Menschen bei elektrischer Stimulation die gleichen angenehmen Gefühlzustände hervorriefen wie zum Beispiel bei Drogenkonsum von Abhängigen oder dem Anblick von Sportwägen bei jungen Männern; die Studien dazu kommen alle zu einem Ergebnis; die Neuronen dieses Areals „feuerten“.

Das Glücks-/ Lust-/ Sucht-/ oder Belohnungszentrum schien entdeckt. (vgl. Spitzer 2007d)

Differenziertere Versuche an Affen zeigten aber weiterhin, dass diese Neuronen immer dann „feuerten“, wenn eine Situation eintrat, die besser als erwartet war.

In einer Region im Mittelhirn („Area A 10“) wird der Neurotransmitter Dopamin produziert und in den Nucleus accumbens sowie ebenfalls direkt in das Frontalhirn weitergeleitet.

Vom Nucleus accumbens werden die endogenen Opioide an das Frontalhirn weitergeleitet. Sobald dies geschieht macht das mit dem Menschen etwas ganz hervorragendes – es macht ihm Spaß!

Dieser endogene Mechanismus wird an nachstehender Grafik etwas verdeutlicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das Belohnungssystem[3]

Das Dopamin im Mittelhirn bewirkt seinerseits, dass die darin enthaltenen neuronalen Strukturen, die für Konzentration und Verarbeitung von Informationen zuständig sind, zu Höchstleistungen angeregt werden. Die Konzentrations- und Merkfähigkeit steigt, wir lernen besser. Wir lernen also alles, was gut für uns ist . (vgl. Spitzer 2010a, S. 143 – 146)

Auch Koch distanziert sich von der Begrifflichkeit des „Glückshormons Dopamin“, was er wie folgt darstellt:

„Wir wollen aufgrund der vorgestellten Befunde die Vorstellung, dass Dopamin der Botenstoff des Glücks und der Freude ist, dahingehend revidieren, dass Dopamin wichtig ist bei der Erwartung einer Belohnung sowie für die Auswahl und Aktivierung von Verhaltensprogrammen, die zur Erlangung einer Belohnung führen. Beim Konsum einer Belohnung und möglicherweise für das subjektive Erleben, also dem Empfinden des eigentlichen Glücksgefühls, spielt dieser Botenstoff wohl eher eine untergeordnete Rolle.“ (Koch 2002, S. 87 f.)

Evolutionär betrachtet geht es also bei der Aktivierung des neuronalen „Glücksmechanismus“ nicht um den positiven Erlebniszustand; vielmehr ist er nur Mittel zum Zweck. Er verhilft zu besserer und schnellerer Auffassungsgabe; Professor Manfred Spitzer bezeichnet ihn mit dem treffenden Titel „Lernturbo“.

Die Neurobiologie ermöglicht es, einen sehr detaillierten Blick in das menschliche Gehirn und die Vorgänge darin zu werfen. Auch im Bereich der Glücksforschung konnten phänomenale Erkenntniszusammenhänge gewonnen werden.

Welche Folgen dieses Glückserleben nun für das Lernen, die Lernenden und deren Lernumgebung hat, soll in einem anderen Bereich der Arbeit aufgegriffen werden.

4.1.3. Der Glücksbegriff in der Psychologie

Obwohl das Thema Glück zum Beispiel im Bereich der Philosophie seit jeher größte Beachtung fand und immer noch findet, ist das erhöhte Interesse der Psychologie erst seit nunmehr etwas mehr als 50 Jahren auf diesen Forschungsgegenstand gerichtet. Vor allem die Strömung der „Positiven Psychologie“ in den 1990er Jahren um Martin Seligman als dessen Hauptvertreter ist hier als wegweisend zu nennen.

In nachfolgender Graphik wird das vergleichsweise geringe Interesse der psychologischen Forschung bis dahin sehr deutlich. Es wurden wissenschaftliche Publikationen zum Forschungsbereich der Emotionen von einem Zeitraum über 112 Jahren (1887 – 1999; N = 181.395) gesichtet und bezüglich ihres Schwerpunktes gruppiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung 3: Anzahl der Artikel zu verschiedenen Emotionen, gemäß „Psychological Abstracts“, Zeitraum 1887 – 1999[4], N = 181.395

Auffallend ist, dass der Bereich des Glücks wie auch die anderer positiver, eher salutogener Emotionen (Wohlbefinden, „Well-being“, Freude, etc.) nur einen kleinen Teil des gesamten Forschungsspektrums einnimmt. Eine Erklärung könnte aus der Entstehung der Klinischen Psychologie hervorgehen, welche aus der Psychopathologie entstand und sich somit maßgeblich an krankhaftem, gestörtem und beeinträchtigtem Verhalten orientierte. (vgl. Bucher 2009)

[...]


[1] Everett 2010

[2] aus: Hettlage, Robert (20101) Das Prinzip "Glück". In: Bellebaum, Alfred, Hettlage Robert (Hsg.) (20101) Glück hat viele Gesichter. Annäherung an eine gekonnte Lebensführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden S. 24

[3] aus: Spitzer, Manfred (2002): Lernen. Spektrum Verlag. Heidelberg. S. 178

[4] Zahlenwerte aus: Bucher (2009), Einführung XI

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Macht Bildung glücklich?
Hochschule
Evangelische Hochschule Nürnberg; ehem. Evangelische Fachhochschule Nürnberg  (Evangelische Hochschule Nürnberg - Fakultät für Religionspädagogik, Bildungsarbeit und Diakonik)
Veranstaltung
Master of Adult Education, M.Edu.
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
61
Katalognummer
V178177
ISBN (eBook)
9783656001553
ISBN (Buch)
9783656001300
Dateigröße
1567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glück, Bildung, Glücksforschung, lernen, Forschung, Wissenschaft, Adult Education, Master, M.Edu, Igelhaut
Arbeit zitieren
Stefan Igelhaut (Autor), 2011, Macht Bildung glücklich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178177

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